„Aktivistenwochenende“ der Identitären in Baden-Württemberg – Haus des Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) in Kirchberg/Jagst-Herboldshausen

Am 11. März 2022 kündigten die „Wackren Schwaben“, ein Label der extrem rechten „Identitären Bewegung Schwaben“, in den Sozialen Netzwerken ein „Aktivistenwochenende“ an. Die Veranstaltung sollte am 7. und 8. Mai 2022 stattfinden. Der Veranstaltungsort: geheim. Ein Monat nach der Ankündigung, am 14. April 2022, posteten die „Wackren Schwaben“ via Telegram, das „Aktivistenwochenende“ habe bereits am 9. und 10. April 2022 stattgefunden. Der Veranstaltungsort sei „in Schwaben“ gewesen. Eine exklusive Recherche zeigt: Das „Aktivistenwochenende“ fand nicht in Schwaben, sondern im Domizil des völkischen „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.” in Hohenlohe (Baden-Württemberg) statt.

Von Timo Büchner, zuerst veröffentlicht am 28. April 2022 auf Belltower News

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https://www.belltower.news/exklusiv-aktivistenwochenende-der-identitaeren-in-baden-wuerttemberg-130519/?fbclid=IwAR3k3hsnLo__27svT_sgiKsNlkbN8SbFRS-jPi2OIc7MO5R1Pie27aqa2Tc

Die extrem rechte „Identitäre Bewegung Schwaben“ veranstaltete am 9. und 10. April 2022 ein „Aktivistenwochenende“ in Kirchberg/Jagst-Herboldshausen. Die ersten Autos kamen bereits am 8. April 2022 an.

Autokennzeichen abmontiert

Das „Aktivistenwochenende“ beginnt mit einem schwarzen Mercedes. Das Auto trägt ein Augsburger Kennzeichen. Es kommt am Freitagnachmittag, 9. April 2022, in Herboldshausen (Baden-Württemberg) an. Weitere Autos folgen am Abend und in der Nacht. Die meisten kommen aus Baden-Württemberg und Bayern, drei aus der Schweiz und einzelne aus Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Autos parken recht auffällig. Am Hauseingang, unmittelbar an der Straße. Offenbar sind die „Aktivisten“ überzeugt, unbeobachtet zu sein. Auch ein silberfarbener Mercedes mit Gütersloher Kennzeichen parkt an der Straße. Allerdings nur am ersten Tag. Denn am zweiten Tag wird das Auto versteckt, die Kennzeichen werden abmontiert.

Jugendheim Hohenlohe

Das Abmontieren der Kennzeichen ist in der extremen Rechten eine beliebte Methode, um unerkannt und im Verborgenen zu bleiben. Die Methode konnte in Herboldshausen – einem Weiler, der im Wesentlichen aus ein paar Bauernhöfen besteht – schon häufig dokumentiert werden. Denn hier besitzt der völkische „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ (BfG) seit den 1970er-Jahren ein altes Bauernhaus („Jugendheim Hohenlohe“). Der BfG ist Teil des bundesweiten Ludendorff-Netzwerks. Das Netzwerk verbreitet die „Deutsche Gotterkenntnis“, die antisemitische und rassistische Ideologie Mathilde Ludendorffs (1877-1966) aus den 1920er-Jahren.

Der BfG und die „Identitäre Bewegung Schwaben“

Das BfG-Domizil in Herboldshausen ist ein Hotspot der extremen Rechten in Süddeutschland. Das „Jugendheim” geriet 2020 und 2021 in die Schlagzeilen, als die NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ einen „Gemeinschaftstag“ und die regionale Organisation „WIR Heilbronn“ um den Neonazi-Kader Michael Dangel einen „Thing der Titanen“ im Haus veranstaltete. Der „Thing“ war ein geheimes Vernetzungstreffen der deutschen Neonazi-Szene. Nun fand das „Aktivistenwochenende“ der „Identitären Bewegung Schwaben“ im Haus statt.

Rassistisches Weltbild

Das ist kein Zufall: BfG und Identitäre teilen ein rassistisches Weltbild. Auf seiner Website nannte der BfG die Ankunft von Geflüchteten 2015/16 einen „ungeheuren Zustrom von Menschen fremder Abstammung“. Die Immigration sei ein „geschichtlich einmaliger Vorgang, der das Überleben unseres Volkes schwer gefährdet“. Sie führe zur „Vermischung der Völker“. Die Identitären behaupten, Einwanderung führe zur „Islamisierung“ und zum „Großen Austausch“. Eine mächtige Elite forciere die „Umvolkung“ und die Vernichtung der Weißen. Sowohl BfG als auch Identitäre fürchten den „Volkstod“ durch Immigration.

Familie Klink/Sawallisch ist aktiv

2016 trat ein BfG-Mitglied für die „Identitäre Bewegung Schwaben“ in Erscheinung: Sonnhild Sawallisch, Geschäftsführerin der BfG-nahen „Lühe-Verlag GmbH“ und Tochter der BfG-Bundesvorsitzenden Gudrun Klink aus Ingelfingen (Baden-Württemberg), nahm am 28. Juli 2016 an einer Aktion der „Identitären Bewegung Schwaben“ in Reutlingen (Baden-Württemberg) teil. Dr. Hartmut Klink, der Vater von Sonnhild Sawallisch, verwaltet das „Jugendheim Hohenlohe“ in Herboldshausen. Er war am ersten Tag des „Aktivistenwochenendes“ vor Ort, um handwerkliche Arbeiten im Haus zu erledigen.

Die Teilnehmer: Bodybuilding, „New Balance“, Undercut

Am „Aktivistenwochenende“ nahmen etwa 30 Männer zwischen (schätzungsweise) 18 und 30 Jahren teil. Frauen waren eine Rarität. Die meisten wirken muskulös und als würden sie Kampfsport betreiben. Undercut mit Seitenscheitel und Schuhe der Marke „New Balance“ gehören zum Outfit. Unter Neonazis ist die Marke seit Jahren beliebt. Das große „N“, das an die Seiten der Schuhe gestickt ist, soll „Nationalist“ bzw. „Nationalsozialist“ heißen.

Die Teilnehmer – einige trugen das dunkelblaue „T-Hemd“ vom „Aktivistenwochenende“ – stammen offenbar größtenteils aus Süddeutschland. Das zeigten nicht zuletzt die Kennzeichen der Autos. Darunter sind identitäre Kader aus „Ortsgruppen“ wie Augsburg und Ulm. Beispielsweise nahmen die Identitären Anton H. und Nicolas B. der „Ortsgruppe Ulm“ teil. Einzelne Teilnehmer, wie der Identitäre Torsten G. kommen aus dem Rest der Republik. Fotos, die mit Recherchen aus der Schweiz verglichen wurden, legen nahe, dass auch Mitglieder der Schweizer Neonazi-Kameradschaft „Junge Tat“ das „Aktivistenwochenende“ besuchten.
Das Programm: Ideologie, Musik, Sport

Tarnvereins „Schwäbischer Kulturverein e.V.“

Die „Identitäre Bewegung Schwaben“ veranstaltet ihre „Aktivistenwochenenden“ schon seit mehreren Jahren. So fand Mitte 2020 eines auf Schloss Ebersberg (Baden-Württemberg) statt. Die Identitären nutzten die Adresse ihres Tarnvereins „Schwäbischer Kulturverein e.V.“, um die Räumlichkeiten des Schlosses mieten zu können. Das Programm der „Aktivistenwochenenden“ ist eine Mischung aus Ideologie, Musik sowie Ausdauer- und Kampfsport.

Die Mischung wurde bereits im Logo des aktuellen „Aktivistenwochenendes“ deutlich, das sowohl in der Ankündigung als auch auf den offiziellen „T-Hemden“ einiger Männer zu sehen war. Das Logo zeigt ein Buch, eine Gitarre, ein Lagerfeuer und ein Paar Boxhandschuhe. Offiziell begann das Programm am Samstagfrüh. Es umfasste, wie ein Teilnehmer nach der Veranstaltung in den Sozialen Netzwerken kommentierte, „Kraft-, Kampf- und Ausdauereinheiten“. Am Samstagabend folgten ein Liederabend und Lagerfeuerromantik.

„Grundlagen der Kulturrevolution von Rechts“

Die Vermittlung rechter Ideologie spielte eine zentrale Rolle. Nach der Veranstaltung schrieben die Identitären via Telegram, man habe die „Grundlagen der Kulturrevolution von Rechts“ thematisiert. „Tiefgehend“ seien die „Theorien von Antonio Gramsci bis Alain de Benoist“ analysiert worden. Philip Thaler, der Bundesvorsitzende der „Identitären Bewegung Deutschland e.V.“, referierte über „Metapolitik“. Thaler war Co-Moderator des extrem rechten YouTube-Kanals „Laut gedacht“ und soll 2017 eine internationale Konferenz der extrem rechten Partei „CasaPound Italia“ besucht haben. Die Partei propagiert einen „Faschismus des dritten Jahrtausends“.

Dass das „Aktivistenwochenende“ am 9. und 10. April 2022 stattfand und Thaler im Rahmen der Veranstaltung referierte, ist erstaunlich. Denn: Am selben Wochenende veranstaltete das rechtsextreme „Institut für Staatspolitik“ um Götz Kubitschek in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) seine „Frühjahrsakademie“. Martin Sellner, der Gründer und Kopf der „Identitären Bewegung Österreich“, war angekündigt. Üblicherweise ist die „Frühjahrsakademie“ eine Art Pflichtveranstaltung unter Identitären. Mehr als 100 Menschen aus dem Umfeld der „Bewegung” nahmen an der Veranstaltung teil.

Tarnung gelang nicht

Die „Identitäre Bewegung Schwaben“ ergriff mehrere Maßnahmen, um das „Aktivistenwochenende“ unbeobachtet durchführen zu können: Sie nannte im Vorfeld ein falsches Veranstaltungsdatum und im Nachgang einen falschen Veranstaltungsort. Und sie hoffte offenbar, am Wochenende würden alle Augen auf die „Frühjahrsakademie“ und nicht auf das „Jugendheim Hohenlohe“ gerichtet. Die Maßnahmen schlugen fehl: Unbeobachtet blieb die Veranstaltung nicht.

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