„Bahnhofareal Nord: Mehr großstädtischer Beton-Style für Schwäbisch Hall“ – Kommentar von Paul Michel

Nachdem die Stadt sich lange Zeit auf die Suche nach „Anker-Mietern“ für das „Bahnhofareal Süd“, die Fläche hinter dem Bahnhof konzentriert hatte, nimmt sie jetzt allmählich das „Bahnhofareal Nord“, die Freifläche vor dem Bahnhofsgebäude, ins Visier. Wie bei so manchen anderen Projekten soll auch diesmal geklotzt werden. Bei der PR für das Projekt wird kräftig auf den Putz gehauen, wobei man es mit den Fakten und der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Kommentar von Paul Michel, Schwäbisch Hall

Um was geht es beim „Bahnhofsareal Nord“?

Die Stadt will die Bushaltestelle vom Bahnhof weg runter in die Steinbacher Straße verlegen, um sich oben auf dem Bahnhofsvorfeld bautechnisch ungehemmt austoben zu können. In dem Teil des Geländes zwischen Bahnhofsgebäude und Ausfahrt in die Neue Reifensteige sollen für eine Mischnutzung (gewerblich und Wohnungen) sechs große Wohnblöcke entstehen. Die Wohnblöcke sollen sich praktisch direkt angrenzend an die Steinbacher Straße befinden. Die grüne Böschung zur Steinbacher Straße und die Bäume oben auf Bahnhofsvorfeld müssen zu Gunsten einer großstädtisch anmutenden Betonkultur weichen. Auch die bisher vorhandenen Parkplätze müssen verschwinden. Für sie wollen der Baubürgermeister und der OB allerdings Ersatz schaffen: In Gestalt eines unterirdischen Parkhauses mit zirka 250 Plätzen. Darüber, wie viel dieser Spaß kosten dürfte, schweigen sich OB und Baubürgermeister hartnäckig aus.

Betonfestival

Ein Teil dieses geplanten Betonfestivals hat bei Umweltschützerinnen zu Empörung geführt. Eine BaumschützerInnengruppe hatte in einer Online-Petition 1600 Protestunterschriften gegen das Projekt gesammelt. Das Umweltzentrum beauftragte einen Stadtplaner mit der Erstellung eines Alternativentwurfs. Wichtigstes Anliegen dieses Alternativentwurfs ist, dass die geplanten sechsstöckigen Häuser so weit in Richtung Bahngleise verschoben werden, dass der grüne Hang hin zur Steinbacher Straße erhalten bleiben kann.

Alternativentwurf des Umweltzentrums

Im Vorfeld der Gemeinderatssitzung vom 17. März 2021, auf der von Baubürgermeister Klink die aktuellen Baupläne für das „Bahnhofareal Nord“ dem Gemeinderat zur Bestätigung vorgelegt werden sollten, geschah etwas Unerwartetes: Das Umweltzentrum hatte im Vorfeld der Sitzung den mittlerweile fertiggestellten Alternativentwurf allen Stadträten zukommen lassen. Insofern mussten Verwaltung und Gemeinderat beim TOP 9.1. der Tagesordnung auch Bezug nehmen auf den vom Umweltzentrum vorgelegten Alternativentwurf. Man/frau durfte gespannt sein, wie Verwaltung und Gemeinderäte reagieren würden.

Von der Kunst, aus einem X ein U zu machen

Tatsächlich war es bemerkenswert, was ich als Zuhörer auf den Besucherrängen der Hagenbachhalle bestaunen durfte. Das, was sich bei der Aussprache über TOP 9.1 abspielte, war gewiss keine Sternstunde des sachorientierten Bürgerdialogs. Zu bestaunen waren stattdessen beachtliche rhetorische Höchstleistungen des Baubürgermeisters. Peter Klink zeichnete ein Bild der Lage, das mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, aber dennoch überzeugend rüberkommt. Er bewies an diesem Abend, dass er über die rhetorischen Fähigkeiten verfügt und so in der Lage ist, einem nicht sonderlich kritischen Publikum ein X für ein U vorzumachen. Ohne erkennbar rot zu werden, beteuerte Peter Klink, dass sein Amt bei der Information über die Pläne für das „Bahnhofareal Nord“ von Anfang an transparent verfahren sei. Dabei verwies er darauf, dass bereits frühzeitig, im Jahr 2017 informiert worden sei.

Ahnungslos

Dazu wäre anzumerken: Ich zumindest habe davon nichts bemerkt, als ich mich im Sommer 2019 zu dem Thema „Bahnhofareal Nord“ schlau zu machen versuchte. Alle Leute, mit denen ich sprach, waren noch ahnungsloser als ich. Niemand wusste, dass es bezüglich „Bahnhofsareal Nord“ überhaupt irgendwelche Pläne gab. Selbst von einem hochrangigen Mitarbeiter von Klink im Baureferat war zu dieser Zeit nur zu erfahren, dass man da nicht viel Konkretes sagen könne, weil man sich gerade intensiv um das „Bahnhofareal Süd“ kümmere.

Ein Hoch der Sprachakrobatik!

Letzten Endes war Klink mit seiner Sprachakrobatik erfolgreich. Mit 18 gegen 10 Stimmen wurde der Vorschlag der weiteren Befassung mit dem Vorschlag des Umweltzentrums abgelehnt. Als Andrea Herrmann von den Grünen beantragte, mit dem Beschluss über die Auslegung der Baupläne noch etwas zu warten und in der Zwischenzeit den Alternativentwurf des Umweltzentrums noch einmal zu prüfen, brachte Peter Klink das Kunststück zuwege, seine Ablehnung der weiteren Befassung mit dem Alternativvorschlag des Umweltzentrums als Akt der Offenheit gegenüber Änderungsvorschlägen zu verkaufen.

Wieder auf Linie

Martin Lindner von der CDU und Friedrich Waller von der FWV dankten Klink ausdrücklich dafür, dass er mit seinen Auslassungen ihr Weltbild wieder gerade gerückt habe. Sie seien vorher schwach geworden und hätten gewisse Sympathien für den Vorschlag des Umweltzentrums verspürt. Nun aber wüssten sie, dass Klink alles richtig mache und nun wären sie wieder auf Linie. Entsprechend fiel das Ergebnis der Abstimmung aus. Die Reihen von CDU, SPD, FDP und FWV stimmten geschlossen für den Antrag der Verwaltung. Wird fortgesetzt…

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