„Irgendwo in Hohenlohe“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich: Der Episoden sechsunddreißigster Teil

„Irgendwo in Hohenlohe“ – Eine Fortsetzungsgeschichte von Birgit Häbich. Der Episoden 36. Teil. Die geschilderten Handlungen, Personen und Namen sind frei erfunden. Es werden keine realen Namen von Personen angegeben. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten, lebenden oder toten Personen wären rein zufällig, und sind weder gewollt noch beabsichtigt.

Von Birgit Häbich

XXXVI Tradition

… Carl überlegt kurz wo er am besten beginnen sollte. Setzte sich bequem zurecht und begann Paula dann von Harald Fieläckerle zu erzählen, der schon damals im Bubengymnasium der Kreisstadt neidisch auf ihn war.

Sonne und Mond im eigenen Universum

„Trotz meiner ländlichen Herkunft setzte ich mich mit Hilfe meiner preisgünstigen Gebrauchtbücherhandlung schnell durch und war überall recht beliebt. Die Zwillingsbrüder Harald und Michael waren halt rechte Gscheidle*. Und wenn der eine es nicht wusste, half ihm eben der andere – als Paar waren sie schon immer unschlagbar. Doch hatten sie einen sehr unterschiedlichen Charakter. Hermann war gegenüber Harald devot, ordnete sich stets unter, trug dem Harald die Schultasche nach, egal wohin dieser ging. Wenn sich jemand darüber lustig machte, stolzierte der Erstere hocherhobenen Hauptes, heftig gestikulierend mit Spazierstock voraus, und der Andere folgte ihm, beide Schultaschen schleppend, schweigend nach. Sie taten einfach so als ginge das keinen von beiden etwas an. Sie waren wie Sonne und Mond im eigenen Universum“.

Perfektes Gespann

Carl Eugen Friedner wendete sich während seiner Erzählung kaum zu Paula um, oder schaute sie gar an. Er streifte sie höchstens noch mit einem Seitenblick, seine Augen schienen das Weite zu suchen als ob dort die ganze Geschichte am Horizont abzulesen wäre. „Nur mit dem Rechnen hatte es keiner von den beiden Fieläckerles. Da wurde eben von überall her nachgeholfen, die Lehrer drückten hier und da ein Auge zu. Man legte bei den Brüdern großen Wert auf ihre Leistungen in den humanistischen Fächern. Sich aufplustern, glorreiche Reden schwingen und recht blumig schreiben, das konnte der Harald schon immer gut. Der stillere Michael war mehr für die Gründlichkeit der anzufertigenden schriftlichen Aufgaben zuständig. Durch sein umfassendes Wissen war es ihm möglich, die alten Dichter und Denker im passenden Moment auch in langen Versen herzuzitieren. Damit stellte er sich bei den Pädagogen ins rechte Licht und half so auch Harald öfters aus der Bredouille*. Er war analytischer als Harald und konnte komplexe Zusammenhänge klar darstellen und sich in endlosen Abhandlungen darüber auslassen. Fürs Abitur langte es dem perfekten Gespann dann irgendwie und später beim Studium waren Zahlen für keinen mehr wichtig.

Zurück in die Provinz

Die Haus- und Prüfungsarbeiten der Studienzeit in der altehrwürdigen Philosophenstadt am Neckar, schrieb vermutlich der Michael und der Harald bestand die mündlichen Prüfungen. Das Studium erfolgreich abgeschlossen haben sie beide. Erst danach trennten sich ihre beruflichen Wege. Michael schlug eine Laufbahn an der Universität ein und Harald kam als Lehrer zurück in die Provinz. Hier, im damals strukturschwachen Teil des Landes, war es ein Leichtes in der Politik mitzumischen. Im heimischen Landkreis kletterte er im Nu innerhalb der Partei, Pöstchen um Pöstchen annehmend, hinauf in Richtung Landesvorstand. Er hatte den richtigen Riecher, wusste mit wem im traditionell schwarzgelben Südwesten eine politische Karriere am schnellsten durchzuziehen war. Solche wie der Fieläckerle kamen überall voran und wurden gewählt. Seine schon in der Schulzeit legendären Fähigkeiten, sich gut zu positionieren, sicher aufzutreten und Leute um sich zu scharen, kamen ihm auch hier zugute. Ebenso wie er mit starken Worten in langen unterhaltsamen Reden nichts Konkretes zu sagen vermochte, dabei aber verbindlich wirkte – dies alles nützte er im politischen Alltag als wirksames Werkzeug.

Rattenfänger

Obwohl er sicherlich immer noch nicht rechnen konnte, fand Fieläckerle gerade im Bereich der Wirtschaftspolitik besondere Anerkennung. Das war mir zwar immer schleierhaft, aber vielleicht hilft es ja schon, die Nase nicht nur hoch erhoben, sondern stets vorne dran zu haben. Allen großen und kleinen Gewerbetreibenden möglichst viel Gewinn und Erfolg zu versprechen, den Freiberuflern zuzusichern, ihnen keine weiteren Bürden aufzuzwingen und schon klappt es mit dem Gewähltwerden. Trotzdem muss man sehen, dass er Frauen sowie Männer mit seinem guten Aussehen und seinem Charme gewann und stets perfekt und gepflegt auftrat.“ Mit einem Mal neigte Carl seinen Kopf zur Seite, blinzelte Paula mit den Augen an und fragte: “Und? Du als Frau, sag doch mal, was hat der Fieläckerle so besonderes an sich, dass die Leute ihm wie einem Rattenfänger nachgelaufen sind?“

Nörgeliger Einfaltspinsel

Paula gab ihm keine Antwort, sie lauschte aufmerksam Carls Worten. Für Politik hatte sie sich nie groß interessiert und Fieläckerle war nicht der Typ Mann, den sie ansprechend fand. Sie kannte ihn nur als öffentliche Figur. Paula Engel erinnerte sich aber gut an den Skandal, der ihn letztlich zum Rückzug aus der Landespolitik zwang. Sie legte ihre Stirn in Falten: „Waren wegen dem Skandal damals nicht auch Querelen auf Bundesebene in der liberalen Partei?“ Es wurde schließlich in der Bürgerschaft der Kocherstadt genau verfolgt und diskutiert, was die Abgeordneten in der Landeshauptstadt und anderenorts trieben. “Hat der Fieläckerle damals nicht dem weltgewandten und smarten Balduin Knaller Konkurrenz machen wollen?“ Paula lachte bei der Vorstellung des bieder erscheinenden Fieläckerle. „Zum Außenminister hätte es dem nörgeligen Einfaltspinsel sowieso nie gelangt.“…. Fortsetzung folgt.

Anmerkungen:

*Gscheidle: gescheiter Mensch, kann für ehrliche Bewunderung stehen oder abwertend anstatt „Neunmalklug“ eingesetzt werden.

*Bredouille: sehr unangenehme Situation aus der es eigentlich kaum einen Ausweg
gibt.

Wer hat auch eine Immobilie verloren?

Sollte sich jemand aus der Leserschaft, durch die Beschreibung der Machenschaften daran erinnert fühlen, wie eine Immobilie verloren gegangen ist, können sich diejenigen gern an die Autorin wenden.

Kontaktaufnahme zur Autorin:

E-Mail: b.haebich@web.de

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