„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden einundzwanzigster Teil

„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden einundzwanzigster Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

XXI Spott

… „Meine Mutter führte einen streng geordneten Haushalt; es mussten die Schmiede, die Landwirtschaft, samt dem großen Garten, und die vielen Menschen im Haus unter einen Hut gebracht werden. Daher war es selbstverständlich, dass jeder seinen Teil dazu beitrug. So kam man als Kind ja gar nicht drum herum, besonders im Sommer beim Ernten und Einmachen, überall wo es nur möglich war eingesetzt zu werden.“

Despot

Carl besann sich kurz und erzählte weiter: „Mein Vater war ein fürchterlicher Despot, und ich war für die körperlich anstrengende Arbeit in der Schmiede nicht geeignet. Wohlweislich hielt ich mich eher im Arbeitsbereich meiner Mutter auf, so entging ich auch seiner groben Art.“ „Deine Mutter hat Dich also dadurch beschützt, indem sie dich als Bub in der Küche bei sich behielt?“ Mutmaßte Paula weiter. „Ja“, bestätigte Carl Paulas Frage recht kurz angebunden. Sie vernahm Carls abweisenden Tonfall und machte keine weiteren Anstalten mehr, ihn nach seinem Heranwachsen auszufragen. Geschickt lenkte sie nach einigen Minuten das Gespräch auf Themen, welche für Carl sicherlich nicht sofort mit schwierigen Forschungen in seinem Innersten einhergehen würden.

Was ist mit Fieläckerle?

„Was ist eigentlich mit deinem liberalen Kumpel aus den alten Verbindungen, dem Fieläckerle?“, fragte Paula scheinbar beiläufig. Carl Eugen atmete erleichtert auf und war froh, dass er mit diesem Gesprächsthema das Tretminenfeld seiner Kindheit hinter sich lassen konnte. Seine Augen glänzten schelmisch und er fing gut gelaunt an, zu erzählen: „Dem Harald flogen letztes Jahr die Fetzen aus seiner windreichen Vergangenheit wegen Insolvenzverschleppung um die Ohren, und er hat grad genug damit zu tun, in der Kommunalpolitik einigermaßen durchzukommen. Er sitzt mit der Silke Weibel, seiner geschiedenen Frau, und einem liberalen Parteifreund zusammen im Gemeinderat und muss sich da allerhand gefallen lassen.“

Populistischer Umweltschutz-Antrag

Paula ergänzte spöttisch: „Sein unvermittelter Antrag zum Umweltschutz war derart populistisch, dass eine Gemeinderätin aus einer anderen Fraktion ihm eins übergebügelt hat. Nach dem Motto: >Bis vor kurzem hätte er das Wort Umweltschutz ja noch gar nicht buchstabieren können<.“ Und sie lachte unverhohlen vor Schadenfreude. Carl Eugen amüsierte sich über Paulas gute Laune und gab gleich eine weitere Anekdote zum Besten:
„Im Oktober soll doch die Figur von dem Bodmaner in Stuttgart aufgestellt werden.“ „Ja, und da will ich dabei sein.“, fiel Paula ihm ins Wort: „Stell Dir vor! Der plastische Anarchist* hat da in einer Kunst 160 Figuren herausgearbeitet – dieses Werk muss überwältigend sein!“ „Ja, und sicherlich nicht nur für Kunstliebhaber“, kommentierte Carl Paulas Einwurf. „Der Fieläckerle hat nämlich arge Bedenken, dass man ihn dann auf dem Charlottenplatz in dem Kunstwerk ausmachen könnte – der „Skulpteur“ hält sich ja mit nichts zurück und überschüttet jedes Verbrechen der Obrigkeit und deren Handlanger mit hämischem Spott. Man kann bei seinen Werken alle Beteiligten an ihren charakteristischen Gesichtszügen und ihrem Habitus zweifelsfrei wiedererkennen. Von den verübten Schandtaten gar nicht zu reden, die deutlich übersetzt dargestellt sind.

Verlogenheiten

Seine berühmte >Imperia< in Konstanz, ist sogar zu einem überaus beliebten Ausflugsziel für Touristen aus dem In- und Ausland geworden. „>Stuttgart einundzwanzig< wird wohl der krönende Abschluss seiner Karriere sein“, mutmaßte Paula fast wehmütig. „Das kann schon sein. Aber der Bodmaner wird für alle Augen offensichtlich mit seiner Kunst, mitten in Stuttgart, alle Verlogenheiten der vergangenen Jahrzehnte unseres so sauberen Musterländles aufs Beste zur Schau stellen“, versuchte Carl Paulas Wehmut zu beschwichtigen. Paula erinnerte sich: „Damals, schon ganz am Anfang, setzte man in Stuttgart die städtischen Beamten in den Abteilungen, die mit den ersten Planungen zu tun hatten, unter Druck. Wer auch nur etwas dagegen vorbringen oder gar öffentlich sagen würde, den würde man so versetzen, dass er oder sie nie wieder etwas zu sagen haben würde.“ Und Paula machte eine kleine Pause. „Welcher junge, aufsteigende diplomierte Biologe oder Geologe wollte sich da schon die Finger verbrennen?

Bahnhof ruiniert

Damals gab es auch noch sehr wenige Frauen in den Ämtern der Stadtplanung, und diese wenigen wollten ihre hart erkämpften Positionen auch nicht gleich wieder verlieren. So züchtete man von oben herab das widerstandslose Schweigen zu einem Verbrechen. Man hat einen fabelhaft funktionierenden Bahnhof ruiniert, ein einmaliges Zeugnis der Baugeschichte zerstört und viele der alten Platanen mitten im städtischen Erholungsgebiet unwiederbringlich abgeholzt. Und zu guter Letzt haben sie noch mit Wasserwerfern auf unbescholtene Bürger geschossen, welche lediglich gutes demokratisches Recht wahrgenommen haben.“

Lukrative Überbauung

„Und warum?“, resümierte Carl Eugen: „ Weil irgendwelche Leute den Hals nicht voll bekommen konnten. Es ist ja längst bekannt, dass es nicht um einen neuen und modernen Bahnhof, sondern einzig und allein um die lukrative Überbauung des Geländes geht. Sogar die christlich demokratische Führerin gab ihren obersten Bundessegen zu dieser furchtbaren Zerstörung. Da fragt man sich, für wen unsere Politiker eigentlich sorgen?“
Mir fällt für mich persönlich nur ein, bei den vor Ort ansässigen kleinen Landwirten und Betrieben zu konsumieren. Oder hast du vielleicht noch bessere Ideen, Paula?“ Ohne zu zögern entgegnete sie: „Carl, weißt du noch? Vor länger als dreißig Jahren, hat man sich hier im Landkreis mit Kind und Kegel zu Demonstrationen aufgemacht, und innerhalb kürzester Zeit war die geplante Müllverbrennungsanlage vom Tisch.“

Massentierhaltung

Sie runzelte überlegend die Stirn und Carl gab zu Bedenken: „Bei der geplanten Massentierhaltung muss man anders vorgehen, da gibt es keine einhellige Meinung. Und die Presse informiert, genauso wie bei der gigantischen Batterie im Hohenlohekreis einfach nicht klar und umfassend. Es wird zum Beispiel nicht offengelegt, wie viel von der Gülle gar nicht hier, sondern ganz wo anders auf irgendwelchen gepachteten Ackerflächen entsorgt werden wird. Damit lagert man das Problem nämlich, wie üblich, aus. Und dort weiß auch kein Mensch was man demnächst in ihre Landschaft sprühen wird. Derzeit werden die Gutachten und Stellungnahmen* im Landratsamt geprüft; ich frage mich halt, warum man es auch noch direkt am Wasserschutzgebiet zulässt, eine Einleitung multiresistenter Keime in die Jagst zu riskieren?“ „So ein Projekt genehmigen zu wollen, ist unter den derzeitigen Umständen noch unglaublicher – überall soll man sich staatlich verordnet und maskiert vor Keimen schützen, aber bei so einem Projekt spielt es anscheinend gar keine Rolle, wie viele Keime man da dann ganz offen laufend den Bach runterspült.“

Vom Aussterben bedrohte Libellenart

Und Paula zog Bilanz: „Am einfachsten wäre es, wenn man eine an der Jagst lebende, ganz seltene und vom Aussterben bedrohte Libellenart finden würde, eine, welche die multiresistenten Keime auf gar keinen Fall verträgt. Also so wie damals den Juchtenkäfer in Stuttgart“, spekulierte Paula und ergänzte: „Womöglich gibt es an der Jagst jetzt auch wieder die besonders schützenswerten Krebse, oder irgendwelche ganz raren Gewächse in dieser paradiesischen Idylle?“ „Bei Idylle fällt mir ein: Paula, hast du Lust mit mir einen Ausflug in den Schwarzwald zu machen?“ Carl hatte nämlich vor, die jetzt erreichte gute Verständigung mit Paula auszubauen. Und er liebäugelte damit, bei einem gemeinsamen Tapetenwechsel mit Paula zu einer weiteren Annäherung zu kommen. … Fortsetzung folgt.

Erläuterungen:

*Plastischer Anarchismus:
https://www.kontextwochenzeitung.de/kultur/488/laokoon-am-stadtpalais-6918.html

*Stellungnahme zu Massentierhaltung in Hohenlohe:
https://www.bund-heilbronn- franken.de/fileadmin/heilbronnfranken/Stellungnahmen_LKS_SHA/Stellungnahme_Na turschutzverbaende_BImSchG_Stall_Nesselbach_JE-1.pdf

Ergänzung zu Episode 20 Schwindel:

*Stromspeichervorhaben in Hohenlohe:
https://www.youtube.com/watch?v=jAc1Amczo_Y

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