„Denkmale wirken nationalistisch und rassistisch – Wollen wir uns wirklich so erinnern?“ – Kritik an Heilbronn und seinen historischen Erinnerungsorten

Heilbronn und seine historischen Erinnerungsorte – wollen wir uns wirklich so erinnern? Die Denkmäler am Hafenmarktturm wirken in ihrer Kombination nationalistisch und revisionistisch: es ist an der Zeit, das zu ändern.

Kommentar von Gerd Schmidinger, Heilbronn

Keine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Geschichte wird nicht nur in Büchern und im Schulunterricht erinnert; gerade Stadtlandschaften reflektieren den öffentlichen Umgang mit Geschichte in besonderem Maße. Seit ich vor drei Jahren nach Heilbronn gezogen bin, verstärkt sich bei mir der unangenehme Eindruck, in eine Stadt gezogen zu sein, an der (zumindest baulich) eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus spurlos vorübergegangen ist.

Deutsche sahen sich lieber als Opfer denn als Täter

So erinnert am Hafenmarktturm ein großes Denkmal an die Heilbronner Soldaten der beiden Weltkriege, die angeblich „für ihr Vaterland“ gestorben sind. Eine solch undifferenzierte Erinnerung findet man an vielen Orten Deutschlands und Österreichs, gerade in den Nachkriegsjahren sahen sich die Deutschen lieber als Opfer denn als Täter.

Denkmale für Trümmerfrauen und Vertriebene

Geradezu bestürzend ist allerdings die Kontinuität der Erinnerung der Deutschen als Opfer, die sich durch sämtliche Denkmäler zieht: neben den Kriegerdenkmälern findet sich am Hafenmarktturm ein 1985 eingeweihtes Denkmal für die nach dem verlorenen Krieg vertriebenen Deutschen sowie ein Denkmal für die Heilbronner Trümmerfrauen, welches 2003 (!) eingeweiht wurde.

Wirkliche Opfer: Juden, Behinderte, Homosexuelle

Nicht, dass dieser Ereignisse nicht gedacht werden sollte. Ohne eine Erinnerung an die Shoah, ohne eine Erinnerung an einen ungerechten und rassistisch motivierten Angriffskrieg baut sich in Ermangelung des historischen Kontextes jedoch eine ganz andere Geschichte auf: nämlich die einer geschundenen Stadt, die nur aus (unschuldigen) Opfern besteht: und zu diesen gehören alle Heilbronner außer denen, die wirklich zu den Opfern des Nationalsozialismus zählten: Juden, Behinderte, Homosexuelle. Ihrer wird in Heilbronn nur an weniger zentralen Orten gedacht (z.B. dem normalerweise verschlossenen Jüdischen Friedhof).

Nicht hinter nationalistischen Reflexen verbergen

Ich wohne mittlerweile seit drei Jahren in Heilbronn, es ist eine schöne Stadt, und ich habe hier Freunde gefunden. Ich glaube, dass die Bewohner Heilbronns intelligenter sind als es das Stadtbild vermuten lässt. Lasst uns am Hafenmarktturm ein Denkmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden errichten. Auch so noch wäre die Erinnerung einseitig. Unschuldige Opfer stünden neben solchen, die nur zu Opfern wurden, weil sie zunächst zu den Tätern gehörten. Aber es wäre ein Anfang, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Und es würde mir erlauben, meinen Freunden aus aller Welt mit Stolz meine Stadt zu zeigen, eine Stadt, die sich nicht hinter nationalistischen Reflexen verbirgt, sondern offen ist für einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte.

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