„Jedes Kind muss lesen lernen“ – Ein Beitrag von Kirsten Boie

Die Kinderbuchautorin Kirsten Boie fordert mit ihrer Petition „Hamburger Erklärung“ eine Veränderung der Bildungspolitik: mehr und frühere Leseförderung, fachlich ausgebildete Lehrkräfte und niedrigschwelliger Zugang zu Büchern. Hier schreibt sie über die Relevanz des Vorlesens, den Sinn von Förderungsprojekten und die Grenzen des Bildungssystems.

Ein Beitrag von Kirsten Boie aus der Kundenzeitschrift der Büchergilde Gutenberg

Ich bin Autorin, ich schreibe für Kinder, und ich möchte Ihnen von Situationen erzählen, wie ich sie bei Lesungen regelmäßig erlebe.

Eine vierte Klasse in einem sogenannten benachteiligten Stadtteil, Kinder, die von ihrer Lehrerin auf die Lesung vorbereitet wurden und die gleich tapfer ruhig und ohne zu stören die folgende Stunde durchhalten werden. Ich beginne damit, dass ich ein Buch hochhalte. „Daraus möchte ich vorlesen!“, sage ich. „Kann mir denn irgendwer sagen, wie das Buch heißt?“ Konzentrierte Blicke, Lippen bewegen sich, z. T. leises Gemurmel. Dann gehen zwei, drei Finger zögerlich hoch. Sehr stockend wird der kurze Titel vorgelesen. Ich rede von Zehnjährigen. Ich rede von Zehnjährigen, die ganz sicher nicht dümmer sind als die Kinder in bildungsorientierten Stadtteilen, wo sich sofort fast alle melden, ohne vorheriges Buchstabieren, ohne Gemurmel. Das sind meine regelmäßigen Erfahrungen bei Lesungen.

18,9 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland können nicht so lesen, dass sie auch verstehen, was sie lesen

Vielleicht mögen Sie ja schon gar nichts mehr davon hören: Schon seit zwei Jahren wissen wir, dass 18,9 Prozent der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen können, dass sie auch verstehen, was sie lesen. Diese Zahlen sind das Ergebnis der Internationalen Grundschul-Lese-Studie (kurz IGLU) in 53 OECD-Ländern und werden von niemandem angezweifelt.

Die Kinder kennen die Buchstaben, sie können sie langsam und stockend zusammenziehen: Aber was in einem Text steht, können sie trotzdem nicht verstehen. Ihr Lesetempo ist so gering, dass das erste Wort eines Satzes längst aus ihrem Kurzzeitspeicher verschwunden ist, wenn sie das letzte Wort endlich entziffern – ähnlich wie bei einem der Info-Bänder, die bei Nachrichtensendern unter dem Bild entlanglaufen.

Für Kinder, die ständig Misserfolgserlebnisse haben und kaum eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen können, sieht die Zukunft düster aus

Seit 2011 ist Deutschland bei IGLU von Platz 5 auf Platz 21 abgerutscht. Nun ist die Studie keine Olympiade, und solange für die betroffenen Menschen selbst und die Gesellschaft das Ergebnis ausreichend ist, müsste uns die Position im Ranking vielleicht nicht kümmern. Aber so ist es natürlich nicht. Dass für diese Kinder, die schon in der Sekundarstufe ständig Misserfolgserlebnisse haben und ein entsprechend negatives Selbstkonzept entwickeln werden, außerdem kaum eine qualifizierte Ausbildung durchlaufen können, die Zukunft düster aussieht, ist klar. Und auch für eine Gesellschaft, die jeden Herbst wieder händeringend nach ausbildungsfähigen Jugendlichen sucht und deren Export abhängt von innovativer Ingenieurkunst, ist es sicher nicht günstig, wenn ein Fünftel ihrer Menschen ihr schon mit zehn Jahren verloren geht. Anstatt in die Sozialversicherungssysteme einzuzahlen, werden sie, egal wie fleißig sie sind, Mittel daraus entnehmen müssen: Vernünftig bezahlte unqualifizierte Arbeit gibt es in Deutschland einfach nicht genug. Und auch für die Demokratie, das muss ich sicher nicht erklären, kann es fatal sein, wenn so viele Menschen sich abgehängt fühlen – und es de facto auch sind.

Was ist da also schiefgelaufen?

Wir können natürlich zuallererst auf die Bildungspolitik gucken, die in den letzten Jahren, trotz massiv steigender Geburtenzahlen, geradezu konsequent Studienplätze für Grundschullehrer abgebaut hat. In vielen Bundesländern übersteigt inzwischen bei den Neueinstellungen die Zahl der sogenannten „Quereinsteiger“ die der Lehrer, und nun bringen, neben Menschen mit abgebrochenem oder fachfremdem Studium, auch Bäcker, Klempner, Friseurinnen den Kindern das Lesen bei. An den Schulen wird sicher zum Teil noch mit Methoden unterrichtet, die, vorsichtig formuliert, nicht dem neuesten Stand der Forschung entsprechen.

Kinder aus benachteiligten Familien liegen in der Lesefähigkeit um zwei Jahre zurück

Entscheidend ist die Sprachkompetenz beim Schuleintritt

Aber die eigentlichen Ursachen liegen noch sehr viel tiefer und werden auch mit der überzeugendsten Schulpolitik allein kaum bewältigt werden können. In Deutschland hängt nämlich mehr als in jedem anderen bei IGLU untersuchten OECD-Land der Schulerfolg ganz entscheidend, fast möchte man sagen: so gut wie ausschließlich! – vom sozialen Hintergrund der Kinder ab. Zwischen Kindern aus benachteiligten Familien und denen, deren Eltern Akademiker, Techniker, Handwerksmeister sind, liegen tatsächlich zwei Jahre Abstand in der Lesefähigkeit. (Und nein, das betrifft nicht nur Migranten.) Ganz entscheidend ist hierbei die Sprachkompetenz beim Schuleintritt. Verfügt ein Kind nämlich nur über einen begrenzten Wortschatz und eine eingeschränkte Syntax, wird es jedes Wort buchstabieren müssen und kann es nicht, wie wir alle es tun, einfach aus einer Kombination von Kontext, Anfangsbuchstaben und Syntax in Hundertstelsekunden erschließen. Nur dadurch erreichen wir aber unsere Lesegeschwindigkeit – beobachten Sie sich einfach einmal selbst, wenn Sie jetzt diesen Text lesen.

Beim Vorlesen begegnen Kindern Begriffe und Satzstrukturen, auf die sie im Familienalltag kaum stoßen würden

Was können wir dagegen tun?

Ein ganz wichtiges Mittel, vielfach evaluiert, ist das regelmäßige Vorlesen. Beim Vorlesen begegnen Kindern Begriffe, auf die sie im Familienalltag kaum stoßen würden. Und auch die Satzstrukturen können um ein Vielfaches komplizierter sein als alles, was wir in der Alltagssprache verwenden. Außerdem gehört zum Vorlesen immer auch das gemeinsame Gespräch über die Geschichte – und auch da profitieren Vorlesekinder nicht nur sprachlich. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, kommen daher mit sehr viel besseren Voraussetzungen in die Schule als solche, denen ihr erstes Buch in der ersten Klasse begegnet. Dass das tägliche Vorlesen außerdem eine Situation besonderer Nähe schafft, muss ich nun nicht auch noch erklären.

Schönes Vorlesebuch

Im aktuellen Programm der Büchergilde finden Sie ein besonders schönes Vorlesebuch – mit Geschichten bekannter, aber auch weniger bekannter Autorinnen und Autoren, witzigen, spannenden, nachdenklichen Geschichten, dazu wunderschön illustriert. Für einige Vorleseabende gibt es da also ganz sicher genügend Stoff! Aber wenn es auch sicher sinnvoll ist, mit kurzen Texten anzufangen – bei den ganz Kleinen beim Bilderbuchgucken sogar noch mit Büchern ganz ohne Worte! –, so sollte das Vorlesen doch irgendwann auch darüber hinausgehen.

Was passiert da eigentlich in unserem Kopf?

Sie alle sind Leser, sonst hielten Sie dieses Magazin nicht in den Händen. Aber was ist es, das Sie zu Lesern macht? Was ist es, wenn wir einmal von Sachtexten und dem Wunsch nach Information absehen, das den Reiz am Lesen ausmacht? Warum lesen Sie, lesen wir, lesen Kinder Romane? Wir alle haben schon einmal diese doch eigentlich verrückte Erfahrung gemacht: Wir lesen ein Buch und hören nicht, dass wir gerufen werden, verpassen es, rechtzeitig den Herd auszuschalten, kämpfen mit den Tränen oder lachen laut auf. Und all das beim Blick auf eine Seite mit nichts als kleinen schwarzen Zeichen. Was passiert da eigentlich in unserem Kopf?

Ein Text rührt uns an und nimmt uns gefangen, weil wir – anders als beim Film – beim Lesen auf unseren eigenen Speicher zurückgreifen müssen

„Hier wacht Bosse aus Bullerbü auf!“

Dass ein Text uns emotional so anrühren, gefangen nehmen kann, hat einfach damit zu tun, dass wir – anders als beim Film, der uns ja immer schon die Bilder mitliefert – beim Lesen auf unsere eigenen Speicher zurückgreifen müssen, um uns etwas vorstellen zu können. Auf unsere Gefühlsspeicher, Erinnerungen an Landschaften, Menschen, Ereignisse. Wenn wir einen Text lesen, lesen wir darum eigentlich auch immer uns selbst. Und wir tauchen ein in die Welt der Geschichte, leben in ihr, wir identifizieren uns und schlagen uns deshalb die Nacht um die Ohren. Wir möchten nicht aufhören, bevor das Buch zu Ende ist und wir wissen, wie alles ausgeht. Genau das macht die Faszination des Lesens aus: dass wir für eine Weile in der Welt eines Buches leben. Deshalb sind gerade lange, dicke „Schmöker“ so beliebt. Und wenn der vierjährige Sohn einer Freundin aufwacht mit den Worten: „Hier wacht Bosse aus Bullerbü auf!“, dann zeigt das genau dieses Glück. Und dafür braucht es dann eben auch längere Texte, die uns dieses Eintauchen über Tage, manchmal Wochen, gestatten. „Jim Knopf“, „Die kleine Hexe“, „Die Mumins“ – ich selbst habe aus diesem Grund die „Ritter Trenk“- und die „Seeräuber-Moses“-Vorlese-Romane geschrieben oder „Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte“. Es gibt zum Glück eine riesengroße Zahl spannender Bücher für Kinder.

Entgegenfiebern

Ganz sicher macht es also Sinn, bei jüngeren Kindern zunächst mit einzelnen Vorlesegeschichten zu beginnen, bei denen sie noch am selben Abend mit dem befriedigenden Gefühl einschlafen können: Alles ist gut ausgegangen. Irgendwann aber sollten auch Kinder die Erfahrung machen dürfen, über Tage dem weiteren Geschehen entgegenzufiebern.

Und das abendliche Drängen: „Bitte, bitte noch ein Kapitel! Nur noch eins!“, müssen die Eltern dann eben aushalten!

Kirsten Boie, geboren 1950 in Hamburg, studierte in Hamburg und Southampton und arbeitete lange Zeit als Lehrerin, bis sie ihr erstes Kinderbuch verfasste. Inzwischen sind rund 100 Kinder- und Jugendbücher von ihr erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Neben Geschichten schreibt Kirsten Boie auch Vorträge und Aufsätze zu verschiedenen Aspekten der Kinder- und Jugendliteratur und der Leseförderung.

Weitere Informationen und Kontakt:

https://www.buechergilde.de/ueber-uns.html
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