Gegen die kriegerische Nato nicht mit Krieg reagieren – Reportage eines jungen Hohenlohers von der Anti-Nato-Demo in Straßburg

Paradoxes Bild: Eine Frau mit einer Friedensfahne vor einem brennenden Gebäude

Ein paradoxes Bild: Eine Frau mit einer Friedensfahne steht vor einem brennenden Gebäude. FOTO: David Jäger

Es war das erste Mal richtig warm in diesem Jahr, als sich vor kurzem viele Menschen aufmachten, um in Straßburg gegen die Nato und ihre Kriege zu demonstrieren. Unter den Demonstranten war auch eine kleine Gruppe junger Leute aus Hohenlohe. Einer von ihnen berichtet: Die erste Meldung von dunklen Wolken überbrachte uns nicht der Wetterbericht im Radio, sondern die Nachrichten. Die Meldungen besagten, dass allein auf deutscher Seite 15.000 Polizisten im Einsatz seien. Massive Kontrollen, Ausreise- und Einreiseverbote seien an der Tagesordnung, hieß es. Bei uns im Auto herrschte eine Stimmung der Ungewissheit. Keiner wollte und konnte dazu etwas sagen, nur alle wussten, wie schnell so eine Tour ungemütlich werden kann.

Reportage von David Jäger aus Gerabronn

Aufgetürmte Blockaden brannten

Doch die Realität sah zunächst ganz anders aus. Wie bei einem Herrenausflug ins schöne badische Land, erreichten wir fünf Hohenloher ohne auch nur eine Kontrolle zu passieren das Camp auf französischer Seite. Der erste Eindruck war durchaus sympathisch. Verschiedene Fahnen internationaler politischer Organisationen flatterten im Wind. Farblich dominierte jedoch die Landschaft oberhalb des Camps in rot-schwarz. Nach dem Aufbauen des Zeltes schlenderten wir über das Campgelände und trafen eine alte Bekannte. Sie meinte nur, als würde sie es schon ahnen, „haltet euch bloß fern von spontanen Aufrufen. Die bringen in ihrer Unorganisiertheit nur eins: Ärger“. Am Abend zuvor hatte die französische Polizei nach Aussagen der Frau das Camp mit Tränengasgranaten angegriffen, nachdem es Krawalle in der Stadt gegeben hatte. Wir konnten den Gedanken gar nicht zu Ende denken, da begann es schon laut zu knallen. Plötzlich bemerkten wir, wo wir hingeraten waren. Das vorher noch relativ heterogen wirkende Camp formierte sich. Viele begannen, sich nervös in ihre schwarze „Uniform“ zu werfen und stürmten Richtung Campeingang. Als wir am Ort des Geschehens ankamen, hatten die Demonstranten schon ganze Arbeit geleistet. Die komplette Zufahrtstrasse war blockiert. Straßenschilder, Holzstämme, Bauzäune waren zu hohen, teilweise brennenden Blockaden aufgetürmt. Je weiter man nach vorne durchdrang, desto dichter wurde der Nebel. Wir fanden schnell heraus, was nur Rauch und was Tränengas war.

Polizei schuf einen nahezu rechtsfreien Raum

Einer aus dem schwarzen Block wirft einen Stein

Ein Autonomer bewirft eine Polizeiabsperrung mit einem Stein.

Dasselbe Bild – nur in größerem Ausmaß – bot sich am nächsten Tag auf der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg. Von der französischen Polizei haben wir bis zu diesem Zeitpunkt zwar viel Tränengas zu spüren bekommen, aber nur wenig gesehen. Deren Taktik war meist auf Abstand bedacht. Am späten Nachmittag des 4. April 2009 kesselten sie den Kern der Unruhen um die Europabrücke ein. Innerhalb dieser Zone schufen sie so einen nahezu rechtsfreien Raum. Als es überall anfing zu brennen und die Masse deutlich unruhiger wurde, machte man sich schon Gedanken darüber, ob denn in diesem Bereich überhaupt die medizinische Versorgung gewährleistet sei. Es war keine Ambulanz und auch keine Feuerwehr zu sehen. Es war keine Form der Anarchie nach Bakunins rosiger Idee, sondern es war das negativ behaftete Bild der Anarchie, -ein unkontrolliertes Chaos. Egal in welche Himmelsrichtung man schaute, es brannte und rauchte überall. Über uns kreisten die Hubschrauber. Es war laut, dann wieder leise, mal wurde gerannt, mal gemütlich geschlendert.

Plan einer Sitzblockade wurde verworfen

Am Abend zuvor waren verschiedene Besprechungen der einzelnen politischen Bewegungen bei uns im Camp gewesen. Die „Linksjugend solid“ plante eine Sitzblockade, von der die französischen Genossen aber abrieten. Die französische Polizei sei nicht wie die deutsche, sie habe kein Interesse daran persönliche Daten von Demonstranten zu sammeln, sie wolle einen  auch nicht unbedingt in Gewahrsam nehmen, berichteten sie. Wenn es der französischen Polizei zuviel werde, „schießen sie alles mit Tränengas und Schockgranaten kurz und klein“, erläuterten die französischen Genossen weiter. Was dann noch übrigbleibe, werde weggeknüppelt.

Polizei fing an „aufzuräumen“ – Panik wegen Tränengas

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Die Europabrücke zwischen Straßburg und Kehl: Die Polizei sperrt von deutscher Seite her ab.

Am nächsten Tag war es dann soweit gekommen, dass die Sicherheitskräfte durchgriffen. Es wurde dabei nicht zwischen aggressivem schwarzem Block und friedlichen Demonstranten unterschieden. Kurz zuvor war unsere kleine Gruppe weg von der Europabrücke und ihrem brennenden alten Zollhaus zum Kundgebungsplatz der offiziellen Demonstration gegangen. Dort hatten sich bis dahin schon fast 10.000 Menschen versammelt. Ein bunt gemischtes Publikum, auch in farblichem Sinne, Junge und Alte. Einige hatten sich große Mühe mit ihren Transparenten und Basteleien gegeben. Aber genau bei diesen friedlichen Leuten fing die Polizei an, „aufzuräumen“. Es war für die Polizisten die einzige größere Gruppe von Menschen in ihrer direkten Nähe. Für den Polizeieinsatz lag der Kundgebungsplatz praktischerweise sogar in einem Kessel. Dadurch war dieser besonders gut mit Tränengas zu beschießen. Als dies geschah, brach eine Massenpanik aus. An die 10.000 Menschen fingen auf einmal an zu rennen. Ältere Menschen versuchten sich in die Büsche zu retten, aus Angst überrannt zu werden. Das bot ihnen jedoch keinen Schutz vor dem aggressiven Gas. Sie sahen panisch aus.

Paradox: Bei Anti-Kriegsdemo steckten wir selbst mitten im Krieg

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Ein Demonstrationszug Autonomer auf dem Weg zur Europabrücke.

Nachdem sich die meisten, so auch wir, in Sicherheit gebracht hatten, blickte ich auf die Stadt zurück. In allen Himmelsrichtungen stiegen Rauchsäulen in den Himmel, man hörte das Propellerschlagen von vier oder fünf Hubschraubern. Es knallte in unregelmäßigen Abständen. Es sah so aus, wie ich mir Krieg vorstelle. Straßburg war im Krieg. Eine paradoxe Situation, wenn man bedenkt, dass wir dort waren, um gegen Krieg zu demonstrieren. Jetzt steckten wir selbst mittendrin. Die Kundgebung wurde abgesagt, der Ostermarsch konnte die Brücke von Kehl nach Straßburg nicht überqueren. Die Veranstaltung war für uns gelaufen. Wir machten uns auf den Rückweg, was leichter gesagt war als getan. Ein dreistündiger Marsch durch ein Industriegebiet, vorbei an allen Absperrungen, hin zum Camp stand uns bevor. Genauso schwierig gestaltete sich die Ausreise, nirgends wollte man uns Auskunft geben, geschweige denn passieren lassen. Doch wir fanden einen Weg. Wir folgten einem deutschen Paar, ab einem Golfplatz zurück nach Deutschland. Sie hatten wohl ganz unbehelligt eine Runde Golf gespielt, während im Hintergrund Straßburg brannte. Einer von vielen Gedanken, die mir bleiben: wie paradox. Auf dem Heimweg hörten wir im Radio, dass anscheinend 34 Demonstranten und acht Polizisten verletzt worden seien. Mindestens 300 Festnahmen soll es gegeben haben. „Verhältnismäßig wenig, für das, was wir gesehen haben“, sagt einer aus unserer Gruppe. Danach wurde eine politische Diskussion im Radio übertragen. Es war der erste sinnvolle politische Diskurs, den wir an diesem Demo-Wochenende hörten. Ein Experte kritisierte faktisch-formal die Nato und ihre Misserfolge. Gerne hätten wir davon auch mehr in Straßburg gehört. Doch daraus war leider nichts geworden.

Der „Schwarze Block“ hinterließ eine Spur der Verwüstung

Brennendes altes Zollhaus direkt an der Europabrücke.

Brennendes altes Zollhaus direkt an der Europabrücke.

Auf dem Weg zur Demonstration hatte der „schwarze Block“ eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Scheiben wurden eingeworfen, Läden geplündert und alles angezündet, was brennbar schien. Einer kam sogar auf die völlig idiotische Idee, eine Tankstelle anzuzünden. Als wir das gesehen hatten, liefen wir deutlich schneller. Von einer Explosion haben wir jedoch nichts mitbekommen. Bei einigen Aktionen, die wir gesehen und miterlebt hatten, fragten wir uns öfter nach deren Sinn. Ein Problem war sicher, dass sich sehr viele französische „Ghettokids“ aus den Vorstädten unter die Demonstrierenden gemischt hatten. Die Situation erinnerte stark an die Ausschreitungen in den Banlieues von Paris vor einigen Jahren. Mein Eindruck war: Diese Kids wollten um jeden Preis Krawall machen, so dass es sogar innerhalb des schwarzen Blocks zu Auseinandersetzungen kam.

Mit etwas zeitlicher Distanz zu den Ereignissen lautet mein Fazit: Wer einer mächtigen Institution wie der Nato schaden will, braucht für eine Demonstration eine zentrale Aussage. „Hallo, wir sind besser als ihr und wir sind mehr“. Gegen Krieg zu demonstrieren, indem man in einer Stadt kriegsähnliche Zustände schafft, kann keine sinnvolle Aussage sein.

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