„Spur der Erinnerung“ fordert zum friedlichen Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen auf

Um das Leben an sich und ein gleichberechtigtes und inklusives Zusammenleben von behinderten und nicht behinderten Menschen war es den – meist – privaten Organisatoren und Veranstaltern der Aktion „Spur der Erinnerung“ am vergangenen Freitag (16. Oktober 2009) auf dem Karlsplatz in Stuttgart gegangen. Erinnert wurde an eine dem Leben entgegengesetzte bestialische Aktion des Nazi-Regimes vor 70 Jahren: das T 4 – Programm zur Euthanasie, der Ausmerzung sogenannten lebensunwerten Lebens.

Von Walter Leyh aus Schrozberg, Mitglied des VdK & Forum selbstbestimmte Assistenz (forsea) e. V.

Tausende behinderte und psychisch kranke Menschen wurden getötet

Hohenlohe-ungefiltert berichtete dazu bereits im Vorfeld. In der letzten Woche nun wurde die lila Farbspur auf die Straßen zwischen Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, dem Ort der Vernichtung tausender behinderter Menschen, und der damaligen Gestapo-Zentrale, dem Ort der generalstabsmäßigen Planung, am Karlsplatz in Stuttgart aufgetragen. Eine Läufergruppe legte die Strecke in mehreren Tagesetappen zurück. Die LäuferInnen trafen am Freitagnachmittag auf der großen Bühne am Stuttgarter Karlsplatz ein und wurden jubelnd begrüßt.

Fest des Lebens gefeiert

Der 70. Jahrestag dieser barbarischen und menschenunwürdigen Aktion der Nazis wurde von Behinderten, Angehörigen und Dienstleitungsanbietern der Behindertenhilfe zu einem „Fest des Lebens“. Musiker, Schauspieler und Comedians brachten Freudiges, Unterhaltsames und Nachdenkliches auf der Bühne zu Gehör, so beispielsweise die „Brenz-Band“. Die nicht zuletzt durch mehrere vielbeachtete Auftritte in Schwäbisch Hall und Bovenzenweiler auch in der Region Hohenlohe gut bekannt ist.

„Wir leben gerne“

Eine Podiumsdiskussion mit Betroffenen und Hilfeträgern im „Zelt des Lebens“ trug dann auch den Titel: „Wir leben gerne“. Behinderte Menschen berichteten dort offen und lehrreich wie sie ihr Leben und den Alltag in Familie, Beruf und unter Freunden erleben und bewältigen. Eine Diskussionsteilnehmerin stellte die Forderung auf, dass der Patienten- und Betroffenenwille stärker berücksichtigt werden müsse. So dürfe es künftig keine Zwangseinweisungen mehr geben oder einen erfahrenen Patientenvertreter unmittelbar in die Entscheidung einzubinden. Dies umzusetzen, sind Politik und Medizin gleichermaßen gefordert. Dazu braucht es Gesetzesänderungen und ärztliche Vernunft anstatt Beratungsresistenz.

Es besteht noch eine Finanzierungslücke

Von den Organisatoren war die Aktion „Spur der Erinnerung“ zwar so groß geplant, dass sie etwa die Ressonanz erreicht und eine entsprechende Personenzahl anzieht wie einst die MENSCHENKETTE 1983. Leider beteiligten sich nicht ganz so viele. Deshalb besteht noch eine große Finanzierungslücke besteht. Auch das kalte und feuchte Wetter hielt sicher manchen Interessierten und Betroffenen von einer Teilnahme ab. Lohnend, lehrreich und informativ war die Teilnahme zu der ich mich spontan entschlossen habe allemal. Und um die Finanzen werden sich hoffentlich auch die beiden Schirmherren etwas annehmen: Die Bischöfe Frank O. July von der Evangelischen Landeskirche Württemberg und Gebhardt Fürst von der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart. Und schließlich könnte sich auch noch die Landesregierung erbarmen, liegt doch heute das Innenministerium dort am Karlsplatz, wo früher die Gestapo-Zentrale war.

Weitere Informationen:

Noch bis Sonntag, 29. November 2009, gibt es Veranstaltungen zur Aktion „Spur der Erinnerung“ – genaues Programm unter www.spur-der-erinnerung.de/

Der Artikel von Hohenlohe-ungefiltert zur Aktion „Spur der Erinnung“ ist unter www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=3998 zu finden. Darin gibt es auch Informationen zu den aktuellen Ausstellungen im Freilandmuseum Wackershofen zum Thema “Eugenik und Euthanasie – Rassenpolitik im Dritten Reich“ sowie „Dorf unterm Hakenkreuz”. Beide Ausstellungen haben einen stark regionalen Aspekt und sind noch bis Sonntag, 8. November 2009, zu sehen. Während der Zeit des Dritten Reichs wurden mindestens 87 Menschen aus dem Diakoniekrankenhaus Schwäbisch Hall in Grafeneck ermordet.

Dazu ein regionaler Buchtipp von Hohenlohe-ungefiltert:
“Ausmerzen – Eugenik, Zwangssterilisierung und Krankenmord in Schwäbisch Hall 1933 – 1945″, von Heike Krause und Andreas Maisch, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schäwibisch Hall, Heft 25, 128 Seiten, Schwäbisch Hall 2009, ISBN 3-932146-28-X – Ein Begleitband zu einer Ausstellung im Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen. Diese Ausstellung ist noch bis zum 8. November 2009 zu sehen.

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