„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden dreizehnter Teil

„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden dreizehnter Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

XIII Friede

… „Paul möchtest Du ein paar Tage zu mir kommen?“, fragte Carl seinen Freund fürsorglich. „So ein kleiner Tapetenwechsel würde Dir jetzt sicherlich gut tun!“ Und er ergänzte sein Angebot: „Ich muss in der kommenden Woche in den Südschwarzwald, ein Mandant hat mich gebeten, ihn zu besuchen, da kann ich Dich auf dem Weg in Hoheitshausen abladen.“ Paul verabschiedete sich mit den Worten: „Ich überlege mir das und melde mich morgen bei Dir, danke Carl.“

Eliten waren fast durchweg korrupt

Carl Eugen Friedner legte nach einem kurzen Abschiedsgruß den Hörer auf die Gabel und lehnte sich zurück. Er wusste nicht nur durch die Freundschaft zu Paul, sondern auch von Erzählungen aus seinem Mandantenkreis, dass es in Pauls alter Heimat Mali schwierig bis unmöglich war, überhaupt irgendetwas ohne Schmiergelder zu Wege zu bringen. Mehr wie die Hälfte der Bevölkerung lebte in unvorstellbarer Armut und die Eliten waren fast durchweg korrupt. Entwicklungshilfegelder versickerten nutzlos, oder wurden von vordergründig freundlich lächelnden Verwaltungsbeamten und Politikern in die eigene Tasche geschoben.

Prächtiges Haus

Paul hatte einst mit dem sehr guten Einkommen seiner verstorbenen Frau in Bamako ein prächtiges Haus für die ganze Großfamilie bauen lassen können. Es sollte später auch die Familien seiner Söhne beherbergen. Als vor acht Jahren jedoch die allseits brodelnden ethnischen Konflikte* offen ausbrachen und die Lage im ganzen Land zu eskalieren begann, waren die beiden Söhne bereits in Frankreich, und Paul sah sich mit dem Rest seiner damaligen Kleinfamilie irgendwann zur Flucht nach Deutschland gezwungen. Als Pauls Ehefrau Lisa dann ihrer Krebserkrankung erlag und terroristische Überfälle in seiner Heimat anfingen, zur Tagesordnung zu gehören, entschloss Paul sich dazu, sein berufliches Nomadenleben als Berater auf dem afrikanischen Kontinent aufzugeben.

Finanziell abgesichert

Wegen seiner außerordentlich umfangreichen Sprachkenntnisse wurde er zum sehr gern gesehenen Betreuer und Referent in sozialpädagogischen Projekten bei unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen im mittleren Schwarzwald. Paul meinte, durch diese berufliche Tätigkeit, finanziell abgesichert, mit Gisléne in Deutschland zu bleiben, bis diese die bevorzugte Schule in Hoheitshausen abgeschlossen haben würde.

Aufenthaltsstatus gefährdet

Wie würde Paul mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Tochter Gisléne umgehen? Carl sah unüberwindliche Schwierigkeiten auf seinen Freund zukommen. Paul besaß nämlich, im Gegensatz zu allen seinen in Deutschland geborenen Kindern, keine deutsche Staatsangehörigkeit. Und wenn er jetzt mit dem Gesetz in Konflikt kommen würde, wäre sein scheinbar sicherer Aufenthaltsstatus gefährdet. Gisléne war, als seine minderjährige Tochter mit deutscher Staatsangehörigkeit, stets sein Unterpfand, um sich ohne großen Aufwand im Schengen-Raum* aufhalten zu können. Carl Eugen beschloss, dieses Thema für heute ad Acta zu legen – seine Gedanken drehten sich im Kreis und würden auf diese Weise sowieso zu keiner brauchbaren Lösung führen. Er wollte sich jetzt in Ruhe auf das Treffen mit seiner geliebten Paula vorbereiten.

Fabelhaftes Menü

Wohin sollten sie eigentlich gemeinsam essen gehen? Carl Eugen fiel auf Anhieb keine passende Lokalität in dieser ungastlichen >Karinakrise< ein und die Vorstellung, sich von vermummten Bedienungen in der Menüauswahl und zu einem passenden Wein beraten lassen zu müssen, bereiteten ihm augenblicklich schlechte Laune. Carl gedachte auf jeden Fall, einen schönen Abend in gemütlicher Atmosphäre mit Paula zu verbringen. Würde sie sich wohl darauf einlassen zu ihm nach Hause zu kommen? Er könnte doch einfach bei Klara Knollerie und ihrem kochkünstlerisch begabten Mann in der Rosenau ein fabelhaftes Menü zum Mitnehmen zu bestellen und es kurz vorher abholen? Ja, das war eine gute Idee! Carl verfolgte im Internet die neuen Beiträge der Biospitzenköche*. Im neuesten Beitrag hatte er gelesen, was für Kräuter Herr Knollerie verwendet, um nicht nur das Mahl geschmacklich abzurunden. Die Gänge wären dann einfach einzeln aufzuwärmen, und Paula und er könnten nach Lust und Laune in Ruhe essen und sich dabei gepflegt unterhalten.

Ungutes Gefühl

Ob es wohl so werden würde wie damals, als sie sich nach langer Zeit wiedersahen? Jetzt war es freilich etwas ganz anderes. Er hatte sein Pulver damals verschossen, so einen lukrativen Heiratsantrag und so ein vermeintliches Wiedergutmachungsangebot würde er ihr nicht noch einmal unterbreiten können. Aber was konnte er ihr darüber hinaus bieten? Carl hatte das ungute Gefühl, dass Paula ihn dieses Mal, trotz ihrer nach Außen gezeigten Herzlichkeit, keinesfalls so ungeschoren davonkommen ließ wie vor sechs Jahren.

Rechtsunsicherheit

Und es würde ihm vermutlich auch nichts nützen, mit seiner langen schweren Krankheit aufzuwarten, und wegen der nochmaligen und ziemlich aufwendigen beruflichen Neuorientierung und dem jetzt so gut gelungenen Zusammenschluss mit den jungen Kollegen in der Kreisstadt um Verständnis zu bitten. Carl wurde unruhig, wenn er daran dachte, dass Paula von ihm womöglich gerade jetzt unmissverständlich fordern würde, den geschehenen Betrug aufzudecken. Er würde sich eben hinter der aktuellen Lage verschanzen – sein Bedauern über die Unmöglichkeit, nun in der derzeitigen Situation, angemessen agieren zu können, zum Ausdruck zu bringen. Das half in ganz anderen Fällen ja auch – die allseits an die Wand gefahrene Wirtschaft, und die derzeit in ganz Deutschland herrschende Rechtsunsicherheit, waren doch hervorragende Ausreden, um Leute auf den St. Nimmerleinstag zu vertrösten. In der Art würde es vielleicht funktionieren, auch Paula in ihren Forderungen nach weiterer Aufklärung des Betrugs Einhalt zu gebieten.

Reinen Tisch machen?

Carl Eugen musste sich jedoch eingestehen, dass er mit einem derartigen Verhalten Gefahr lief, ihr Vertrauen endgültig zu verspielen. Paula Engel war eine umsichtige und tüchtige Geschäftsfrau und würde sich gerade jetzt im reifen Alter nicht mehr so leicht täuschen lassen wie früher. Zudem war schließlich sie überfallen worden, was sie schier das Leben gekostet hatte. Und was hätte er im Gegensatz zu ihr schon zu verlieren, wenn er endlich in aller Öffentlichkeit die Wahrheit sagen und reinen Tisch mit ihr machen würde? Carl Eugen Friedner sah der Möglichkeit ins Auge, entgegen aller früherer Vereinbarungen und Schwüre, sich doch noch mit den alten Verbindungen anzulegen, den Betrug anzuzeigen und gerichtlich aufarbeiten zu lassen. Auch wenn er dabei Federn lassen musste – bald würde er siebzig werden, das Ende seines Lebens rückte unaufhaltsam und deutlich näher. Carl fühlte plötzlich eine heftige Sehnsucht in sich aufsteigen, all die harten Auseinandersetzungen, die es mit Paula jemals gab, endlich friedlich beilegen zu können … Fortsetzung folgt.

Erläuterungen:

*Terrorismus in Mali: https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/maas-sicherheitsrat- minusma/2352018

https://de.wikipedia.org/wiki/Mali

https://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-angriff-auf-dogon-dorf-offenbar-etwa- hundert-tote-a-1271701.html

https://www.spiegel.de/panorama/justiz/mali-mehr-als-130-tote-bei-ueberfall-auf- dorf-a-1259391.html

https://taz.de/Massaker-in-Mali/!5582672/

https://www.schengenvisainfo.com/de/staaten-des-schengen-raums/

https://biospitzenkoeche-blog.de/ http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=18750

Kontaktaufnahme zur Autorin ist möglich unter der E-Mail-Adresse:

b.haebich@web.de

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