„Wenn der Vorstand den Weg freimachen muss“ – Sieg der genossenschaftlichen Demokratie

„Wir machen den Weg frei“ – dieser bereits seit Jahrzehnten geltende Slogan der Genossenschaftsbanken findet sich auch an vielen Eingangstüren der Volksbank Kirchheim-Nürtingen eG. Sie ist mit einer Bilanzsumme von rund 1,5 Milliarden Euro und 28 Geschäftsstellen in ihrem Marktgebiet eine der größten Banken im Landkreis Esslingen.

Artikel aus dem Schwäbisch Haller Monatsmagazin Alpha Press, Ausgabe Februar/März 2010

Dividende von 5,5 Prozent für 51.000 Genossenschaftsmitglieder

Für das Geschäftsjahr 2008 wies sie gegenüber dem Vorjahr einen nahezu unveränderten Bilanzgewinn von 3,6 Millionen Euro aus. Die Dividende für die Geschäftsguthaben der rund 51.000 Genossenschaftsmitglieder betrug 5,5 Prozent. Im Geschäftsjahr 2008 beschäftigte die Bank neben rund 285 Vollzeitbeschäftigten noch circa 80 Teilzeitbeschäftigte und knapp 30 Auszubildende.

Fairness und Vertrauen gefordert

„WIR … gemeinsam stark“ lautet das Unternehmensleitbild der Volksbank: „Fortschritt ist, was wir aus ihm machen. Unsere strategische Ausrichtung und das mittelfristige Unternehmenskonzept bilden den Orientierungsrahmen für unser Handeln – unser Unternehmensleitbild. Ganz wichtig ist dabei, dass die Leitsätze auch gelebt werden. Deshalb sind unsere Aussagen so formuliert, dass sie machbar und jederzeit überprüfbar sind.“  Und zum Abschnitt „WIR … und unsere Mitarbeiter. Was ist mein Selbstverständnis?“ heißt es unter anderem: „Ich biete und erwarte Fairness und Vertrauen“.

Mehr als nur ein Generationenwechsel …

Zum 30. Juni 2009 stand im Vorstand der Volksbank Kirchheim-Nürtingen ein Generationenwechsel an. Für den in den Ruhestand verabschiedeten Vorstandssprecher Ulrich Weiß rückte am 1. Juli 2009 Axel Mohr nach, der vorher seit 2002 Vorstandsmitglied der Volksbank Kaiserslautern war. „Ich habe jetzt die Riesenchance bekommen, mich in Kirchheim und Nürtingen zu verwirklichen“, verkündete er und geriet über seinen neuen Aufgabenbereich richtig ins Schwärmen: „Die Volksbank in Kaiserslautern hat nur die Hälfte der Bilanzsumme und das halbe Kundenvolumen der hiesigen Volksbank … Während in der Pfalz eine durchschnittliche Baufinanzierung bei 150.000 Euro liegt, geht sie hier bei 300.000 los…“ Und da zum Jahresende 2009 auch das Vorstandsmitglied Dieter Helber in den Ruhestand gehen werde, sollte Mohr auch dessen Geschäftsbereiche (Privatkunden und Vermögensmanagement) übernehmen.

Unternehmensberater durchleuchteten alle Bankbereiche

Gleich nach seinem Amtsantritt als Vorstandssprecher der Volksbank Kirchheim-Nürtingen engagierte Mohr sogleich eine Unternehmensberatung und ließ alle Bereiche der Bank penibel betriebswirtschaftlich durchleuchten. Wenn man Insidern der Bank glauben darf, unterhielt Mohr über die Ergebnisse dieser Untersuchungen und die seiner Meinung nach notwendigen Maßnahmen eher innigere Kommunikationskontakte zu den Mitgliedern des Aufsichtsrates als zu seinen (Noch-)Vorstandskollegen…

Massiver Umbau der Bank

In der zweiten Dezemberwoche 2009 verkündete Mohr dann das Ergebnis des auch vom Aufsichtsrat genehmigten „Strategiekonzept 2014“ mit einem „massiven Umbau der Bank“, wonach u.a. bis April 2010 insgesamt 58 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen betriebsbedingt gekündigt werden sollten. Zwar sei die Volksbank Kirchheim-Nürtingen wirtschaftlich hervorragend aufgestellt, „es gibt keine Krisensituation, unsere Ertragslage ist zufriedenstellend“. Aber „wir müssen die Bank so ausrichten, dass sie auch in fünf Jahren noch eine gute Marktposition hat“, denn „es ist der Druck des Marktes, unter dem wir handeln müssen.“

Wenn die Personalkosten um fünf Millionen gesenkt werden, können die Genossenschaftsmitglieder für ihre Einlagen eine um 0,4 Prozent höhere Verzinsung bekommen, erläuterte Mohr in Pressegesprächen und bemerkte ferner, dass die „große Wertschöpfung“ der Volksbank nicht im Kundengeschäft sondern im Eigenhandel mit Wertpapieren liege…

Politische Unterstützung? Fehlanzeige!

Eine Woche später stellte der SPD-Fraktionsvorsitzende des Kirchheimer Gemeinderats, Walter Aeugle, im Gemeinderat den Antrag, dass die Oberbürgermeisterin im Namen des Gemeinderates ein vorbereitetes Schreiben an die Volksbank Kirchheim-Nürtingen weiterleiten sollte, wonach  die „angekündigten Entlassungen nicht einem verantwortungsvollen wirtschaftlichen Handeln“ entsprächen. Es handele sich vielmehr um eine „auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Geschäftsstrategie, der es an sozialer Verantwortung mangelt und die wir bisher nur von Großbanken und ‚Heuschrecken‘ kannten“. Er fand damit bei seinen Ratskollegen kaum Unterstützung:
Der FDP-Fraktionsvorsitzende bemerkte: „Es steht dem Gemeinderat gar nicht gut an, Einfluss auf einen Betrieb nehmen zu wollen. Ich will den Stil der Volksbank und den Zeitpunkt, Entlassungen anzukündigen, nicht bewerten, vor allem nicht öffentlich.“
Der CDU-Fraktionsvorsitzende trat dem mit den Worten bei: „Ich vermute, dass die Stadt Kirchheim nicht Genosse der Volksbank ist. Also handelt es sich um eine unternehmerische Entscheidung, die uns zwar nicht gefällt, die wir aber nicht ändern können.“
Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen und der Frauenliste wollten zwar ein moralisches Recht, eine solche Unternehmenspraxis zu kommentieren, nicht leugnen, sahen es aber als fragwürdig an, wenn sich der Gemeinderat in die Unternehmenspolitik einmische…
Und der Vertreter der „Freien Wähler“ konnte sich bei dem Antrag zwar „in vielen Punkten wiederfinden“; er „glaube aber nicht, dass es der Stadt ansteht, sich hierzu zu äußern.“

Nur solidarisches Verhalten hilft!

Unterdessen formierte sich in der Volksbank zunehmend innerbetrieblicher Widerstand: Die beiden Vorstandskollegen Axel Mohrs, Dieter Helber und Harald Kuhn, bezeichneten das Vorgehen Mohrs „als völlig unerklärlichen Alleingang“, denn „es gibt im Vorstand keinen Beschluss für einen Stellenabbau“; aber Mohr sei bei seinem Tun „offensichtlich vom Aufsichtsrat der Bank bestärkt“ worden und beriefen für den 13. Januar 2010 zu einer außerordentlichen Vertreterversammlung mit den folgenden Tagesordnungspunkten ein:

– Widerruf der Vorstandsbestellung von Herrn Axel Mohr,
– Abwahl der Aufsichtsratsmitglieder unter der Führung ihres Vorsitzenden

Und ein paar Tage später forderten 31 von 32 leitenden Mitarbeitern der zweiten und dritten Führungsebene in einem offenen Brief, den wir im folgenden in Auszügen wiedergeben, den Rücktritt des Vorstandssprechers Axel Mohr und des Aufsichtsrats:

„Die Ereignisse der letzten zehn Tage haben nicht nur die Mitarbeiter, Mitglieder und Kunden mit großer Sorge erfüllt, sondern auch die Führungskräfte unserer Volksbank. Wir haben uns gefragt, warum Sie alle diesen Weg so konsequent verfolgt haben. Massenentlassungen widersprechen dem Grundgedanken unserer Genossenschaft, die zur Förderung ihrer Mitglieder da ist. Wir dürfen alle nicht vergessen: Auch die Mitarbeiter und ihre Angehörigen sind Mitglieder unserer Volksbank. An radikale Personaleinschnitte darf man als Vorstand und Aufsichtsrat einer Genossenschaftsbank noch nicht einmal denken, wenn es angesichts der sehr guten Zahlen unserer Bank keine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dafür gibt.

Bei Ihnen, Herr Mohr, ist das Misstrauen besonders groß: Sie pflegen seit Anfang an einen kompromisslosen Umgang mit den Mitarbeitern. Durch eine von Ihnen geholte Beratungsgesellschaft wurden wir alle erbarmungslos unter Druck gesetzt, belogen und getäuscht. Bevor wir das Unternehmenskonzept ausgehändigt bekamen, musste die zweite Führungsebene im Beisein von zwei Rechtsanwälten Vertraulichkeitserklärungen unterschreiben.

Sie, sehr geehrte Aufsichtsräte, müssen sich fragen lassen, ob Sie ihr Amt wirklich ernst nehmen und die richtigen Repräsentanten unserer (Mitarbeiter-)Mitglieder sind. Keiner von Ihnen hat auch nur einen Finger für unsere Mitarbeiter gehoben, keiner hat sich gegen die Massenentlassungen ausgesprochen. Sie alle wollten, dass Herr Mohr den eingeschlagenen Weg durchzieht. Das enttäuscht uns sehr, Sie haben das Vertrauen unserer Mitarbeiter und unseres verspielt.

Wir die Führungskräfte, sind überzeugt, dass wir mit Ihnen nicht mehr vertrauensvoll zusammenarbeiten können. Das Vertrauen ist irreparabel zerstört. Sollten Sie am 14. Januar 2010 noch im Amt sein, überlegen alle unterzeichnenden Führungskräfte, ihre Kündigung einzureichen und die Bank zu verlassen….“

Damit war am Montag, dem 21. Dezember 2009, der Druck so stark angewachsen, dass Axel Mohr nach einer Aufsichtsratssitzung sein Amt mit sofortiger Wirkung niederlegte und auch der Aufsichtsrat seinen Rücktritt zum 13. Januar 2010 erklärte. Denn an diesem Tag  sollte von der Vertreterversammlung ein neuer Aufsichtsrat gewählt werden.

Dieter Helber, der zum Jahresende in den Ruhestand gehen wollte, verschob dies auf Ende März 2010 und resümierte: „Für mich ist das ein Musterbeispiel für den Sieg der genossenschaftlichen Demokratie… Ich bin froh, dass jetzt Ruhe einkehrt und die zuletzt total demotivierten und verunsicherten Mitarbeiter nun in Ruhe Weihnachten feiern können.“

Die Nürtinger Zeitung hatte in Anspielung auf den Geburtsort Oldenburg von Axel Mohr dessen Einstieg bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen mit der Überschrift angekündigt: „Ein Nordlicht für die Häuslesbauer“. Jetzt wissen es alle besser: Das Nordlicht war in Wirklichkeit ein Irrlicht…

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5 Gedanken zu „„Wenn der Vorstand den Weg freimachen muss“ – Sieg der genossenschaftlichen Demokratie

  1. Guten Tag meine Herren Redakteure,
    Pressearbeit bedeutet nicht nur Meinungen einseitig aufzusaugen und zu drucken sondern zu recherchieren.
    Wenn Sie die Vertreterversammlung im Januar aufmerksam betrachtet hätten, wäre Ihnen nicht entgangen, dass alle Vorgänge mit den Vorstandskollegen abgesprochen waren und diese noch im Dezember bei der Betriebsversammlung auf ausdrückliches Befragen das Konzept gebilligt haben. Auch hat Kollege Kuhn an der gemeinsamen Pressekonferenz teilgenommen ohne Kritik zu üben. Darüberhinaus haben alle Vorstände an 550 Vertreter das Konzept schriftlich kommuniziert und diese Schreiben trägt die Unterschriften aller Vorstandsmitglieder. Die Entschuldigung vor der Vertreterversammlung „In der Hektik hätte man nicht gewusst, was man tat!“

    Die Unternehmensberatung wurde von Mohr und Kuhn ausgesucht- Herr Kuhn hatte sogar zwei Berater abgelehnt, weil er diese persönlich kannte. Wöchentlich hat der Gesamtvorstand , der im Lenkungsausschuss saß , sich über den Stand informieren lassen.

    Pressearbeit sollte bei Ihnen aus meiner Sicht fachlich qualifizierter ablaufen.
    Mit freundlichen Grüßen

  2. Sehr geehrter Mohr,
    was wollen Sie den Leserinnen und Lesern von Hohenlohe-ungefiltert denn mitteilen? Was ist an der Darstellung aus Ihrer Sicht nicht richtig?

    Ein Vorschlag: Schreiben Sie in einer Gegenüberstellung, was Ihrer Ansicht nach falsch ist und was Ihrer Ansicht nach richtig ist. Beispiel: Falsch ist die Darstellung „…“ – richtig ist folgender Sachverhalt „…“. Dann weiß jeder, der den ursprünglichen Text nicht im Detail parat hat, was Sie zu kritisieren haben.

    Ralf Garmatter, Hohenlohe-ungefiltert

  3. Herr Mohr, gehen Sie bitte dahin wo Sie her gekommen sind – besser noch Weiter – PFUI

  4. Herr Mohr, es ist eine Schande, wie Sie mit Menschen umgehen (wollen).
    Hält denn Ihre Familie noch zu Ihnen? Vermutlich nur aus Abhängigkeit.

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