„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden zwölfter Teil

„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden zwölfter Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

XII Zähler

… „Und was hat dein jüngster Sohn zum Verschwinden seiner Schwester Gisléne gemeint?“, fragte Carl nach dem ergreifenden Bericht Pauls. Paul schnaufte schwer. Carl Eugen hörte ihn sich seine Nase putzen und wartete geduldig, bis der Freund eine Antwort gab. Als weiterhin kein Ton aus dem Hörer kam, setzte er nochmals nach: „Paul, sag, was hat Yann gemeint?“ „Meine beiden jüngsten Kinder sind anscheinend jetzt auch von allen guten Geistern verlassen“, presste Paul gequält zwischen seinen Lippen hervor, „Yann hat vollstes Verständnis für seine kleine Schwester gezeigt. Er meinte, Gisléne habe ein Recht auf ein Leben nach ihrer eigenen Fasson und ohne den Zwang in der Hoheitshausener Glaubensgemeinschaft. Yann hat mir bei dieser Gelegenheit seine Vorliebe für Männer eröffnet, und dass er deswegen – genauso wie seine Schwester – die moralische Enge und Scheinheiligkeit der Glaubensgemeinschaft von Hoheitshausen vermeiden werde.

Tun was ihre Herkunft von ihnen verlangt

Carl Eugen Friedner schluckte, die familiäre Situation bei Paul schien zunehmend unübersichtlich zu werden, und er wusste schlicht nicht mehr, was er dazu noch sagen sollte. „Vielleicht solltest du einen Psychologen hinzuziehen?“, fragte Carl vorsichtig. „Ich brauche keinen Psychologen!“ erwiderte Paul Carls Vorschlag kühl und legte als Begründung nach: „Ich habe in meinem Pädagogikstudium das Fach Psychologie belegt. Die Kinder sollen das tun, was ihre Herkunft von ihnen verlangt, wozu man sie erzogen hat. Es war geplant und schon lange ausgemacht, dass alle drei in Europa studieren und, dass die Jungen, spätestens nach ihrer Promotion in Europa, zurückgehen, um in Westafrika in angemessenen, gehobenen Positionen zu arbeiten.“

Westafrika

Carl überlegte kurz und meinte dann: “Aber Paul, dein Ältester hat doch bereits in Nürnberg eine gehobene und sehr gut bezahlte Position angenommen. Wenn ich mich recht erinnere wurde er sogar von seinem ehemaligen Doktorvater extra dorthin gerufen?“, erwiderte Carl verwundert. „Sein Doktortitel würde ihm daheim wesentlich mehr Prestige einbringen“, antwortete Paul uneinsichtig und räumte mit einem ironischen Unterton ein: „Die …“ und er vollendete nach einer wirkungsvollen Pause den Satz: “… französischstämmige Freundin von Théo verträgt das feuchtwarme Klima in Westafrika nicht. Die beiden lebten ein Jahr lang in Burkina Faso. Dann haben Théo und sie sich dazu entschlossen, sich im Süden Deutschlands niederzulassen.“

Strenge Gesellschaftsordnung

„Paul, wie heißt die Freundin deines ältesten Sohnes?“, fragte Carl vorsichtig nach, wohl wissend, dass sie für Paul ein rotes Tuch war. Hielt sie doch Pauls Meinung nach den Ältesten ganz gezielt davon ab, das zu tun, was die strenge und althergebrachte Gesellschaftsordnung* seiner Herkunftsfamilie gebot. Wie vorauszusehen war, ging Paul geflissentlich über Carls Frage nach dem Namen der Freundin und Geliebten seines Ältesten hinweg und meinte lapidar: „Sie gehört nicht zur Familie!“

Afrikanische Großfamilie

„Noch nicht! Paul, was machst Du eigentlich, wenn dein Ältester und sie heiraten? Immerhin haben die beiden nun einen gemeinsamen Hausstand in Bayern gegründet?“, fragte Carl. Paul schwieg, auf diese Frage wollte er Carl keine Antwort geben. Paul Malibo hatte stets damit gerechnet, dass wenigstens seine Söhne stillschweigend den unausgesprochenen Vorgaben der afrikanischen Großfamilie folgen würden. Dass nun zwei seiner drei Kinder zu allem Überfluss auch noch mit den Traditionen der Glaubensgemeinschaft seiner verstorbenen Frau brechen und ihm damit Schande zu bereiten drohten, war ihm schier unerträglich. Er müsste nun plausible Erklärungen in der Kirchengemeinde finden, um das Fehlen von Gisléne und Yann zu kaschieren. „Wie soll ich das meiner Schwiegermutter erklären?“, fragte Paul kläglich, „Yann will nur noch herkommen, wenn er seinen Freund mitbringen darf, und auch nur dann, wenn ich ihn als seinen Geliebten anerkenne.“

Ehebett

Jetzt war es an Carl tief durchzuatmen, und mit erhobener Stimme begann er, Paul mit ein paar sehr deutlichen Fragen ins Gewissen zu reden: „Ist das alles, was dir Sorgen macht? Was deine Schwiegermutter zu einem schwulen Liebespaar sagen wird? Dein zweiter Sohn ist volljährig und kann, wie der erste, tun und lassen was er will. Aber wie alt ist deine Tochter jetzt? Sie ist doch noch minderjährig, oder? Was denkst du dir eigentlich, Paul? Gerade Du als Pädagoge, als ausgewachsener Mann und Vater dein eigenes kleines Mädchen jahrelang mit ins Ehebett zu nehmen, bis sie als fast erwachsene Frau schlussendlich davonläuft, weil ihr ja gar nichts anderes mehr übrig bleibt.

Väterlicher Stolz

Ich würde mir an deiner Stelle lieber überlegen, wie ich diesen Umstand der Polizei erklären kann. Weiß Deine Schwiegermutter eigentlich, dass Gisléne dauernd bei Dir im Ehebett schlief?“ Und setzte nach einer kurzen Pause nach: „Du hast Glück, dass wir gerade in der >Karinakrise< leben, sonst müsstest du zudem noch das Fehlen deiner Tochter in ihrer Schule irgendwie glaubhaft und nachvollziehbar erklären.“ „Mit was verdient Yann eigentlich sein Geld?“, wollte Carl Eugen Friedner dann von Paul wissen. „In so einem neumodischen technischen Unternehmen, >Kurzmeter<, oder so ähnlich, heißt es. Der Betrieb ist in Karlsruhe, dort werden so genannte intelligente Zähler* für den künftigen Strommarkt hergestellt. Yann ist wegen seines Ökonomiestudiums, seiner Sprachengewandtheit und seiner Herkunft in einer buntgemischten* Arbeitsgruppe für die globale Vermarktung zuständig“, erklärte Paul nicht ohne väterlichen Stolz in der Stimme.

Wem gehörten die Häuser?

Carl war beruhigt, dass sein Freund sich wieder gefangen hatte und behielt das Thema bei: „Bestimmt ist dieses junge Unternehmen jetzt auch existenziell von der >Karinakrise< betroffen. Man kann sich sicherlich immer noch nicht vorstellen, wie viele solche clevere und hoffnungsvolle Unternehmen bald auch wegen dem im März getroffenen politischen Entschluss, die gesamte Wirtschaft und das öffentliche Leben auf Null herunterzufahren, noch Schiffbruch erleiden werden.“ Carl machte eine Pause und erkundigte sich dann bei Paul: „Yann hat sich doch schon bereits als Student mit der Begutachtung und Prüfung europäischer und rein deutscher Entwicklungshilfegelder für regenerative Energieprojekte, in Bamako beschäftigt?“ „Ja“, bestätigte Paul und ergänzte: „Zum Beispiel da, wo man damals herausfand, dass es nicht sauber zugegangen war mit den Fördergeldern. Die gelieferten Bauteile der Anlagen zur Stromherstellung aus Sonnenenergie wurden zwar, wie vorgegeben, vor Ort zusammengebaut und auf Dächern montiert. Sie gingen ans Netz, funktionierten einwandfrei und lieferten zuverlässig die vorher angekündigte Strommenge für einen Teil der Hauptstadt – nur fragte keiner, wem die Häuser dort eigentlich gehörten und in wessen Eigentum die Anlagen durch die Installation gekommen waren, und, wer daher als Eigentümer der Anlage am Verkauf des Stromes verdiente.“ … Fortsetzung folgt.

Erläuterungen:

*Promotion: https://de.wikipedia.org/wiki/Doktor

*patriarchale, patrilokale und patrilineare Gesellschaften: z.B. der Dogon in Mali: https://de.wikipedia.org/wiki/Dogon

*Intelligenter Stromzähler: https://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenter_Z%C3%A4hler

*Start-up: https://www.startupbw.de/

*Ökonomiestudium: Studium der Wirtschaftswissenschaften

*Diversität: https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturelle_Vielfalt

Kontaktaufnahme zur Autorin ist möglich unter der E-Mail-Adresse:

b.haebich@web.de

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