Haben Landwirte in Hohenlohe eine Zukunft?

Haben unsere Landwirte in Hohenlohe eine Zukunft? Warum bäuerliche Produktionsformen weltweit oft chancenlos sind.

Kommentar von Manfred Scherrmann, Schwäbisch Hall

Aldi, Lidl und andere Discounter kümmern sich nicht um die Produktionsbedingungen ihrer Lieferanten. Günther Wallraff hat mehrere Wochen dokumentiert, was er als Arbeiter under fremdem Namen in einer Firma erlebt hat, die Billig-Backwaren herstellt. Mobbing, katastrophale hygienische Zustände, Missachtung der Sicherheitsvorschriften, Hungerlöhne, rücksichtslose, schwankende Arbeitszeiten. In dem Tatort-Krimi mit dem Titel Kassensturz wurde kürzlich gezeigt, welche Folgen das Billig und immer noch billiger für die Angestellten solcher Discounter haben. Ingeborg Wick vom Institut für Arbeits- und Frauenrecht hat im Januar 2009 eine Studie veröffentlicht über Arbeits- und Frauenrechte im Discountgeschäft. Dabei berichtet sie unter anderem über die katastrophalen Produktionsbedingungen in sechs chinesischen Firmen, die für Aldi Aktionsware herstellen.

Wie es den Landwirten hier in Hohenlohe geht, das hat direkt etwas zu tun mit diesen Geschäftspraktiken. Auch sie unterliegen dem Preisdiktat, auch sie erhalten für ihre Produkte keinen fairen Preis und werden rücksichtslos ausgepresst wie eine Zitrone – vielleicht einmal abgesehen von den Mitgliedern der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft, deren Preise nicht von Aldi und Co. diktiert werden können. Die niedrigen Preise und die ständig steigenden Produktionskosten erzwingen, immer mehr zu produzieren. Die Folge ist ein Überangebot und damit verbunden ein weiterer Preisverfall, wie aktuell bei der Milch. Dieses System ist krank. Erstaunlicherweise hat der Bauernverband über Jahrzehnte das alles mitgetragen und mit aufgebaut. Bis heute ist er verbunden mit politischen Parteien, die diese Entwicklung zu verantworten haben.

Die Gesetze dieses Marktes anerkennen heißt, Ausbeutung und Zerstörung anerkennen und mitzutragen. Ist es wirklich so wichtig, dass ein Kilogramm Weizen oder ein Ei kaum mehr kosten als vor 50 Jahren, wenn wir damit zum Beispiel die enormen Preissteigerungen bei Autos oder Benzin vergleichen? Mit billig bringen wir viele in den Ruin, wollen wir das wirklich? Ist es nicht an der Zeit, einen fairen Preis zu bezahlen für das, was wir kaufen, vor allem für Lebensmittel, damit faire Arbeits- und Produktionsbedingungen erhalten bleiben? Viele Preise bei den Discountern sind unanständig niedrig. Ein Traum: Wenn alle Landwirte in Deutschland und alle, die mit ihnen verwandt oder befreundet sind, nicht mehr bei den Discountern einkaufen würden, und wenn sich der Bauernverband in diese Bewegung einreihen würde, um endlich die Interessen der Kleineren und Schwächeren zu vertreten, was würde sich da nicht alles ändern.

Das Thema Nahrungsmittelproduktion hat noch weitere Aspekte: Die Zahl der Hungernden auf der Welt steigt. Im Jahr 2008 sind die Preise für einige Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis explodiert, vor allem wegen der in den USA rasant wachsenden Produktion von Bioethanol aus Weizen und Mais und der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Energie an den Börsen. Beim Welternährungstag Mitte Oktober 2008 wurde von der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) mitgeteilt, im Jahr 2008 sei die Zahl der Hungernden um 73 Millionen auf 923 Millionen angestiegen. 25000 Menschen sterben täglich an den Folgen ihrer Unterernährung, mehr als die Hälfte davon sind Kinder. Die Prognosen für 2009 sind noch schlechter.

Diese Situation müsste nicht so sein, niemand müsste hungern, hätten wir nicht weltweit ein System, das von Kapitalinteressen dominiert wird, das sich ohne Rücksicht auf die Betroffenen nur am eigenen Gewinn orientiert und moralische Werte missachtet. Weil Aldi, Lidl und andere die Preise diktieren und systematisch senken, bekommen unsere Landwirte für ihre Produkte meist nur Niedrigstpreise, die ihnen das Wasser an den Hals schicken und ihnen nur die Wahl lassen zwischen Pest und Cholera, zwischen Wachsen oder Weichen. Die Folge für die durch die steigenden Betriebskosten zusätzlich belasteten Landwirte: Viele Betriebe, nicht nur Milchbauern, sind in ihrer Existenz bedroht.

Ganz ähnlich geht es vielen Bauern in den armen Ländern. Ihnen werden ganz krass alle Möglichkeiten einer rentablen Produktion aus der Hand geschlagen, denn die Preise zum Beispiel bei Baumwolle werden in den USA durch viele Milliarden Dollar an Subventionen für die heimischen Produzenten künstlich niedrig gehalten. Das hat katastrophale Folgen für die Baumwollbauern in Indien und Afrika, denn dort sind dann die Preise, die sie für ihre Baumwolle bekommen, ebenfalls so niedrig, dass trotz all ihrer Arbeit die Ausgaben für das Saatgut, den Dünger und die Spritzmittel oft über den Einnahmen liegen. Dadurch geraten die Baumwollbauern in eine Verschuldungsspirale. Aus diesem Grund nehmen sich in Indien immer mehr dieser Bauern das Leben.

Einerseits wollen die Vertreter vieler Industrienationen einen „freien“ Welthandel erzwingen, doch zum Verzicht auf den subventionierten Export ihrer eigenen schon vorher subventionierten Nahrungsmittel, dazu sind sie nicht bereit. Millionen von Tonnen extrem billiger Agrarprodukte werden auf den Weltmarkt gespült. Sie ersticken in vielen Ländern die lokalen Wirtschaftskreisläufe, denn sie machen die Produktion heimischer Nahrungsmittel und Kleider unrentabel und bringen sie zum Verschwinden. Dumpingpreise zerstören hier wie dort Arbeitsplätze und erzeugen Armut und Verelendung. Aus der Sicht der Betroffenen ist diese Strategie blanker Zynismus. Natürlich sind billige Nahrungsmittelexporte nicht immer schlecht. Doch sie sollten auf die Fälle eingegrenzt werden, bei denen sie mehr nützen als schaden, zum Beispiel bei Dürrekatastrophen. Nicht ohne Grund halten einige Länder fest an Handelseinschränkungen und Preisbindung für Nahrungsmittel, denn Regulierungen in diesem Bereich sind für Millionen von Menschen eine Überlebensfrage, für die vielen Kleinbauern genauso wie für die breite Schicht der Hungerleider, die kein Land bewirtschaften.

Lange wurde bei uns das Pferd „ neoliberale Wirtschaftspolitik“ gesattelt. Das Ergebnis dieser Politik: Bankencrash und Wirtschaftskrise sowie Ausbeutung, Zerstörung, Vertreibung, Flucht und Krieg in vielen Regionen unserer Erde. Opfer dieser verfehlten, die Gesellschaft spaltenden Politik gibt es in den reichen und in den armen Ländern. Hier wie dort müsste den Regierungen, den Banken, den Konzernen und allen anderen Akteuren, die rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen betreiben oder zulassen, das Handwerk gelegt werden. Es ist nun dringend an der Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und faire Produktions- und Handelsbedingungen zu installieren. Andernfalls stehen uns wie in vergangenen Jahrhunderten viele Kriege um Rohstoffe und Handelsmonopole ins Haus. Was wir bisher beispielsweise in Afghanistan und im Irak erlebt haben, ist dann im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt, wie ein Vorspiel.

Mehr als 400 Wissenschaftler aus vielen Ländern der Erde bilden den Weltagrarrat. Er hat nach vier Jahren Arbeit im September 2008 einen Bericht veröffentlicht. Sein Co-Präsident Hans Herren meinte dazu: „Politik sowie Agroindustrie und Agrotechnik haben bisher eine Produktion von Nahrungsmitteln forciert auf Kosten der Umwelt, des Bodens und der Biodiversivität und auf Kosten vieler kleinerer Produzenten. Wir müssen total umdenken, im Norden wie im Süden. Da sind beide Systeme bankrott.“ Der Weltagrarrat sieht nun in der Stärkung traditioneller bäuerlicher Produktionsformen und in der Rückbesinnung auf altes Wissen die Lösung. Damit wird die Agrarpolitik der letzten 30 Jahre gegeißelt und eine totale Kehrtwende empfohlen. Nur so könnten langfristig genügend Nahrungsmittel für alle Menschen dieser Erde produziert werden, auf eine Art und Weise, die der Natur, der Umwelt, vielen Produzenten und den Verbrauchern zugute kommt.

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