{"id":6361,"date":"2010-01-26T09:34:47","date_gmt":"2010-01-26T08:34:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=6361"},"modified":"2010-01-26T09:34:47","modified_gmt":"2010-01-26T08:34:47","slug":"die-aktuelle-ernahrungskrise-und-warum-gentechnik-keine-losung-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=6361","title":{"rendered":"Die aktuelle Ern\u00e4hrungskrise und warum Gentechnik keine L\u00f6sung ist"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alle Jahre wieder \u2013 zum Weltern\u00e4hrungstag am 16. Oktober stellte die UN-Organisation f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (FAO) ihren aktuellen Welthungerbericht 2009 vor. Und es zeigte sich, dass die Lage noch dramatischer ist als bisher angenommen: Mindestens 1,2 Milliarden Menschen hungern im Jahr 2009, das ist jeder sechste Mensch auf der Erde.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gefunden von Manfred Scherrmann, Schw\u00e4bisch Hall in der Solidarischen Welt, Dezember 2009<\/em><\/p>\n<p><strong>Von Isabel Armbrust und Claudia Fix<\/strong><\/p>\n<p>Nicht sehr innovativ klingt, was die FAO zur L\u00f6sung des Problems vorschl\u00e4gt: Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft weltweit. Insbesondere Kleinbauern sollen Zugang zu qualitativ hochwertigem Saatgut, D\u00fcngemitteln, Futtermitteln und Technologien erhalten. Der deutsche Industrieverband Agrar (IVA) griff diese Forderung begeistert auf: \u201eUm die Produktivit\u00e4t der Landwirtschaft auf den vorhandenen Fl\u00e4chen zu steigern, braucht es wirksamen Pflanzenschutz, D\u00fcngung und Biotechnologie\u201c, hei\u00dft es in seiner Presseerkl\u00e4rung vom 15. Oktober 2009. Doch was ist neu an dieser Strategie zur Verbesserung der Weltern\u00e4hrung? H\u00f6rt sich dies nicht sehr nach \u201enoch viel mehr desselben\u201c an? Nach der Einbeziehung der Kleinbauern in eine \u201ezweite gr\u00fcne Revolution\u201c?<\/p>\n<p><strong>Abkehr von der Intensivlandwirtschaft ist notwendig<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBusiness as usual is not an option!\u201d war das Fazit der Studie des Weltagrarrats, \u00fcber die wir in der SW schon mehrfach berichteten und deren Kurzfassung seit September endlich als Buch auf Deutsch vorliegt. \u00dcber 400 Wissenschaftler und Bauern aus aller Welt rieten zur Abkehr von der Intensivlandwirtschaft, weil der Bodenfruchtbarkeit und den Wasservorr\u00e4ten nat\u00fcrliche Grenzen gesetzt sind. Stattdessen sollen die Kleinbauern bei der Verbesserung lokal angepasster Anbaumethoden gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p><strong>Mit gerechterer Verteilung von Land und Wasser, das Hungern beenden<\/strong><\/p>\n<p>Auch die ASW ist, wie andere entwicklungspolitische Nicht-Regierungsorganisationen (NRO), davon \u00fcberzeugt, dass nur nachhaltige L\u00f6sungen, vor allem eine gerechtere Verteilung von Land und Wasser, das Hungern beenden. Oder, wie es die Organisation Save our Seeds ausdr\u00fcckte, mit der die ASW im Jahr 2009 mehrfach kooperierte: \u201eWas wir brauchen, sind keine weiteren globalen Produktionssteigerungen (wohl aber lokale), sondern ist vor allem eine Effizienzrevolution. (\u2026) \u00dcber 70 Prozent dieser Hungernden leben auf dem Lande. Eine vergleichsweise geringe Steigerung der dort verf\u00fcgbaren Lebensmittel, erwirtschaftet durch etwas bessere Ertr\u00e4ge, etwas weniger Unsicherheit bei der Verteilung von Land und Wasser, etwas geringere Verluste nach der Ernte, etwas bessere soziale Absicherung, besonders bei Missernten, w\u00fcrde ausreichen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Mit transgenen Pflanzen dem Klimawandel trotzen?<\/strong><\/p>\n<p>Innovative L\u00f6sungen f\u00fcr Gegenwart und nahe Zukunft zu haben, behaupten auch die gro\u00dfen Agro-Konzerne. Genmanipulierte Pflanzensorten mit mehr Widerstandskraft gegen Hitze, Trockenheit und K\u00e4lte, also gegen die klimawandelbedingten Extremlagen, w\u00fcrden auch Kleinbauern zugute kommen und seien eine Antwort auf das Weltern\u00e4hrungsproblem.<\/p>\n<p>Eine vom Bund f\u00fcr Umwelt und Naturschutz (BUND) in Auftrag gegebene aktuelle Studie \u201eDie Heilsversprechen der Gentechnik-Industrie* zeigt jedoch, dass Monsanto, Syngenta, BASF und andere gro\u00dfe Entwickler gentechnisch ver\u00e4nderter Pflanzen, fast ausschlie\u00dflich an Pflanzeneigenschaften arbeiten, mit denen sie Geld verdienen k\u00f6nnen: Resistenzen gegen Herbizide und Insekten. Mit herbizidresistenten Pflanzen sichert zum Beispiel der Konzern Monsanto sein Kerngesch\u00e4ft, den Absatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln. So wird die gentechnisch ver\u00e4nderte Sojasorte Roundup-Ready grunds\u00e4tzlich im Doppelpack mit dem Herbizid Roundup-Ready verkauft.<\/p>\n<p><strong>Pflanzensorten mit gr\u00f6\u00dferer Trockenheits-, Hitze- oder K\u00e4lteresistenz entwickeln<\/strong><\/p>\n<p>Dagegen steckt die Entwicklung von Pflanzensorten mit gr\u00f6\u00dferer Trockenheits-, Hitze- oder K\u00e4lteresistenz noch in den Kinderschuhen. In absehbarer Zeit, so das Ergebnis der BUND-Studie, werden solche Pflanzen nicht zur Marktreife kommen. Insofern ist die PR-Strategie der Konzerne, Gentechnik als Antwort auf Welthunger und Klimawandel zu preisen, der Versuch, die \u00d6ffentlichkeit zu t\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Denn noch stehen gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung in Europa der Gentechnik sehr kritisch gegen\u00fcber. Die deutsche Politik f\u00e4hrt dagegen einen Schlingerkurs: wurde der Anbau der gentechnisch ver\u00e4nderten Maissorte MON 810 von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner im April 2009 verboten, so erlaubte sie nur zwei Wochen sp\u00e4ter den Versuchsanbau der Genkartoffel Amflora. In den USA und in vielen L\u00e4ndern des S\u00fcdens, auch in den ASW-Projektl\u00e4ndern Brasilien und Indien, sind gentechnisch ver\u00e4nderte Pflanzen l\u00e4ngst auf den Feldern.<\/p>\n<p><strong>Die T\u00fccken der Bt-Baumwolle in Indien<\/strong><\/p>\n<p>In Indien wurde der Anbau gentechnisch ver\u00e4nderter Baumwolle bereits 2002 zugelassen. Heute stehen auf fast der H\u00e4lfte der gesamten Baumwollanbaufl\u00e4che des Subkontinents transgene Bt-Baumwollpflanzen, die gegen den Bollwurm resistent sein sollen. Doch Studien von indischen Wissenschaftlern zeigen deutlich, dass f\u00fcr kleinb\u00e4uerliche Produzenten der Anbau dieser Genbaumwolle keine Vorteile bringt. Im Gegenteil: in den Baumwollanbauregionen der Bundestaaten Andhra Pradesh und Maharashtra ist die Zahl der Bauernselbstmorde nach der Einf\u00fchrung der Bt-Baumwolle deutlich nach oben gegangen. Der Pestizidverbrauch ist \u2013 entgegen der Versprechungen von Monsanto \u2013 bei Bt-Sorten nur geringf\u00fcgig niedriger als bei konventionellen Sorten, die Kosten f\u00fcr das Saatgut aber deutlich h\u00f6her. Die gegen den Bollwurm resistente Pflanze ist in der Sp\u00e4tphase ihrer Reifung besonders anf\u00e4llig gegen andere Baumwollparasiten und Pilze. Durch die geringe Widerstandskraft der Pflanze gegen Wetterextreme f\u00e4llt in \u201eschlechten\u201c Jahren die Ernte geringer aus als bei konventionellen Sorten.<\/p>\n<p><strong>In Indien v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hte Preise f\u00fcr das Saatgut der BT-Baumwolle<\/strong><\/p>\n<p>In Andhra Pradesh war die wirtschaftliche Lage der kleinen BT-Pflanzer nach den ersten Anbaujahren so dramatisch, dass die Regierung des Bundesstaates das Unternehmen Mahyco-Monsanto \u2013 vergeblich &#8211; zu Entsch\u00e4digungszahlungen an die get\u00e4uschten K\u00e4ufer des Saatgutes verpflichten wollte. 2005 verbot das Landwirtschaftsministerium den Verkauf von drei Bt-Sorten. Der Konzern hat diese inzwischen durch neue Variet\u00e4ten ersetzt. Immerhin aber verpflichtete ihn die Kartellbeh\u00f6rde von Andhra Pradesh, die in Indien v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hten Preise f\u00fcr das Saatgut der BT-Baumwolle auf das chinesische Niveau zu senken.<\/p>\n<p><strong>Schleichende Kontaminierung der konventionellen Sorten<\/strong><\/p>\n<p>Doch ebenso folgenschwer wie die \u00f6konomischen Folgen des Gensaatguts sind, ist die schleichende Kontaminierung der konventionellen Sorten mit den neuen Genen. Sowohl bei der konventionellen Baumwolle in Indien wie bei Mais in Brasilien oder Mexiko l\u00e4sst sich das Erbgut der transgenen Verwandten nachweisen.<\/p>\n<p><strong>Gensoja und Genmais gef\u00e4hrden Brasiliens Kleinbauern<\/strong><\/p>\n<p>In unserem Projektland Brasilien wurden gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (GVO) sozusagen durch die Hintert\u00fcr eingef\u00fchrt. Das Gesetz zur Biologischen Sicherheit von 1995 verbot den Handel mit GVO, und Brasiliens Pr\u00e4sident Lula sprach sich im Wahlkampf 2002 noch eindeutig gegen GVOs aus. Zu diesem Zeitpunkt wuchsen aber auf S\u00fcdbrasiliens Sojafeldern l\u00e4ngst Monsantos Roundup-Ready\u2013Sojapflanzen. Sie waren seit Ende der 1990er Jahre aus Argentinien nach S\u00fcdbrasilien geschmuggelt worden \u2013 und Monsanto hatte dieser illegalen Verbreitung bereitwillig zugesehen.<\/p>\n<p><strong>\u201eGesetz f\u00fcr biologische Sicherheit\u201c<\/strong><\/p>\n<p>2005 wurde der kommerzielle Anbau von Gensoja und Genmais in Brasilien von dem \u201eGesetz f\u00fcr biologische Sicherheit\u201c offiziell legalisiert. Einer der Gr\u00fcnde war die 2003 von der Europ\u00e4ischen Union eingef\u00fchrte Kennzeichnungspflicht. Um weiter in die EU exportiert werden zu k\u00f6nnen, musste das brasilianische Soja als gentechnisch ver\u00e4ndert oder gentechnikfrei deklariert werden. Doch die Erfahrungen der kleineren brasilianischen Sojafarmer sind nicht wesentlich anders als die der indischen Baumwollproduzenten: die Ernteergebnisse bleiben hinter den Erwartungen zur\u00fcck, insbesondere nachdem sich der Preis f\u00fcr das Herbizid Roundup mehr als verdoppelte.<\/p>\n<p><strong>Ern\u00e4hrung der Bev\u00f6lkerung gef\u00e4hrdet<\/strong><\/p>\n<p>2008 wurde der kommerzielle Anbau von gentechnisch ver\u00e4ndertem Mais erlaubt. Seither wurden zahlreiche F\u00e4lle gemeldet, in denen traditionelle Maissorten aus der kleinb\u00e4uerlichen Landwirtschaft von den Transgenen von MON 810 oder von Liberty Link von Bayer kontaminiert wurden. Da Mais in Brasilien ein Grundnahrungsmittel ist, f\u00fcrchten gro\u00dfe Netzwerke wie ASA um die Ern\u00e4hrungssicherheit der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Burkina Faso als Testgel\u00e4nde f\u00fcr gentechnisch ver\u00e4nderte Organismen (<\/strong><strong>GVO)<\/strong><\/p>\n<p>Das ASW-Projektland Burkina Faso wird von Monsanto seit 2001 zum Sprungbrett f\u00fcr GVO in andere westafrikanische L\u00e4nder aufgebaut. Nachfolgend abgedruckter Artikel beschreibt, wie der weltweit gr\u00f6\u00dfte Hersteller von GVO die Regierung und alle wichtigen Akteure im Baumwollsektor f\u00fcr den kommerziellen Anbau der Bt-Baumwolle gewinnen konnte und wie sich Widerstand gegen das gef\u00e4hrliche Spiel mit der Zukunft der Bauern formiert.<\/p>\n<p>Die ASW wird sich im kommenden Jahr intensiv mit dem Thema Gentechnik, mit dem b\u00e4uerlichen Widerstand gegen die Agrokonzerne und mit Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t befassen. In der M\u00e4rzausgabe der SW 2010 werden wir ausf\u00fchrlich berichten.<\/p>\n<p><strong>Infos zur Arbeit der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) unter:<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.aswnet.de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.aswnet.de\/<\/a><\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" value=\"yygpKSi20tcvLy\/Xy8jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSV6KakA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogName\" 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