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„Murksprojekt Stuttgart 21: Es wird immer toller!“ – Leserbrief von Paul Michel aus Schwäbisch Hall

Die Zeitabstände von einer Chaos-Meldung bis zur nächsten beim Bahnprojekt Stuttgart 21 werden immer kürzer. Je weiter der Bau fortschreitet, umso schwerer fällt es den Betreibern von Stuttgart 21, die haarsträubenden Mängel und Unzulänglichkeiten von Stuttgart 21 unter den Teppich zu kehren.

Leserbrief Leserbrief von Paul Michel, Schwäbisch Hall

Einsturzgefährdete Häuser

In den letzten Wochen wurde bekannt, dass im Stuttgarter Kerner Viertel, das vom Tunnelbau besonders betroffen ist, infolge der Tunnelbohrungen mehrere Häuser starke Risse aufweisen. Bisher ist ein Haus so stark beschädigt, dass es abgerissen werden muss. Report München berichtete über einen weiteren Fassadenschaden, der durch die Tunnelbohrungen ausgelöst wurde: Zwei, je drei bzw. vier Kilogramm schwere  Fassadenteile fielen aus mehreren Metern Höhe auf den Gehweg. Es wäre lebensgefährlich gewesen, wenn diese Platten jemand auf den Kopf bekommen hätte.

Stuttgart 21 – ein Nadelöhr

Jetzt fand der SWR in dem Zielfahrplan, den die Schweizer Beratungsfirma SMA im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erstellte, das bestätigt, was die GegnerInnen von Stuttgart 21 schon immer gesagt hatten. Der Tiefbahnhof ist mit seinen acht Gleisen zu klein angelegt, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden.

Der jetzt von der Bahn nach Schweizer Vorbild geplante halbstündige Taktverkehr („Deutschland-Takt“) ist am Bahnknoten Stuttgart 21 nicht möglich. Die Zahl der Gleise und der Anfahrtstrecken zum Bahnhof ist dafür schlicht zu gering. Man kann deshalb Stuttgart aus Großstädten wie Darmstadt, Heidelberg, Mainz, Nürnberg oder Zürich nicht wie geplant im Halbstundentakt anfahren. Hinzu kommen verlängerte Wartezeiten beim Umstieg bei Zügen von z.B. von Tübingen nach Karlsruhe, Singen nach Heilbronn oder Zürich nach Würzburg.

Wann sind wir auch „offiziell“ bei zehn Milliarden plus X?

Stuttgart 21 sollte ursprünglich einmal 2,5 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile sind die Kosten „offiziell“ auf rund 8,2 Milliarden Euro gestiegen; davon waren 495 Millionen für besondere Notfälle vorgehalten worden.

Am 19. Juni 2019 beschloss der Aufsichtsrat der Bahn, die Notreserven für Stuttgart 21 für die Bestreitung der laufenden Kosten anzuknapsen. Bereits seit längerer Zeit gibt es Berichte über deutliche Kostensteigerungen. Der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Mathias Gastel, will Ende 2018 aus gut unterrichteten Kreisen erfahren haben, dass weitere Kostensteigerungen für das Mammutprojekt unter Verschluss gehalten werden und bahnintern bereits mit Gesamtkosten von über zehn Milliarden Euro gerechnet wird.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Bahn der Öffentlichkeit gegenüber die nächste Kostensteigerung einräumen muss. Werden es zehn Milliarden, elf Milliarden oder zwölf Milliarden sein? Die Grenze nach Oben ist offen!

Jetzt die Reisleine ziehen! Stuttgart 21 stoppen!

Es ist jetzt an der Zeit, das zu tun, was schon lange hätte getan werden müssen: Stuttgart 21 stoppen. Jeder Tag, den Bahn, Land und Stadt die Entscheidung weiter hinausschieben, bedeutet noch mehr verschwendetes Geld für einen Tiefbahnhof, der weniger leistet als der gegenwärtige Kopfbahnhof.

Dabei liegt mit dem Konzept „Umstieg 21“ die Alternative längst auf dem Tisch! Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 hat bereits vor einiger Zeit mit dem „Umstieg21- Konzept” eine Planungsidee vorgelegt, die eine hervorragende Grundlage für ein Umsteuern bei diesem Projekt darstellt (siehe https://www.umstieg-21.de/assets/files/Broschuere-Umstieg21-web.pdf). Umstieg 21“ hat drei zentrale Vorteile: vier bis fünf Milliarden Euro preiswerter, drei Jahre früher in Betrieb und weitaus leistungsfähiger als S21. Die eingesparten Milliarden könnten für sinnvolle Projekte zur Verbesserung des Schienenverkehrs verwendet werden.

Und die Grünen?

Mit der Regierungsübernahme durch Winfried Kretschmann haben die Grünen sich dazu verpflichtet, das Projekt „konstruktiv zu begleiten“. Die Grünen, die im Raum Stuttgart mittlerweile alle wichtigen politischen Positionen besetzen (Winfried Kretschmann Ministerpräsident, Fitz Kuhn OB Stuttgart plus künftiger Regionalpräsident), nutzen diese Einwirkungsmöglichkeiten ausnahmslos dazu, Stuttgart 21 den Weg frei zu machen. Verkehrsminister Winfried Herrmann, einst einer der engagiertesten Gegner von Stuttgart 21, schimpft zwar manchmal „Stuttgart 21 ist eine Fehlentscheidung“, um dann im nächsten Halbsatz sogleich zu beteuern, dass die Entscheidung für Stuttgart natürlich unumkehrbar ist.

Jetzt brachte Herrmann einen Vorschlag für einen „Kopfbahnhof light“ mit vier zusätzlichen Gleisen als Ergänzung für den zu kleinen Tiefbahnhof in die Diskussion. Weil sein grüner Kumpel, der OB Kuhn, den Gleisbereich des Stuttgarter Hauptbahnhofs bereits für künftige Bebauung verplant hat, soll dieser Rest-Kopfbahnhof nicht die vorhanden Gleise benutzen, sondern ebenfalls vertunnelt werden. Dass das die Kosten für das Gesamtprojekt noch weiter in die Höhe jagt, ist den grünen Cleverles egal. Denn nach ihren Vorstellungen soll ja der Bund für diese Mehrkosten aufkommen. Dass es sich bei diesen Zusatzkosten um Steuergeld handelt und dieses Geld bei anderen dringend benötigten Verkehrsprojekten fehlen würde, kommt den grünen Anhängern des heiligen St. Florian (Motto: „Heiliger St. Florian, schütz unser Haus, zünd andere an“) nicht in den Sinn.

Nicht nur ein schwäbisches Problem

Momentan rührt die Bahn kräftig die Werbetrommel für sich selbst. Sie verspricht mit dem Konzept „Starke Schiene“, im Fernverkehr die Zahl der Passagiere zwischen 2015 und 2030 auf 260 Millionen zu verdoppeln. Die Kapazität des Schienennetzes soll um 30 Prozent steigen, 30 Großstädte sollen dann im Halbstunden-Takt verbunden sein, im Nahverkehr sollen eine Milliarde Fahrgäste pro Jahr zusätzlich gewonnen werden.

Doch das kostet Geld, das die Bahn nicht hat. Bezeichnenderweise ist vom Bahnvorstand nichts dazu zu vernehmen, wie ihre Vorhaben finanziert werden sollen.

Umso wichtiger wäre es, dass das vorhandene Geld nicht für unnütze Projekte wie Stuttgart 21 zum Fenster rausgeworfen wird. Der Weiterbau von Stuttgart 21 bedeutet für alle anderen Bundesländer, dass notwendige Streckensanierungen nicht angepackt werden, Neubestellungen notwendiger Züge unterbleiben, erforderliche Ausweichgleise zum besseren Verkehrsfluss nicht gebaut werden und geplante Wiederinbetriebnahmen stillgelegter Strecken unterbleiben.

Insofern ist Stuttgart 21 nicht nur für die Menschen in Baden-Württemberg ein Thema. Stuttgart 21 ist überall.

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