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„Gemeinde Bretzfeld lehnt Akt der Aufarbeitung und Versöhnung ab“ – Gedenkveranstaltung in Waldenburg für Czesław Trzciński und andere NS-Zwangsarbeiter

Am historischen 9. November hatten der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ und die Kulturkneipe Gleis 1 in den Waldenburger Bahnhof eingeladen. Dabei wurde an das Schicksal der pol­ni­schen Zwangsarbeiter und insbesondere des am 11. November 1942 in Bretzfeld-Rap­pach ermordeten Czesław Trzciński erinnert.

Von Hans Graef von der Kulturkneipe Gleis 1 in Waldenburg

In die Gedenkkultur des Volkstrauertags aufnehmen

Zum 70. Todestag des durch die Gestapo in Rappach hingerichteten Polen hatte Udo Grausam umfangreiche Studien betrieben – leider lehnt die Gemeinde Bretzfeld es nach wie vor ab, dieses Gedenken als Akt der Aufarbeitung und Versöhnung aufzunehmen. In seiner Begrüßung wies Gleis1-Vorstand Hans A. Graef auf die Verpflichtung der demokratischen Öffentlichkeit hin, gerade auf lokaler Ebene die Erinnerung an diese NS-Opfer in die örtliche Gedenkkultur wie etwa die des Volkstrauertags aufzunehmen. Die musikalische Umrahmung übernahm der Schwäbisch Haller Musiker Hans Kumpf, der mit besinnlichen und melancholischen Melodien den Charakter der Gedenkstunde illustrierte.

Gegen das Vergessen der mörderischen NS-Diktatur kämpfen

In seiner Einführung wies der ehemalige Vizepräsident des baden-württembergischen Landtags und Vorsitzende des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“, Dr. Alfred Geisel, auf die gesellschaftliche Notwendigkeit hin, gegen das Vergessen der mörderischen NS-Diktatur zu kämpfen und die Erinnerungskultur als Teil der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft lebendig zu halten. Der Opfergruppe der Zwangsarbeiter müsse ebenso gedacht werden wie jene der Juden, Sinti und Roma und anderer Verfolgter. Dabei dankte er dem Tübinger Publizisten Udo Grausam, ein ehemaliger Bretzfelder, für dessen umfangreiche und verdienstvolle Forschungsarbeit zu Czesław Trzciński und äußerte sein Unverständnis über die Blockadehaltung der Gemeinde Bretzfeld, die für dieses Gedenken jede dauerhafte Geste der Erinnerung, sei es als Gedenktafel, Stele oder als Straßennamen verweigert. Dass überdies die Tochter des in Rappach im Gewann Schindersklinge gehängten Trzciński, Frau Irena Maria Baran aus Będzin im Kreis Katowice, an dessen siebzigstem Todestag von der Gemeinde Bretzfeld nicht eingeladen wurde, wie dies seit Herbst 2009 vorgeschlagen ist, sei kaum nachvollziehbar.

Als rassisch Minderwertige gnadenlos verfolgt

Friedemann Rincke vom Stuttgarter Haus der Geschichte referierte umfangreich über das Schicksal der Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime; sie wurden als rassisch Minderwertige gnadenlos verfolgt und ihre Diskriminierung war allen Deutschen klar.

Ein Akt der Versöhnung

Udo Grausam zeigte in seiner „Zwischenbilanz“ den Aufwand und den Ertrag seiner Forschungsarbeit auf, die er seit 10 Jahren im Fall Trzcinski und anderen Vergessenen des NS-Terrors betreibt. Als berührend bezeichnete er die Begegnungen mit der Tochter und der Familie des Ermordeten, die auf Grausams Einladung hin 2009 die Grabstelle ihres Vaters und Großvaters in Tübingen sowie die Hinrichtungsstelle in Rappach besuchten. Ein Akt der Versöhnung war auch die anschließende Einladung durch die Tochter Irena Maria Baran nach Będzin im Kreis Katowice.

Worte des Gedenkens an die Ermordeten

In seinem Beitrag „Die deutsch-polnische Aussöhnung nach den Verbrechen des Nationalsozialismus“ unternahm der ehemaligen baden-württembergische Innenminister Frieder Birzele als ehemaliger Vorsitzender der deutsch-polnischen Gesellschaft Stuttgart einen Streifzug durch die leidvolle Geschichte der Polen seit der ersten Zerschlagung der Nation durch Deutschland und Russland 1793. Nach zwei mörderischen Kriegen, wobei jeweils ein Sechstel der polnischen Bevölkerung ums Leben kam, und der Westverschiebung der Nation durch Stalin von 1945 habe sich seit 1949 und insbesondere nach dem deutsch-polnischen Vertrag sowie dem Kniefall des Bundeskanzlers Willy Brandt 1970 eine Aussöhnung vollzogen. Die Gewerkschaftsbewegung Solidarnośc hatte großes Verdienst an der friedlichen Revolution im eigenen Land und in der DDR. Birzele bezeichnete die Integration Polens in ein demokratisches Europa nach 1990 als ein Gebot des Friedens und der Freiheit. Abschließend sprach Dr. Geisel Worte des Gedenkens an die Ermordeten und an Czesław Trzciński und dankte allen Beteiligten herzlich für diesen gelungenen Geschichtsabend, an dem neben mehreren Kreis- und Gemeinderäten auch die Bundestagsabgeordnete Annette Sawade teilnahm. Zum Schluss machte Birgit Kipfer, ehemalige Landtagsabgeordnete, auf die Aktivitäten des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie aufmerksam und bot Informationen an.

Weitere Informationen und Kontakt:

http://www.gegen-vergessen.de/

Baden-Württemberg: http://www.gegen-vergessen.de/index.php?id=291

http://www.gleis1.net/

 

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