„Krieg dem Kriege“ – Manifest des Basler Friedenskongresses im Jahr 1912

Hohenlohe-ungefiltert veröffentlicht das Manifest des Basler Friedenskongresses aus dem Jahr 1912. Aus: Außerordentlicher Internationaler Sozialisten-Kongress zu Basel am 24.und 25. November 1912. Berlin 1912, Seiten 23 bis 27. Die Zwischenüberschriften stammen von Hohenlohe-ungefiltert.

Vom Außerordentlichen Internationalen Sozialisten-Kongress in Basel 1912

Manifest der Internationale zur gegenwärtigen Lage 1912

Die Internationale hat auf ihren Kongressen von Stuttgart und Kopenhagen für das Proletariat aller Länder als leitende Grundsätze für den Kampf gegen den Krieg festgestellt – Manifest der Internationale zur gegenwärtigen Lage:

Den Krieg verhindern

«Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Bureaus, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäss ändern. Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen.»

Rüstungswahnsinn hat die Lebensmittelteuerung verschärft

Die Ereignisse der letzten Zeit haben mehr als jemals dem Proletariat die Pflicht auferlegt, seinen planmässigen und gemeinsamen Aktionen die grösste Kraft und Energie zu geben. Auf der einen Seite hat der allgemeine Rüstungswahnsinn die Lebensmittelteuerung verschärft und dadurch die Klassengegensätze zugespitzt und in die Arbeiterklasse eine unbezwingbare Empörung getragen. Die Arbeiter wollen diesem System von Beunruhigung und Verschwendung eine Grenze setzen. Andererseits wirken die unaufhörlich wiederkehrenden Kriegsdrohungen immer aufreizender. Die grossen Völker Europas sind beständig auf dem Punkte, gegeneinander getrieben zu werden, ohne dass diese Attentate gegen Menschlichkeit und Vernunft auch nur durch den geringsten Vorwand eines Volksinteresses gerechtfertigt werden könnten.

Schreckliche Greuel in der Balkankrise

Die Balkankrise, die bereits bis heute so schreckliche Greuel herbeigeführt hat, würde, wenn sie weiter greift, die furchtbarste Gefahr für die Zivilisation und das Proletariat sein. Sie wäre zugleich die grösste Schandtat der Weltgeschichte durch den schreienden Gegensatz zwischen der Grösse der Katastrophe und der Geringfügigkeit der ins Spiel kommenden Interessen. Darum stellt der Kongress mit Genugtuung fest die vollständige Einmütigkeit der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften aller Länder im Kriege gegen den Krieg. Indem die Proletarier aller Länder sich gleichzeitig zum Kampfe gegen den Imperialismus erhoben, jede Sektion der Internationale aber der Regierung ihres Landes den Widerstand des Proletariats entgegenstellte und die öffentliche Meinung ihrer Nation gegen alle kriegerischen Gelüste mobilisierte, ergab sich eine grandiose Kooperation der Arbeiter aller Länder, die schon bisher sehr viel dazu beigetragen hat, den bedrohten Weltfrieden zu retten. Die Furcht der herrschenden Klassen vor einer proletarischen Revolution im Gefolge eines Weltkrieges hat sich als eine wesentliche Bürgschaft des Friedens erwiesen.

Aktion fortsetzen

Der Kongress fordert daher die sozialdemokratischen Parteien auf, ihre Aktion mit allen ihnen zweckmässig erscheinenden Mitteln fortzusetzen. Er weist in dieser gemeinsamen Aktion jeder sozialistischen Partei ihre besondere Aufgabe zu.

Forderung nach einer demokratischen Föderation erhoben

Die sozialdemokratischen Parteien der Balkanhalbinsel haben eine schwierige Aufgabe. Die Grossmächte Europas haben durch die systematische Hintertreibung aller Reformen dazu beigetragen, in der Türkei unerträgliche ökonomische, nationale und politische Zustände herbeizuführen, die notwendig zur Empörung und zum Kriege führen mussten. Gegenüber der Ausbeutung dieser Zustände im Interesse der Dynastien und Bourgeoisien haben die sozialdemokratischen Parteien des Balkans mit heroischem Mute die Forderung nach einer demokratischen Föderation erhoben. Der Kongress fordert sie auf, in ihrer bewunderungswürdigen Haltung zu verharren; er erwartet, dass die Sozialdemokratie des Balkans nach dem Kriege alles daransetzen wird, zu verhindern, dass die mit so furchtbaren Opfern erkauften Ergebnisse des Balkankrieges von den Dynastien, vom Militarismus, von der expansionslüsternen Bourgeoisie der Balkanstaaten für ihre Zwecke missbraucht werden.

„Jede Entrechtung dieser Völker bekämpfen“

Insbesondere aber fordert der Kongress die Sozialisten am Balkan auf, sich nicht nur der Erneuerung der alten Feindschaften zwischen Serben, Bulgaren, Rumänen und Griechen, sondern auch jeder Vergewaltigung der gegenwärtig im anderen Kriegslager stehenden Balkanvölker, der Türken und der Albaner, zu widersetzen. Die Sozialisten des Balkans haben daher die Pflicht, jede Entrechtung dieser Völker zu bekämpfen und gegen den entfesselten nationalen Chauvinismus die Verbrüderung aller Balkanvölker, einschliesslich der Albaner, der Türken und der Rumänen, zu proklamieren.

Serbien nicht in eine Kolonie Österreichs verwandeln

Die sozialdemokratischen Parteien Österreichs, Ungarns, Kroatiens und Slavoniens, Bosniens und der Herzegowina haben die Pflicht, ihre wirkungsvolle Aktion gegen einen Angriff der Donaumonarchie auf Serbien mit aller Kraft fortzusetzen. Es ist ihre Aufgabe, sich wie bisher auch fürderhin dem Plane zu widersetzen, Serbien mit Waffengewalt der Ergebnisse des Krieges zu berauben, es in eine Kolonie Österreichs zu verwandeln, und um dynastischer Interessen willen die Völker Österreich-Ungarns selbst und mit ihnen alle Nationen Europas in die grössten Gefahren zu verstricken. Ebenso werden die sozialdemokratischen Parteien Österreich-Ungarns auch in Zukunft darum kämpfen, dass den vom Hause Habsburg beherrschten Teilen des südslawischen Volkes innerhalb der Grenzen der österreichisch-ungarischen Monarchie selbst das Recht auf demokratische Selbstregierung errungen werde.

Recht des albanischen Volkes auf Autonomie

Besondere Aufmerksamkeit haben die sozialdemokratischen Parteien Österreich-Ungarns, ebenso wie die Sozialisten Italiens der albanischen Frage zuzuwenden. Der Kongress erkennt das Recht des albanischen Volkes auf Autonomie an. Er verwahrt sich aber dagegen, dass unter dem Deckmantel der Autonomie Albanien zum Opfer österreichisch-ungarischer und italienischer Herrschaftsgelüste werde. Darin erblickt der Kongress nicht nur eine Gefahr für Albanien selbst, sondern in nicht ferner Zeit auch eine Bedrohung des Friedens zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Nur als autonomes Glied einer demokratischen Balkanföderation kann Albanien ein wirklich selbständiges Leben führen. Der Kongress fordert daher die Sozialdemokraten Österreich-Ungarns und Italiens auf, jeden Versuch ihrer Regierungen, Albanien in ihre Einflusssphäre einzubeziehen, zu bekämpfen, und ihre Bemühungen um die Festigung der friedlichen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Italien fortzusetzen.

Kongress begrüsst die Proteststreiks der russischen Arbeiter

Mit grosser Freude begrüsst der Kongress die Proteststreiks der russischen Arbeiter als eine Bürgschaft dafür, dass das Proletariat Russlands und Polens sich zu erholen beginnt von den Schlägen, die die zarische Konterrevolution ihm versetzt hat. Darin erblickt der Kongress die stärkste Bürgschaft gegen die verbrecherischen Intrigen des Zarismus, der, nachdem er die Völker seines eigenen Landes blutig niedergeworfen, nachdem er die Balkanvölker selbst unzählige Male verraten und ihren Feinden preisgegeben hat, nunmehr schwankt zwischen der Furcht vor den Folgen eines Krieges für ihn selbst und der Furcht vor dem Drängen einer nationalistischen Bewegung, die er selbst geschaffen hat. Wenn sich aber der Zarismus nunmehr wieder anschickt, sich als Befreier der Nationen des Balkans zu gebärden, so geschieht es nur, um unter diesem heuchlerischen Vorwande im blutigen Kriege die Vorherrschaft am Balkan wieder zu erobern.

Erstarkendes Proletariat Russlands, Finnlands und Polens muss Lügengewebe zerreissen

Der Kongress erwartet, dass das erstarkende städtische und ländliche Proletariat Russlands, Finnlands und Polens dieses Lügengewebe zerreissen, sich jedem kriegerischen Abenteuer des Zarismus widersetzen, jeden Anschlag des Zarismus, sei es auf Armenien, sei es auf Konstantinopel, bekämpfen, und seine ganze Kraft auf die Erneuerung des revolutionären Befreiungskampfes gegen den Zarismus konzentrieren wird. Ist doch der Zarismus auch die Hoffnung aller reaktionären Mächte Europas, der grimmigste Feind der Demokratie der von ihm beherrschten Völker selbst, dessen Untergang herbeizuführen die gesamte Internationale als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen muss.

Keine Unterstützung für Österreich-Ungarn und Russland

Die wichtigste Aufgabe innerhalb der Aktion der Internationale fällt aber der Arbeiterklasse Deutschlands, Frankreichs und Englands zu. Im Augenblicke ist es die Aufgabe der Arbeiter dieser Länder, von ihren Regierungen zu verlangen, dass sie sowohl Österreich-Ungarn, als auch Russland jede Unterstützung verweigern, sich jeder Einmengung in die Balkanwirren enthalten und unbedingte Neutralität bewahren. Ein Krieg zwischen den drei grossen führenden Kulturvölkern wegen des serbisch-österreichischen Hafenstreites wäre verbrecherischer Wahnsinn. Die Arbeiter Deutschlands und Frankreichs können nicht anerkennen, dass irgendeine durch geheime Verträge herbeigeführte Verpflichtung besteht, in den Balkankonflikt einzugreifen.

Mit aller Kraft der Eroberungspolitik in Vorderasien widersetzen

Sollte aber in weiterer Folge der militärische Zusammenbruch der Türkei zur Erschütterung der osmanischen Herrschaft in Vorderasien führen, dann ist es die Aufgabe der Sozialisten Englands, Frankreichs und Deutschlands, sich mit aller Kraft der Eroberungspolitik in Vorderasien zu widersetzen, die geraden Weges zum Weltkriege führen müsste.

Künstlich genährte Gegnerschaft zwischen Grossbritannien und dem Deutschen Reich

Als die grösste Gefahr für den Frieden Europas betrachtet der Kongress die künstlich genährte Gegnerschaft zwischen Grossbritannien und dem Deutschen Reich. Der Kongress begrüsst daher die Bemühungen der Arbeiterklasse der beiden Länder, diesen Gegensatz zu überbrücken. Er betrachtet als das beste Mittel zu diesem Zwecke die Abschliessung eines Übereinkommens zwischen Deutschland und England über die Einstellung der Flottenrüstungen und über die Abschaffung des Seebeuterechtes. Der Kongress fordert die Sozialisten Englands und Deutschlands auf, ihre Agitation für ein solches Übereinkommen fortzusetzen.

Der Welt den Frieden sichern

Die Überwindung des Gegensatzes zwischen Deutschland auf der einen, Frankreich und England auf der anderen Seite, würde die grösste Gefahr für den Weltfrieden beseitigen, die Machtstellung des Zarismus, der diesen Gegensatz ausbeutet, erschüttern, einen Überfall Österreich-Ungarns auf Serbien unmöglich machen und der Welt den Frieden sichern. Auf dieses Ziel vor allem sind daher die Bemühungen der Internationale zu richten.

Internationale Solidarität gegen kapitalistischen Imperialismus

Der Kongress stellt fest, dass die ganze sozialistische Internationale über diese Grundsätze der auswärtigen Politik einig ist. Er fordert die Arbeiter aller Länder auf, dem kapitalistischen Imperialismus die Kraft der internationalen Solidarität des Proletariats entgegenzustellen. Er warnt die herrschenden Klassen aller Staaten, das Massenelend, das die kapitalistische Produktionsweise herbeiführt, durch kriegerische Aktionen noch zu verschärfen. Er fordert nachdrücklich den Frieden. Die Regierungen mögen nicht vergessen, dass sie bei dem gegenwärtigen Zustand Europas und der Stimmung der Arbeiterklasse nicht ohne Gefahr für sie selbst den Krieg entfesseln können, sie mögen sich daran erinnern, dass der deutsch-französische Krieg den revolutionären Ausbruch der Kommune im Gefolge hatte, dass der russisch-japanische Krieg die revolutionären Kräfte der Völker des russischen Reiches in Bewegung gesetzt hat, dass die militärischen und maritimen Wettrüstungen den Klassenkonflikten in England und auf dem Kontinent eine unerhörte Zuspitzung gegeben und riesige Arbeitseinstellungen entfesselt haben.

Entrüstung und Empörung der Arbeiterklasse

Es wäre Wahnwitz, wenn die Regierungen nicht begreifen würden, dass schon der blosse Gedanke der Ungeheuerlichkeit eines Weltkrieges die Entrüstung und Empörung der Arbeiterklasse hervorrufen muss. Die Proletarier empfinden es als ein Verbrechen, aufeinander zu schiessen, zum Vorteile des Profits der Kapitalisten, des Ehrgeizes der Dynastien oder zu höherer Ehre diplomatischer Geheimverträge. Wenn die Regierungsgewalten jede Möglichkeit der normalen Fortentwickelung abschneiden und dadurch das Proletariat zu verzweifelten Schritten treiben sollten, würden sie selbst die ganze Verantwortung für die Folgen der durch sie herbeigeführten Krise zu tragen haben.

Anstrengungen verdoppeln, um diese Krise zu verhindern

Die Internationale wird ihre Anstrengungen verdoppeln, um diese Krise zu verhindern, sie wird ihren Protest mit immer stärkerem Nachdruck erheben, ihre Propaganda immer energischer und umfassender gestalten. Der Kongress beauftragt darum das Internationale sozialistische Bureau, mit um so grösserer Aufmerksamkeit die Ereignisse zu verfolgen und, was immer eintreten möge, die Verbindung zwischen den proletarischen Parteien aufrechtzuerhalten und zu verstärken.

Massenmord, der Hungersnot und Pestilenz

Das Proletariat ist sich bewusst, in diesem Augenblick der Träger der ganzen Zukunft der Menschheit zu sein. Um die Vernichtung der Blüte aller Völker zu verhindern, die von allen Greueln des Massenmordes, der Hungersnot und Pestilenz bedroht ist, wird das Proletariat all seine Energie aufwenden.

Proletarische Welt des Friedens und der Verbrüderung der Völker

So wendet sich der Kongress an Euch, Proletarier und Sozialisten aller Länder, dass Ihr in dieser entscheidenden Stunde Eure Stimme vernehmen lasset! Verkündet Euren Willen in allen Formen und in allen Orten, erhebt Euren Protest mit voller Wucht in den Parlamenten, vereinigt Euch in Massen zu grossen Kundgebungen, nützt alle Mittel aus, die Euch die Organisation und die Stärke des Proletariats in die Hand geben! Sorgt dafür, dass die Regierungen beständig den wachsamen und leidenschaftlichen Friedenswillen des Proletariats vor Augen haben! Stellt so der kapitalistischen Welt der Ausbeutung und des Massenmordes die proletarische Welt des Friedens und der Verbrüderung der Völker entgegen!

Bericht über die Friedenskundgebung der SPD im Treptower Park in Berlin vom 20. Oktober 1912:

Aus: Basler Nachrichten, 23.11.1912.

Krieg dem Kriege

Berlin, 19. November.

Die grossen Protestversammlungen, welche die Berliner Sozialdemokratie unter diesem Schlagwort vor vier Wochen und am vergangenen Sonntag abgehalten hat und die bevorstehende internationale Kundgebung im ehrwürdigen Basler Münster drängen zur Frage erstens nach dem praktischen Nutzen solcher Veranstaltungen für den Kriegsfall und zweitens nach dem wahrscheinlichen Verhalten der mächtigsten Sozialdemokratie, nämlich der deutschen, während eines europäischen Konflikts.

[ … ]

Für eine wirksame Friedensarbeit der deutschen Sozialisten

So geringe praktische Aussichten eine gemeinsame europäische Aktion der Sozialdemokratie gegen den Weltkrieg haben dürfte, so starke Zweifel sind auch für eine wirksame Friedensarbeit der deutschen Sozialisten im Kriegsfall am Platz.

150.000 Personen bei der Versammlung im Treptower Park

Wenigstens 150 000 Personen nahmen vor vier Wochen an der Versammlung im Treptower Park teil. Das Volk zog ruhig einher, in unerschöpflichem, allseitigem Wandeln, selbst ein Element, wie die Sonne über ihm und die Erde unter ihm, wie der Wind, welcher die Wolken durch den kalten Himmel jagte und die Bäume schüttelte. Wer oben auf dem Bahndamm stand und die endlos versteinerte Stadtfläche erblickte, dem war es jetzt, wo Berlin diese dunkle Masse von Blut und Leben verlor, müsse es schlaff werden und verfallen, müssten die Türme und Fabrikschlote der Ferne einknicken und sich Häuserblöcke spalten, so gewaltig war der äussere Anblick dieser Gestalt gewordenen Energie der grossen Stadt.

Der gebändigte Riese

Was geschähe erst, wenn der gebändigte Riese, sich der eingelullten Urkraft einmal bewusst, sie üben möchte, wäre er nicht imstande, den halben Erdteil umzupflügen? Seit Jahren, und besonders seit den letzten Wahlen, bereiten uns ausländische, englische und französische Stimmen, auf den Augenblick vor, wo das deutsche Volk seine Geschicke selbst in die Hände nimmt. Nun ist die Berliner Sozialdemokratie ja lange nicht die Gesamtpartei, aber doch als die Wiege der Bewegung und ihrer bedeutendsten Führer dazu angetan, Rückschlüsse von ihr auf die deutsche Internationale überhaupt zu erlauben.

Auch nach dem Aufstieg noch Sozialisten?

Wenn man nämlich in das Riesenschauspiel niederstieg, so drängten sich einem wesentlich andere Eindrücke auf, als sie das mächtige äussere Gehaben bewirkte. Statt unter müden und verwegenen Proletarierköpfen, konnte man kreuz und quer zwischen geglätteten, rundlichen Gesichtern zufriedener Kleinbürger wandeln, welche in ihrer harmlosen Neugier eher auf den Beginn eines säuselnden Promenadenkonzertes, als auf die gleichzeitig abgegebenen Brandreden von zwölf wild gestikulierenden Genossen zu warten schienen. Die zahlreich anwesenden Frauen in ihrer ehrbaren, nüchternen Kleidung, an der keine überflüssige Feder und kein überzähliges Band herumflog, verstärkte den Eindruck. Im Anblick dieser korrekten Hunderttausende, musste man sich fragen, ob sie im Ernstfalle die ihnen so heftig eingepredigten Ideale wirklich in die Tat umsetzen, ob sie ihre wahre Gesinnung einmal handgreiflicher als durch eine blosse Stimmabgabe ausdrücken könnten. Oder werden sie ihren Sozialismus vergessen, sobald sie auf seinen Schultern in die von ihnen erstrebte höhere Klasse von Wohlsein und Ansehen gestiegen sind? Die atemlosen Redner wurden ruhig, wie aus alter selbstverständlicher Gewohnheit, angehört.

Nur ein Polizist in der Menge

In der ungeheuren Masse stand, ein Gleichnis für ihre Disziplin, ein einziger Polizist. Die Menschenflut verliess den Park so gelassen wie sie gekommen war, auf engen Kieswegen, die trotz des niedern Zaunes, der sie von den Wiesenflächen trennte, im Gedränge kein voreiliger Fuss übertreten hätte. War dieses ganze Betragen ein Übermass von innerer Kraft, von Selbstdisziplin, oder blosse Temperamentlosigkeit, blosse Unfähigkeit zur Begeisterung, zum Entschluss der entscheidenden Tat? Wer möchte diese Fragen vor der Probe, welche erst noch abgelegt werden muss, beantworten?

[ … ]

Die offizielle Begrüssung durch den Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt

Aus: Basler Vorwärts, 26.11.1912.

Basel, den 20. November 1912.

Der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt an den internationalen Sozialistenkongress Basel:

Der Kongress, den Sie in unserer Stadt abzuhalten beschlossen haben, verfolgt den Zweck, zur Erhaltung des Weltfriedens beizutragen. Sie haben sich aus allen Ländern unseres Weltteils zusammengefunden, um angesichts des im Osten Europas entbrannten mörderischen Krieges den einmütigen Willen der Arbeiterschaft kund zu tun, dass der Kampf eingestellt werde und dass er jedenfalls auf die Länder beschränkt bleibe, die darin begriffen sind. Unermessliches Unheil zu verhüten, die Nationen vor den gewaltigen Opfern zu bewahren, die ein Krieg ihnen auferlegte, ist Ihr hohes Ziel. Sie wollen durch Ihre Kundgebung die Gewissen schärfen, damit nicht Machtgier und Leidenschaft das Schicksal ganzer Völker zu bestimmen vermögen. Die Behörde der Stadt, die Sie zu dieser Kundgebung erwählt haben, wünscht von Herzen, dass Sie Ihr Ziel erreichen möchten, und entbietet Ihnen ihren Gruss.

Im Namen des Regierungsrates,

der Präsident: Blocher

Der Sekretär: Imhof

Die Revolution ist nicht tot, sie ist lebendiger als je

Im schwarzen sackartigen Kleid stand sie da und redete von Russland, dessen Proletarierinnen die Proletarierinnen aller Länder grüssen. Sie sind diesen gleich, nur westeuropäische Phantasie stellt sie sich vor mit Revolver und Bombe. Aber sie arbeiten, die Revolution ist nicht tot, sie ist lebendiger als je, und Petersburg allein besitzt 16 Gewerkschaften. Vier grosse Streiks haben erst kürzlich stattgefunden, und trotz allem Aufpassen und Widerstand sind in die neue Duma 16 Sozialdemokraten hineingekommen. Die Regierung zögert darum auch, Krieg anzufangen. Auf den Krieg mit Japan folgte die Revolution, und wer weiss, was jetzt folgen würde.

Russische Frauen kämpfen mit

Und die russischen Frauen kämpfen mit, aber sie kämpfen auch für ein bisschen persönliche Freiheit in der Familie. Sie sind bereit, Opfer zu bringen, aber nicht für den Bruderkrieg, sondern für den Krieg gegen den Kapitalismus. Wo international ausgebeutet wird, gibt es immer eine Waffe: international zu kämpfen. Und mit heller Stimme, von brausendem Beifall begleitet, brach sie in die Worte aus: « Es lebe die soziale Revolution ! », worauf Frau Schmid die Versammlung dankend schloss.

Bericht über den Kongress in der ‹National-Zeitung›

Aus : National-Zeitung (Basel), 26.11.1912.

Internationaler Sozialisten-Kongress in Basel.

( A.H.Korrespondenz. )

Die Eröffnung in der Burgvogtei.

Unsere Stadt ist in diesen Tagen Zeuge einer Tagung, der man weltgeschichtliche Bedeutung beimessen muss. So sehr auch die Idee des ewigen Friedens in allen Kreisen der Bevölkerung eifrige Verfechter besitzt, Aussicht auf Verwirklichung haben solche Ideen doch erst dann, wenn sich die politischen Parteien ihrer annehmen und sie zu einem ihrer Programmpunkte erheben. Auf dem Grundsatze der Internationalität fussend, war es wohl für die Sozialdemokratie das Gegebene, dieser Idee zur Verwirklichung zu verhelfen, da die Idee eben auch nur auf internationalem Wege gelöst werden kann. In unsern bewegten Tagen, da die feurige Lohe des Krieges, der auf dem Balkan entbrannt ist, ganz Europa zu ergreifen droht, versammeln sich nun die Vertrauensmänner der verschiedenen Landesorganisationen der sozialdemokratischen Partei, um einmal gegen den Krieg als solchen ihren Einspruch zu erheben, dann aber auch, um das Umsichgreifen des Balkankrieges auf den ganzen Erdteil zu verhindern.

Stimme gegen den Völker- und Brudermord erheben

Zu Hunderten sind die Delegierten aus allen Landen herbeigeeilt, um ihre Stimme gegen den Völker- und Brudermord zu erheben. Dass unsere Stadt zum Ort dieser ausserordentlich wichtigen Tagung erkoren wurde, gereicht uns und unserm lieben Vaterlande zur hohen Ehre. Die Burgvogtei, wo die eigentlichen Kongressverhandlungen sich abwickeln, ist festlich geschmückt. Die Wappen unserer Kantone grüssen von den Galerien, Friedenspalmen umgeben sie. Im Saale unten wimmelt und wogt es; hier herrscht die richtige babylonische Sprachverwirrung, während auf der Galerie unsere verschiedenen Schweizerdialekte vorherrschen. Plötzlich vernehmen wir Händeklatschn [sic]: das internationale sozialistische Bureau betritt, von einer Sitzung kommend, den Saal. Gleich darauf beginnen die Verhandlungen. [ … ]

10.000 Teilnehmer beim Demonstrationszug

Der Demonstrationszug zählte rund 10.000 Teilnehmer. Er wurde eröffnet von einem symbolischen Friedenswagen, dem das internationale Bureau, die Delegierten der verschiedenen Sektionen und dann in langem Zuge die Arbeiterorganisationen Basels, des benachbarten Elsass und Badens, sowie aus verschiedenen Ortschaften der Schweiz folgten. Der Vorbeimarsch der dicht geschlossenen Sechserkolonnen dauerte über eine halbe Stunde. Etwa 20 Musiken, Tambourenkorps und hunderte von Fahnen befanden sich im Zuge.

Die Tagung im Münster

Lange vor drei Uhr waren im Münster schon die Pressevertreter und Gäste eingetroffen und freuten sich der schönen Plätze, die ihnen in der Nähe der Kanzel angeboten worden waren. Es war eine merkwürdig bunte Gesellschaft, die man da erblickte: Pfarrherren von Basel, freisinnige und positive, Regierungsräte, Gross- und Synodalräte, Professoren, Pressevertreter aus aller Herren Länder, dazu nahe beieinander auserwählte auswärtige Redner: Bebel mit dem feinen Kopf, den gesunden, kraftvollen Jaurès, Hervé, Adler von Wien usw.

Machtvolles Orgelspiel

Und als dann unter dem Geläute aller Glocken um 3 Uhr der Festzug seinen Einmarsch begann, da legte sich eine starke Stimmung über die Anwesenden, die noch gesteigert wurde durch unseres Münsterorganisten Hamm machtvolles Orgelspiel ‹Donna pacem› aus der Missa solemnis von Beethoven. Eine halbe Stunde fast dauerte der Einzug der Massen mit den zahllosen Fahnen, die im Chor ihre malerische Aufstellung fanden. [ … ]

Bericht über den Kongress im ‹Vorwärts› (Berlin):

Aus : Vorwärts ( Berlin ), 26.11.1912.

Das Gewissen der Menschheit

Basel, den 25. November.

Es war ein Aufschrei aus den Tiefen der Seele des Proletariats, ein Appell an das Gewissen der Menschheit, ein Protest, erschütternd, wenn man dachte, dass er von jenen kommt, die die Opfer sein werden ; erhebend, wenn man sich vorstellte, dass die, die ihn einig und gemeinsam erheben, die sind, deren Beherrscher einander zu überfallen drohen; trotzdem aber hoffnungsverheissend für uns, die wir die Kraft derer kennen, die heute in der ganzen Welt zusammenstehen und zusammen kämpfen für Kultur und Freiheit, gegen die Barbarei des Krieges, seines Jammers und seiner Verwüstung.

Zerstörung droht

In einer schweren Schicksalsstunde hat die Versammlung in der Burgvogtei getagt, und die, die in diesem Saale gesprochen und beraten haben, haben ihren Beschluss gefasst in dem Gefühl der Verantwortung für alle die Güter, die sie in mühsamer Arbeit und unter unendlichen Opfern errungen und aufgebaut haben, und denen nun Zerstörung droht; in der doppelten Verantwortung, nichts zu tun, was wir nicht können, was nur leeres Wort wäre, aber auch nichts zu unterlassen, was wir an Macht und Kraft besitzen, um die furchtbaren Katastrophen zu verhindern, mit denen uns die Unfähigkeit der Herrschenden bedroht, der Herrschenden, die längst nicht mehr herrschen können, die die gigantischen Kräfte, die die Entwicklung geschaffen hat, weder meistern können auf dem habe.

Bebel: „Jesus würde heute in den Reihen des Proletariats stehen“

Adler, der Israelit, knüpfte an das «Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen» an ; Greulich hob den christlichen Gedanken hervor, dass der Leib des Menschen, den der Krieg so brutal zerstöre, eine Schöpfung Gottes sei und streifte, wohl ohne Absicht, das Prophetenwort von den Schwertern, die Karste [sic] und den Spiessen, die Winzermesser werden sollen; Bebel gestand, wenn Jesus heute wieder käme, würde er in den Reihen des Proletariats stehen und Greulich wieder schloss den Kongress mit den Worten des apostolischen Glaubensbekenntnisses : «Ich glaube an eine Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben» – sie freilich ins Soziale und Diesseitige umdeutend, wie sich übrigens in diesem Zusammenhang von selbst verstand.

[ … ]

Weitere aktuelle Informationen im Internet über den Basler Friedenskongress 1912:

http://www.woz.ch/1247/hundert-jahre-basler-friedenskongress/da-wurden-sie-wieder-zu-patrioten

http://www.basel1912-2012.ch/assets/files/4315574_2.pdf

http://www.basel1912-2012.ch/

http://www.basel1912-2012.ch/publikationen.html

http://archiv2007.sozialisten.de/politik/publikationen/disput/view_html?zid=3440&bs=1&n=0

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=13746

http://www.basel1912-2012.ch/assets/files/P.S.%20Buchbeilage%2011.10.12.pdf

http://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Sozialistenkongress_(1912)

http://www.badische-zeitung.de/basel/krieg-dem-kriege–65869294.html

http://labourhistory.net/news/i1004_10.php

 

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