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„Ein Heiliger für alle Fälle“ – Die Sonderausstellung „Der Nikolausaltar von Mistlau“ ist noch bis zum 8. Januar 2017 in Kirchberg/Jagst zu sehen

Es gibt in Deutschland zahlreiche Nikolauskapellen. Eine davon steht in Mistlau bei Kirchberg/Jagst. Kenner schätzen die Kapelle wegen ihrer reichen Ausmalung. In der Kirche war auch ein spätgotischer Altar aus der Zeit um 1500 mit einer Nikolaus-Figur und der Legende von der Errettung der drei Jungfrauen auf einem Flügel. Zu diesem Altar und der Nikolauslegende ist noch bis zum 8. Januar 2017 eine Sonderausstellung im Sandelschen Museum in Kirchberg/Jagst zu sehen. Sie trägt den Titel „Der Nikolausaltar von Mistlau“. Hohenlohe-ungefiltert hat Alexander Braun, einen der Ausstellungskuratoren, zu den Besonderheiten der Ausstellung befragt. Die Fragen stellte Ralf Garmatter.

Interview mit Alexander Braun, Ausstellungskurator, Kirchberg/Jagst

Eines der Prunkstücke des Württembergischen Landesmuseums

Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist der Mistlauer Altar Eigentum des Württembergischen Landesmuseums in Stuttgart. Im Alten Schloss in Stuttgart war er bis vor einigen Jahren eines der Prunkstücke der ständigen Ausstellung.

Hohenlohe-ungefiltert: An welchen Tagen ist die Sonderausstellung „Der Nikolausaltar von Mistlau“ im Sandelschen Museum in Kirchberg/Jagst noch geöffnet?

Alexander Braun: Am 26. Dezember (2. Weihnachtstag), am 1. Januar 2017 (Neujahr), am 6. Januar (Heilige drei Könige) und am 8. Januar 2017, jeweils von 14 bis 17 Uhr, ist die Ausstellung noch zu erleben.

Gibt es noch einmal eine Führung?

Die letzte Führung findet am Sonntag, 8. Januar 2017, um 15 Uhr statt, bei der besonders auf die Nikolaus-Legenden eingegangen wird.

Wie ist die Idee entstanden, in Kirchberg/Jagst den Mistlauer Altar in einer Ausstellung zu zeigen?

Nachdem wir (Museums- und Kulturverein Kirchberg/MKV) erfahren haben, dass aufgrund der Umgestaltung der Dauerausstellung im Landesmuseum Württemberg Stuttgart (LMS) der Altar ins Magazin verbracht worden ist, entstand am Stammtisch die Idee, ihn nach Kirchberg zurückzuholen und in einer Ausstellung über die Nikolauskirche in Mistlau zu präsentieren. Leider mussten wir bei einem Besuch im Stuttgarter Magazin feststellen, dass der Altar nicht transportabel ist. Die Gefahr, dass vor allem die Bildwerke, aber auch der Altarschrein durch leichte Erschütterungen beschädigt würden, war zu groß. Das LMS hat deshalb zunächst jegliche Ausleihe untersagt.

In der Kirchberger Ausstellung stehen aber vier fein gearbeitete Original-Skulpturen des Altars. Wie kommt das?

In mehreren Verhandlungen wurde uns vom LMS die Ausleihe der Nikolausfigur und der drei Reliquienfiguren in Aussicht gestellt. So beschlossen wir, den ganzen Altar mit Hilfe des Schreiners Heiko Blumenstock nachzubauen, zumal wir vom LMS hochauflösende Bilder zur 1×1-Vergrößerung erhielten.

Welche technischen Voraussetzungen mussten geschaffen werden, um die Originale zeigen zu können?

Neben dem Transport durch eine Spezialfirma musste vor allem ein gleichmäßiges Raumklima (Temperatur, Luftfeuchtigkeit) geschaffen werden. Das gelang uns durch die Anschaffung einer Befeuchtungsanlage und mehrerer Messgeräte.

Warum hat es etwa eineinhalb Jahre lang gedauert, um die Ausstellungsstücke vom Landesmuseum für die Ausstellung in Kirchberg zu bekommen?

Zunächst schafften wir es trotz mehrmonatiger Versuche nicht, die geforderten Werte im Ausstellungsraum zu erreichen. Das LMS bestand auf die strikte Einhaltung der zugelassenen Toleranzen. Erst als wir auch die Beleuchtungsanlage verändert haben, erhielten wir eine Woche vor dem Ausleihtermin grünes Licht.

Warum steht noch heute in Mistlau eine kleine Kapelle, die früher einen solch kunstvoll gefertigten Altar besaß? Welche Funktion hatte diese Kapelle zur Zeit als der Altar eingebaut worden war?

Die Nikolauskapelle in Mistlau, die mit einer ehemaligen Klosterklause zusammenhängt, ist wegen ihrer mittelalterlichen Ausmalung an sich schon ein beachtenswertes Denkmal. Dass dort dann (um 1480) ein solch wertvoller Altar aufgestellt wurde, hat unser Interesse zusätzlich geweckt. Durch die Ausstellung wollten wir diese Geschichte vor dem Vergessen bewahren. Trotz intensiver Beschäftigung blieben für uns wichtige Fragen zum Altar, wie auch zur Klause offen.

Was ist das Besondere, das besonders Bemerkenswerte, an den vier ausgestellten Figuren?

Der spätmittelalterliche Altar als Ganzes ist bemerkenswert. Seine hohe künstlerische Qualität wird zum Beispiel an den Figuren deutlich, wenn man die Gesichter genauer betrachtet oder die besondere Sorgfalt, mit der Haare geschnitzt wurden.

Aus welchen Teilen ist der Altar aufgebaut und welche Funktion hat eine Predella?

Zu sehen ist ein Altarschrein mit zwei Seitenflügeln, die auf ihren Außenseiten die bekannte Nikolauslegende von der Rettung dreier Mädchen zeigen. Im Inneren des Schreines befinden sich fünf Heiligenfiguren, im Mittelpunkt Nikolaus. Der Altarschrein steht auf der Predella. Sie ist ein Reliquienschrein. Er dient der Aufnahme der drei Reliquienbüsten. Wir gehen davon aus, dass der Altar aus einer Künstlerwerkstatt in Schwäbisch Hall stammt.

Bis wann stand der Altar in Mistlau? Warum kam er ins Württembergische Landesmuseum nach Stuttgart?

Bis zirka 1865 war der Altarschrein in der Kapelle. Die Predella befand sich auf dem Dachboden, wohl weil sie in der inzwischen evangelisch gewordenen Kirche keine Funktion mehr hatte. Da vom Kirchberg Fürstenhaus kein Geld zu einer notwendigen Restaurierung gegeben wurde, brachte man den ganzen Altar nach Stuttgart.

„Niklaus ist ein guter Mann, dem man nicht g’nug danken kann…“, heißt es in einem Kinderlied. Ist der historische Nikolaus gleichbedeutend mit dem heutigen Weihnachtsmann?

Nein, der Bischof Nikolaus von Myra ist nach christlichem Denken ein „Heiliger“ aus dem 3. Jahrhundert. In zahlreichen Legenden wurde sein Leben überliefert und seine Verehrung wuchs in der gesamten christlichen Welt. Es entstand schließlich das Idealbild eines Heiligen, der von Geburt an ein bescheidenes und gottesfürchtiges Leben führte, als Bischof seine Gemeinde wie ein guter Hirte pflegte, und die Menschen großzügig und hilfsbereit förderte und gegen alle feindlichen Mächte verteidigte.

Ab dem Mittelalter wurden an seinem Todestag, dem 6. Dezember, arme Kinder beschenkt. Diese Tradition wurde schließlich auf einen Weihnachtsmann übertragen. Aber die religiöse Dimension des Nikolauskultes ging damit zunehmend verloren. Der heutige Weihnachtsmann ist zu einem lieblichen Werbeträger der Konsumgüterindustrie mutiert.

In der Ausstellung dargestellt wird die Legende von der Rettung der drei Mädchen. Welche tiefere Bedeutung hat diese Geschichte?

Die Ursprungslegende beschreibt, wie Nikolaus, bevor er zum Bischof erwählt wurde, einen verarmten Vater davor bewahrte, seine Töchter zu verkaufen oder in die Prostitution geben zu müssen: Nikolaus schenkte jedem Mädchen einen Goldklumpen und rettete so deren Unschuld. Ich denke, diese Legende spricht für sich selbst. Nikolaus ist eben ein „Heiliger für alle Fälle“, in denen Menschen in Not geraten, das machte seine große Beliebtheit aus.

Was geschieht mit dem Altar-Nachbau nach der Ausstellung?

Wir überlegen, ob und wo wir in Kirchberg den nachgebauten Altar und andere Teile der Ausstellung weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Wir sind zuversichtlich, dass wir eine gute Lösung finden werden.

Welche weiterführende Literatur über den Mistlauer Altar, die Kapelle und die Nikolausgeschichte können Sie empfehlen? Wo gibt es die Bücher zu kaufen?

Im Sandelschen Museum können mehrere Bücher erworben werden:

Rosemarie Wolf und Ulrich Fröhner, beide in Kirchberg lebend, haben sich unabhängig voneinander seit mehreren Jahren mit der Nikolauskirche und dem Mistlauer Altar beschäftigt und ihre Ergebnisse jeweils in Buchform vorgelegt.
Als weitere Empfehlung verweise ich auf  Eva Haustein-Bartsch „Nikolaus- ein Heiliger für alle Fälle“. Dieser Katalog des Ikonen-Museums Recklinghausen diente mir als wichtige Quelle zum Verständnis des Nikolauskultes. Außerdem möchte auf das Werk von Roman Mensing „Nikolaus von Myra“ hinweisen. Er gilt als Papst der deutschen Nikolausforschung.

Weitere Informationen und Kontakt:

St. Nikolaus – Der Mythos und der Mistlauer Altar – Sonderausstellung im Sandelschen Museum

http://www.kirchberg-jagst.de/data/ausDemRathaus.php?id=492128

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