„Griechenland-Berichterstattung der Südwestpresse: Selektive Wahrnehmung und soziale Eiseskälte“ – Leserbrief von Paul Michel aus Schwäbisch Hall

„Ihr Artikel `Griechen sparen zu wenig´ ist selektiv in der Wahl der Fakten und schlichtweg zynisch“, schreibt Paul Michel aus Schwäbisch Hall über einen Text in der Südwestpresse. Paul Michel weiter: „Den Meinungen selbsternannter Zuchtmeister der Griechen aus CDU/CSU und FDP wird breiter Raum gegeben. Der Wirklichkeit wird das nicht gerecht.“ Hohenlohe-ungefiltert veröffentlicht unten den Leserbrief von Paul Michel.

Leserbrief von Paul Michel aus Schwäbisch Hall

Griechen werden nicht als gleichberechtigte Partner behandelt

Die scheinbar sachlich daherkommende Feststellung des FDP-Generalsekretärs („Wir bestehen darauf, dass die Verträge erfüllt werden“) unterstellt, dass die Verträge zwischen gleichwertigen Partnern abgeschlossen wurden. Das ist nicht der Fall. Richtiger wäre es, von Diktaten der Troika aus IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank (EZB) nach dem Motto „Friss oder Stirb!“ zu sprechen.

Soziales Elend hat dramatisch zugenommen

Die von Merkel und Sarkozy verordneten Spardiktate haben für weite Teile der griechischen Bevölkerung ein dramatisches Absinken des Lebensstandards zur Folge. In den vergangenen 18 Monaten verloren die einfachen Leute in Griechenland fast ein Fünftel ihres Einkommens. Arbeitslosigkeit und soziales Elend haben dramatisch zugenommen. Da verwundert es kaum noch, dass in Griechenland, seit Beginn der Krise, die Zahl der Selbstmorde um 40 Prozent gestiegen ist. Die Berenberg Bank bezeichnet das griechische Sparprogramm als „die wahrscheinlich härteste fiskalische Anpassung, die je in einem westlichen Land“ stattgefunden habe.

Gestörte Wahrnehmung

Es zeugt von sozialer Eiseskälte, wenn FDP-Generalsekretär Lindner die Menschen in Griechenland nun noch mehr bluten lassen will. Es zeugt von völlig gestörter Wahrnehmung, wenn selbiger Herr mit drohendem Unterton klagt, die europäische Solidarität sei gefährdet, wenn er und das von ihm vertretene Klientel den Griechen nicht tiefer in die Taschen greifen dürfen und im gleichen Atemzug die Verweigerung der Zahlungen aus bereits beschlossenen „Rettungspaketen“ androht.

Hier im Lande geben offenbar die Wahnsinnigen den Ton an

Ihrer Zeitung ist vorzuwerfen, dass sie solchen Unsinn unkommentiert wiedergibt. Es ist doch allgemein bekannt, dass die Nutznießer der Rettungspakete nicht die einfachen Menschen in Griechenland sind, sondern die Gläubiger, auf deren Konto die Milliarden landen – und das sind nicht zuletzt deutsche Banken. Ihre Zeitung hält es zudem nicht für erwähnenswert, worüber immerhin die „Financial Times Deutschland“ (FTD) berichtet: Die griechische Wirtschaft ist nicht zuletzt wegen der von der Troika verordneten Sparpakete stärker als erwartet eingebrochen. Und Fakt ist: Wenn die Wirtschaft schrumpft, brechen die Steuereinnahmen weg und Sozialabgaben steigen trotz massiver Kürzung von Leistungen. Die FTD zitiert den Chefvolkswirt der Berenberg Bank mit den Worten: „Griechenland spart sich derzeit fast zu Tode – ihnen ein weiteres Sparpaket aufzuerlegen wäre schlichtweg Wahnsinn.“ Hier im Lande geben aber offenbar die Wahnsinnigen den Ton an.

 

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