„Gelochte Augenblicke“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden vierter Teil

„Gelochte Augenblicke“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden vierter Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

IV Acker

… Harald raste mit mehr wie hundertachtzig Sachen über die Autobahn. Während die weiße Vergitterung der Kochertalbrücke an ihm vorbeiflitzte, drehte er den Rückspiegel so, dass er mit schielendem Blick sein Konterfei betrachten konnte. Er rückte seine Krawatte zurecht und fand, trotz der Schmach von vorhin, der tollste Hecht überhaupt zu sein und drückte das Gaspedal bis zum Boden durch. Ein Stück des Weges weiter, geschah es: Sein Auto kam ins Schleudern, schoss wie im Flug von der Straße weg. Die geliehene dunkle Limousine überschlug sich mehrmals, kullerte, als ob sie es regelrecht lustig fände, sich einmal ganz anders vorwärts zu bewegen, das abschüssige Feld hinunter und blieb endlich, aus dem Motorraum qualmend, auf dem Dach liegen.

Rampenlicht

Wieso sollte er plötzlich nicht mehr vorne dran stehen? Er, der sich immer für seine Kumpels in dieser Region eingesetzt hatte. Nur eine ganz kurze Weile, damals, als man ihn verdächtigte und Unterlagen beschlagnahmte, war es ihm zu viel und zu heiß gewesen, mied er die Volksnähe und das Rampenlicht. Nachdem aber ein paar Jahre ins Ländle gezogen waren, konnte er sich wieder mustergültig präsentieren. Obwohl ihm gerade die unmittelbare Volksnähe doch zu nah war, kandidierte er notgedrungen auf den untersten Ebenen der regionalen Politik. Keinen Schachzug, um den alten Kameraden und Parteigenossen aus Klemmen oder zu beachtlichen Anwesen zu verhelfen hatte er ausgelassen. Der Finanzminister und wohlgemerkt, zur gleichen Zeit, der damalige Oberaufseher der Denkmalbehörde des Landes zu sein, gaben ihm reichhaltige gestalterische Möglichkeiten.

Keine Ahnung vom Biolandbau

Er war, wie einst im Bubengymnasium geschworen, den alten Verbindungen dienlich. Und jetzt sollte er sich von aller Öffentlichkeit lossagen? Wenn sie ihn wenigstens einen aalglatten und korrupten Polithansel genannt hätten. Ja, sogar einen prestigegeilen Hund hätte er sich nennen lassen. Eine willfährige Marionette der Großkopfeten, einen farbenblinden Parteigänger. Das wäre ihm alles lieber gewesen als diese Blamage. Dabei war er ein stolzer Liberaler. Ein ganz normal auf Publikumsapplaus eingestellter Politiker, der sich halt für dies und das und jetzt für ein neues regionales Projekt engagierte. Der Sonner hatte ihm geschmeichelt und ihn gebeten, für die offiziellen Dinge ganz oben mit dabei zu ein. Er würde seine Einsätze fürstlich vergütet bekommen. Mit seinen vielfältigen Verbindungen und dem ihm eigenen Netzwerk, samt seiner jovialen Redegewandtheit wäre er ein geradezu vorbildlicher Koordinator für dieses Projekt. Dass er überhaupt keine Ahnung vom Biolandbau habe, sei kein Problem.

Bekannte Leitfigur

Es bräuchte doch nur eine bekannte Leitfigur, die sich positionieren und allgemeinverständlich ausdrücken könne. Die Redevorgaben und die Ziele die zu verfolgen wären, würde er immer bald genug zugespielt bekommen. Und selbstverständlich würde man sich beizeiten absprechen was grad jeweils opportun sei. Beziehungsweise was er in den Sitzungen und vor laufenden Kameras vertreten solle. Auch schriftliche Vorlagen würde er erhalten und müsse doch nur noch richtig abstimmen. Das könne man ja unmittelbar bei Bedarf, per mobilem Telefon, klären. Seine Aufgabe wäre es einzig und allein, alle allgemeinverbindlichen Worthülsen auf Lager zu haben und diese in langen Reden gut zu platzieren. Harald Fieläckerle sollte lediglich eine gute Figur machen und im Kern war er genau darauf mächtig stolz.

Lambarenesaal

Die Veranstaltung ließ sich gut an. Man hatte sich im Lambarenesaal im Schloss an der Jagst versammelt. Die Zuhörer hatten nach dem üblichen Austausch von Artigkeiten, ihre Plätze eingenommen. In der Eröffnungsrede stand er, wie gewohnt, vorne am Pult. Mit balsamischen Worten schwadronierte er die Stichworte vom vorgefertigten Papier. Er war gerade dabei, blumig über das, parallel zur Karinakrise gepflegte Thema, den Klimawandel, mit dem man die Bevölkerung als nächstes zum Narren halten wollte, zu parlieren. Als sich plötzlich sehr viele Leute in den Saal drängten. Der Sonner wurde von einem Dutzend kräftiger Bauern umringt, die ihm simpel, jedoch unverrückbar den Weg versperrten. Sie hielten die mitgebrachten Mistgabeln kerzengerade nach oben gerichtet und schauten recht neutral. Andere hereingeströmte schienen ebenfalls Bauern und Handwerker aus der Region zu sein. Weiterhin waren Leute in Monteuranzügen mit Firmenlogos aus Betrieben der Gegend zu erkennen. Und selbst Herren in feinen Anzügen mit Schlips und Kragen, sowie nett und adrett gekleidete Damen in Kostümchen und Schühchen, waren dabei.

Aktiengesellschaftliches Lumpengesindel

Harald wurde ganz sanft aber bestimmt, vom Rednerpult gedrängt. Er wurde, von zwei Frauen eskortiert, nach hinten geführt und sollte dort in der letzten Reihe Platz nehmen. Er, der Fieläckerle, solle sich jetzt bloß zackig vom Acker machen dröhnte auf einmal eine Rednerin laut hinter dem Rednerpult hervor. An ihrer Tracht erkannte man sie als Bäuerin aus der Region. „Wir haben es gründlich satt, uns ständig von Typen, wie dem, die keine Ahnung haben, und die bloß ihre Machtgier befriedigen wollen oder sich nur an uns bereichern, vertreten zu lassen. Wir entziehen euch das Recht für unsere Region zu sprechen und zu handeln. Ja, ihr werdet nicht mehr in unserem Namen handeln, wir werden euch nicht mehr mit unseren guten gesunden und biologischen Lebensmitteln beliefern! Wir werden uns selber vermarkten. Nach guter alter Sitte gründen wir hier und jetzt eine echte bäuerliche Genossenschaft. Ohne aktiengesellschaftliches Lumpengesindel, wie es landauf und landab, auch bei den Altenheimen und Krankenhäusern grad modern ist. Wo irgendwelche Säcke sich bereichern und den Menschen nachher ihre Bedingungen aufzwingen, nein, wir wollen eine wahrhaft solidarische Gemeinschaft!

Genossenschaft gegründet

Beifall, Lachen und zustimmender Jubel brandete aus der dicht gedrängt stehenden Menschenmenge auf. Blitzlichter trafen die Rednerin und das begeisterte Publikum. Auf einmal wurden gedruckte Zettel und Kugelschreiber an alle Anwesenden verteilt. Die Aktion war ziemlich gut vorbereitet. Fieläckerle konnte gar nicht so schnell denken, wie die Anwesenden eine Gründungsversammlung durchzogen. Als alle nötigen Abstimmungen gemacht, die Protokolle gerichtsfertig unterzeichnet waren und die Personalien für die Ämter der neu gegründeten Genossenschaft bekannt gegeben waren, zogen sich die Genossinnen zurück und ließen die verstörte Versammlung der ausgemusterten Bioregion wieder alleine.

Verkohlte Leiche

Harald Fieläckerle kam noch einmal kurz zu Bewusstsein – er lächelte und wunderte sich über die Kopf stehende Welt. Mit Wehmut dachte er an seinen langen schwarzen Mantel aus der Bubengymnasiumszeit. Der hätte ihm heute sicherlich besonders gut gestanden. Es war absolut still um ihn herum, bevor der Motorraum mit einem Buff in
Flammen aufging. Für die später eintreffende Polizei, den Rettungswagen und die Feuerwehr, galt es nur noch die Unfallstelle abzusichern. Der Abschleppdienst wurde verständigt, um den rauchenden Trümmerhaufen samt der verkohlten Leiche zu bergen …

Fortsetzung folgt.

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