Die Ärzte, die Krankenhäuser und die „Kopfprämien“

Schicken Ärzte ihre Patienten in Krankenhäuser, nur um saftige Prämien zu kassieren? Die Krankenkassen erheben diesen Vorwurf, die Mediziner selbst sprechen von „Einzelfällen“. Dabei könnte das Ausmaß der Korruption im Gesundheitswesen noch viel größer sein als bisher bekannt.

Gefunden von Axel Wiczorke, Hohenlohe-ungefiltert

Mit Sicherheit nur die Spitze vom Eisberg … Wie schreibt die junge Welt so schön: „Bei der Zementindustrie mag es noch ein bißcher härter zugehen, doch das Gesundheitswesen gehört mittlerweile zu den korruptesten Wirtschaftssektoren in Deutschland. Mit dieser Einschätzung steht Transparency International sicherlich nicht alleine; die aktuellen Meldungen über ein weitverbreitetes »Kopfgeldsystem« bei der Überweisung von Patienten in die stationäre Klinikversorgung sind ein weiterer Mosaikstein.“

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,646751,00.html

http://www.zeit.de/wirtschaft/2009-09/aerzte-bestechung

http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~EC3357310CB464242B2CBFD5C757EB2AD~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://www.jungewelt.de/2009/09-03/030.php?print=1

http://www.sueddeutsche.de/,tt4m1/finanzen/984/486401/text/

Kommentar A:W: Interessant alle Artikel zu vergleichen. Der einzige, der die Zusammenhänge für den Leser vollständig aufdröselt, steht in der Süddeutschen! Hier finden wir auch die entscheidenden Sätze:

„Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes (BKA) stehen die Ärzte im Zentrum der Korruption im Gesundheitswesen. Die allermeisten registrierten Delikte werden von ihnen verübt. Aber auch Labore, Kliniken, die Pharmahersteller, Apotheker, Zahntechniker, Sanitätshäuser und Krankenkassen-Mitarbeiter mischen kräftig mit. (…)
Das BKA macht vor allem das weitgehend unkontrollierte Abrechnungssystem für die Betrugs- und Korruptionsfälle verantwortlich. So hätten Kassenpatienten keine Möglichkeit, die Arztrechnungen mit den tatsächlich erbrachten Leistungen abzugleichen.“

Allgemein zum Thema Korruption und Gesundheitswesen:
http://www.transparency.de/Gesundheitswesen.gesundheit.0.html
http://www.transparency.de/Von-der-Abrechnungsmanipulatio.1381.0.html

Im Hohenloher Tagblatt vom 04. Septmeber 2009 („Sind die Götter in Weiß bestechlich?“ – Autor: Dieter Keller) wird von keinen nachweisbaren Fällen gesprochen, im Süddeutschen schon gar nicht … zum Glück leben wir hier in Baden-Württemberg: hier ist die Welt noch in Ordnung!

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3 Gedanken zu „Die Ärzte, die Krankenhäuser und die „Kopfprämien“

  1. Kleiner Nachtrag: Presseerklärung des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää) zu den Bestechungsgeldern von Krankenhäusern an niedergelassene Ärzte.

    „Bundesweit ist das Entsetzen darüber groß, dass Ärzte Kopfgelder für die Einweisung ihrer Patienten in bestimmte Kliniken von diesen Klinikträgern erhalten haben. Von Ministerin Schmidt bis zum Kammerpräsidenten Hoppe sind alle erschüttert über das unethische Verhalten dieser Ärzte. Dabei sind die jetzt bekannt gewordenen Fälle nur das Symptom einer schon lange bestehenden Entwicklung: Seit Jahren wird das Gesundheitswesen kommerzialisiert, Krankheit ist immer mehr zur Ware geworden und der Arzt deren Verkäufer. In der irrigen Vorstellung, Konkurrenz könne die Kosten des Gesundheitswesens senken und zugleich die Qualität der Versorgung steigern, wurden die Krankenkassen zu konkurrierenden Dienstleistungsunternehmen, die Krankenhäuser zu Anbietern von Gesundheitsleistungen und die Ärzte zu Verkäufern möglichst lukrativer medizinischer Leistungen. So ist es von der Politik gewollt. Wenn Gesundheit oder Krankheit zum Objekt von Profitinteressen werden, warum soll der Vermittler nicht auch profitieren? So mag die zynische Entschuldigung der Beteiligten klingen. Doch untergräbt die Annahme von Bestechungsgeldern und anderer geldwerter Vorteile massiv das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis – und ist verwerflich.
    Wenn die Ministerin Schmidt und ihr Gesundheitsberater Lauterbach jetzt ihre Empörung öffentlich lautstark formulieren, so ist das verlogen, denn schließlich sind sie für diese Entwicklungen mitverantwortlich. Gesundheit soll eine Ware sein und da ist die Verwertung des Patienten als gewinnbringendes Objekt nur konsequent.
    Krankenhäuser werden zu ruinösem Wettbewerb gezwungen, bei dem nicht die überleben sollen, die die beste Medizin für ihre Patienten bieten, sondern die die lukrativsten Patienten akquirieren und somit am besten wirtschaften können – und sei es durch Bestechung, um an diese Patienten zu kommen. Wir haben ein wirtschaftliches Umfeld, in dem ein Manager, der seinen Konzern mit 11 Milliarden € Schulden hinterlässt, noch 50 Millionen € Abfindung kassiert, ein anderer seinen Betrieb in die Insolvenz führt und dafür noch 15 Millionen € erhält. So funktioniert das System und wenn es – übrigens auch von vielen Ärzten – so gewollt wird, dass Ärzte den Managern gleichen, darf man sich nicht wundern über das, was nun öffentlich wird.

    Die Kritik von Montgomery und Hoppe ist unlauter: Seit Jahren sind Praktiken wie die jetzt öffentlich gewordenen in der Ärzteschaft üblich. So wurden früher offiziell Rabatte von Großlabors auf kleinere Laborleistungen gewährt, wenn der Arzt bestimmte teure Untersuchungen bei diesem Labor anforderte. Orthopäden haben wirtschaftliche Beziehungen zu Röntgeninstituten oder unterhalten diese verdeckt sogar selbst. Onkologen wurden von Apotheken, als es noch profitabel war, dafür honoriert, dass sie bei ihnen teure Krebsmittel für ihre Patienten bestellten – ein Betrug an Patient und Krankenkasse. Auch Kliniken sind groß im Geschäft: Herzchirurgische Kliniken finanzieren Herzkathetermessplätze in kleineren Krankenhäusern unter der Bedingung, dass ihnen die dabei anfallenden Patienten zur Operation zugewiesen werden. Auch mit Reha-Kliniken gibt es Absprachen. Diese Praktiken sind lange bekannt und keine Einzelfälle, sondern reichen inzwischen flächendeckend von Rabattabmachungen bis zur direkten Bestechung. Doch die Kammern haben kaum etwas dagegen unternommen. Daher ist weder die Empörung der Kammerfunktionäre noch ihre Beteuerung, es handele sich nur um Einzelfälle, glaubhaft.

    Der vdää sieht in den jetzt bekannt gewordenen Kopfgeldern für einweisende Ärzte ein Symptom für die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, wie sie von der Politik seit Jahren vorangetrieben wird.

    Der vdää fordert strafrechtliche Konsequenzen in allen Fällen, wo Patienten geschädigt oder die Gelder der Krankenkassen veruntreut wurden, und die Bekanntmachung der Namen der Ärzte und betroffenen Kliniken. Die Ärztekammern werden aufgefordert, die aufgezeigten Fälle nicht mehr als Einzelfälle zu bagatellisieren, sondern die ärztliche Berufsordnung konsequent anzuwenden.“

    http://www.vdaeae.de/index.php?option=com_content&task=view&id=300&Itemid=1

  2. Zweiter Nachtrag: sehr umfassende und informative Sendung auf swr1 – hörenswert! Die vier Themenblöcke der Sendung:

    1. Wie funktioniert die Fangprämie?
    2. Man könnte es aber wohl auch einfach Korruption nennen. Und wie geht die Staatsanwaltschaft damit um?
    3. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes stehen die Ärzte im Zentrum der Korruption im Gesundheitswesen. Das BKA macht vor allem das fast unkontrollierte Abrechnungssystem für die mögliche Korruption verantwortlich. Ein Gespräch mit Uwe Dolata, Bund Dt. Kriminalbeamter
    4. Schon lange prangert die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International die Bestechlichkeit von Ärzten an. Man wisse seit Jahren, dass da viel Missbrauch im Busch ist und die Kassenärztlichen Vereinigungen ihrer Aufsichts- und Kontrollpflicht nicht nachkomme. Ein Gespräch mit Angela Spelsberg von Transparency International.

    http://www.swr.de/swr1/bw/programm/-/id=446250/nid=446250/did=5252444/yey877/index.html

    DIe Sendung – Dauer 14:32 Min. – kann auch als mp3 downgeloadet werden (6,7 MB).

  3. Dritter Nachtrag: Dass sich Krankenhäuser bei Ärzten für Einweisungen von Patienten mit Prämien bedankt haben, war Funktionären offenbar schon länger bekannt als bislang zugegeben. In einem DKG-Papier von März 2007 heißt es laut der Zeitung: „Teilweise sind Entwicklungen zu beobachten, dass Krankenhäuser durch bestimmte Ärzteverbünde oder -netzwerke zu Kooperationen gedrängt werden, indem angedroht wird, bei einer Weigerung zum Vertragsabschluss keine Patienten mehr in die betreffenden Krankenhäuser einzuweisen.“
    http://www.sueddeutsche.de/,ra3m1/wirtschaft/929/488327/text/

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