„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden zehnter Teil

„Lang beschattete Täler“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden zehnter Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

X Foto

… „Sollen wir die schöne Aussicht auf der Bürg* genießen und noch gemütlich frühstücken? fragte Carl. „Wenn du Lust hast, dir auf leeren Magen die schier endlosen Bildchenlitaneien der DEHOGA* anzuschauen und durchzulesen mit der seit neuestem Gastlichkeit beschrieben wird, und wo man neuerdings seinen Namen und seine Erreichbarkeit hinschreiben muss, bloß damit man eine Tasse Kaffee und ein Weckle mit Gsälz* oder einer Butterbrezel auf einem Tablett, von einer medizinisch verhüllten Bedienung, mit spitzen Fingern auf der anderen Seite des Tisches, abgestellt bekommt,“ resümierte Heiner, ohne Carls Frage zu beantworten und stellte weiterhin fest: „Meinst Du etwa, dass wir dann getrost nach unserem Mörike, der sich da jetzt grad vermutlich im Grab umdreht: >Er ist’s! Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land< und so weiter, dort droben niederlassen können – es wird uns nämlich kein laues Mailüftchen streifen, sondern der ätzende Gestank von dem Aerosol der Sprüherei mit Desinfektionsmitteln. Uns werden dann die Augen tränen, und es wird so auch nichts mit dem jetzt schleierfreien, atemberaubenden Blick auf unsere Landeshauptstadt, und abgesehen von dem stinkenden Dampf, müssen wir dann die gesammelten komplizierten Karinaauflagen, welche jetzt an die Gastwirte gestellt werden, auch noch solidarisch akzeptieren, weil sonst der Wirt die Rechnung, also die Strafe für Zuwiderhandlung, zahlen kann. Carl, weißt Du als Steuerfachmann eigentlich, ob die Wirte für die Zeit, in der sie Mitwirkende des staatlichen Überwachungsapparates der Karinakrise sind, neben der Soforthilfe vom Land zur Belohnung auch noch steuerfrei gestellt werden?“

Unökologisch

Heiner beendete seinen ausführlichen Einwand schließlich mit dem Hinweis: „Bieg doch einfach jetzt ins Städtle ab, dann kommt unten linker Hand die freie Bäckerei Elfenbein, da holen wir einen unökologisch abgefüllten Togokaffee und lassen uns Butterbrezeln in Tüten einpacken, die wir wegen den neuen karinösen Hygieneregeln* zwar nicht mehr wiederverwenden können und ebenfalls entgegen jeder der sinnvollen und jahrelang erkämpften und durchgesetzten Müllvermeidungsstrategien einfach in die nächste öffentliche Mülltonne werfen werden, damit die Kommunen noch mehr Geld für die Entsorgung ausgeben müssen, welches sie nicht mehr einnehmen.“

Zutraulicher Collie

Um sich den größtmöglichen Genuss einer liebevoll und traditionell im Hand umdrehen geschlungenen Brezel mit guter Süßrahmbutter und einem heißen Kaffee kurz vor dem Ende ihrer Heimreise einverleiben zu können, entschlossen sich Heiner Grün und Carl Eugen Friedner ihr kleines feines Morgenessen dann eben auch nicht stehend im Laden, sondern notgedrungen auf dem Parkplatz im Auto zu sich zu nehmen. Zufrieden und satt setzten sie ihre Heimreise dann schweigend fort. Heiner freute sich auf seine Familie und auf seinen Vierbeiner, der ihn sicherlich sehr vermisst hatte. Denn niemand würde in der gemächlichen Gangart wie er den täglichen Spaziergang mit dem zutraulichen Collie absolvieren.

Alleine gelassen

Carl versuchte sich daran zu erinnern, wann er das letzte Mal mit Paula telefoniert hatte; unter ihrer alten Telefonnummer war sie nicht mehr erreichbar. Nur wenige Monate nach dem Überfall wurde sie nämlich kurzerhand, per Räumungsbeschluss, aus ihrem Atelier im einst geerbten Haus hinausgeworfen und war so gezwungen gewesen, sich eine neue Erreichbarkeit zuzulegen. Im Internet fand man zwar noch ihre alte Adresse und Nummer, jedoch wusste er ja aus seiner sicheren Quelle, dass sie jetzt nur noch unter einer mobilen Nummer zu erreichen war. Je länger er darüber nachdachte, und er sich seiner Schuld bewusst wurde, umso heftiger plagte Carl Eugen das schlechte Gewissen. Er hatte eine schwere Schuld auf sich geladen, er hatte Paula Engel mit der Deckung des geschehenen Betrugs nicht nur jede berufliche und private Zukunftsperspektive genommen, sondern sie überdies, wie er jetzt erkennen musste, auch noch in eine lebensbedrohliche Situation gebracht. Und er hatte seine geliebte Paula zudem gerade in dieser bedrohlichen Zeit und auch danach alleine gelassen.

Weiche Knie

Die Vergangenheit war nun nicht mehr zu ändern – Carl Eugen atmete tief durch – er würde in Zukunft alles dafür tun müssen, diese seine miserable Schandtat wieder gut zu machen.
Es tutete im Hörer, und dann, nach einiger Zeit, schaltete der mit einer angenehmen Frauenstimme ausgestattete automatische Anrufbeantworter ein. Carl wollte schon wieder auflegen, als Paulas Stimme plötzlich am anderen Ende ein fragendes „Ja?“ verlauten ließ. Carl zögerte nun nicht länger und legte sofort los: „Paula? Bist Du es? Hier ist der Carl Eugen Friedner. Paula? Ich muss mit Dir reden. Hast du Zeit?“ Ein fast mildes, jedoch ziemlich deutlich fragendes: „Ach ja?“, bahnte sich den Weg in Carls Gehörgang, Carl fing an zu zittern. Eine Mischung aus Freude über das Wiederhören der wohltuenden Stimme Paulas, der Erleichterung, dass sie nicht gleich wieder aufgelegt hatte und der Aufregung über den ungewissen Ausgang der bevorstehenden Beichte, ließen ihm die Knie weich werden.

Solide Handwerksmeisterin

Wenn er nicht bereits in seinem Arbeitszimmer unterm Dach am Schreibtisch sitzen würde, müsste er sich spätestens jetzt setzen.
„Dein Foto in eurem Internetauftritt macht einen eher weniger professionellen Eindruck. Dein Hemd ist zwar blütenweiß, aber nicht glatt gezogen und die eigentlich ganz nett rotgemusterte Krawatte sitzt nicht richtig. Und man hätte Dich besser ohne ein so gezwungenes Lächeln, vielleicht mit getragener Miene und dafür aber würdig schauen lassen sollen. Auch das Gruppenbild so von oben her, hätte vorteilhafter aufgenommen werden können. Wer hat euch denn fotografiert?“ Dass Paula Engel beim ersten Telefonat, nach so vielen Jahren, ausgerechnet auf diesem Thema herumritt, konnte Carl zuerst gar nicht nachvollziehen, und mit einer Frage zu seinem neuen Erscheinungsbild hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er hätte es sich eigentlich denken können – Paula Engel war eben eine grundsolide, perfekte, und mittlerweile sehr erfahrene Handwerksmeisterin – sie würde Arbeiten, die einen schlechten Eindruck machten, niemals durchgehen oder gar veröffentlichen lassen. Carl fing an zu stottern: „Äh, das war jemand, äh, aus dem Umfeld der, ähem.“ Carl kam nicht weiter, Paula übernahm, ohne seine weitere Antwort abzuwarten, zielstrebig die Gesprächsführung wieder an sich: „Und, sag Carl, wie geht es dir?“
Daraufhin wusste Carl Eugen nun gar nichts mehr zu sagen; er war völlig sprachlos über Paulas beständige Freundlichkeit und die unüberhörbar fröhliche Leichtigkeit in ihrer Stimme. Sollte das bedeuten, dass sie ihm trotz der Geschehnisse immer noch wohl gesonnen war? Ihre Güte brachte ihn aus der Fassung, wenigstens eine ihrer spöttischen Bemerkungen hätte sie doch machen können. Mit so viel Wärme und angenehmer Zuwendung von Paula Engel hätte Carl Eugen Friedner jetzt keinesfalls gerechnet … Fortsetzung folgt.

Erläuterungen:

*Burg Bürg: Ein erhabener Aussichtsplatz bei Winnenden, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e9/Schw%C3%A4bisch- Fr%C3%A4nkische_Waldberge.png
Gastwirtschaft mit herausragender Gastlichkeit: https://www.schoene-aussicht-buerg.de/

*Gsälz: Marmelade

*Eduard Mörike (1804 – 1875) schwäbischer Dichter, sein berühmtes Gedicht: Er ist’s
Frühling lässt sein blaues Band Wieder flattern durch die Lüfte; Süße, wohlbekannte Düfte Streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_M%C3%B6rike

*Aerosol: https://de.wikipedia.org/wiki/Aerosol

*Freie Bäcker: Ist z.B. die Bäckerei Weber in Winnenden https://biobaeckerweber.de/

*Hygieneregeln: https://www.infektionsschutz.de/hygienetipps/

Kontaktaufnahme zur Autorin ist möglich unter der E-Mail-Adresse:

b.haebich@web.de

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