Brasilien: Indios wollen mitbestimmen

Rund 1200 südamerikanische Índios verteidigten auf dem Weltsozialforum (WSF) in Belém do Pará, vom 27. Januar  bis zum 1. Februar 2009 ihr Recht bei der Nutzung ihrer Reservate mitzubestimmen, berichtet die ökumenische Nachrichtenagentur ALC.

Von Silvio Meincke, attac-Gruppe Schwäbisch Hall

Die Índios erinnern daran, dass die Verteidigung ihrer Länder der gesamten Menschheit zu Gute kommt, weil sie die Umwelt schützen. Es ist Pflicht nicht nur der Índios, sondern jedes Menschen auf Erden, sich für Flüsse und Wälder einzusetzen, fordert der Häuptling Natanael Karajá. Nach ihrem Treffen zur Verteidigung ihrer Kultur und ihrer Reservate veranstalten die am WSF teilnehmenden Índios ein Ritual am Guamá-Fluss, um die Geister der Gewässer anzurufen.
Beim WSF wurde ein Heft herausgegeben, das 500 Dörfer in Brasilien, Argentinien und Paraguay aufzählt, in denen rund 100.000 Menschen um die Vermessung ihrer Länder kämpfen. Die Aggression, so zeigt es das Heft, geschieht hauptsächlich durch die Ausweitung der Monokultur von Soja, Zuckerrohr, Pinuswälder und Rinderzucht.
Die Forschung und die Herausgabe des Heftes werden unter anderen von Brot für die Welt, UNICEF, Survival International und die norwegische Botschaft unterstützt.

Erklärung der Versammlung der sozialen Bewegungen anlässlich des Weltsozialforums 2009 in Belem (Brasilien) mit der Überschrift „Wir zahlen nicht für die Krise. Die Reichen müssen zahlen!“ im Wortlaut:

Wir, die sozialen Bewegungen aus aller Welt, sind anlässlich des 8. Weltsozialforums in
Belem im Bundesstaat Amazonien, in dem die Völker sich dem Versuch der Usurpation
der Natur, ihrer Ländereien und ihrer Kulturen widersetzt haben, zusammengekommen.
Wir befinden uns in Lateinamerika, wo sich die sozialen und indigenen Bewegungen im
Laufe des vergangenen Jahrzehnts zusammengeschlossen und das kapitalistische System
aus ihrer „Kosmovision“ heraus radikal in Frage gestellt haben.
In den letzten Jahren haben äußerst radikale soziale Auseinandersetzungen in Latein –
amerika zum Sturz neoliberaler Regierungen und zur Machtübernahme von Regierungen
geführt, die viele positive Reformen durchgeführt haben, beispielsweise die Verstaat-
lichung der wichtigsten Wirtschaftssektoren und demokratische Verfassungsreformen.
In diesem Zusammenhang haben die sozialen Bewegungen in Lateinamerika in ange –
messener Weise reagiert und beschlossen, die von diesen Regierungen verabschiedeten
positiven Maßnahmen zu unterstützen und eine kritische Distanz zu wahren. Diese
Erfahrungen werden dazu beitragen, den entschlossenen Widerstand der Völker gegen die
Politik der Regierungen, Unternehmen und Banken, die die Last der Krise den
Unterdrückten aufbürden, zu stärken. Wir, die sozialen Bewegungen der Welt, stehen
zurzeit vor einer historischen Herausforderung.
Die internationale Krise des Kapitalismus schadet der Menschheit auf verschiedene
Weise: Sie wirkt sich auf die Bereiche Ernährung, Finanzen, Wirtschaft, Klima, Energie,
Bevölkerungsbewegungen und die Zivilisation an sich aus, da auch die internationale
Ordnung und die politischen Strukturen eine Krise durchlaufen.
Wir sehen uns einer globalen Krise gegenüber, die unmittelbare Folge des kapitalistischen
Systems ist und deshalb nicht aus dem System selbst heraus gelöst werden kann. Alle
bisher zur Bewältigung der Krise getroffenen Maßnahmen zielen lediglich auf die
Vergesellschaftung der Verluste ab, um das Überleben eines Systems zu sichern, das auf
der Privatisierung strategischer Wirtschaftssektoren, öffentlicher Dienstleistungen,
natürlicher Ressourcen und Energieressourcen, die Vereinheitlichung des Produkt-
angebots und somit des Lebens („Kommoditisierung“) und Ausbeutung der Arbeitskraft
und der Natur sowie der Übertragung von Ressourcen von der Peripherie ins Zentrum und
von den Arbeitern zur kapitalistischen Klasse beruht.
Das gegenwärtige System beruht auf Ausbeutung, Wettbewerb, Förderung privater
Einzelinteressen zum Schaden des Gemeinwohls und der fieberhaften Anhäufung von
Reichtümern durch eine Handvoll reicher Menschen. Es führt zu blutigen Kriegen, heizt
Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und religiösen Fundamentalismus an und verschärft
die Ausbeutung von Frauen und Kriminalisierung von sozialen Bewegungen. Im
Zusammenhang mit der derzeitigen Krise werden den Menschen systematisch Rechte
vorenthalten.

Die wilde Aggression der israelischen Regierung gegen das palästinensische
Volk ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht und läuft auf ein Kriegsverbrechen und ein
Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinaus und symbolisiert die Vorenthaltung von
Rechten gegenüber einem Volk, was auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist.
Die schändliche Straflosigkeit muss gestoppt werden. Die sozialen Bewegungen
bekräftigen ihre aktive Unterstützung für den Kampf des palästinensischen Volkes sowie
für alle Maßnahmen, die sich gegen die Unterdrückung von Völkern weltweit richten.
Um die Krise zu überwinden, müssen wir das Problem an der Wurzel anpacken und
schnellstmöglich Fortschritte im Hinblick auf den Aufbau einer radikalen Alternative
erzielen, die das kapitalistische System und die patriarchalische Herrschaft beseitigen
würde. Wir müssen auf eine Gesellschaft hinarbeiten, die sozialen Bedürfnissen Rechnung
trägt und die Rechte der Natur achtet sowie die demokratische Teilhabe im Zusammen-
hang mit voller politischer Freiheit unterstützt. Wir müssen dafür sorgen, dass alle
internationalen Verträge über unsere unteilbaren bürgerlichen, politischen, wirtschaft-
lichen, sozialen und kulturellen individuellen und kollektiven Rechte umgesetzt werden.
I n dieser Hinsicht müssen wir einen Beitrag zu einer möglichst großen Mobilisierung der
Völker leisten, um mehrere dringende Maßnahmen durchzusetzen, beispielsweise entschädigungslose Verstaatlichung des Bankensektors unter voller gesellschaftlicher Kontrolle; Reduzierung der Arbeitszeit ohne Lohneinbußen; Einleitung von Maßnahmen zur Sicherung der Nahrungsmittel – und Energiesouveränität; Beendigung von Kriegen, Rückzug von Besatzungstruppen und Abbau von
Militärstützpunkten im Ausland; Anerkennung der Souveränität und Autonomie der Völker unter Gewährleistung ihres Selbstbestimmungsrechts; Garantie des Rechts auf Land, Landgebiete, Arbeit, Bildung und Gesundheit für alle; Demokratisierung des Zugangs zu Kommunikationsmitteln und Wissen.
Der von den feministischen, ökologischen und sozialistischen Bewegungen im 21. Jahr-
hundert getragene soziale Emanzipationsprozess zielt auf die Befreiung der Gesellschaft
von der kapitalistischen Herrschaft der Produktions- und Kommunikationsmittel und
Dienstleistungen ab, was durch die Unterstützung bestimmter Formen der Eigenverant –
wortung erzielt wird, die dem gesellschaftlichen Interesse dienen: kleiner Familienbesitz
und öffentliches, gemeinschaftliches, kommunales und kollektives Eigentum.
Diese Alternative ist zwangsläufig feministisch, da es nicht möglicht ist, eine Gesellschaft
aufzubauen, die auf sozialer Gerechtigkeit und Gleichberechtigung beruht, wenn die
Hälfte der Menschheit unterdrückt und ausgebeutet wird.
Schließlich verpflichten wir uns zur Unterstützung des Aufbaus einer Gesellschaft auf der
Grundlage eines Lebens im Einklang mit sich selbst, den anderen und der Umgebung („el
buen vivir“) durch Anerkennung der aktiven Teilhabe und des Beitrags der indigenen
Völker.
Wir, die sozialen Bewegungen, haben die einmalige Chance in der Geschichte, emanzi-
patorische Initiativen auf globaler Ebene zu entwickeln. Nur durch den sozialen Kampf
der Massen können die Völker die Krise bewältigen. Um diesen Kampf zu unterstützen,
ist es wichtig, das Bewusstsein zu schärfen und die Mobilisierung von unten zu stärken.
Die Herausforderung für die sozialen Bewegungen besteht darin, die globale Mobilisie-
rung zu bündeln. Darüber hinaus müssen wir unsere Handlungsfähigkeit stärken, indem
wir die Bündelung aller Bewegungen unterstützen, die versuchen, Unterdrückung und
Ausbeutung zu widerstehen.

Folglich verpflichten wir uns, vom 28. März bis 4. April 2009 eine Globale Aktionswoche gegen Kapitalismus und
Krieg mit folgenden Schwerpunkten durchzuführen: Anti- G20-Mobilisierung am
28. März, Mobilisierung gegen Krieg und Krise am 30. März, Tag der Solidarität mit
dem palästinensischen Volk zur Unterstützung des Boykotts und des Rückzugs von
Investitionen sowie von Sanktionen gegen Israel am 30. März, Mobilisierung
anlässlich des 60. Jahrestags der Gründung der NATO am 4. April usw.; Erhöhung der Zahl der Anlässe für die Mobilisierung im Laufe des Jahres: Internationaler Frauentag (8. März), Internationaler Tag der Nahrungsmittel-
souveränität (17. April), Internationaler Tag der Arbeit (1. Mai), Globale Mobilisierung des Kampfes für Mutter Erde gegen die Kolonialisierung und Vermarktung des Lebens (12. Oktober).

Planung einer Agenda des Widerstands gegen den G8-Gipfel in Sardinien, den
Klimagipfel in Kopenhagen, den Amerika-Gipfel in Trinidad und Tobago usw.
Durch diese Forderungen und Initiativen reagieren wir mit radikalen und emanzipato-
rischen Lösungen auf die Krise.

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