„Warum erinnern wir uns eigentlich?“ – Rede von Hermann G. Abmayr beim Jahrestag des Hessentaler Todesmarschs

Hermann G. Abmayr hat am 5. April 2013 die Rede zum Gedenken an den Hessentaler Todesmarsch 1945 gehalten. Abmayr sprach teilweise frei und ergänzte die schriftlich vorliegende Rede an einigen Stellen. Hohenlohe-ungefiltert dokumentiert den schriftlich vorliegenden Redeteil in voller Länge. Zur besseren Lesbarkeit hat die Redaktion Zwischenüberschriften eingefügt.

Von Hermann G. Abmayr,

Warum erinnern wir uns eigentlich?

Warum brauchen wir heute noch Gedenkorte?

Warum ist Erinnern nach wie vor wichtig?

Oder verkommt es zum bloßen Ritual?

Der Begriff Erinnerung und Erinnerungskultur wird in der üblichen Konnotation vor allem seit der Weizsäcker-Rede von 1985 gebraucht – fast inflationär; er gehört also zur herrschenden Ideologie.

Der damalige Bundespräsident sagte:

„Das Geheimnis der Erinnerung heißt Erlösung.“

Damit ist die Erinnerungskultur im Reich der Religion angekommen. Für einen religiösen Menschen mag das wichtig und berechtigt sein. Aber genügt das und wollen wir das? Wollen wir das Holokaust-Gedenken ein Religionsersatz wird?

„Weltliche Heilige“

Der Historiker Peter Novick meint, dass sich die Erinnerung an Auschwitz in eine „Zivilreligion“ verwandelt hat – mit diversen Dogmen und Ritualen. Die Überlebenden der Shoa seien zu „weltlichen Heiligen“ geworden. Und mit den Gedenkfeiern an den Orten des Leidens habe eine „Sakralisierung“ begonnen. Man mag zu diesen Thesen stehen, wie man will. Doch sie müssen diskutiert werden.

Tag des Gedenkens an die Opfer des NS 

Mitte der 1990er Jahre hat ein anderer Bundespräsident einen neuen Akzent in der Erinnerungskultur gesetzt, Roman Herzog. Er erklärte den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des NS. Am 27. Januar 1945 war Auschwitz befreit worden.

Kaum beachtete Opfergruppe Sinti, Roma und die Jenische 

Seitdem veranstaltet auch der Landtag von Baden-Württemberg alljährlich eine Gedenkfeier. Bei der diesjährigen Feier in Mannheim stand erstmals eine lange Zeit kaum beachtete Opfergruppe im Mittelpunkt, die Sinti, Roma und die Jenische. Die Nazis sprachen von der „Bekämpfung der Zigeunerplage“. Und dies schloss auch „nach Zigeunerart umherziehende Landfahrer“ ein, die man Jenische nannte.

Landtagspräsident sprach von Naziopfern

Ein Jahr zuvor hat Guido Wolf, der Präsident des Landtags, bei der damaligen Gedenkfeier einen, wie ich meine, wichtigen Satz gesagt: „Die Opfer waren Menschen wie du und ich.“ Und er sprach von den Opfern der Nazis, er sprach von „den Nazis“. Auch so kann man „Erlösung“ erfahren.

Überspitzt formuliert:

Die Nazis, eine quasi exterritoriale Gruppe von Verbrechern, jedenfalls nicht Menschen wie du und ich, haben malträtiert, Menschen wie du und ich. Im Mittelpunkt der Erinnerung steht seit Mitte der 1980er Jahre das Opfer, das Leiden der Opfer, die Identifikation mit den Opfern.

Doch genügt das?

Einigen Mitgliedern der Stuttgarter Stolpersteininitiativen genügte es nicht. So entstand die Idee ein NS-Täter-Buch zu machen. Denn auch die Täter waren Menschen wie du und ich.

Primo Levi schrieb:

„Es gibt Ungeheuer, aber es sind zu wenige, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.“ Und wer waren die Täter, wer die Opfer, wer die Zuschauer, wenn es die überhaupt gab? Wir haben in unserem Buch Täter beschrieben, die kein Parteibuch der NSDAP hatten:

Paul Binder, der Banker der Arisierung

oder

Dr. Dr. Erwin Goldmann, ein Nazi und Denunziant, den die Partei abgelehnt hat, weil er keine „arische“ Herkunft nachweisen konnte.

Und wir haben Täter erwähnt, die auch Opfer waren:

Artur Nebbe, Einsatzgruppen-Leiter, der 10.000 Opfer auf dem Gewissen hat und als Verschwörer der 20. Juli hingerichtet wurde. Und wiederum Erwin Goldmann, der wegen der Religionszugehörigkeit eines Vorfahren vielfach diskriminiert wurde. Die Grenzen zwischen Tätern und Opfern müssen also nicht immer eindeutig sein.

Den traditionellen Täterbegriff erweitert

Wir haben in unserem Buch auch den traditionellen Täterbegriff erweitert. Denn mit Hitler und seinen paar Helfern wäre der NS-Terror und seine fürchterliche Erfolgsgeschichte nicht erklärbar. Der Sozialpsychologe Harald Welzer fordert, „dass man sich von der Vorstellung freimachen muss, dass es auf der einen Seite Täter gibt, die Verbrechen planen, vorbereiten und ausführen, und auf der anderen Seite Unbeteiligte oder Zuschauer, die einen tiefgreifenden Gesellschafts- und Wertewandel lediglich indifferent zur Kenntnis nehmen.“

Es gibt keine Unbeteiligten

„Mit solchen Personenkategorien kann der Handlungszusammenhang, der schließlich in den Massenmord und in die Vernichtung führte, nicht angemessen beschrieben werden. Es gibt nämlich in einem solchen Zusammenhang keine Zuschauer, es gibt auch keine Unbeteiligten. Es gibt nur Menschen, die gemeinsam, jeder auf seine Weise, der eine intensiver und engagierter, der andere skeptischer und gleichgültiger, eine gemeinsame soziale Wirklichkeit von Tätern und Opfern herstellen.“

Und an anderer Stelle:

„Wenn der Holocaust als ein in breiten Teilen der Bevölkerung zustimmungsfähiges Projekt zustande gekommen ist, liegt darin die Herausforderung, in der Gegenwart die Potentiale für antisoziales Verhalten, für die Aufweichung rechtstaatlicher Prinzipien, für gegenmenschliche Praktiken wahrzunehmen. Dann aber wäre die Erinnerung nicht museal und identifikatorisch, sondern gegenwärtig, reflexiv und politisch.“

Worum geht es also beim Gedenken?

Geht es um Orts- oder Landesgeschichte, um NS-Geschichte? Oder um NS-Geschichten? Nach dem Motto: Ich kenne auch noch einen Nazi aus Region, der Dreck am Stecken hat. Oder: Hitler hatte auch in Schwäbisch Hall einige Helfer. Oder: Das war aber schlimm, was man in den Kriegsjahren mit Herr XY gemacht hat.

Ich denke, dies wäre der falsche Ansatz

Beim Gedenken geht es in erster Linie um uns selbst. Wir müssen von der Gegenwart aus denken, gegenwärtig, reflexiv und politisch, wie Harald Welzer sagt. Und mit WIR meine ich nicht die Experten, nicht die Politiker und nicht irgend ein „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“. Der Begriff stammt übrigens nicht von mir, sondern aus dem Buch „Das Eigentliche“ von Iris Haneka. WIR, das sind die Bürger. Oder, wie es neudeutch heißt, die Zivilgesellschaft.

Lebendiges Stück Erinnerungsarbeit

Und dieser Prozess der Aneignung hat längst begonnen. Aleida Assmann von der Universität Konstanz hat erklärt, dass die Debatte um Orte des Gedenkens und die Gestaltung dieses Erinnern selbst schon ein lebendiges Stück Erinnerungsarbeit ist.

Und an anderer Stelle sagt Assmann:

„Das Paradoxe an unserer deutschen Geschichte ist, dass wir aus negativen Lektionen die positiven Werte der Achtung des Anderen und des Eintretens für Menschenrechte erworben haben.“ Dies sei nicht rückwärtsgewandt, sondern hochaktuell.

Assmann nennt:

– latenten Rassismus und die leichtfertige Einstufung des Fremden als Bedrohung,

– mangelnde Empathie mit Opfern neonazistischer Gewalt und

– eine ‚Ideologie der Ungleichwertigkeit‘, das heißt die Bereitschaft zur Herabstufung von Bürgern dieses Landes zu Menschen zweiter Klasse“.

Skandal: NSU mordete viele Jahre unerkannt

Und hinzufügen muss man natürlich den Skandal, dass der NSU über viele Jahre unerkannt blieb und zehn Menschen aus rassistischen Gründen ermorden konnte. Und der Verfassungsschutz schaute zu, hatte V-Leute in der Szene, die möglicherweise an den Morden beteiligt waren.

NSU-Prozess in München beginnt

Am 17. April beginnt nun in München der Prozess gegen einige Beteiligte der NSU-Morde. Doch wir kennen noch lange nicht das Netzwerk, das hier am Werk war. Etliche mutmaßlich Täter stehen nicht vor Gericht.

NSU und Ku-Klux Klan in Baden-Württemberg aktiv

Und NSU und Ku-Klux Klan und andere Neonazi-Gruppen waren auch in Baden-Württemberg aktiv. Vor unserer Haustür. Und bis in die Polizei hinein. Der Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages wird sich mit diesem Thema am 18. April befassen.

Warnung vor einem zu engen Blick

Allerdings möchte ich vor einem zu engen Blick warnen. Geschichte wiederholt sich nicht, auch die NS-Geschichte. Die Gefahren lauern vielleicht an ganz anderer Stelle. Ich möchte nur ein Beispiel nennen: Allein im Jahr 2010 sind die Lebensmittelpreise weltweit im Durchschnitt um 33 Prozent in die Höhe geschossen. Dies hat 40 Millionen Menschen in den Hunger und in extreme Armut getrieben. Weder Dürre, noch die Nachfrage für Biosprit können den Preisanstieg vollständig erklären. Viele Experten sind sich einig, dass Spekulationen mit Lebensmitteln und ihren Preisen eine wesentliche Rolle bei den weltweit steigenden Kosten spielen.

Banker als Täter?

Sind die verantwortlichen Banker also Täter? Keiner von ihnen hat ein Parteibuch der NSDAP oder der NPD oder gar der NSU. Auch der vorher erwähnte Arisierungs-Banker Paul Binder hatte kein Parteibuch. Kann man also Josef Ackermann und seine Nachfolger bei der Deutschen Bank und Paul Binder in einem Atemzug nennen? Ich will diese Frage nicht vertiefen. Dies ist nicht der Platz dafür. Doch auch hier gilt es genau hinzuschauen und zu differenzieren.

Orte wie Hessental nicht für tagespolitische Zwecke instrumentalisieren

Ich warne auch vor einer plumpen politischen Instrumentalisierung dieses Ortes hier in Hessental oder anderer historischer Orte für tagespolitische Ziele. Ein Gedenkort sollte immer auch ein Lernort sein, ein Lernort für alle Bürger; er muss er vor allem OFFEN sein, muss Freiräume bieten, Kommunikation ermöglichen. Er muss Fragen zulassen, auch „ketzerische“. Selbst wenn Experten und Politiker oder die Träger damit schwer umgehen können.

Fragen der Menschen behandeln

Nur wenn die Fragen der Gesellschaft, die Fragen, die jüngere Generationen stellen, in diesen Orten verhandelt werden können, werden sie mehr als ein Alibi sein. So könnten die Bürger eigene Erfahrungen machen. Lernort also nicht im Sinne von Konsum mehr oder weniger gut aufbereiteter Angebote, sondern im Sinne von selber tun und selbst erleben.

Ehemalige Gestapo-Zentrale als bürgerschaftlicher Lernort neuen Typs

Harald Welzer fordert „bürgergesellschaftliche Lernorte neuen Typs“. Diese Aufgabe steht jetzt in Stuttgart an. Beim „Hotel Silber“, der ehemaligen Zentrale der württembergischen Gestapo. Rückblick: Das Gebäude im Zentrum von Stuttgart sollte abgerissen werden

… Breuninger, Landtagswahl…

Jetzt geht es vor allem um die Finanzierung. Ein Streit zwischen Stadt und Land. Über Konzepte wird bereits gesprochen. Auch über neue Ansätzen, denn die heutigen Generationen haben andere Gewohnheiten und Standards der Mediennutzung und Wissensgenerierung. aber auch erlebnisorientierte Formate. Damit sind auch besondere Chancen verbunden.

Beim Projekt „Hotel Silber“ in Stuttgart geht es auch um Geld

All diese Fragen sollten nicht von Oben herab diskutiert werden, sondern unter den Bürgern selbst – zusammen mit den Experten, die dafür ausgewählt werden – und natürlich auch bezahlt werden müssen. Deshalb geht es bei dem landesweit bedeutenden Projekt „Hotel Silber“ in Stuttgart auch um Geld. Und dies gilt genauso für vergleichbare Projekte in Landkreisen, Städten und Gemeinden.

1933 wurden wichtige Weichen gestellt

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Art und Weise, wie man vor Ort mit der eigenen Geschichte – und damit auch der NS-Geschichte – umging und umgeht. Historiker sprechen von Rezeptionsgeschichte. Im diesem Jahr können wir dies gut beobachten am Umgang mit dem Jahr 1933. Damals vor 80 Jahren wurden wichtige Weichen gestellt. Im Januar wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Es gibt Städte, die sich mit dem Thema befassen, andere nicht. In Schorndorf wollte die Mehrheit des Gemeinderats eine geplante Veranstaltungsreihe nicht finanzieren. Der OB erklärte dann, er würden das Honorar eines Referenten aus eigener Tasche bezahlen.

Einziger politischer Streik gegen Hitler 

Streit gab es auch in Mössingen bei Tübingen. Obwohl die Mössinger stolz sein könnten auf ihre Geschichte. In Mössingen fand im Januar 1933 der einzige politische Streik gegen Hitler statt. Doch manche wollen sich ungern daran erinnern. Schließlich hatten die Kommunisten zu dem Streik aufgerufen.

Arbeiterinnen und Arbeiter legten in Mössingen die Arbeit nieder 

Am 31. Januar 1933 legten Arbeiterinnen und Arbeiter in Mössingen die Arbeit nieder und marschierten durch ihr Dorf. Vorneweg ein Transparent, worauf stand: „Heraus zum Massenstreik“. Männer und Frauen, Arbeiter und Handwerker, Nebenerwerbsbauern und Arbeitslose. Blechtrommler, die die Nazis aus dem Takt bringen wollten. Ein politischer Streik.

Nicht die Daimler- und Bosch-Arbeiter in Stuttgart gingen auf die Straße

Nicht die Daimler- und Bosch-Arbeiter in Stuttgart gingen auf die Straße, nicht die des roten Ruhrgebiets oder die aus Berlin, sondern Männer und Frauen in einem 4000-Seelen-Dorf. in Mössingen im Steinlachtal am Fuße der Schwäbischen Alb, nicht weit entfernt von der Universitätsstadt Tübingen.

Regierung Hitlers „lahmzulegen und zum Rücktritt zu zwingen“

„Wäre diese Aufforderung zum Generalstreik befolgt worden“, heißt es 21 Jahre später in einem letztinstanzlichen Urteil des Landgerichts Stuttgart, „so wären diese Maßnahmen durchaus geeignet gewesen, das angestrebte Ziel zu erreichen“, die Regierung Hitlers „lahmzulegen und zum Rücktritt zu zwingen“.

Durch Machtübernahme Adolf Hitlers war eine Notstandlage eingetreten 

Die Richter werteten den Eingriff in das Eigentumsrecht der bestreikten Unternehmen, zwar als Straftat, doch sei durch die Machtübernahme Adolf Hitlers eine Notstandlage eingetreten, die zu diesem Eingriff berechtigte. Sie attestierten den Mössinger Rebellen, die auch eine „Arbeiter- und Bauernrepublik“ gefordert hatten, einen „aus Überzeugung geleisteten Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft“. Und das sei „ein Verdienst um das Wohl des Deutschen Volkes“.

Stauffenberg galt vielen immer noch als Verräter

Das Urteil war ungewöhnlich in der Adenauer-Ära. In der Zeit des Kalten Krieges, der Wiederaufrüstung und der großen Legendenbildungen. Als Widerstandskämpfer wurde damals meist nicht einmal Wehrmachtsoffiziere wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg anerkannt. Der Hitler-Attentäter aus einem alten schwäbischen Adelsgeschlecht galt vielen immer noch als Verräter. Für die renitenten Mössinger Proleten hätte er nur Verachtung übrig gehabt. Er hatte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ausdrücklich begrüßt und sich vor lauter Begeisterung an der Ausbildung der Schlägertrupps der Nazis, der SA, beteiligt.

Rommel war lange Hitlers Lieblingsoffizier

Verehrt hat die Mehrheit der Deutschen in den 1950er Jahren vor allem eine Propaganda-Erfindung von Josef Goebbels, einen Held des Ersten und Zweiten Weltkriegs, Erwin Rommel. Hitlers Lieblingsoffizier, der in Ostwürttemberg aufgewachsen ist, galt als Inbegriff des „guten sauberen Soldatentums“.

Die Legende vom Widerstandskämpfer

Einer der Drehbuchschreiber dieser Legende war der Schwabe Hans Speidel, Stabschef der Heeresgruppe B unter Rommel. Er adelte Rommel mit dem Titel Widerstandskämpfer und machte ihn zu einer Ikone der jungen Bundeswehr, nach dem Kasernen, ein Kriegsschiff und Straßen benannt wurden. Bundeskanzler Konrad Adenauer machte Speidel 1950 zu seinem militärischen Berater. Später wurde Rommels ehemaliger Stabschef einer der mächtigsten Militärs des westlichen Verteidigungspakts, Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkräfte in Mitteleuropa.

Elser gelang es fast Hitler zu ermorden

Rommel oder Stauffenberg? Das war damals die Frage. An die renitenten Mössinger Arbeiter war gar nicht zu denken. Auch der Handwerker Georg Elser sollte viele Jahrzehnte lang nicht geehrt werden. Der Mann, der ganz in der Nähe von Rommels Geburtsort Heidenheim aufgewachsen ist und es beinahe geschafft hätte, Hitler zu ermorden. Zwei Monate nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und fünf Jahre vor den Attentätern des 20. Juli. Während es über Rommel und Stauffenberg zahlreiche Spielfilme gibt, hat es Elser bisher nur zu einem gebracht, die Mössinger zu keinem.

Rummel um Rommel will nicht aufhören 

Und der Rummel um Rommel will nicht aufhören. Erst im November des Vorjahres fand in deutschen Wohnzimmern ein seltsames Rommel-Gedenken statt. Fast sieben Millionen Menschen verfolgten vor der Glotze die soundsovielte Verfilmung des großen Dramas. Nicht dass Regisseur Niki Stein Rommel erneut zum Widerstandskämpfer gemacht hätte, doch ohne positive Identifikation mit dem Helden, funktioniert ein Drama nun einmal nicht.

Generalstreiker aus Mössingen schafften es noch nie auf ein Spiegel-Cover 

Der Rommel-Mythos bringt Zuschauer; er verkauft sich gut. So war sich der „Spiegel“ nicht zu schade, den Titel-Umschlag mit einem Propaganda-Foto aus der Nazi-Zeit zu präsentieren. Die Generalstreiker aus Mössingen schafften es noch nie auf ein Spiegel-Cover. Warum auch? Für ein großes deutsches Drama sind die Mössinger Rebellen ungeeignet. 80 von ihnen landeten zwar wegen Landesfriedensbruch im Knast, einige sogar wegen Hochverrat, doch es gab keinen Schuss, es gab keine Märtyrer, keinen, der wie Rommel in den Tod gezwungen wurde.

Generalstreik verhinderte Kapp-Putsch

Massenstreik oder Attentat? Was wäre wirksamer gewesen? Immerhin verhinderte ein Generalstreik zwölf Jahr zuvor einen rechten Putsch, den sogenannten Kapp-Putsch.

Arbeiterparteien bekämpften sich bis aufs Messer

Doch warum folgten nur wenige hundert Menschen dem Streikaufruf der KPD-Zentrale? Die SPD und Gewerkschaften verordneten Ruhe als erste Bürgerpflicht. Und die KPD-Spitze hatte sich bei den Arbeitern selbst diskreditiert: Sie hatte bereits so oft erfolglos zum allgemeinen Arbeitsniederlegung gerufen, dass dies kaum mehr ernst genommen wurde. Zudem hatten sich die beiden Arbeiterparteien bis aufs Messer bekämpft. So beschimpfte die KPD die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“, was die Spaltung der Linke noch vertiefte.

Pausa-Chefs gaben ihren Leuten nachmittags frei 

Die Mössinger Linken dagegen nahmen den KPD-Aufruf ernst. Und die Pausa-Arbeiter stimmten mit knapper Mehrheit für den Ausstand, obwohl sich ihr Betriebsratsvorsitzender dagegen ausgesprochen hatte, da keine Anweisung von oben vorlag. Schließlich gaben die Pausa-Chefs ihren Leuten nachmittags frei. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter zogen mit Trommeln und Pfeifen weiter durchs Dorf. Sie sangen Lieder und skandierten „Hitler verrecke“.

Tradierte Handlungsmuster bei ländlichen Rebellionen 

Der Schwaben-Streik gegen Hitler sei „kein Implantat gewesen, das dem ‚Dorfkörper’ gänzlich fremd gewesen wäre“, schreibt Bernd Jürgen Warneken von der Universität Tübingen. Die Mössinger hätten „tradierte Handlungsmuster bei ländlichen Rebellionen“ aufgegriffen, ein Thema, das bisher nur wenig erforscht worden ist.

Warum wurden viele zu Tätern?

Es gibt also noch viel zu erforschen. Warum leisteten die Mössinger schon so früh Widerstand? Warum leisteten andere später Widerstand? Warum machten die meisten Leute mit, wurden viele zu Tätern?

Und was lernen wir aus dem politischen Streik in Mössingen, was aus dem Generalstreik 1921?

In Deutschland sind politischen Streiks im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern tabu. Man denke nur an den 14. November 2012. In Griechenland, Portugal, Spanien, Zypern, Malta und in Italien haben Millionen Menschen einen Tag lang die Arbeit niedergelegt, um gegen die anhaltenden Kürzungen ihrer Löhne und Renten, gegen weitere Einschnitte im Gesundheits- und Bildungswesen und immer neue Sparpakete zu protestieren.

Merkels „marktkonforme Demokratie“

Ein Streik gegen die Regierungen. Doch das passt genauso wenig in Angela Merkels „marktkonformer Demokratie“ wie die renitenten Montagsdemonstranten in Stuttgart oder die Menschen im Wendland, die sich seit vielen Jahren gegen das Atomlager in Gorleben wehren.

Grundgesetz garantiert auch Streikfreiheit

Dabei garantieren Verfassung und Völkerrecht mit der Koalitionsfreiheit „zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen“ (Art. 9 Abs. 3 GG) auch die Streikfreiheit. Folgerichtig hat ein von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berufener Sachverständigenausschuss festgestellt, dass ein Verbot von politischen Streiks völkerrechtswidrig ist.

Mössinger scherten sich nicht um Rechtsfragen

Die Mössinger hatten sich um diese Rechtsfragen nicht gekümmert. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der Pfarrbericht den im Ort vorherrschenden „Geist des Spottes und der Lästerung“. Zivilcourage war bei vielen von ihnen Bürgerpflicht. Ein Geist, der bei hohen Militärs wie Stauffenberg viel zu lange oder, wie bei Rommel, überhaupt fehlte.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Weitere Informationen und Kontakt:

http://www.kontextwochenzeitung.de/no_cache/newsartikel/2013/01/vergessener-widerstand/?sword_list%5B0%5D=abmayr

http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2013/01/die-trommler-des-widerstands/

http://schwaebischer-heimatbund.de/index.php?cid=822

http://www.kz-hessental.de/

 

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