{"id":7195,"date":"2010-03-21T18:00:45","date_gmt":"2010-03-21T17:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=7195"},"modified":"2010-03-21T23:36:46","modified_gmt":"2010-03-21T22:36:46","slug":"gunter-wallraff-unternimmt-eine-expedition-in-die-schone-neue-stuttgarter-arbeitswelt-%e2%80%93%c2%a0veranstaltung-im-gewerkschaftshaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=7195","title":{"rendered":"&#8222;G\u00fcnter Wallraff unternimmt eine Expedition in die sch\u00f6ne neue Stuttgarter Arbeitswelt&#8220; \u2013\u00a0Veranstaltung im Gewerkschaftshaus"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_7196\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><strong><strong><a href=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/G\u00fcnter_Wallraff.JPG\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-7196\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-7196\" title=\"G\u00fcnter Wallraff bei einer Lesung in Linz (\u00d6sterreich).\" src=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/G\u00fcnter_Wallraff-200x300.jpg\" alt=\"G\u00fcnter Wallraff bei einer Lesung in Linz (\u00d6sterreich). Fotourheber: &quot;Dein Freund der Baum&quot;\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/G\u00fcnter_Wallraff-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/G\u00fcnter_Wallraff.JPG 401w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/strong><\/strong><p id=\"caption-attachment-7196\" class=\"wp-caption-text\">Der Enth\u00fcllungsjournalist G\u00fcnter Wallraff (67) bei einer Lesung in Linz (\u00d6sterreich). Wallraff ist der bekannteste Undercover-Rechercheur Deutschlands. Fotourheber: &quot;Dein Freund der Baum&quot;<\/p><\/div>\n<p><strong>G\u00fcnter Wallraff hat in seinem neuesten Buch aus der &#8222;sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt\u201c berichtet. Seine \u201eExpedition in die neue Arbeitswelt\u201c geht am Freitag, 26. M\u00e4rz 2010, in Stuttgart weiter. Von 16 bis 18 Uhr unternimmt er mit den Besuchern eine Expedition mit &#8222;Filmen, Zeugenaussagen und Recherchen aus Stuttgarter Betrieben&#8220; im Gewerkschaftshaus, Gro\u00dfer Saal, Willi-Bleicher-Stra\u00dfe 20, in Stuttgart. Der Eintritt ist frei. Eine Spende f\u00fcr Mobbingopfer ist erw\u00fcnscht. Ab 19 Uhr liest G\u00fcnter Wallraff im Gewerkschaftshaus aus seinem Buch \u201eAus der sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><em>Pressemitteilung der Gewerkschaft ver.di in Stuttgart<\/em><\/p>\n<p><strong>Sozialdumping, Gewalt gegen Unk\u00fcndbare, Ungleichheit vor dem Gesetz<\/strong><\/p>\n<p>Die fortschreitende Korrosion der Arbeitsbedingungen, Verwerfungen in der wirtschaftlichen und sozialen Landschaft in Deutschland, kritische Ausw\u00fcchse in der Rechtsanwendung und -entwicklung \u2013 das kann doch jederzeit auch in Stuttgarter Betrieben recherchiert werden. Wo stehen wir hier in Stuttgart in der Entwicklung von Sozialdumping, Prekarisierung, Gewalt gegen Unk\u00fcndbare, Ungleichheit vor dem Gesetz, Ausbeutung und Diskriminierung in den Belegschaften? Wir ziehen gemeinsam mit G\u00fcnter Wallraff die Stuttgarter Bilanz \u2013 und fordern wirksame Ver\u00e4nderungen zum Schutz und im Interesse der Betroffenen.<\/p>\n<p><strong>Veranstaltungsinfo:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Freitag, 26. M\u00e4rz 2010<\/strong><br \/>\n16.00 Uhr (bis gegen 18.00 Uhr)<br \/>\nGewerkschaftshaus, Gro\u00dfer Saal<br \/>\nWilli-Bleicher-Stra\u00dfe 20, 70174 Stuttgart<br \/>\nEintritt frei. Eine Spende f\u00fcr Mobbingopfer ist erw\u00fcnscht.<br \/>\n<strong>Veranstaltende:<\/strong><br \/>\nver.di-Bezirk Stuttgart<br \/>\nver.di-Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Ortsverein Stuttgart<\/p>\n<p><strong>Aus der sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt<\/strong><br \/>\nLesung mit G\u00fcnter Wallraff<br \/>\nIm Anschluss an die Expedition laden wir zur Lesung mit G\u00fcnter Wallraff ein. Er berichtet \u00fcber seine letzten \u201eundercover\u201c-Eins\u00e4tze und liest aus seinem neuen Buch \u201eAus der sch\u00f6nen neuen Arbeitswelt\u201c.<br \/>\n<strong>Freitag, 26. M\u00e4rz 2010, 19.00 Uhr<\/strong><br \/>\nGewerkschaftshaus<br \/>\nGro\u00dfer Saal<br \/>\nWilli-Bleicher-Stra\u00dfe 20<br \/>\n70174 Stuttgart<br \/>\nEintritt frei. Eine Spende f\u00fcr Mobbingopfer ist erw\u00fcnscht.<br \/>\n<strong>Veranstaltende:<\/strong><br \/>\n<strong>ver.di-Bezirk Stuttgart<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.stuttgart.verdi.de\" target=\"_blank\">www.stuttgart.verdi.de<\/a><br \/>\n<strong>ver.di-Fachbereich Medien, Kunst und Industrie, Ortsverein Stuttgart<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.stuttgart.verdi.de\/fachbereiche\/fb08\" target=\"_blank\">www.stuttgart.verdi.de\/fachbereiche\/fb08<\/a><br \/>\n<strong> B\u00fcchergilde Stuttgart <\/strong><a href=\"http:\/\/www.buechergilde.de\/veranstaltungen\/ortsliste.jsp?ort=Stuttgart\" target=\"_blank\">http:\/\/www.buechergilde.de\/veranstaltungen\/ortsliste.jsp?ort=Stuttgart<\/a><\/p>\n<p><strong>Internetseite von G\u00fcnter Wallraff:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.guenter-wallraff.com\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.guenter-wallraff.com\/<\/a><\/p>\n<p><strong>Biographie von G\u00fcnter Wallraff auf dessen Internetseite:<\/strong><\/p>\n<p>G\u00fcnter Wallraff wurde am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei K\u00f6ln geboren.<\/p>\n<p>Sein Vater arbeitete bei Ford\/K\u00f6ln, seine Mutter stammte aus b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen, ihre Eltern besa\u00dfen ein Klaviergesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Nach dem Besuch des Gymnasiums bis zur Mittleren Reife machte er eine Buchh\u00e4ndlerlehre und wurde Buchh\u00e4ndler.<\/p>\n<p>Noch in den 50er Jahren begann er zu schreiben &#8211; zun\u00e4chst als Verfasser lyrischer Gedichte, deren Vorbilder Wolfgang Borchert und expressionistische Dichter waren. Einige ver\u00f6ffentlichte er 1960\/61 in der &#8222;Flugschrift f\u00fcr Lyrik&#8220;.<\/p>\n<p>1963 wurde G\u00fcnter Wallraff gemustert und zur Bundeswehr eingezogen. Sein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung wurde abgelehnt. Da er sich trotzdem beharrlich weigerte, eine Waffe in die Hand zu nehmen, wurde er zur Beobachtung in die psychiatrische Abteilung des Bundeswehrlazaretts Koblenz eingewiesen. Um in einer Umgebung, die ihn f\u00fcr verr\u00fcckt hielt, \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, schrieb er ein Tagebuch &#8211; auch in der Hoffnung, seine Erfahrungen der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen. Seine erste, allerdings noch unfreiwillige Rolle, die des Wehrdienstverweigerers und Psychiatrie-Patienten, war f\u00fcr ihn ein Schl\u00fcsselerlebnis und bildete den Ausgangspunkt seiner sp\u00e4teren Arbeiten.<\/p>\n<p>Als &#8222;abnorme Pers\u00f6nlichkeit&#8220; eingestuft, &#8222;f\u00fcr Krieg und Frieden untauglich&#8220;, wurde er entlassen. Dieses \u00e4rztliche Urteil ist von politischen Gegnern immer wieder aufgegriffen worden, um G\u00fcnter Wallraff abzuqualifizieren.<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll ermutigte den Verfasser des &#8222;Bundeswehr-Tagebuches&#8220;, weiterzumachen und seine Erfahrungen niederzuschreiben. Das best\u00e4rkte G\u00fcnter Wallraff in seinem Entschlu\u00df, nach seiner Entlassung nicht mehr in den Buchhandel zur\u00fcckzukehren, sondern die bundesdeutsche Wirklichkeit von innen und von unten kennenzulernen.<\/p>\n<p>Von 1963 bis 1965 arbeitete er in verschiedenen westdeutschen Gro\u00dfbetrieben. Seine Reportagen dar\u00fcber erschienen zuerst in der Gewerkschaftszeitung &#8222;Metall&#8220;, 1966 als Buch unter dem Titel &#8218;Wir brauchen Dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben&#8220;. (Taschenbuchausgabe 1970: &#8222;Industriereportagen&#8220;).<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll charakterisierte G\u00fcnter Wallraffs Arbeitsmethode sehr treffend in einem Vorwort zur schwedischen \u00dcbersetzung der &#8222;13 unerw\u00fcnschten Reportagen&#8220; (1970):<\/p>\n<p>&#8222;Er ist kein Reporter im Uberkommenden Sinn, der recherchiert, interviewt und dann seinen Bericht schreibt. Er ist kein Essayist, der sich informiert und dann abstrakt analysiert. Er geh\u00f6rt auch nicht zu den Autoren, die das, was man herablassend die Arbeitswelt zu nennen beliebt, zum Gegenstand von Romanen und Erz\u00e4hlungen macht. (&#8230;) Wallraff hat eine andere Methode gew\u00e4hlt, er dringt in die Situation, \u00fcber die er schreiben m\u00f6chte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede &#8218;\u00dcberh\u00f6hung&#8216; vermeidet, sich nicht einmal des Jargons bedient, der ja als poetisch empfunden werden k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p>(Heinrich B\u00f6ll, G\u00fcnter Wallraffs unerw\u00fcnschte Reportagen. &#8211; In: Christian Linder (Hrsg.), In Sachen Wallraff, K\u00f6ln 1975, S.9)<\/p>\n<p>Die &#8222;Industriereportagen&#8220; machten G\u00fcnter Wallraff bekannt. Sie brachten ihn mit Schriftstellern der Dortmunder Gruppe 61 zusammen, vor denen er 1965 seine erste Lesung hatte.<\/p>\n<p>1966 war er Mitarbeiter bei der &#8222;Hamburger Morgenpost&#8220;, ab Herbst bei der satirischen Zeitschrift &#8222;Pardon&#8220;. Seit 1968 arbeitet er f\u00fcr die Hamburger Zeitschrift &#8222;Konkret&#8220;.<\/p>\n<p>Im selben Jahr wurde seine &#8222;szenische Dokumentation&#8220; zum Grundgesetzartikel 1 unter dem Titel &#8222;Nachspiele&#8220; vom westf\u00e4lischen Landestheater im &#8222;jungen forum&#8220; der<\/p>\n<p>Ruhrfestspiele aufgef\u00fchrt; das St\u00fcck vergleicht das Verfassungsgebot &#8211; &#8222;Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar&#8220; &#8211; mit der bundesdeutschen Rechtswirklichkeit.<\/p>\n<p>Im November 1968 wurde G\u00fcnter Wallraff der F\u00f6rderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen f\u00fcr seine &#8222;Industriereportagen&#8220; zugesprochen. Nachdem es zu Protesten gegen diese Verleihung gekommen war, erkl\u00e4rte der damalige Ministerpr\u00e4sident des Bundeslandes \u00f6ffentlich, da\u00df man neben der fachlichen Bewertung der Preistr\u00e4ger in Zukunft &#8222;auch deren Verwurzelung in der freiheitlich-demokratischen Ordnung&#8220; beachten solle. Gegen diese Einmischung einer staatlichen Instanz in die Belange von Literatur und Kunst protestierten daraufhin zahlreiche bekannte Schriftsteller, darunter auch Heinrich B\u00f6ll. G\u00fcnter Wallraff spendete die Preissumme je zur H\u00e4lfte an den Rechtshilfefonds der APO und an die Vietnam-Hilfe. Sp\u00e4ter entschuldigte sich der Ministerpr\u00e4sident bei ihm.<\/p>\n<p>Da die &#8220;Industriereportagen&#8220; auf so gro\u00dfes \u00f6ffentliches Interesse stie\u00dfen, wurden in den Chefetagen der betroffenen Unternehmen schon fr\u00fchzeitig sogenannte &#8222;Wallraff-Steckbriefe&#8220; verfa\u00dft, zur Vorwarnung f\u00fcr die Personalb\u00fcros anderer Firmen, in die sich G\u00fcnter Wallraff &#8222;einschleichen&#8220; k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Trotz solcher Pr\u00e4ventivma\u00dfnahmen gelang es ihm immer wieder, in die &#8222;Intimsph\u00e4re&#8220; von Wirtschaft und Staat einzudringen, um \u00fcber skandal\u00f6se Arbeits- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, \u00fcber undemokratische und unmenschliche Ansichten und Verhaltensweisen von Unternehmern, Managern und Amtstr\u00e4gern berichten zu k\u00f6nnen. Dazu schl\u00fcpfte er jedesmal in eine fremde Rolle. F\u00fcr die 1969 erschienenen &#8222;13 unerw\u00fcnschten Reportagen&#8220;, zuerst in &#8222;Pardon&#8220; und &#8222;Konkret&#8220; abgedruckt, war er Alkoholiker in einem Irrenhaus; Obdachloser; ein Student, der ein Zimmer sucht; ein katholischer Fabrikant, der katholische Geistliche befragt, ob es mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren sei, Napalm zu produzieren; usw.<\/p>\n<p>Nach Ver\u00f6ffentlichung des Buches wurde ihm der Proze\u00df wegen Amtsanma\u00dfung gemacht. Um an Informationen \u00fcber den Aufbau halbmilit\u00e4rischer Werkschutzeinheiten zu kommen, hatte er sich bei verschiedenen Gro\u00dfbetrieben telefonisch als &#8222;Ministerialrat Kr\u00f6ver&#8220; von einem frei erfundenen &#8222;Zivilausschu\u00df&#8220; des Bundesinnenministeriums ausgegeben.<\/p>\n<p>In seiner Verteidigungsrede vor dem Frankfurter Sch\u00f6ffengericht am 9.12.1969 berief sich G\u00fcnter Wallraff auf das Recht der \u00d6ffentlichkeit auf Information. Seine Arbeitsmethode habe zum Ziel, &#8222;in einer fremden Rolle Sachverhalte aufzudecken, die anders nicht zu erfahren sind&#8220; (zit. nach: Christian Linder (Hrsg.), In Sachen Wallraff, S.28). Zu dem Anklagepunkt der Amtsanma\u00dfung erkl\u00e4rte er:<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00e4hlte das Amt des Mitwissers, um ein St\u00fcck weit hinter die Tarnwand von Verschleierung, Dementis und L\u00fcgen Einblick nehmen zu k\u00f6nnen. Die Methode, die ich w\u00e4hlte, war geringf\u00fcgig im Verh\u00e4ltnis zu den rechtsbeugenden Ma\u00dfnahmen und illegalen Erprobungen, die ich damit aufdeckte.&#8220; (a.a.O., S.28\/29)<\/p>\n<p>Das Gericht sprach G\u00fcnter Wallraff frei.<\/p>\n<p>1970 erschien die Reportagensammlung &#8222;Von einem, der auszog und das F\u00fcrchten lernte&#8220; ; sie enthielt auch das &#8222;Bundeswehr-Tagebuch&#8220;, das zuerst in einer Jugendzeitschrift ver\u00f6ffentlicht worden war.<\/p>\n<p>Im Juni 1970 wurde der &#8222;Werkkreis Literatur der Arbeitswelt&#8220; gegr\u00fcndet, als organisatorische und inhaltliche Alternative zur Gruppe 61. Repr\u00e4sentanten der Dortmunder Gruppe hatten sich immer mehr auf die Produktion von Literatur im engeren Sinne und auf die Geltung herk\u00f6mmlicher literarischer Qualit\u00e4tsma\u00dfst\u00e4be verlegt, so da\u00df sich schreibende Arbeiter mehr und mehr ausgeschlossen f\u00fchlten. Diese bildeten bald eine eigene Arbeitsgemeinschaft, die sich an der Tradition der Arbeiterkorrespondenten in der Weimarer Republik orientierten. G\u00fcnter Wallraff unterst\u00fctzte die Neugruppierung von Anfang an und war auch Gr\u00fcndungsmitglied des &#8222;Werkkreises&#8220;, der aus der Arbeitsgemeinschaft hervorging. Auf der ersten Tagung in Gelsenkirchen forderte er in einem Grundsatzreferat die entschiedene Hinwendung der Literatur zur gesellschaftlichen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>1971 sendete das ZDF einen Fernsehfilm G\u00fcnter Wallraffs \u00fcber die F\u00fcrsorgeerziehung unter dem Titel &#8222;Flucht vor den Heimen&#8220; . Im selben Jahr wurde Wallraff Mitglied im P.E.N.-Club.<\/p>\n<p>1972 ver\u00f6ffentlichte er &#8222;Neue Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele&#8220;, darunter Recherchen \u00fcber den Wahrheitsgehalt einer&#8220;BILD&#8220; -Story und \u00fcber Praktiken der Managerausbildung sowie den &#8222;Melitta-Report&#8220; .<\/p>\n<p>Zunehmend arbeitete G\u00fcnter Wallraff mit anderen Autoren zusammen. Mit Jens Hagen schrieb er die &#8222;Chronik einer Industrieansiedlung&#8220;: &#8222;Was wollt ihr denn, ihr lebt ja noch&#8220; (1973); zusammen mit Bernt Engelmann seinen ersten Bestseller &#8222;Ihr da oben &#8211; wir da unten&#8220; (erschienen im selben Jahr). Das letzte Buch entstand aus einer besonderen &#8218;Arbeitsteilung&#8216;: Engelmann, schon vorher Kenner der &#8222;Oberen Zehntausend&#8220;, nahm sich &#8222;die da oben&#8220; vor und berichtete \u00fcber deren Ansichten und Lebensgewohnheiten, w\u00e4hrend Wallraff wieder in verschiedene Rollen &#8222;der da unten&#8220; schl\u00fcpfte, um herauszufinden, wie die Oberen ihren aufwendigen Lebensstil finanzieren.<\/p>\n<p>1974 entstand das Fernsehspiel &#8222;Ermittlungen gegen Unbekannt&#8220; (mit J\u00fcrgen Alberts) f\u00fcr das ZDF.<\/p>\n<p>Im Mai des Jahres reiste G\u00fcnter Wallraff als Mitglied des Solidarit\u00e4tskomitees f\u00fcr politische Gefangene nach Griechenland. Am 10.5. kettete er sich an einen Laternenmast auf dem Athener Syntagmaplatz an und verteilte Flugbl\u00e4tter, in denen er gegen die Mi\u00dfachtung der Menschenrechte durch das griechische Milit\u00e4rregime protestierte, speziell die Praktiken willk\u00fcrlicher Verhaftungen politischer Gegner und deren Folterung anprangerte. Daraufhin wurde er von Geheimpolizisten zusammengeschlagen, verhaftet und im Hauptquartier der Sicherheitspolizei gefoltert. Seine Identit\u00e4t als Deutscher stand zu diesem Zeitpunkt nicht fest: G\u00fcnter Wallraff hatte vorher alle Hinweise darauf entfernt und auch keine Ausweispapiere dabei, so da\u00df man ihn f\u00fcr einen gew\u00f6hnlichen griechischen Oppositionellen hielt.<\/p>\n<p>Erst als man erfuhr, wen man vor sich hatte, lie\u00dfen die Folterspezialisten von ihm ab. Er wurde zu 14 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt, im August, nach dem Sturz der Milit\u00e4rjunta, wieder freigelassen.<\/p>\n<p>In Griechenland wurde die Solidarit\u00e4tsdemonstration f\u00fcr die politisch Inhaftierten als Zeichen der Hoffnung verstanden. In der Bundesrepublik, nachdem ein Film \u00fcber die Ereignisse auf dem Syntagmaplatz vom Fernsehmagazin &#8222;Panorama&#8220; ausgestrahlt worden war, entwickelte sich eine kontroverse Diskussion. So warf man G\u00fcnter Wallraff vor, er habe mit seiner Aktion vor allem f\u00fcr sich Reklame machen wollen und von der Situation der politischen Gefangenen in Griechenland letztlich abgelenkt. Gleichwohl erreichte er mit seiner Demonstration, da\u00df beim bundesdeutschen Publikum die griechischen Verh\u00e4ltnisse unter einer faschistischen Milit\u00e4rdiktatur schlaglichtartig bewu\u00dft wurden.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihn selbst war es eine M\u00f6glichkeit, &#8222;wieder von ganz unten, in einer Rolle durch und durch etwas zu erleben, was aufgrund der privilegierten Rolle als Autor, als Journalist nicht mehr m\u00f6glich w\u00e4re.&#8220; (a.a.O., S. 58)<\/p>\n<p>1975 ver\u00f6ffentlichte G\u00fcnter Wallraff seine Erfahrungen, zusammen mit Eckart Spoo, unter dem Titel &#8222;Unser Faschismus nebenan. Griechenland gestern &#8211; ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr morgen&#8220; (erweiterte Neuauflage 1982).<\/p>\n<p>Ebenfalls 1974 unternahm er einen ersten Rollentest als Gastarbeiter. Ein Film des Westdeutschen Fernsehens dokumentiert, wie er zusammen mit einem t\u00fcrkischen Freund verschiedene Vermieter aufsucht, um ein Zimmer zu bekommen.<\/p>\n<p>1975\/76 fand der zweite Versuch statt, G\u00fcnter Wallraffs Recherchiermethode zu kriminalisieren. Der K\u00f6lner Gerling-Konzern, wo Wallraff zwei Monate als Bote gearbeitet hatte (1973; ver\u00f6ffentlicht in &#8222;Ihr da oben &#8211; wir da unten&#8220; ), warf ihm den Gebrauch falscher Ausweispapiere vor. Auch dieser Proze\u00df endete mit Freispruch.<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1976 traf G\u00fcnter Wallraff in D\u00fcsseldorf den portugiesischen General Spinola, mit dessen Kreisen er w\u00e4hrend seines dreimonatigen Portugal-Aufenthaltes (er arbeitete<\/p>\n<p>dort auf einer Landarbeiter-Kooperative mit) zuf\u00e4llig in Kontakt gekommen war, in der Rolle eines Waffen- und Strau\u00df-Unterh\u00e4ndlers. Ihm gelang es so, Spinolas Putschpl\u00e4ne durch Ver\u00f6ffentlichung (im &#8222;Stern&#8220; und in &#8222;Konkret&#8220; ) zu vereiteln.<\/p>\n<p>(Buchver\u00f6ffentlichung im selben Jahr, mit Hella Schlumberger, unter dem Titel<\/p>\n<p>&#8222;Aufdeckung einer Verschw\u00f6rung. Die Spinola-Aktion&#8220;; Neuver\u00f6ffentlichung 1982 in:<\/p>\n<p>&#8222;Unser Faschismus nebenan. Erfahrungen mit Nato-Partnern&#8220; )<\/p>\n<p>1977 arbeitete G\u00fcnter Wallraff vier Monate unter dem Decknamen Hans Esser als Reporter in der Hannoveraner BILD-Redaktion und deckte in dem anschlie\u00dfenden Buch &#8222;Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war&#8220; ( 1977) die unverantwortlichen Recherchiermethoden, Verf\u00e4lschungen und politischen Manipulationen der Boulevardzeitung auf<\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung dieses Berichts setzte ihn einer beispiellosen Hetz-Kampagne durch BILD und andere Springer-Zeitungen aus. Er wurde \u00f6ffentlich verleumdet und heimlich bespitzelt, Wanzen wurden in seiner Wohnung gelegt und Telefone abgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der Springer-Konzern strengte einen Proze\u00df gegen Wallraff an, zun\u00e4chst mit dem Ziel, das Buch verbieten zu lassen. Das gelang jedoch nicht; stattdessen erschien &#8222;Der Aufmacher&#8220; in ver\u00e4nderten Neuauflagen.<\/p>\n<p>1981 endete die Proze\u00dfkette vor dem Bundesgerichtshof mit einem Erfolg f\u00fcr G\u00fcnter Wallraff. Das Gericht bescheinigte ihm das Recht, seine Erfahrungen in der BILD-Redaktion zu ver\u00f6ffentlichen, da sich sein Buch mit &#8222;gewichtigen Mi\u00dfst\u00e4nden&#8220; befasse und &#8222;Fehlentwicklungen eines Journalismus aufzeige&#8220;, an deren Er\u00f6rterung die Allgemeinheit &#8222;in hohem Ma\u00dfe&#8220; interessiert sein m\u00fcsse. Gegen dieses Urteil legte der Springer-Konzern eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein. Dessen Grundsatzurteil, das 1983 erging, best\u00e4tigte jedoch den Spruch des Bundesgerichtshofs.<\/p>\n<p>Auf den &#8222;Aufmacher&#8220; folgte 1979 der Band &#8222;Zeugen der Anklage. Die BILDbeschreibung wird fortgesetzt&#8220;, in dem Opfer von BILD zu Wort kommen und Zeugen, die \u00fcber jahrzehntelange Erfahrungen in dem Blatt verf\u00fcgen. Die Anti-Bild Trilogie schlo\u00df 1981 mit dem &#8222;BILD-Handbuch. Das BlLD-Handbuch bis zum BILDausfall&#8220;. In einem Interview verglich G\u00fcnter Wallraff seinen Kampf gegen den Pressegiganten mit dem Vorgehen eines Arztes, der sich stufenweise einer Krankheit n\u00e4hert und Mittel zu ihrer Heilung sucht:<\/p>\n<p>&#8222;Der Aufmacher&#8220;, das war vergleichbar einer Anamnese, einer Erforschung der Vorgeschichte&#8230; &#8222;Zeugen der Anklage&#8220;, das war die Diagnose. Hier wurde sichtbar, wie weit in das Leben der Menschen in unserem Land BILD hineinwirkt. Das &#8222;BILDHandbuch&#8220; geht zur Therapie \u00fcber.<\/p>\n<p>Neben weiteren Dokumenten, Analysen und Selbsterfahrungsberichten enth\u00e4lt der dritte &#8218;BILD-Band&#8216; als Hilfe zur Selbsthilfe eine Reihe von Beispielen, in denen sich Betroffene mit Hilfe des Presserechts erfolgreich gegen den Springer-Konzern wehren konnten.<\/p>\n<p>Bevor G\u00fcnter Wallraff seine gesammelten BILD-Zeitungen von 15 Jahren endg\u00fcltig dem Altpapier-Container und damit einem sinnvolleren Zweck \u00fcberlie\u00df, stellte er eine Auswahl von BILD-Schlagzeilen zusammen, die er 1985 als &#8222;G\u00fcnter Wallraffs BILDerbuch&#8220; ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>Zu den Recherchen bei BILD-Hannover 1977 entstand auch die erste l\u00e4ngere Filmarbeit, die J\u00f6rg Gfr\u00f6rer besorgte. Der WDR, der den Dokumentarfilm urspr\u00fcnglich produziert hatte, setzte jedoch eine geplante Ausstrahlung ab, nachdem Gefolgsleute des Springer-Konzerns au\u00dferhalb des Pressehauses dagegen Einspruch erhoben hatten. Der BILD-Film &#8211; &#8222;Informationen aus dem Hinterland&#8220; &#8211; kam dann in die Kinos.<\/p>\n<p>1981 entstand f\u00fcr das ZDF der Fernsehfilm &#8222;Knoblauch, K\u00f6lsch und Edelwei\u00df&#8220;, in dem G\u00fcnter Wallraff sein Wohnviertel, K\u00f6ln-Ehrenfeld, vorstellte.<\/p>\n<p>In &#8222;Nicaragua von innen&#8220; berichtete er 1983 von einem Aufenthalt in diesem Land nach dem Sturz des Somoza-Regimes. \u00dcber seine journalistischen, literarischen und politischen Vorbilder legte er 1984 in &#8222;Mein Lesebuch&#8220; Rechenschaft ab.<\/p>\n<p>Schon nach Abschlu\u00df der Anti-BlLD-Trilogie begann G\u00fcnter Wallraff, sich auf seine bisher letzte Rolle, die des T\u00fcrken Ali Levent, vorzubereiten. Genau 11 Jahre nach seinem ersten Anlauf in der Ausl\u00e4nderrolle erlebte er dann bundesdeutsche Wirklichkeit aus einer Perspektive, die Deutschen sonst nicht zug\u00e4nglich ist, und machte Erfahrungen, die eher an das s\u00fcdafrikanische Apartheitsregime erinnern als an den vielger\u00fchmten demokratischen Rechtsstaat.<\/p>\n<p>In seiner Rolle war er unter anderem Hilfskraft in einer Filiale von McDonald&#8217;s, Leiharbeiter auf einer Gro\u00dfbaustelle sowie bei einem Arbeiterverleiher bei Thyssen \/Duisburg und Versuchskaninchen bei einem Medikamentenversuch. Er erlebte, wie T\u00fcrken buchst\u00e4blich als &#8222;der letzte Dreck&#8220; angesehen und behandelt werden, gebraucht nicht nur als &#8222;L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer&#8220; der wirtschaftlichen Konjunktur, sondern vor allem als Billigarbeitskr\u00e4fte f\u00fcr jeden Zweck, f\u00fcr dreckigste und gef\u00e4hrlichste Arbeiten.<\/p>\n<p>Trotz gesundheitlicher Sch\u00e4digungen, trotz aller Menschenverachtung und Dem\u00fctigungen, die er zu sp\u00fcren bekam, erfuhr G\u00fcnter Wallraff in seiner Ali Levent-Rolle auch Positives, ihn Aufbauendes: die Solidarit\u00e4t und Freundschaft seiner Kollegen. Anders als w\u00e4hrend seiner Arbeit in er BIL D-Redaktion wo er sich vollst\u00e4ndig verleugnen mu\u00dfte, war er immer auch ein St\u00fcck er selbst, auch wenn er seine Identit\u00e4t nicht preisgeben durfte.<\/p>\n<p>Das Echo auf die Ver\u00f6ffentlichung seiner Erfahrungen in dem Buch &#8222;Ganz unten&#8220; (Oktober 1985) war unvergleichlich gro\u00df. Fernsehen und Presse nahmen sich des Themas Leiharbeit engagiert an und \u00fcbten dadurch Druck auf Politiker und Unternehmer aus. In Nordrhein-Westfalen haben zahlreiche illegale Leiharbeitsfirmen Besuch vom Staatsanwalt bekommen, entsprechend sind auch gerichtliche Verfahren eingeleitet worden.<\/p>\n<p>Um Ausl\u00e4ndern wirksam helfen zu k\u00f6nnen, richtete G\u00fcnter Wallraff den Hilfsfonds &#8222;Ausl\u00e4ndersolidarit\u00e4t&#8220; ein. F\u00fcr ein in Duisburg geplantes Wohnmodell, in dem Ausl\u00e4nder und Deutsche zusammen leben werden, stiftete er den Gro\u00dfteil seiner Honorare.<\/p>\n<p>Weitere Preise und Auszeichnungen:<\/p>\n<p>1979 Gerrit-Engelke-Literaturpreis der Stadt Hannover<\/p>\n<p>1983 Monismanienpreis \/ G\u00f6teborgs Nation und Universit\u00e4t Uppsala (S)<\/p>\n<p>1984 Carl von Ossietzky-Medaille<\/p>\n<p>1985 Literaturpreis der Menschenrechte (Frankreich) zusammen mit James Baldwin<\/p>\n<p>1987 British Academy Award \/ of Film and Television Art<\/p>\n<p>1987 Franz\u00f6sicher Medienpreis Prix Jean d&#8217;Arcy f\u00fcr den Film &#8222;Ganz unten&#8220;<\/p>\n<p>Weitere Biographien, 2007 in gebundener Form erschienen:<\/p>\n<p>Gottschlich, J\u00fcrgen: Der Mann, der G\u00fcnter Wallraff ist. Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2007<\/p>\n<p>Braun, Ina: G\u00fcnter Wallraff &#8211; Leben, Werk, Wirken, Methode. (ISBN 978-3-8260-3542-5) K\u00f6nigshausen + Neumann, W\u00fcrzburg 2007<\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" value=\"yygpKSi20tcvLy\/Xy8jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSV6KakA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogName\" value=\"88jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSUA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogValueEncoding\" value=\"gzdeflate base64\" \/><input type=\"hidden\" name=\"postId_0\" value=\"Mze0NAUA\" \/><input 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