„Verfolgung, Deportation, Tod: Die Jenischen fielen durch das abartige Raster des NS-Staates“ – Gedenkfeier des Landtags in Fichtenau

Bei Gedenkfeier des Landtags für die Opfer des Nationalsozialismus in Fichtenau am 27. Januar 2014 plädierte Landtagspräsident Guido Wolf (CDU)  für den Abbau von Vorurteilen und die Akzeptanz von Unterschieden.

Pressemitteilung des Landtags Baden-Württemberg

Teuflische Macht der Vorurteile

Stuttgart/Fichtenau. In seiner zentralen Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus hat der Landtag von Baden-Württemberg am 27. Januar 2014 in Fichtenau (Landkreis Schwäbisch Hall) im Besonderen an das Schicksal der Jenischen erinnert. Angesichts des Leides, das die Gruppe der Jenischen im Dritten Reich erfahren habe, werde deutlich, wie notwendig die Akzeptanz von Unterschieden und Pluralität sei, sagte Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) in seiner Gedenkrede. „Um unserer selbst und der nachfolgenden Generationen willen müssen wir unsere Demokratie gegen jegliche Feinde verteidigen und zugleich die diabolische Macht der Vorurteile brechen“, so Wolf.

Unrecht nicht vergessen

„Das Schicksal der Jenischen darf nicht marginalisiert werden“, hob der Landtagspräsident hervor. „Denn wer erlittenes Unrecht geringachtet oder gar vergisst, der stellt sich auf die Seite der Täter. Und er verschließt sich der Tatsache, dass uns Heutigen jede Leidensgeschichte etwas Eigenes zu sagen hat und damit spezifisch in die Pflicht nimmt.“

Rassistisch verhöhnt, öffentlich drangsaliert, enteignet und abtransportiert

Die Jenischen seien durch das abartige Raster des NS-Staates gefallen und in die Fänge des braunen Verfolgungs- und Vernichtungsapparates geraten, weil sie wegen ihres jahrhundertealten fahrenden Lebensstils als asozial diffamiert und als besonders minderwertig gebrandmarkt worden seien, erläuterte Wolf. „Im Nazi-Staat sind verachtete Volksgruppen und Minderheiten der Willkür unterworfen und entwürdigt worden.“ Die Gesellschaft habe es hingenommen und innerlich oft sogar gebilligt, dass Menschen wegen ihrer Lebensweise, ihres Glaubens, ihres Andersseins rassistisch verhöhnt, öffentlich drangsaliert, enteignet, einfach abtransportiert worden seien.

Demokratie wurde preisgegeben

Despotie und Völkermord in Deutschland seien kein „Betriebsunfall“ der Geschichte gewesen, sondern Folgen zum einen des Preisgebens der Demokratie und zum anderen einer Gedankenwelt, in der Menschenwürde nicht unantastbar gewesen sei. Und das könne sich wiederholen, auch heute noch, warnte Wolf. Die oft zitierte „historische Verantwortung“ betreffe daher ganz konkret die Gegenwart. „Und Gegenwart – das sind wir alle! Jede Einzelne und jeder Einzelne von uns.“

Akzeptanz von Unterschieden ist ein Grundpfeiler der Demokratie

Aus der Menschenwürde, den Freiheitsrechten und dem Diskriminierungsverbot resultiere das Menschenrecht auf Gleichheit in Verschiedenheit, das Recht, unbedrängt, ohne Ausgrenzung und Diskriminierung, „anders“ sein zu dürfen, betonte der Landtagspräsident. Akzeptanz von Unterschieden sei ein Grundpfeiler der Demokratie. Vielfalt sei keine Last, sondern eine Chance. „Jede Gemeinschaft, jede Organisation, jede Stadt, ja auch jede überschaubare Gemeinde wie Fichtenau wird auf Dauer reicher werden und mehr Erfolg haben als andere, wenn sie mit dem Verschiedensein der Menschen positiv, wissbegierig und konstruktiv umgeht“, legte Guido Wolf dar.

Abermillionen Menschen planmäßig ausgegrenzt, gejagt, gequält und ermordet

Dass sich die Gedenkfeier in Fichtenau speziell den Jenischen und ihrem Los widme, bedeute laut Wolf jedoch nicht, dass die Schoah und der Genozid an den Sinti und Roma aus dem Blick verloren werde. Abermillionen Menschen seien planmäßig und bar jeglicher Humanität ausgegrenzt, gejagt, gequält und ermordet worden, sagte der Präsident. „In Trauer, Scham und Ehrfurcht gedenken wir aller Opfer des Nationalsozialismus: der Ermordeten, aber auch der wenigen Überlebenden, deren Körper und Seelen durch das Grauen der Unmenschlichkeit unheilbar verletzt wurden.“

Mahnmal in Unterdeufstetten eingeweiht

Der Rede Wolfs vorausgegangen war eine Begrüßung durch den Fichtenauer Bürgermeister Martin Piott. Im Anschluss an Wolf sprachen Timo Adam Wagner, Vorsitzender des Bundesrats der Jenischen Deutschlands im Jenischen Bund in Deutschland e.V., und der Züricher Historiker Dr. phil. Thomas Huonker. Es folgte eine Rezitation und Erläuterung jenischer Gedichte. Bereits vor der Gedenkfeier hatten Repräsentanten des Landes, der Gemeinde und von Opferorganisationen auf dem Friedhof von Fichtenau-Unterdeufstetten ein Mahnmal für die Opfer der jenischen Bevölkerung eingeweiht und im Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus Kränze niedergelegt.

Weitere Informationen von Hohenlohe-ungefiltert:

http://www.schwaebische.de/region/ostalb/ellwangen/stadtnachrichten-ellwangen_artikel,-Jenische-wurden-Opfer-der-Nazis-_arid,5576460.html#

http://www.landtag-bw.de/cms/home/aktuelles/pressemitteilungen/2014/januar/202014.html

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