„Solidarisch gegen rechtsextreme Gruppen“ – Demo am Samstag in Stuttgart

Die Energiekrise spitzt sich zu – und wir gehen auf die Straße. Für eine faire Verteilung der Last und um rechtsextremen Gruppen entgegenzutreten. Denn die nutzen seit Wochen die Angst der Menschen aus, um ihre Agenda voranzutreiben. Am Samstag, 22. Oktober 2022, um 12 Uhr protestieren wir in sechs Großstädten. Campact-Vorstand Christoph Bautz schreibt, warum es so wichtig ist, dass möglichst viele Menschen in Stuttgart am Schlossplatz dabei sind.

Von Christoph Bautz, Campact-Vorsitzender

Gibt diese Krise der AfD im ganzen Land eine völlig neue Macht?

Angst und Hetze lohnen sich – das war mein erster Gedanke, als die Hochrechnungen der Niedersachsen-Wahl reinkamen. Die AfD landete bei erschreckenden elf Prozent. Vor wenigen Wochen war noch unklar, ob es die Rechtsextremen überhaupt in den Landtag schaffen; nun lockten sie 400.000 Menschen an die Wahlurne.[1] Ich frage mich: Gibt diese Krise der AfD im ganzen Land eine völlig neue Macht?

Empörung und Hass

AfD, Querdenker, rechtsextreme Gruppen: Seit Wochen beobachten wir, wie diese Akteure die Energiekrise auf perfide Weise ausnutzen und mit ihrem Protest die Straßen füllen. Sie peitschen die verständlichen Ängste und Sorgen vieler Menschen auf – zu Empörung und Hass. So machen sie Stimmung für ihre Agenda: nationalistische Abschottung, ein Rückfall zu fossilen Energien aus Russland, ein Ende der Solidarität mit der Ukraine. Gelingt es ihnen, damit die politische Debatte zu bestimmen, wird es richtig gefährlich.

Die Straße zurückholen

Gerade jetzt, wo viele Menschen sich zu Recht sorgen, brauchen wir wirksame Entlastungen, mehr Teilhabe – und eine Politik, die uns aus der fossilen Abhängigkeit befreit. Laute Forderungen an die Regierung richten und dafür protestieren, beides dürfen wir nicht den Rechten überlassen. Deshalb holen wir uns jetzt die Straße zurück: Am Samstag, den 22. Oktober um 12 Uhr gehen wir in sechs großen Städten gemeinsam demonstrieren, auch in Stuttgart. Gewerkschaften, Sozialverbände und Umweltorganisationen vereinen ihre Kräfte; treten rechter Hetze entgegen.

Bei Technik und Routenplanung noch nachsteuern

Komm am Samstag zum Protest in Stuttgart! Eine Großdemo in sechs Städten, die die Menschen in der Krise zusammenbringen soll – das ist für uns keine alltägliche Aufgabe. Und dabei ist es so wichtig, dass die Aktion größer und stärker wird als die Märsche der Rechten. Wenn wir jetzt wissen, wie viele Menschen kommen, können wir bei Technik und Routenplanung noch nachsteuern.

Kommst Du am Samstag, den 22. Oktober 2022, um 12 Uhr in Stuttgart mit auf die Straße – für Solidarität in der Krise?

Zeit: Samstag, 22. Oktober 2022, 12 Uhr
Ort: Schlossplatz, 70173 Stuttgart

Deutsche Regierung braucht andere Krisenpolitik

Im Sommer drohten rechte Gruppen einen „heißen Herbst“ an. Und ich griff direkt zum Telefon. Mit Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband überlegte ich, was wir jetzt tun. Uns war schnell klar, dass wir dieser Bedrohung nur als Bündnis begegnen können. Und gleichzeitig der Regierung zeigen: Ihr braucht eine andere Krisenpolitik. Das Land muss gerechter werden. Nur dann haben die Rechten keine Chance.

In den nächsten Wochen hing ich ständig am Telefon, egal ob im Büro oder beim Waldspaziergang. Mit Bündnispartnerinnen, Expertinnen und Kolleg*innen feilte ich am Zeitplan für die Demos. Wir machten die wirksamsten Maßnahmen ausfindig, klopften lokale Bündnisse ab, holten immer neue Akteure dazu. Jetzt ist es endlich soweit. Am 22. Oktober protestieren wir zu Tausenden für eine solidarische Antwort auf die Krise. Unsere Forderungen:

– Gezielte und wirksame Entlastungen wie eine Mietpreisbremse, eine bezahlbare Nachfolge des 9-Euro-Tickets sowie einen Schutzschirm für Stadtwerke, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen.

– Gerechte Belastungen für Konzerne und Superreiche, etwa mit einer Vermögensabgabe und einer Übergewinnsteuer.

– Investitionen in eine nachhaltige, krisenfeste Gesellschaft: in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz, in öffentlichen Nahverkehr und Klimaschutz.

Hin zu direkter Hilfe in der Krise

Ich bin sicher: Diese Demos sind ein enormer Beitrag, um die Debatte zu drehen – weg von rechter Agitation und hin zu direkter Hilfe in der Krise. Allein die Zahl der Organisationen, die in den letzten Wochen mit eingestiegen sind, macht mir Mut. Ver.di und die GEW, der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Volkssolidarität sind genauso dabei wie der BUND, Greenpeace und Fridays for Future.

In Stuttgart demonstrieren

Erfolg haben wir nur dann, wenn ganz viele Menschen am Samstag, 22. Oktober 2022, gleichzeitig in sechs Großstädten auf die Straßen strömen. Deshalb bitte ich Dich: Sei in Stuttgart mit dabei und tritt für eine solidarische Antwort auf die Krise ein!

Mit hoffnungsvollen Grüßen

Christoph Bautz, Campact-Vorstand

PS: Hass und Hetze säen, spalten, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft untergraben – davon profitiert besonders einer: Wladimir Putin. Die AfD und ihr rechtsextremes Umfeld spielen mit ihrem Protest dem russischen Autokraten in die Hände. Umso wichtiger, dass wir diesen Menschen nicht die Straßen überlassen. Zeig auch Du am 22. Oktober in Stuttgart, dass wir unteilbar sind!

Quelle:

[1] „Es rechtsruckt wieder“, Taz Online, 10. Oktober 2022:

https://taz.de/AfD-bei-der-Niedersachsenwahl/!5886669/

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„Soziale Sicherheit schaffen und fossile Abhängigkeiten beenden“ – Gemeinsame Fahrt zur Demo nach Stuttgart

„Soziale Sicherheit schaffen und fossile Abhängigkeiten beenden“, heißt es bei der Demo am Samstag, 22. Oktober 2022, um 12 Uhr in Stuttgart. Der DGB-Kreisvorstand, die ver.di-Ortsgruppe und attac-Regionalgruppe Schwäbisch Hall rufen zur Teilnahme auf. Es fahren Busse auch aus unserer Region (Anmeldung siehe unten).

Christian Kümmerer, attac-Regionalgruppe Schwäbisch Hall

Solidarische Politik

In diesem Herbst treffen uns die Folgen von Putins Angriffskrieg mit voller Wucht: Viele von uns wissen nicht, wie sie die Gas- und Stromrechnung bezahlen sollen. Etliche haben sogar Angst, ihre Wohnung zu verlieren und vom gesellschaftlichen Leben weiter ausgeschlossen zu werden – weil alles teurer wird. Löhne und Transferleistungen reichen nicht mehr aus. In dieser Krise stehen wir solidarisch an der Seite der Ukraine. Doch wir brauchen jetzt eine solidarische Politik auch bei uns, die gleichzeitig die Weichen stellt, um die Abhängigkeit von fossilen Energien zu beenden.

Soziales und Ökologisches nicht gegeneinander ausspielen

Für Viele braucht es in dieser Krise verlässliche Entlastungen, Unterstützung und soziale Sicherheit. Gleichzeitig drohen die langfristigen Klima- und Umweltkrisen ins Hintertreffen zu geraten. Die Regierung darf Soziales und Ökologisches nicht gegeneinander ausspielen. Sie muss beides anpacken, damit wir alle sicher durch diese Krise kommen.

Konzerne und Banken fahren gewaltige Übergewinne ein

Solidarische Politik heißt auch: Um diese Anstrengungen zu finanzieren, müssen all jene beitragen, die es sich leisten können. Doch auch die Vermögen der Reichsten wachsen, viele Konzerne und Banken fahren gewaltige Übergewinne ein. Die Ampel muss Vermögende und Krisengewinnler zur Solidarität verpflichten und endlich angemessen belasten – damit der Staat gezielt entlasten und in unsere Zukunft investieren kann.
Die Ampel hat es in der Hand, wie dieser Winter wird: Einer der Verzweiflung und Wut. Oder einer mit neuer Zuversicht für eine sozial gerechtere, ökologische und lebenswerte Zukunft.

Mehr zu den Forderungen des Bündnisses findet man auf folgender Internetseite:

https://www.solidarischer-herbst.de/

Auch aus unserer Region fahren Busse nach Stuttgart, eine Anmeldung ist online mit diesem Link möglich:

https://komasys-web.verdi.de/anmeldedaten?Konferenznummer=0019&Ebenennummer=0915&status=

Weitere Informationen über attac-Schwäbisch Hall auf folgender Internetseite:

https://www.attac-netzwerk.de/schwaebisch-hall/startseite

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„Ludendorff-Treffen:  Herbstkulturtagung in Baden-Württemberg, dann Herbstball in Thüringen“ – Stadt Kirchberg/Jagst verweigerte die Nutzung der Festhalle

Erst „Herbstkulturtagung“ in Baden-Württemberg, dann „Herbstball“ in Thüringen: In der ersten Oktoberhälfte fanden zwei wichtige Veranstaltungen der völkischen Szene statt. Allerdings verlief die Organisation des „Herbstballs“ alles andere als reibungslos.

Von Timo Büchner von der Internetseite Belltower News

Antisemitische und rassistische Ideologie Mathilde Ludendorffs

„Wir brauchen jede Menge Statisten“ – schrieb der „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V.“ (BfG) in einer internen Einladung zu einer „Herbstkulturtagung“. Die Veranstaltung fand vom 30. September bis 2. Oktober 2022 im „Jugendheim Hohenlohe“ in Kirchberg/Jagst-Herboldshausen (Baden-Württemberg) statt. Der BfG ist Teil des völkischen Ludendorff-Netzwerks. Das Netzwerk pflegt die antisemitische und rassistische Ideologie Mathilde Ludendorffs (1877-1966). Ludendorff begründete in den 1920er-Jahren die „Deutsche Gotterkenntnis“. Sie behauptete, es gäbe „Lichtrassen“ und „Schattenrassen“ mit unterschiedlicher Fähigkeit zum „Gotterleben“. Die „Schattenrassen“, insbesondere das jüdische Volk, strebten die „Rassemischung“ an. Das „Jugendheim“ ist seit 1972 in den Händen des Vereins. Der BfG ist in der extremen Rechten bestens vernetzt. Immer wieder finden neonazistische und völkische Treffen in dem alten Bauernhaus statt. So führte die Neonazi-Gruppierung „WIR Heilbronn“ im Oktober 2021 einen „Thing der Titanen“ und die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ im März 2022 ein „Aktivistenwochenende“ im Haus durch.

Buch „Triumph des Unsterblichkeitswillens“

Das „alljährliche Herbsttreffen mit Filmdreh“ begann mit „ersten Rollenproben“ ab 19.30 Uhr. „Jede Menge Statisten“, wie der BfG in der Einladung schrieb, waren für die Dreharbeiten nötig. Es ging beim Filmdreh einerseits ums Erntefest, Handarbeitstechniken, Volkstänze – und andererseits um die Ideologie Mathilde Ludendorffs. Unter den Drehthemen war die Auseinandersetzung mit dem Buch „Triumph des Unsterblichkeitswillens“ (1921) gelistet. Die Anmeldungen zur „Herbstkulturtagung“ nahm Ingrid Beck entgegen. Beck wohnt in Rieschweiler-Mühlbach (Rheinland-Pfalz) und ist in der Ortsgruppe Zweibrücken des Naturschutzbundes (NABU) aktiv. Laut NABU-Website ist sie die Sprecherin der Naturschutzjugend. Offenbar betreut Beck die Kinder- und Jugendgruppe.

Gudrun Klink aus dem hohenlohischen Ingelfingen ist die BfG-Vorsitzende

An der „Herbstkulturtagung“ nahmen zwei Dutzend Personen teil. Knapp die Hälfte der Personen waren Kinder und Jugendliche. Die Autos der Teilnehmenden kamen größtenteils aus Baden-Württemberg. Sie hatten Kennzeichen aus Böblingen, Esslingen, Heilbronn, Künzelsau, Stuttgart und Waldshut. Einzelne Autos kamen aus Bayern und Sachsen-Anhalt. Unter den Teilnehmenden waren Gudrun und Dr. Hartmut Klein aus Ingelfingen-Lipfersberg (Baden-Württemberg). Gudrun Klink ist die BfG-Vorsitzende. Zudem nahm Heidrun Beißwenger teil. Sie ist regelmäßige Autorin der BfG-nahen Zeitschrift „Mensch & Maß“ und betreibt seit einigen Jahren den verschwörungsideologischen Blog „Das Adelinde-Gespräch“. Zuletzt ist der Blog durch massive Pro-Putin-Propaganda aufgefallen.

„In froher Runde das Tanzbein schwingen – unsere fröhlichen Musikanten spielen auf“

Am 8. Oktober 2022, nur eine Woche später, planten Völkische aus dem Ludendorff-Netzwerk einen „Herbstball“ in der Festhalle in Kirchberg/Jagst. In der Einladung, die lediglich intern beworben wurde, schrieben die Völkischen: „So laden wir Euch ein, in einer bunten Herbstnacht in froher Runde das Tanzbein zu schwingen – unsere fröhlichen Musikanten spielen auf!“ Das mag harmlos klingen. Aber: Der „Maitanz“, der vom 30. April auf den 1. Mai 2022 in Hüttlingen (Baden-Württemberg) stattfand, hat gezeigt, welches Klientel im Rahmen derartiger Veranstaltungen zusammenkommt. Es kamen Antisemit*innen, Rassist*innen und Neonazis. Zum Beispiel waren Mitglieder der sogenannten „Identitären Bewegung“ und vom „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ unter den Teilnehmenden.

Kein Personalausweis – Kein Mietvertrag für die Festhalle

Nach dem „Herbstball“ planten die Völkischen ihre Übernachtung im „Jugendheim Hohenlohe“. Es hieß in der Einladung: „Übernachten können wir im Heim im beschaulichen Herboldshausen. Dort gibt es mehrere große Räume mit Doppelstockbetten, sowie die Möglichkeit, in der schönen Tenne auf dem Holzfußboden zu schlafen.“ Allerdings kam der „Herbstball“ samt Übernachtung in Kirchberg/Jagst nicht zustande. Nach Angaben des Bürgermeisters Stefan Ohr habe eine Person im August des Jahres eine Anfrage zur Hallenanmietung an die Stadt gestellt. Laut Ohr ging aus der Anfrage keine Verbindung zum Ludendorff-Netzwerk hervor. Da die anfragende Person im Kirchberger Rathaus nicht bekannt war, wurde sie um Vorlage eines Personalausweises gebeten. „Nachdem kein Ausweis vorgelegt wurde“, so Ohr gegenüber der Lokalzeitung Hohenloher Tagblatt, „kam es auch nicht zum Abschluss eines Mietvertrages“.

Völkische wichen mit dem Herbstball nach Thüringen aus

Nachdem die Stadt Kirchberg/Jagst die Hallenvermietung an das Ludendorff-Netzwerk verweigert hatte, mussten die Völkischen nach einer Alternative suchen. Die Veranstaltung wurde in die Gaststätte „Zum Bahnhof“ in Marlishausen nahe Arnstadt (Thüringen) verlegt. Die Immobilie verfügt über einen großen Saal. Der Saal soll 120 Personen einen Platz bieten können. Ideal, um einen „Herbstball“ zu veranstalten. Die Mobile Beratung in Thüringen (MOBIT) berichtet in der Broschüre „Nach den rechten Häusern sehen. Immobilien der extrem rechten Szene in Thüringen“ (2018) über die Gaststätte: 2011 kaufte Fabian Rimbach die Immobilie. Einst war Rimbach in der völkischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) aktiv. Die HDJ wurde 2009 durch das Bundesinnenministerium verboten. Heute ist Rimbach der Bundesvorsitzende der „Schlesischen Jugend“. Laut MOBIT fanden schon Veranstaltungen der „Identitären Bewegung“ und der „Schlesischen Jugend“ in der Gaststätte statt. Erst kürzlich, am 9. April 2022, veranstaltete die extrem rechte NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ ihren Bundeskongress in der Gaststätte.

Völkische Szene in der Bundesrepublik ist eng vernetzt

Es kamen knapp 100 Personen zum „Herbstball“. Laut Endstation Rechts nahm der verurteilte Holocaustleugner Nikolai Nerling („Der Volkslehrer“) an der Veranstaltung teil. Bundesweit reisten die Teilnehmenden an. Die Autos hatten Kennzeichen aus Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mehrere Personen, die bereits an der „Herbstkulturtagung“ teilgenommen hatten, nahmen am „Herbstball“ teil. Die beiden Veranstaltungen stellten einmal mehr zur Schau, wie eng vernetzt die völkische Szene in der Bundesrepublik ist.

Lesetipp:

Im Oktober 2022 ist der Aufsatz „Das Ludendorff-Netzwerk in Baden-Württemberg“, der von Timo Büchner geschrieben und von der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg herausgegeben wurde, erschienen.

Link zum Artikel auf der Internetseite „Belltower News – Netz für digitale Zivilgesellschaft“:

https://www.belltower.news/ludendorff-treffen-unsere-froehlichen-musikanten-spielen-auf-140749/

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„Werden Teile der Karl- und Wilhelmstraße durch die Innenstadt 2023 für einige Monate gesperrt?“ – Crailsheimer Gemeinderat entscheidet in seiner Sitzung am Donnerstag

Diesen Donnerstag (20. Oktober 2022) wird der Gemeinderat Crailsheim nach Vorberatung im Bau- und Sozialausschuss darüber entscheiden, ob im Rahmen eines Verkehrsversuches Teile der Karl- und Wilhelmstraße im kommenden Jahr für einige Monate gesperrt werden sollen. In dieser Zeit soll die Strecke in eine temporäre Fußgängerzone verwandelt werden, die mit zahlreichen Elementen zu einer Steigerung der Aufenthaltsqualität führen soll. Das Projekt soll dabei laufend evaluiert werden, um die Ergebnisse später objektiv auswerten zu können.

Informationen der Stadtverwaltung Crailsheim

Fast einmalig in Deutschland: Bundesstraße führt durch Haupteinkaufspassage eines Mittelzentrums

11.200 Fahrzeuge befahren die Karlstraße jeden Tag. Wie ein heißes Messer durch die Butter teilt die B290 das Zentrum Crailsheims. Statt verbinden, trennt die vielbefahrene Straße demnach eher die Innenstadt. Dass damit eine Bundesstraße zeitgleich auch durch die Haupteinkaufspassage eines Mittelzentrums führt, ist fast in ganz Deutschland einmalig. Und für die Stadtverwaltung unter anderem ein Grund, wieso der hiesige Einzelhandel,
abgesehen von der Konkurrenzsituation mit dem Internet, immer mehr unter Druck gerät.

Lange und intensive Vorbereitungszeit

Die Verwaltung hat sich daher das Ziel gesetzt, in den kommenden Jahren die Attraktivität der Innenstadt zu steigern. Im Mai 2021 stellte Sozial – und Baubürgermeister Jörg Steuler erstmals die Pläne einer Verkehrsberuhigung der Karl- und Wilhelmstraße vor. Im Herbst folgte ein Bürgerforum, bei dem Interessierte sich über die Pläne austauschten und eigene Ideen entwickelten. Und auch der Gemeinderat blieb nicht untätig und kam im Juli 2022 zu einer Klausursitzung zusammen, bei der sich drei von vier Arbeitsgruppen für einen Verkehrsversuch aussprachen.

Entscheidung im Gemeinderat

Und genau dieser soll nun am Donnerstag offiziell beschlossen werden. Geplant ist, die Karlstraße ab dem Karlsplatz bis zur Wilhelmstraße an der Einmündung Grabenstraße für den fließenden Verkehr zu sperren – und das
im kommenden Jahr zeitlich befristet von den Oster- bis zu den Sommerferien. Die Strecke soll dabei in eine temporäre Fußgängerzone umgewandelt werden.

Ein Versuch zur Belebung der Innenstadt – Frage nach der Henne und dem Ei

Ist die mangelnde Innenstadtattraktivität auf die durchwachsene Qualität im Einzelhandel zurückzuführen – oder fehlt es an ansprechendem Einzelhandel aufgrund der derzeitigen Innenstadtsituation? Diese Frage, wie bei der Henne und dem Ei, wurde sowohl im Bürgerforum wie auch bei der Klausursitzung mehrfach gestellt. Die Verwaltung hat sich dieser angenommen, in der sie probiert, an den Stellschrauben zu drehen, auf die
sie Einfluss hat. So merkten Kritiker des Verkehrsversuches an, dass die Stadtverwaltung zunächst für vernünftige Rahmenbedingungen, wie beispielsweise attraktive Verkaufsflächen sorgen sollte, ehe etwas versucht werde. Andernfalls würde sich die schwierige Situation für den Einzelhandel noch mehr verschärfen. Doch hier sind der Stadt die Hände gebunden, solange sie nicht Besitzerin der Gebäude ist. „Wir können Anreize im Rahmen der städtebaulichen Entwicklung setzen, was wir auch machen. Und wir können aktiv das Gespräch mit den Immobilienbesitzern suchen, was wir ebenfalls bereits tun. Aber wir können niemandem vorschreiben, dass er seine Häuser sanieren soll, damit sie attraktiver für den Handel werden“, sagt Jörg Steuler.

Nicht nur Blumenkübel

„Gleichwohl ist der Stadtverwaltung auch bewusst, dass es bei der Sperrung der Karl- und Wilhelmstraße nicht nur mit dem Aufstellen von ein paar Blumenkübel getan ist. „Es wurde von uns auch nie behauptet, dass wir
lediglich dies vorhaben.“ Tatsächlich sei geplant, „gemeinsam mit dem Verein Stadtmarketing sowie unserem Ressort Kultur & Soziales im Rahmen des Verkehrsversuches ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm
umzusetzen, was die Menschen in d ie Straßen lockt“, gibt Steuler einen Ausblick. Zudem werde intensiv in der Verwaltung daran gearbeitet, eine Grüngestaltung mit mobilen Bäumen sowie Sitzmöglichkeiten zu entwickeln, die einen Ausblick darauf geben sollen, wie die Straßen als Fußgängerzone irgendwann einmal aussehen könnten.

Wegfallende Parkplätze fallen nicht ins Gewicht

Ein weiteres Argument, was Steuler in Gespräch immer zu hören bekommt, sei die Zahl der wegfallenden Parkplätze. „Bei unserem Verkehrsversuch fallen insgesamt sieben Parkplätze weg. Doch mit dem ZOB, Parkhaus
Grabenstraße sowie der Tiefgarage Schweinemarktplatz bleiben weiterhin genug Abstellmöglichkeiten, die in weit weniger als fünf Minuten zu jedem Ziel in die Innenstadt führen“, so Steuler.

Ergebnisse analytisch betrachten

Es bringt der beste Versuch nichts, wenn es an der passenden Auswertung mangelt. Dieser Umstand ist auch der Stadtverwaltung bewusst. So sollen sowohl die Verkehrsströme als auch die Fußgängerfrequenzen später beurteilt werden. Auf der Umgehungsstrecke soll zudem im geplanten Zeitraum die Ampelsteuerung angepasst werden, um einen besseren Verkehrsstrom zu erzeugen. Entwickelt und vorgeschlagen wurden diese Empfehlungen vom Verkehrsplanungsbüro R+T aus Darmstadt, das den bisherigen Prozess begleitet und die Konzeption des Versuchs fachlich vorangetrieben hat. Ein mögliches Parkleitsystem soll ebenfalls während des Verkehrsversuchs installiert werden. Und ehe eine endgültige Entscheidung getroffen wird, die auch Umbaumaßnahmen an den Verkehrsknotenpunkten wie dem Kreisverkehr „Bullinger Eck“ notwendig machen würde, hat der Gemeinderat das letzte Wort.

Es ist lediglich ein Versuch

In den vergangenen Monaten war viel darüber diskutiert worden, ob die geplanten Maßnahmen überhaupt erfolgversprechend sind. „Genau deshalb machen wir diesen Versuch. Mit ihm überprüfen wir die Chancen und Risiken unter realistischen Bedingungen“, sagt Steuler. „Niemand spricht heute schon von einer endgültigen Sperrung.“ Möglicherweise würden sich durch den Versuch auch neue Lösungsansätze eröffnen, die heute noch niemand erkannt habe. Ob der Versuch überhaupt zustande kommt, entscheidet der Gemeinderat. Steuler macht deutlich, dass es für ihn nur eine Lösung geben kann: „Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, zu handeln und die Gestaltung der Innenstadt selbst in die Hand zu nehmen. Oder wir belassen es so wie es ist, aber dann können wir uns später auch nicht beschweren, wenn unser städtisches Zentrum noch verlassener und unattraktiver erscheint, als es heute vielleicht schon der Fall ist.“ Jede Entscheidung habe ihre Folgen und Konsequenzen. Aus Sicht der Verwaltung sei jedoch klar, dass die Beibehaltung des heutigen Zustandes die schlechteste aller Möglichkeiten
sei.

Tagesordnung der Sitzung des Gemeinderates am Donnerstag, 20. Oktober 2022 um 18 Uhr im Ratssaal des Rathauses, Marktplatz 1, 74564 Crailsheim:

Öffentliche Sitzung

  1. Bürgerfragestunde
  2. Anfragen und Anträge
  3. Verkehrsversuch Innenstadt 2022/354
    Entscheidung
  4. Weisungsbeschlüsse für die Vertreter der Stadt Crailsheim im
    Zweckverband Wasserversorgung Jagstgruppe
    2022/285
    Entscheidung
  5. Weisungsbeschluss an die Gesellschafterversammlung der Stadt-
    werke Crailsheim GmbH zur Änderung des Gesellschaftervertrags
    2022/286
    Entscheidung
  6. Annahme von Spenden 2022/363
    Entscheidung
  7. Festlegung des Verkaufspreises im geplanten GE Rotebachring
    Roßfeld
    2022/364
    Entscheidung
  8. Organisationsuntersuchung – Information über die Ergebnisse im
    Bereich der Kernverwaltung, Zielstruktur für das Gebäudema-
    nagement und damit einhergehende Abgrenzung der Geschäfts-
    kreise
    2022/365
    Entscheidung
  9. Gestaltung Außenflächen Albert-Schweitzer-Gymnasium als Er-
    gebnis der Einbeziehung von Schülermitverwaltung und Jugend-
    gemeinderat
    2022/245
    Entscheidung
  10. Antrag der SPD-Fraktion vom 20.07.2022 / Stadtrat Mitsch
    Anhörung Elternbeirat zur Erhebung von Elternbeiträgen in städ-
    tischen Kindertageseinrichtungen
    2022/295
    Kenntnisnahme
  11. Antrag der SPD-Fraktion vom 20.07.2022 / Stadtrat Mitsch
    Änderung der Berechnungsgrundlage der Elternbeiträge für den
    Besuch der Kindertageseinrichtungen
    2022/294
    Entscheidung
  12. Antrag der CDU-Fraktion vom 20.07.2022 / Stadtrat Zucker
    Änderung der Berechnungsgrundlage der Elternbeiträge für den
    Besuch der Kindertageseinrichtungen
    2022/297
    Entscheidung
  13. Interkommunaler Gutachterausschuss „Altkreis Crailsheim“:
    Benennung zweier Gutachter/innen und neue Stellvertreter/in-
    nen-Regelung im interkommunalen Gutachterausschuss
    2022/299
    Entscheidung
  14. Flächennutzungsplan der VVG Crailsheim , Änderung A-2022-1F,
    “Sauerbronnen I“, Feststellungsbeschluss
    2022/351
    Entscheidung
  15. Flächennutzungsplan der VVG Crailsheim, Änderung Nr. 04-2017
    “Wohnbaufläche, landwirtschaftliche Fläche und gemischte Bau-
    fläche Aubergstraße“, Crailsheim-Jagstheim, geänderter Aufstel-
    lungsbeschluss
    2022/349
    Entscheidung
  16. Flächennutzungsplan der VVG Crailsheim, Änderung Nr. I-2022-1F
    “Feuerwache Westgartshausen“, Crailsheim, Auslegungsbeschluss
    2022/319
    Entscheidung
  17. Flächennutzungsplan der VVG-Crailsheim, Änderung 0-2017,
    “Wolfsacker, Tiefenbach“ Feststellungsbeschluss
    2022/366
    Entscheidung
  18. Antrag der AWV-Fraktion und SPD-Fraktion vom 20.07.2022 /
    Stadträte S. Klunker und Arendt, Evaluierung des ZOB-Antrages
    2022/362
    Entscheidung
  19. Radweg Crailsheim-Beuerlbach; Trassenführung 2022/348
    Entscheidung
  20. Geförderter Wohnungsbau „Heckenbühl“ –
    Bereitstellung von Haushaltsmitteln
    2022/359
    Entscheidung
  21. Bekanntgaben
    21.1. Vergabe von Mehrfamilienhausbauplätzen im Wohngebiet „He-
    ckenbühl“ – hier: Änderungen in der Ausführung bei Vergabe Los
    2
    2022/355
    Kenntnisnahme
    21.2. In nichtöffentlicher Sitzung gefasste Beschlüsse des Bau- und So-
    zialausschusses
    2022/333
    Kenntnisnahme
    21.3. Einteilungskriterien für die städtischen und kirchlichen Kinder-
    gärten
    2022/353
    Kenntnisnahme
    21.4. Bahnübergänge Maulach –
    Abschluss von Vereinbarungen mit der DB Netz AG
    2022/360
    Kenntnisnahme
    21.5. Anfrage der SPD-Fraktion vom 20.07.2022 / Stadtrat Mitsch
    Anfragen aus dem Gemeinderat im Stadtblatt
    2022/361
    Kenntnisnahme
    21.6. Anfrage der GRÜNEN-Fraktion vom 20.07.2022 / Stadtrat Karg
    Einrichtung von Bezirksbeiräten in den Stadtteilen Altenmünster,
    Ingersheim (inklusive Rotmühle), Kreuzberg, Roter Buck, Sauer-
    brunnen (inklusive Fliegerhorst), Schießberg und Innenstadt (in-
    klusive Türkei und Kalkäcker)
    2022/303
    Kenntnisnahme
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„Völkische weichen für ihren Herbstball von Kirchberg/Jagst-Herboldshausen nach Thüringen aus“ – Vertreter des Bund für Gotterkenntnis Ludendorff wollte bei der Stadtverwaltung Kirchberg seinen Ausweis nicht vorlegen

Die antisemitischen Ludendorffer weiten ihre Aktivitäten im Brauchtumsbereich aus. Eigene Räumlichkeiten reichen dafür nicht mehr.

Von Andrea Röpke auf der Internetseite Endstation Rechts

Ausweis nicht vorgelegt

Der Herbstball der Ludendorffer war für den 8. „Gilbhard“ (Oktober) in Kirchberg an der Jagst-Herboldshausen (Baden-Württemberg) geplant. Ähnlich wie beim völkischen Tanz in den Mai im nahen Hüttlingen sollte dafür sogar eine regionale Stadthalle angemietet werden. Dazu kam es nicht, weil anscheinend die Vorlage eines Ausweises für die Anmeldung verweigert wurde. Auf Widerstand stießen die Mitglieder des antisemitischen „Bund für Gotterkenntnis-Ludendorff“ im Landkreis Schwäbisch Hall lange nicht. Seit 1972 trifft sich die Anhängerschaft der Mathilde Ludendorff im eigenen Domizil, dem „Jugendheim Hohenlohe“ in Herboldshausen.

Politischer Knotenpunkt in Herboldshausen

Dort finden Recherchen des Journalisten Timo Büchner zufolge nicht nur eigene, sondern auch Veranstaltungen anderer neu-rechter und rassistischer Organisationen statt. Im Juni 2022 hatten erstmals 220 AntifaschistInnen gegen die Ludendorff-Sekte in Herboldshausen demonstriert und auf die neonazistische Vernetzung in der Region hingewiesen. Nicht nur Büchner betrachtet das geräumige Bauernhaus mit Anwesen im Dorf als politischen „Knotenpunkt“ in Baden-Württemberg. Daher sollte auch die größere „Festhalle“ in Kirchberg für den Herbsttanz angemietet werden. Doch der anmeldende Veranstalter-Vertreter wollte bei der Stadtverwaltung Kirchberg seinen Personalausweis nicht vorzeigen. Deshalb scheiterte laut Kirchbergs Bürgermeister Stefan Ohr der Herbstball der Ludendorffer in der Kirchberger Festhalle. Das alljährliche Brauchtumsevent musste kurzfristig von den Organisatoren nach Thüringen verlegt werden.

Bekannter Szene-Treff

Die „Volkstanzfreunde“ wichen an keinen unbekannten Ort aus: Der Gasthof von Fabian Rimbach in Marlishausen bei Arnstadt gilt längst als vielfältiger Szene-Treff. Am letzten Samstag reisten mindestens 30, zum Teil voll besetzte Fahrzeuge mit überwiegend jungen Leuten und Kindern u.a. aus Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt an. Nicht alle der Anreisenden schienen mit Volkstanz vertraut, es schien eine eher offene, für Szeneinteressierte gedachte Veranstaltung zu sein.

Leiterin von Kinderfreizeiten des NABU-Nachwuchses in Zweibrücken

Mehrere TeilnehmerInnen kamen aus Berlin wie Alrik D., der für den Einlass in Marlishausen sorgte. D. entstammt einer Ludendorff-„Sippe“, studierte an der Bergbauuniversität in Freiberg. Bekanntester Gast des Herbsttanzes war der neonazistische Blogger Nikolai Nerling, der seit längerem die Nähe zu dieser Organisation sucht. Es reisten AnhängerInnen der Identitären Bewegung aus Schwaben an sowie aus dem völkischen Kreis des Sturmvogel-Deutscher Jugendbund. Mit dabei auch eine Frau aus Brandenburg, die mehrmals an den Schetinin-Seminaren der ISKA Akademie im niedersächsischen Lüsche teilgenommen hatte. Mit Familie erschien die langjährige Ludendorff-Organisatorin Ingrid B. aus dem Saarland, die in Einladungen namentlich benannt wird. B. ist nebenher auch als Leiterin von Kinderfreizeiten des NABU-Nachwuchses in Zweibrücken tätig. Herbsttanz-Teilnehmer Gerfried Soyka zählte zu den Älteren – auch er entstammt einer bekannten Ludendorff-Familie. In Oberösterreich war Soyka als Lokalpolitiker der FPÖ tätig.

Kulturkampf

Fabian Rimbach betreibt nicht nur den Landgasthof am alten Bahnhof in Marlishausen, er braut zudem Bier, tritt für die AfD als „sachkundiger Bürger“ an und nahm die szeneinterne Laienspielgruppe „Friedrich Schiller“ bei sich auf, als die 2018 für ihr „Tell“-Stück in Bischofswerda probten. Rimbach führte die „Schlesische Jugend“ als Bundesvorsitzender an. Dennoch findet seine Immobilie im aktuellen Verfassungsschutzbericht Thüringens als rechtsextremer Szenetreffpunkt keine Erwähnung mehr. Dabei fand dort noch im Juli 2022 ein „Lesertreffen“ der „Deutschen Warte“ statt, an dem u.a. Axel Schlimper von der mittlerweile aufgelösten Europäischen Aktion, diverse NPD-Mitglieder und eine Frau aus der Kerngruppe des Anastasia-Landsitzes „Weda Elysia“ teilnahmen. Im April 2022 fand der Bundesparteitag der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ in dem Lokal statt, wie Fotos von Recherche Nord belegen.

Elitäres Volksgefühl

Ähnlich wie am Ludendorff-Standort im brandenburgischen Kirchmöser bemühen sich die „Gottgläubigen“ um personellen Zulauf. Deren Kulturkampf wird über Volkstanz-, und Musik als identitätsstiftendes Merkmal geführt. Ebenso wie einige extrem rechte Bünde und völkische Organisationen treten auch die Ludendorffer offensiver auf, über vermeintlich harmloses Brauchtum scheuen sie weniger die Öffentlichkeit. Als Motto für die Einladung zum Herbsttanz wurde ausgerechnet ein dem 1914 von einem Nazi in Paris ermordeten Sozialisten Jean Jaurès zugeschriebenes Bonmot verwendet: „Tradition ist die Bewahrung des Feuers, nicht die Anbetung der Asche“. Und mit einem abgewandelten Zitat von Victor Hugo heißt es weiter: „Der Tanz drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“. Entwendete Worte, die dazu dienen, einem innigen elitären Volksgefühl unauffällig Ausdruck zu verleihen.

„Radikal antisemitisches und antichristliches völkisch-religiöses Deutungssystem“

Die selbst ernannte Religionsgemeinschaft basiert auf der von Mathilde Ludendorff im Laufe der 1920er Jahre begründeten ideologischen Grundlage, der „Deutschen Gotterkenntnis“. Ihr Ehemann, der General des Ersten Weltkriegs und Erfinder der Dolchstoß-Legende, Erich Ludendorff, sah in der „Deutschen Gotterkenntnis“ das „größte Geschenk“ an die Menschheit und die „größte Revolution, die die Welt seit Jahrtausenden, ja je erlebt“ habe, schreibt Journalist Büchner in einem umfassenden Artikel für die Böll-Stiftung in Baden-Württemberg.

Im Nationalsozialismus blieb die „Gotterkenntnis“ als Religion geduldet

Die Historikerin Annika Spilker dagegen hält diese Ideologie für ein „radikal antisemitisches und antichristliches völkisch-religiöses Deutungssystem“. Spilker promovierte zur Biographie und Ideologie Mathilde Ludendorffs. Die fanatische Ärztin war der Ansicht, jede „Rasse“ besitze die Fähigkeit zum „ureigenen Gotterleben“. Allerdings stünden die „Edelrassen“ der Gotterkenntnis näher. Während des Nationalsozialismus überwarfen sich die Ludendorffs mit Hitler, dennoch blieb die „Gotterkenntnis“ als Religion geduldet. Nach 1945 war der Bund zunächst von den Alliierten verboten, bildete sich jedoch schnell wieder. Als das Ludendorff-Netzwerk 1961 durch das bayerische Innenministerium verboten wurde, bestand es, Recherchen von Büchner zufolge, aus knapp 4.000 Mitgliedern. 1976 hob das Bundesverwaltungsgericht das Verbot auf Grund von Verfahrensfehlern auf.

Jugendheim Hohenlohe und Hof Märkische Heide als Begegnungsstätte

Neben dem Jugendheim Hohenlohe in Kirchberg/Jagst-Herboldshausen betreibt eine Seminar- und Ferienhof GmbH von Anhängern den Hof Märkische Heide in Kirchmöser bei Brandenburg. Beide Immobilien dienen vor allem dem völkischen und rechtsbündischen Nachwuchs als kulturelle Begegnungsstätte, aber auch NPD-Jugend und Identitäre Bewegung sind anzutreffen.

Link zum Artikel auf der Internetseite „Endstation rechts“:

https://www.endstation-rechts.de/news/voelkische-weichen-nach-thueringen-aus

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„Starke Wurzeln, stolze Ernten – Eine Anbaumethode revolutioniert die Landwirtschaft – Saatgut- und Agrochemie-Konzerne verdienen kaum daran“ – Link zu einer Sendung von SWR2-Wissen

„Starke Wurzeln, stolze Ernten – Eine Anbaumethode revolutioniert die Landwirtschaft“ lautet der Titel einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Radiosenders SWR2. Die Sendung wurde 2014 produziert und in SWR2 Wissen am 11. Juli 2018 erneut veröffentlicht. Bettina Weiz hat den 27-minütigen Radiobeitrag produziert.

Von Bettina Weiz, veröffentlicht in SWR2 Wissen

Rekorderträge von Reis, Zwiebeln, Weizen und Kartoffeln

Ausgerechnet in den ärmsten Regionen Indiens fahren Bauern Ernten ein, von denen ihre Kollegen in Industrieländern nur träumen können: Ihre Rekorderträge von Reis, Zwiebeln, Weizen oder Kartoffeln gelingen ohne teure Spritzmittel, gentechnisch verändertes Saatgut oder Kunstdünger. Hinter den Erfolgen dieser Biobauern steckt eine ebenso einfache wie revolutionäre Anbaumethode. Ein französischer Missionar hat sie vor drei Jahrzehnten auf Madagaskar erfunden. Wissenschaftler an der US-amerikanischen Cornell-Universität haben sie weiterentwickelt. Kleinbauern von Afrika bis Südostasien wenden die Methode mittlerweile an, aber ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit hat sie es bisher nicht geschafft – möglicherweise weil Saatgut- und Agrochemie-Konzerne daran kaum verdienen. (Produktion 2014)

Sendung von Mittwoch, 11. Juli 2018, 8:30 Uhr, SWR2 Wissen, SWR2 zum Nachhören:

https://www.swr.de/swr2/wissen/anbaumethode-revolutioniert-landwirtschaft,broadcastcontrib-swr-15896.html

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„Jochen Wahl zum 80. – Bilder und Skulpturen in Balingen zu sehen“ – Der Künstler aus Obersulm hatte viele Jahre ein Atelier im ersten Stock des Kulturbahnhofs Gleis 1 in Waldenburg

Hans Graef weist auf die Ausstellung seines 2007 verstorbenen Freundes, des Künstlers Jochen Wahl aus Obersulm hin. Wahl hatte viele Jahre ein Atelier im ersten Stock des Kulturbahnhofs Gleis 1 in Waldenburg. Jochen Wahl war ein renommierter internationaler Künstler. Im Gleis 1 fanden einige seiner Ausstellungen statt. Wahl wäre 80 geworden und hat ein großartiges Lebenswerk hinterlassen.

Informationen zugesandt von Hans Graef, Gleis 1 in Waldenburg

Ausstellung in Balingen „Jochen Wahl zum 80. – Bilder und Skulpturen“

Die Ausstellung in der Rathausgalerie Balingen ist von 14. Oktober 2022 bis 21. Januar 2023 zu sehen. „Sie ist eine Hommage an einen Künstler, dessen Vorfahren die Stadt und Region politisch wie unternehmerisch geprägt haben“, schreiben die Veranstalter der Stadthalle Balingen.

Vernissage am Donnerstag, 14. Oktober 2022

Zur Eröffnung der Ausstellung gibt es eine Vernissage am Donnerstag, 13. Oktober 2022, um 19.30 Uhr in der Balinger Rathausgalerie, Färberstraße 2, 72336 Balingen. „Dirk Mende wird seinen Jochen Wahl-Erinnerungsschatz öffnen, Rudolf Greiner kunsthistorisch einordnen“, schreibt Sibylle Wahl in einer Einladung zur Vernissage.

Weitere Informationen zum Künstler Jochen Wahl, seine Werke und die Ausstellung in Balingen:

J O C H E N W A H L
Gemälde • Zeichnungen • Skulpturen

Von 14. Oktober 2022 bis 21. Januar 2023

Veranstaltungsort:
Rathaus Galerie Balingen
Färberstraße 2
72336 Balingen

Öffnungszeiten:
Montag – Donnerstag:
8:00 – 18:00 Uhr
Freitag: 8:00 – 13:00 Uhr
Samstag: 9:00 – 13:00 Uhr
Eintritt frei

Ausstellungsdauer:

Von 14. Oktober 2022 bis 21. Januar 2023

Weitere Informationen:

Telefon: 07433 – 9008410

E-Mail: doris.schneider@balingen.de

Veranstalter:

Stadthalle Balingen, Hirschbergstraße 38, 72336 Balingen

Fabrik für Kühlanlagen gegründet

Jochen Wahls Großvater, Robert Wahl, gründete 1919 in Balingen eine Fabrik für Kühlanlagen. Als Gegner der Nationalsozialisten wurde er nach dem Krieg Bürgermeister in Balingen und später Landrat. Er übergab den Betrieb an seinen Sohn, der 1953 aus dem Leben schied. Seine Ehefrau und die Mutter von Jochen Wahl übernahm das Unternehmen und ließ den Sohn fortan in verschiedenen Privatschulen erziehen. Er verließ so schnell er konnte die ‚Erziehungsanstalten‘ und wollte Künstler werden. Er bewarb sich an der Kunstakademie in Berlin und wurde abgelehnt.

Hyperrealismus

Es folgten Jahre der Selbstzweifel. Er holte sein Abitur nach und wurde 1967 in die Meisterklasse des damals bereits weltberühmt gewordenen Rudolf Hausner aufgenommen. Dort erlernte er die realistische, altmeisterliche Maltechnik, die er fortlaufend perfektionierte und zeit seines Lebens angewendet hat. Er benutzte seinen Hyperrealismus nicht, um Bekanntes nachzumalen, sondern um innere Zustände und Phantasien so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Der Betrachter wird dadurch nahezu körperlich bedrängt und gefesselt von seinen Gestalten und Erfindungen.

Künstlergruppe „ZÖTUS“ gegründet

Mit Helnwein, einem anderen weltbekannt gewordenen Schüler von Hausner, gründete er mit anderen die
Künstlergruppe „ZÖTUS“. So unterschiedlich beider Arbeitsweisen auch waren, ein erkanntes Prinzip setzten beide in ihrer Kunst ein: Allein die Kunst hat die Fähigkeit, unbewusste Bereiche im Betrachter zu berühren und kann das reale Grauen in den Köpfen der Menschen freisetzen, was keine noch so intensive sprachliche Kommunikation vermag. Wahl profitierte vom Dunstkreis und vom weltweiten Hype der Wiener phantastischen Realisten. Vor allem davon, dass sie gegen den Mainstream der Nachkriegskunst eine realistische Kunst wieder möglich gemacht hatten. Nach dem Krieg war der Marshallplan für die Kunst amerikanisch, gegenstandslos, informell, geometrisch. Jede Art von realer Darstellung von Welt und Menschen war verpönt, war doch hinter dem „Eisernen Vorhang“ realistische Kunst sogar verordnet. Damit wich die westliche Kunst aber auch einer Aufarbeitung eines durch den Krieg völlig zerstörten Menschenbildes aus.

„Orthopädische Köpfe“

Wahl will nicht wegschauen. Er greift ein überkommenes Menschenbild frontal an und ist auf der Suche nach einem anderen. In welcher Härte er dabei vorgeht sieht man exemplarisch an seinen „orthopädischen Köpfen“. Damit unterscheidet er sich auch vom „Phantastischen Realismus“, deren Vertreter Hausner, Fuchs, Brauer, Hutter u.a. einschwenken auf genießbar Psychologisches, auf mythische Themen, kosmische Träume, alttestamentliche Fabeln oder apokalyptische Visionen.

Mögliche Wesen aus einer anderen Galaxie

Wahl bläht die Köpfe und Körper seiner Figuren auf, so dass sie den gesamten Bildraum einnehmen. Er betrachtet sie von oben mit riesigen Köpfen und kleinen Extremitäten. Köpfe und Rumpf verschmelzen zuweilen zu einer wabernden Masse. Einmal die Veränderungen der menschenähnlichen Figuren in Gang gesetzt, mutieren sie in Bildzyklen weiter und werden zu seltsamen Wesen. Gesichter verschmelzen zu Masken, Körper zu Panzern, Rüstungen, Fleischlichem, Tierischem. Sie beinhalten zwei entgegengesetzte Zeitschienen, wohl weil man ihre gegenwärtige Existenz als Betrachter nicht annehmen kann. Seine Gestalten sind vormenschlich, archaisch und gleichzeitig futuristisch – mögliche Wesen aus einer anderen Galaxie.

Hals-über-Kopf-Läufer

Im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung werden aus solchen ‚Fremdwesen‘, auch ‚Freundwesen‘: Jäger, Sammler, Wächter, Läufer, Schutzgeister, die allesamt mit speziellen übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet werden. So gibt es schwebende Gefesselte, Läufer mit drei Beinen, Flügelläufer, Nasenläufer, Hals-über-Kopf-Läufer, Schnüffler. Oftmals haben sie Fühler, die wie eine Antenne Signale aus anderen Bereichen empfangen oder aufspüren. Sie sind zudem mit allerlei Überlebensutensilien ausgestattet, die sie mit sich tragen und die von Jochen Wahl akribisch unter der Lupe ausgemalt sind. Nahezu zwangsläufig treten solche den Betrachter ergreifende Gestalten aus ihrer zweidimensionalen Papierwelt heraus und werden zu plastischen Gebilden. Die dabei verwendeten unterschiedlichen Materialien, Leder, Knochen, Filz, Metall und Stein haben einen mystischen, fast sakralen Charakter, der an die Haptik von Josef Beuys Skulpturen erinnert.

Spielerisch, absurd witzig, erstaunlich

Sibylle Wahl ist es zu danken, dass fast alle Werke des Künstlers, 42 Ölbilder, 26 Aquarelle, 1072 Zeichnungen, 150 Radierungen und 150 Skulpturen für immer in einem akribischen Werkverzeichnis aufgehoben sind. Die Rathaus Galerie gibt Einblicke in diese eindringlich packende Bildwelt. Wahls Wesen und Erfindungen haben sich erstaunlich visionär erwiesen. Viele Erscheinungen unserer Gegenwart sind vorweggenommen. Vom Corona-Masken-Tanz angefangen über die Science-Fiction Medien bis hin zu den Versuchen, die Menschen mit Chips zu optimieren. Das latent Bedrohliche in Wahls Werk erhält durch die vielfachen Variationen seiner Wesen, die man als Mutationen begreifen könnte, auch etwas Spielerisches, absurd Witziges aber immer Erstaunliches.

Text: Rudolf Greiner

Biographie:

Jochen Wahl

(15.10.1942 – 1.2.2007)

– Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, Meisterklasse
Rudolf Hausner

– Gründung der Künstlergruppe ZÖTUS zusammen mit Gottfried Helnwein u.a.

– Preis der Ersten Österreichischen Sparcasse

– Goldene Fügermedaille

Zeichnungen, Radierungen, Skulpturen, Ölbilder in Privatbesitz und öffentlichen Sammlungen:

Albertina Wien, Staatsgalerie Stuttgart, Städtische Galerie Heilbronn, Grafische Sammlungen LMU München, Schloss
Haigerloch, Deutsches Ledermuseum Offenbach, Museum Schloss Moyland, Sammlung van der Grinten, Spencer Museum of Art, USA

Vielfache Ausstellungen, häufig vertreten auf der Art Basel

Sibylle Wahl: Werkverzeichnis Jochen Wahl, Verlag Kauz &
Sonderling, 2020

Weitere Informationen im Internet:

https://www.tourismus-bw.de/veranstaltungen/jochen-wahl-zum-80.-bilder-skulpturen-6082a3a155

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Eine unangepasste Frau als „Prinzessin zwischen den Welten“ – Buch über Charlotta von Pfalz-Birkenfeld im Asyl in Hohenlohe-Weikersheim

„Keine schönen Gemächer…“ – Eine andere Prinzessin verbrachte 14 Jahre ihres Lebens im hohenlohischen Weikersheim im Asyl: Charlotta von Pfalz-Birkenfeld, Enkelin Fürstin Sophias in Neuenstein. Alleinstehend und ohne Einkommen musste sie um ihren Lebensunterhalt alltäglich kämpfen. Dabei scheute sie auch vor Autoritäten nicht zurück. Mit Graf Wolfgang Julius von Hohenlohe, dem berühmten Türkensieger, schlug sie sich heftig. Vertrauen schenkte sie nur ihren Bedienten. Über die unangepasste Adelige ist ein Buch mit dem Titel „Prinzessin zwischen den Welten“ erschienen.

Von Helmut Wörner, Historiker aus Schwäbisch Hall

Ein enfant terrible par excellence

Sie offenbarte auch ihre Gefühle und wenn sie in Rage geriet, nahm sie kein Blatt vor den Mund. Für ihre Standesgenossen ein enfant terrible par excellence. Aus ihrem umfangreichen Briefwechsel ergibt sich das aufregende Bild einer unangepassten Frau in Hohenlohe gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Entdecken Sie die Welt eines ganz kleinen und ganz anderen fürstlichen Hofes in Weikersheim. Mit dem bewegten Leben von Pfalzgräfin Charlotta – vor allem mit deren 14 Jahren im Asyl im hohenlohischen Weikersheim – hat sich der Historiker Helmut Wörner befasst. Wörner arbeitet im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein.

Mittellos in einer Gastwirtschaft

Eine Märchenprinzessin oder Königin der Herzen war sie nicht und sie hatte auch keine „schönen Gemächer“: Pfalzgräfin Charlotta war eine ungewöhnliche Prinzessin, die 14 Jahre ihres Lebens in Weikersheim verbracht hat.
Charlotta Sophia Elisabetha von Pfalz-Birkenfeld, Enkelin von Fürstin Sophia im hohenlohischen Neuenstein, stammte aus den höchsten Kreisen des Reiches. Aus ihrer Heimat in der Pfalz vertrieben, führte sie das Schicksal nicht nur an verschiedene Fürstenhöfe, sondern brachte sie auch in engen Kontakt mit den einfachen Leuten oder dem Leben in einer bürgerlichen Stadt wie Nürnberg. Als ihre Lage dort unhaltbar geworden war, sie saß mittellos in einer Gastwirtschaft fest, fand sie Zuflucht bei den Verwandten in Hohenlohe.

Bestehende Ordnung in Frage gestellt

Es ist die Zeit der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und dem Reich. 1688 und erneut 1692 kamen die Soldaten des „Sonnenkönigs“ in die Neckargegenden und auch nach Hohenlohe, brandschatzten und erpressten Nachschublieferungen. 1689 verheerten und besetzten sie die Pfalz. Den Franzosen folgten durchziehende Reichstruppen mit Einquartierungen und Abgabeforderungen. Das Land war durch Kriegssteuern ausgepresst. Und zugleich war Ludwig XIV. Vorbild und glänzender Bezugspunkt fast aller Herrschaften seiner Zeit.
Prinzessin Charlotta war 27 Jahre alt und unverheiratet, als sie das Schloss in Weikersheim im August 1689 bezog. Als sie die Stadt im Juni 1703 wieder verließ, war sie ihr trotz aller Kämpfe und Anfechtungen zur zweiten Heimat geworden. Für ihre hohen Anverwandten war die Prinzessin ein „enfant terrible“ par excellence. Hundert Jahre vor der Französischen Revolution benahm sie sich fast wie irgendeine Bürgerin und stellte damit die Grundlage der bestehenden Ordnung in Frage. Dass sie in ihrer Nürnberger Zeit allabendlich mit einer einfachen Gärtnerstochter das Gespräch suchte, war für ihre Standesgenossen unerhört.

Über einhundert persönliche Briefe

Und so wundert es nicht, dass der Aufenthalt der Prinzessin von Birkenfeld in Weikersheim nach ihrem Abzug schnell ad acta gelegt wurde und der Vergessenheit anheim fiel. Doch dort, „ad acta“, hat er zahlreiche Spuren hinterlassen. Aus über einhundert persönlichen Briefen der Prinzessin ergibt sich ein lebendiges Bild vom Leben dieser Frau im ausgehenden 17. Jahrhundert.

Sie schreckte vor keiner Autorität zurück und verschwieg ihre Gefühle nicht

Vertrauen schenkte Prinzessin Charlotta nur ihren Bedienten. Das Verhältnis zu ihnen erscheint wie ein Gegenentwurf zu der von klein auf erlebten Unzuverlässigkeit und Missgunst ihrer hohen Anverwandten, von denen sie abhängig war: eine absolute Zuverlässigkeit und Treue gerade gegen die von ihr Abhängigen, ihre Bedienten.
Prinzessin Charlotta verschwieg ihre Gefühle nicht. Allein das ist schon ungewöhnlich. Denn das adelige Selbstverständnis war um ein Höchstmaß an Contenance in der Öffentlichkeit bemüht. Prinzessin Charlotta dagegen hielt mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg und wenn sie in Rage geriet, schreckte sie vor keiner Autorität zurück. Sie legte sich sowohl mit dem einflussreichen Juden Lämmle in Weikersheim als auch mit dem in hoher Gunst stehenden Rat Pfannenschmid in Öhringen und ganz besonders mit Stadtpfarrer Schiller an, der ihr eine laue Haltung in Religionsfragen und ausbleibenden Kirchenbesuch vorgehalten hatte.

Krachende Auseinandersetzung

Und auch ihre hochgräflichen Hohenlohischen Verwandten in Öhringen und Neuenstein, auf deren finanzielle Unterstützung sie doch angewiesen war, stutzte sie zurecht. Ein eigenes Kapitel füllt dabei ihre Beziehung zu dem im ganzen Reich berühmten hochdekorierten Feldherr und Türkensieger Graf Wolfgang Julius von Hohenlohe, ihrem Onkel, die in eine krachende Auseinandersetzung mündete.

Hofdamen zu ihrer Unterhaltung brauchte sie nicht

Dass sie nicht nur selbst über ihr Leben bestimmen wollte, sondern das auch mit solcher Hartnäckigkeit und Emotionalität durchzusetzen suchte, war für ihre Standesgenossen die größte Herausforderung. Mit ihrer „üblen conduite“, wie sie es nannten, blieb sie einfach nicht in den Schranken. Die Hohenloher Welt stand kopf.
Demgegenüber entsprach das lustvolle Ausgeben von Geld oder die Verschwendungssucht, die sie der Prinzessin vorwarfen, eigentlich eher dem in ihren Kreisen üblichen Verhalten. Tatsächlich lebte Prinzessin Charlotta in Weikersheim, jedenfalls für eine Prinzessin, eher bescheiden.
Sie kümmerte sich selbst um den Haushalt, kochte manchmal und arbeitete im Haus oder Garten. Hofdamen zu ihrer Unterhaltung brauchte sie nicht. Dementsprechend verfügte sie über praktische Erfahrung. Sie kannte die Preise nicht nur für Schmuck, sondern auch für Wein oder Hafer und Heu für die Pferde.

Mit ihrem Geschmück zu plagen

Die Prinzessin von der Pfalz, im Krieg aus ihrer Heimat vertrieben, aufgebrochen in die große Welt, in Hohenlohe gestrandet, erscheint als eindrucksvolle, sehr menschliche Zeitzeugin, die durch ihre Briefe Einblick in die persönliche Gefühlswelt einer unangepassten Frau am Ende des 17. Jahrhunderts gewährt. Da ist es letztlich nur eine formale Frage, ob es sich bei unserer Hauptperson um eine Fürstin oder eine Dienstmagd handelt. Denn jeder Mensch hat seinen Bezugsrahmen, in dem er sich zurechtfinden muss. Eine Prinzessin hatte sich eben mit ihrem Geschmück zu plagen, war aber ansonsten auch nur ein Mensch.

Informationen zum Buch „Prinzessin zwischen den Welten“:

Helmut Wörner: „Prinzessin zwischen den Welten“, Verlag Ph. C. W. Schmidt, Neustadt an der Aisch 2021, 348 Seiten, mehr als 40 Bilder, Preis 29,90 Euro, ISBN 978-3-87707-201-1

Der Autor Helmut Wörner arbeitet als Historiker im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein.

Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder bei:

Verlag Ph. C. W. Schmidt, Nürnberger Straße 27-31, 91413 Neustadt an der Aisch, Telefon 09161/8860-0, E-Mail: verlag@verlagsdruckerei-schmidt.de

Internet: www.verlagsdruckerei-schmidt.de/shop

Über den Autor Helmut Wörner:

Helmut Wörner, geboren 1959, lebt in Schwäbisch Hall. Er arbeitete zunächst im sozialen Bereich und ist seit 2015 Mitarbeiter im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein. Seine Themen aus der Geschichte der alten Grafschaft Hohenlohe schöpft er aus dem reichen Fundus des Archivs.

Veröffentlichungen:

„Das Reitersiegel Gottfrieds von Hohenlohe – Reliquie oder Fälschung?“ In: Jahrbuch für Württembergisch Franken, 2019

„Die weiße Taube aus Schillingsfürst. Machtkampf im Zeichen des Fürstenwappens.“ In: HEROLD-Jahrbuch NF 23/24, 2019

„Beisetzungen in der herrschaftlichen Gruft der Stadtkirche Weikersheim“. In: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg: „Neue Forschungen. Schloss Weikersheim“, 2019

„Der Ruin in Weikersheim“. Vom Lusthaus zum Palais Laukhuff (Herausgeber Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg), 2020

„Prinzessin zwischen den Welten“ (Eine ungewöhnliche Prinzessin im hohenlohischen Asyl). Neustadt/Aisch, 2021

„Leben und Werk des hohenlohischen Malers Joachim Georg Creuzfelder (1622-1702)“ und insbesondere „Die Kirchberger Decke und ihr Programm“, geplante Veröffentlichung im Jahrbuch für Württembergisch Franken 2023

Weitere Informationen und Kontakt:

E-Mail: woerner_helmut@t-online.de

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„Weberei, Kupferwerkstatt, Demeter-Gärtnerei besichtigen – Ausklang im SoBio-Café“ – Weckelweiler Gemeinschaften bei einem Werkstätten-Rundgang kennenlernen

Die Weckelweiler Gemeinschaften als anthroposophisch orientiertes Sozialunternehmen der Behindertenhilfe bieten am Freitag, 30. September 2022, um 13.30 Uhr einen Rundgang durch ihre Werkstätten an. Besucht werden zum Beispiel die Weberei, die Kupferwerkstatt und die Demeter-Gärtnerei.

Von Michaela Butz, Öffentlichkeitsarbeit/Marketing der Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler

Für Werkstätten-Rundgang anmelden

Interessierte sollten bereit sein, im Werkstättenhaus eine Maske zu tragen. Den Rundgang können die Teilnehmer:innen im SoBio-Café ausklingen lassen. Die Teilnahme ist kostenlos. Wir bitten um eine Anmeldung unter Telefon 07954 970-0 oder per E-Mail an piller@weckelweiler.de

Weitere Informationen und Kontakt:

Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler e.V., Heimstraße 10, 74592 Kirchberg/Jagst

Telefon. 07954/ 970-0

Internet:

weckelweiler.de

weckelweiler-shop.de

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