{"id":5852,"date":"2009-11-30T13:06:23","date_gmt":"2009-11-30T12:06:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=5852"},"modified":"2009-11-30T13:17:53","modified_gmt":"2009-11-30T12:17:53","slug":"preis-und-wert-des-journalismus-%e2%80%93-ein-beitrag-aus-dem-kellergeschoss-der-medien-hierarchie-von-tom-schimmeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=5852","title":{"rendered":"&#8222;Preis und Wert des Journalismus&#8220; \u2013 Ein Beitrag aus dem Kellergeschoss der Medien-Hierarchie von Tom Schimmeck"},"content":{"rendered":"<p><strong><\/p>\n<div id=\"attachment_5859\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><strong><a href=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/Tom_Schimmeck.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-5859\" loading=\"lazy\" class=\"size-thumbnail wp-image-5859\" title=\"Tom_Schimmeck\" src=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/Tom_Schimmeck-150x150.jpg\" alt=\"Tom Schimmeck kritisiert die Ausbeutung freier Journalisten.\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/strong><p id=\"caption-attachment-5859\" class=\"wp-caption-text\">Tom Schimmeck kritisiert die Ausbeutung freier Journalisten.<\/p><\/div>\n<p>Der freie Journalist Tom Schimmeck hat beim Mainzer Mediendisput Anfang November 2009 eine bemerkenswerte Rede \u00fcber &#8222;Preis und Wert des Journalismus&#8220; gehalten. Die Rede hat hohe Wellen geschlagen, wie Stefan Niggemeiers Beitrag zu diesem Thema verdeutlicht: <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/hajo-schumacher-raecht-seinen-prometheus\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/hajo-schumacher-raecht-seinen-prometheus\/<\/a>. Hohenlohe-ungefiltert dokumentiert unten die gesamte Rede von Tom Schimmeck. Der freie Journalist ist auch beim Journalistennetzwerk Freischreiber aktiv, das sich insbesondere f\u00fcr eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen von freien Journalisten einsetzt <\/strong>(<a href=\"http:\/\/www.freischreiber.de\/\" target=\"_blank\">www.freischreiber.de\/<\/a>).<\/p>\n<p><em>Zusammengestellt von Ralf Garmatter, Hohenlohe-ungefiltert<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Rede von Tom Schimmeck beim Mainzer Mediendisput 2009:<\/strong><\/p>\n<p>Hochgesch\u00e4tzte Exzellenzen,<br \/>\nIntendanten, Ministerpr\u00e4sidenten,<br \/>\nverehrte Festangestellte,<br \/>\nliebe Freie!<br \/>\nPreis und Wert des Journalismus \u2013 schon der Titel dieses Vormittags n\u00f6tigt mir ein L\u00e4cheln ab. Weil man Preis und Wert so herrlich zu preiswert zusammenziehen kann. Was ja sch\u00f6nf\u00e4rberisch oft f\u00fcr \u201ebillig\u201c verwendet wird. Womit wir schnurstracks beim Kern w\u00e4ren. Denn deutsche Medienmacher k\u00f6nnen bald nur noch billig.<br \/>\nDie Veranstalter haben sich, vermutlich aus purer Menschenliebe, entschieden, hier zum Auftakt einen freien Journalisten sprechen zu lassen. Einen aus dem Kellergeschoss der Medien-Hierarchie, aus dem publizistischen Prekariat sozusagen. Sie m\u00fcssen jetzt nicht in Tr\u00e4nen ausbrechen. Mir pers\u00f6nlich geht es ganz gut. Vor allem, weil ich in den letzten Jahren immer mehr Radio mache. Wenn ich, wie fr\u00fcher, allein von gedruckten Wort leben m\u00fcsste, w\u00fcrde ich mir einen Hut kaufen, um ihn regelm\u00e4\u00dfig rumgehen zu lassen. Neulich zum Beispiel rief der Ressortleiter eines Magazins an, das zum Imperium von Gruner+ Jahr geh\u00f6rt und f\u00fcr das ich seit 20 Jahren schreibe. Seit zehn Jahren warte ich darauf, dass die endlich mal mehr zahlen. Und was sagt der nette Herr Ressortleiter, den ich sogar mit einem Kosenamen anzusprechen pflege? \u201eDu Tom\u201c, sagte er, \u201edas ist mir jetzt ein bisschen unangenehm, aber wir haben die Honorare gerade pauschal um 33 Prozent gek\u00fcrzt.\u201c<br \/>\nEs gibt nat\u00fcrlich auch bei den Freien solche und solche. Das ist eine recht heterogene Gruppe. Beim Fernsehen soll es ja Leute geben, die nur deshalb freiberuflich arbeiten, damit die Anstalt ihnen Summen \u00fcberweisen kann, die jeden Honorarrahmen sprengen. Die Arm-Reich-Schere geht halt \u00fcberall auseinander. Aber dazu sp\u00e4ter.<br \/>\nDer gemeine Freie, meine Damen und Herren, muss als zunehmend bedrohtes Wesen betrachtet werden. Im z\u00fcgig verwildernden Mediendschungel wird sein Lebensraum von mehreren Seiten eingeengt:<br \/>\nDa ist zum einen die wachsende Schar der Praktikanten.\u00a0 Sie rekrutiert sich vor allem aus dem Heer der etwa 55 000 Studierenden der Kommunikations- und Medienwissenschaften. Und etlicher weiterer Nachwuchskr\u00e4fte, die entweder ein echtes journalistisches Ideal haben \u2013 oder einfach \u201eirgendwas mit Medien\u201c machen wollen, weil das immer noch als hip oder cool oder sonstwas gilt. Der Praktikant lebt bekanntlich von Luft und Liebe, beziehungsweise von Mutti und Vati. Im Redaktionsetat jedenfalls schl\u00e4gt er kaum oder gar nicht zu Buche. Das sch\u00e4tzen Chefredakteure und Verleger ganz au\u00dferordentlich.<br \/>\nSie lernen fr\u00fch, sich zu verkaufen. Ich habe Ihnen, zum Aufwecken, einen Soundclip aus meiner Lieblingsserie \u201eT\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c mitgebracht, Folge 46. Lena, die Hauptfigur, und ihre beste Freundin sind Dauerpraktikantinnen beim Szene-Magazin &#8222;In-Be-Twen&#8220;. Beide konkurrieren um das einzige Volontariat und haben allerlei Probeartikel geschrieben. Lena ist noch einen Schritt weiter gegangen. Sie hat, die gro\u00dfe Liebe zu ihrem t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Stiefbruder Cem verratend, einen f\u00fcrchterlichen Text \u00fcber Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t fabriziert. Chefredakteurin Jette, eine Lifestyle-Zicke, ist begeistert<br \/>\nSOUND<br \/>\ndraufsprechen: Jetzt folgt der unrealistische Teil. Lena geht bedr\u00fcckt auf den Schreibtisch der Chefredakteurin zu. Sie will deren ausgestreckte Hand ergreifen. Doch dann schnappt sie sich ihr mieses Manuskript und zerrei\u00dft es.<br \/>\nSOUND<br \/>\nDie ganze Wahrheit im Vorabendprogramm des Deutschen Fernsehens. Wer h\u00e4tte das gedacht?<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite bedroht den Freien der fest angestellte Journalist. Das ist relativ neu. Bislang war die Koexistenz beider Gattungen ja oft recht ersprie\u00dflich. Bislang, k\u00f6nnte man sagen, war es ein fast schon fair zu nennender Deal: Die einen sitzen in den B\u00fcros fest, m\u00fcssen ans Telefon und zu diesen ganzen endlosen Konferenzen gehen und dort immer so tun, als seien sie voll und ganz im Bilde. Sie m\u00fcssen sich mit der ganzen hierarchischen H\u00fchnerleiter herumschlagen und obendrein mit den Ideen und Manuskripten der Freien. Die ja nicht immer perfekt sind. Zum Ausgleich f\u00fcr all diesen Schmerz beziehen die \u201eFesten\u201c ein festes, sprich: verl\u00e4ssliches, manchmal sogar stattliches Einkommen, das in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden erh\u00f6ht wird.<br \/>\nDie \u201eFreien\u201c hingegen sind im Idealfall \u2013 also in den F\u00e4llen, wo sie nicht einfach nur ausgebeutet und\/oder von einer Festanstellung ferngehalten werden \u2013 das, was die Bezeichnung suggeriert. Sie suchen sich ihre Themen, sie teilen ihre Zeit, ihre Neugier und ihre Nerven nach eigenem Gutd\u00fcnken ein. Gelassen lauschen sie den goldenen Ratschl\u00e4gen der Redakteure und machen es dann genau so, wie sie es f\u00fcr gut und richtig halten. Daf\u00fcr schultern sie das Risiko. Und leben von der Hand in den Mund.<br \/>\nDas war \u00fcblicherweise der Deal. Heute aber sehen sich viele Festangestellte, nicht ganz zu Unrecht, als freie Journalisten in spe. Sie m\u00fcssen bef\u00fcrchten, dass dieser ihr k\u00fcnftiger Stellungswechsel unter Umst\u00e4nden eine nicht ganz frei gew\u00e4hlte Entscheidung sein k\u00f6nnte. Tagt\u00e4glich h\u00f6ren und lesen sie, wie rundum ihresgleichen rausfliegt. Fest wird, wie das auf BWL-Deutsch so h\u00fcbsch hei\u00dft, \u201efreigesetzt\u201c. Das geht seit Jahren schon so. Seit dem Zusammenbruch des sogenannten \u201eNeuen Marktes\u201c anno 2001. Bis 2003 stieg die Zahl der offiziell arbeitslosen Journalisten und Fotografen von etwa 700 auf \u00fcber 9 000 an. 2004 gab es dann pl\u00f6tzlich an die 1 500 medienschaffende \u201eIch-AGs\u201c. 2007 hatte sich die Zahl unserer Arbeitslosen wieder etwa halbiert. Und jetzt, so scheint es, jetzt kommt es so richtig dicke.<\/p>\n<p>Nachricht aus den USA: Die Zeitungs-Auflagen sind im Sommer 2009 noch einmal gut 10 Prozent gesunken. Ein Dutzend Zeitungen wurde seit 2007 dichtgemacht, wohl an die 10 000 Redakteure entlassen. Eben hat die New York Times bekanntgegeben, dass noch einmal 150 Leute fliegen. Auch in Gro\u00dfbritannien wurden Dutzende Bl\u00e4tter dichtgemacht. Als eine britische Bergbaustadt in diesem Jahr ihre Zeitung verlor, fand ich im Economist den sch\u00f6nen Satz: Der Stadt fehle nun \u201eein Ort wo sie zu sich selbst sprechen kann\u201c.<br \/>\nAber wir m\u00fcssen wahrlich nicht in die Ferne schweifen. In Mecklenburg-Vorpommern geht es kaum anders zu. Unsere New York Times hei\u00dft S\u00fcddeutsche Zeitung. Die hat in den letzten Jahren schon derart viele Spar-, Abfindungs- und Entlassungswellen hinter sich gebracht, dass man manchmal anrufen m\u00f6chte, nur um zu horchen, ob noch jemand da ist. Die n\u00e4chste Welle rollt \u00fcbrigens gerade an. Das Hackebeil kreist \u00fcberall. Bei Spinger, Burda, Holtzbrink und der FAZ, bei Gruner+Jahr und bei Bauer schl\u00e4gt es zu. Selbst beim \u201eNeuen Deutschland\u201c soll das Zeilenhonorar von 39 auf 35 Cent gesenkt worden sein. Es hei\u00dft, die Freien h\u00e4tten dort Kuchen an die Festangestellten verteilt und die Entscheidung so r\u00fcckg\u00e4ngig machen k\u00f6nnen.<br \/>\nNur die taz, las ich letzte Woche mit ungl\u00e4ubigem Staunen im \u201eGenossenschaftsinfo 2\/2009\u201c, wird \u2013 Zitat \u2013 erstmals seit 15 Jahren wieder ein Gesch\u00e4ftsjahr mit einem wenn auch bescheidenen Gewinn abschlie\u00dfen.<br \/>\nAnsonsten ist das Flie\u00dfband jetzt die neueste Mode der Medienindustrie: Chefredakteure machen gleich mehrere Bl\u00e4tter. Ein paar Frauenmagazine aus einer Hand &#8211; das muss doch m\u00f6glich sein. Bei G+J sind die Wirtschaftsmedien auch schon zentral in Hamburg kaserniert. Bernd Buchholz, der Vorstandschef, hat seiner Truppe jetzt erkl\u00e4rt, sie d\u00fcrfe nicht l\u00e4nger davon ausgehen, dass Redaktionen als autarke &#8222;Manufakturen&#8220; f\u00fcr nur einen Titel verantwortlich seien. Ziel ist vielmehr \u2013 ich zitiere hier mal aus einem Branchendienst:<br \/>\nder &#8222;Aufbau von Plattformstrukturen&#8220;, bei denen &#8222;Kompetenzteams&#8220; mehreren Abnehmern und auch externen Mandanten Inhalte zuliefern.<br \/>\nAuch die WAZ-Gruppe hat kr\u00e4ftig gespart und drei ihrer NRW-Bl\u00e4tter zu einem \u201eContent-Desk\u201c vereint. Insgesamt wurden 287 Stellen gestrichen. Zur feierlichen Einweihung der Sparma\u00dfnahme kamen im Juni bei Bodo Hombach in Essen unter anderen Peter Maffay, Felix Magath und Hombachs neuer Kumpel J\u00fcrgen R\u00fcttgers zu Besuch. Man hat rund um den den \u201eContent-Desk\u201c auch ganz sportlich Tischfussball gespielt.<br \/>\n\u201eContent\u201c schlage ich als Unwort des Jahrzehnts vor. Fr\u00fcher haben wir ja, naiv, wie wir sind, Content einfach mit Inhalt \u00fcbersetzt. Aber dann h\u00e4tte man eigentlich auch gleich weiter Inhalt sagen k\u00f6nnen. Inzwischen wissen wir: Der Begriff Content wird in der Regel benutzt, wenn das Gegenteil von Inhalt gemeint ist. \u201eContent is king\u201c \u2013 das war der Schlachtruf von Bill Gates und der New Economy. Gates hat schon damals erkl\u00e4rt, was f\u00fcr ihn Content ist: Software, Spiele, Sport, Anzeigen, Entertainment, On-line communities und, ja auch, ein paar News. Content ist oft einfach Hei\u00dfluft aus dem Unterhaltungsgebl\u00e4se. Bl\u00f6dsinn in Dosen. Ein alberner Begriff. Als Unwort-Alternativen bieten sich \u201eSynergieeffekt\u201c, \u201eKompetenzteam\u201c oder \u201eDrei-Stufen-Test\u201c an.<br \/>\nLetzten Freitag erfuhr sie Redaktion der Netzeitung, vor neun Jahren als wohl erste nennenswerte deutsche Internet-Zeitung gegr\u00fcndet, dass es sie in wenigen Wochen nicht mehr geben wird. Die Online-Zeitung werde als &#8222;automatisiertes Nachrichtenportal&#8220; weitergef\u00fchrt, teilte die K\u00f6lner Verlagsgruppe DuMont Schauberg mit. Jener DuMont, dem wir im Fr\u00fchjahr noch alle um den Hals gefallen sind, weil er die Berliner Zeitung, die Hamburger Morgenpost, den Berliner Kurier, den Tip und, ja, die Netzzeitung vor der supergefr\u00e4\u00dfigen Heuschrecke David Montgomery gerettet hatte.<br \/>\nSie erinnern sich noch? Montgomery? Mecom? Dieser Montgomery ist in der Tat ein psychologisches Kuriosum: Ein Gro\u00dfverleger, der Zeitungen hasst. Seine britische Mecom Group besitzt \u00fcbrigens europaweit immer noch an die 300 Bl\u00e4tter! Unl\u00e4ngst hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Der gedruckte Zeitung, deklamierte er neulich in London, sei \u201e\u00f6konomisch bankrott\u201c und eine \u201esinnlose, egoistische Obsession mit toten B\u00e4umen\u201c.<br \/>\nAber wozu brauchen wir Montgomery? Die Messer unserer heimischen Verleger sind auch verdammt scharf. Dumont Schauberg plant f\u00fcr seine vier Abo-Bl\u00e4tter \u2013 Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, K\u00f6lner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung \u2013\u00a0 nun \u201eSchreiber-Pools\u201c. Und die Zusammenlegung ganzer Ressorts. Politik soll in Berlin, Wirtschaft und Wissenschaft eher in Frankfurt gestemmt werden. Die Redaktionsversammlung der Berliner Zeitung hat am 24. August an Verleger Neven DuMont geschrieben: Bei der \u00dcbernahme unseres Hauses haben Sie zugesagt, die Berliner Zeitung zu entwickeln und die Redaktion an diesem Prozess zu beteiligen. Unser Vertrauen in diese Zusage ist ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Beim deutschen Verleger macht sich allm\u00e4hlich eine fatale Doppelmoral breit. Sonntags predigt er weihevoll die Qualit\u00e4t, die Vielfalt und gibt, im feinen Zwirn, den verantwortungsbewussten Musterdemokraten. Werktags aber macht er immer \u00f6fter einen auf Montgomery.<br \/>\nSoeben meldet der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, er rechne f\u00fcr das laufende Jahr mit 9,4 Prozent Umsatz-Minus und Stellenstreichungen von 4,75 Prozent. Das hei\u00dft: Allein in diesem Jahr darf wieder etwa jeder 20. Festangestellte gehen. Schuld daran ist nat\u00fcrlich die Anzeigenkrise. 2010, sagen die Verleger, k\u00f6nnte umsatzm\u00e4\u00dfig stabil verlaufen. Weitere \u201eRestrukturierungsma\u00dfnahmen&#8220; seien gleichwohl dringend geboten. Der aktuelle Vorschlag der Verleger f\u00fcr den zum Jahresende gek\u00fcndigten Manteltarif f\u00fcr ihre Redakteure und Redakteurinnen lautet: Weniger Geld f\u00fcr mehr Arbeit.<br \/>\nDie Verleger-Mitteilung vom 4.11. tr\u00e4gt \u00fcbrigens die wundersch\u00f6ne \u00dcberschrift:<br \/>\nZeitschriftenverleger parieren die Krise mit Mut, Innovationen und neuen Gesch\u00e4ftsmodellen<br \/>\nDa hat man offensichtlich auch schon den letzten Journalisten rausgeschmissen. Und einen PR-Praktikanten machen lassen.<br \/>\nIch will wahrlich nicht bestreiten, dass Verlage neue Wege suchen m\u00fcssen. Und wenn sie klug und innovativ sind und investieren, werden sie die sogar entdecken. Wir haben etwa 350 Tageszeitungen, 34 Wochenzeitungen, an die 6000 Publikums- und Fachzeitschriften sowie 190 Fernseh- und \u00fcber 300 Radiosender. Viele werden sich ver\u00e4ndern. Einige werden verschwinden. Oder sich ganz neu erfinden. Viel zu wenige sind wirklich gut. Und es w\u00e4re schade, verdammt schade, wenn ausgerechnet jene kaputtgehen, die wir brauchen f\u00fcr eine funktionierende Demokratie. Denn es gibt keine Demokratie ohne \u00d6ffentlichkeit. Ohne eine Pluralit\u00e4t hervorragender Medien.<br \/>\nDas notorische Endzeit-Gezeter der Verleger aber ist nicht konstruktiv. Es dient vor allem dazu, besser Kasse zu machen. Im dritten Quartal 2009 wurden laut IVW 115,79 Millionen Publikumszeitschriften verkauft \u2013 etwa 1,8 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Der Kioskverkauf ist um 5,9 Prozent gestiegen. Pro Erscheinungstag konnten au\u00dferdem 23,25 Millionen Tageszeitungen einschlie\u00dflich Sonntagszeitungen abgesetzt werden. Das sind gerade mal 1,17 Prozent weniger als im Vorquartal. Der Einzelverkauf ist mit aktuell 7,16 Mio. St\u00fcck sogar leicht gestiegen.<br \/>\nAuf den Milliard\u00e4rs-Listen von Forbes finde ich neben Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, neben Schlecker und Thurn und Taxis weiterhin auch Hubert Burda, Friede Springer, Heinz Bauer, Anneliese Brost (WAZ), drei Holtzbrincks sowie die Familie des im Oktober verstorbenen Reinhard Mohn. Wir m\u00fcssen also vielleicht doch nicht sofort sammeln.<br \/>\nIch tue jetzt mal etwas, was sich f\u00fcr einen \u201eFreien\u201c nicht geziemt. Ich lasse zwei extravagante Tipps an die Verleger vom Stapel.<br \/>\nNummer 1: Vielleicht sorgen Sie einmal daf\u00fcr, dass in Ihren Wirtschaftsteilen auch Leute zu Wort kommen, die nicht immer nur grenzenlose Opferbereitschaft f\u00fcr unsere Exportindustrie predigen, sondern auch solche, die eine Lanze f\u00fcr die St\u00e4rkung der Kaufkraft im Lande brechen. Liebe Medienmogule, es mag ihnen entgangen sein, aber in den Portemonnaies ihrer Leser, H\u00f6rer und Zuschauer hat sich lausig wenig getan in den letzten Jahren. Dieser Umstand d\u00fcrfte sich auch in Ihrem Absatz ungut niederschlagen.<br \/>\nNummer 2: Das st\u00e4ndige Streichen und das flankierende Krisengeschrei wird mittelfristig nicht nur der Moral ihrer Mitarbeiter, sondern auch der Substanz ihrer Medien schaden. Ja, ich wei\u00df: Es gibt in Deutschland gro\u00dfe Verlage, in denen seit 1875 kein aufkl\u00e4rerisches Wort erschienen ist. Trotzdem bleibt Qualit\u00e4t ein Kaufkriterium. Oder, schlichter gesagt: Nur Mist werden sie auf Dauer nicht los. Trauen sie sich. Lassen sie die vielen guten Journalisten viele gute Sachen machen. Nicht nur \u201eDogs\u201c und \u201eAdel aktuell\u201c.<br \/>\nGerade ist eine neue US-amerikanische Studie erschienen: \u201cThe Curse of the Mogul\u201c &#8211; \u201eDer Fluch des Moguls&#8220;. Von drei Experten verfasst, die nun mit dem Mythos der superkreativen Massenmedienindustrie aufr\u00e4umen. Die haben sich die 15 weltgr\u00f6\u00dften Medienindustriellen angeschaut und stellen fest: Ihr Fluch sind Hybris, \u00fcbergro\u00dfe Ambition und Selbstt\u00e4uschung. Manche Mogule stehen in diesem Licht als ziemlich d\u00e4mliche Kapitalvernichter da, als Supernieten in Nadelstreifen sozusagen. Seit dem Jahr 2000, so lautet die Bilanz, haben die Gr\u00f6\u00dften gemeinsam etwa 200 Milliarden Dollar an Werten verbrannt. Durch zu teure Akquisitionen, falsche strategische Investitionen etcetera. 200 Milliarden! Diese gewaltige Summe, sagen die Autoren, \u2013 Zitat \u2013 spiegelt den Grad der Verzweiflung unter Medienmogulen angesichts neuer Konkurrenten, neuer Technologien und neuer Kundenw\u00fcnsche wieder.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu unseren irdischen N\u00f6ten. Zu unserem Preis und Wert. Insgesamt gibt es hierzulande etwa 50 000 hauptberufliche Journalisten. Festangestellt sind rund 14000 bei Tageszeitungen, gut 9000 im Rundfunk und etwa ebensoviele bei Zeitschriften. Dazu kommen noch Agenturen und Onlineredaktionen. Hinzu kommt die Schar der freiberuflichen Text-, Ton- und Bildarbeiter, die immer wichtiger werden. Da in den Redaktionen immer weniger Redakteure die Seiten und Kan\u00e4le bef\u00fcllen m\u00fcssen. Gleichwohl fallen bei den Freien seit Jahren die Honorare. Auch Korrespondenten im In- und Ausland beziehen immer seltener regul\u00e4re Geh\u00e4lter.<br \/>\nDas Ergebnis: Um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, produzieren alle f\u00fcr m\u00f6glichst viele Kunden in m\u00f6glichst kurzer Zeit m\u00f6glichst viel Text. Recherche \u2013 Nachhaken, Nachdenken, Nachlesen \u2013 verkommt zum Luxus. Journalisten sind verdammt zum Wiederk\u00e4uen der zirkulierenden Worth\u00fclsen und Soundbytes. Viele finden selbst bei vollem Einsatz kaum mehr ein Auskommen. \u201eWie viele unserer Professionsgenossen\u201c, klagt der Publizist Klaus Harpprecht, \u201esind gezwungen, unter ihren geistigen Verh\u00e4ltnissen zu schreiben, zu recherchieren, zu redigieren!\u201c<br \/>\nWir m\u00fcssen wohl langsam von Armut reden. Ich wei\u00df, schon mit dem Wort tun sich deutsche Medien schwer. Es passt nicht recht in unser Marktwirtschafts-M\u00e4rchenbild. Es passt auch nicht in das Weltbild vieler Journalisten, die, wie Studien zeigen, meist aus besserem Hause kommen. Die kannten materielle Existenzbedrohung bislang gar ist. Sie wussten nicht, wie das ist, stundenlang auf dem Flur des Sozialamtes rumzuh\u00e4ngen und die Selbstgedrehte in einer alten Blechb\u00fcchse auszudr\u00fccken.<br \/>\nDas Verm\u00f6gensgef\u00e4lle zwischen Karl und Theodor Albrecht und deren Kunden wird immer steiler. Auch die Journalisten, die freien zumindest, werden \u00e4rmer. Wer, wie ich, viel im Ausland arbeitet, muss richtig zaubern, um die Unkosten halbwegs reinzubekommen. Fragen sie heute mal einen Redakteur am Telefon nach Reisespesen. Da kommen manchmal Ger\u00e4usche aus der H\u00f6rmuschel, die sie bislang nur aus Hagenbecks Tierpark kannten. Honorare stehen nur selten noch in einem halbwegs angemessenen Verh\u00e4ltnis zum betrieben Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen \u2013 wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie nochmal losfahren und richtig hingucken, sind Sie \u00f6konomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch \u201eQualit\u00e4tszeitungen\u201c zahlen wahrlich keine Qualit\u00e4tshonorare mehr. Von einer sehr auflagenstarken Qualit\u00e4tszeitung erhielt ich in diesem Fr\u00fchjahr f\u00fcr eine volle Woche Arbeit 200 Euro. Ein Medienmagazin bat mich kurz darauf um eine Buchrezension. Auf die k\u00fchne Nachfrage nach dem Honorar kam die Antwort, ich k\u00f6nne ja das Buch behalten.<br \/>\nHier die wissenschaftliche Untermauerung: Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, H\u00f6rfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten f\u00fcr sogenannte \u00dcberpr\u00fcfungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. F\u00fcr die Kontrolle der Glaubw\u00fcrdigkeit und Richtigkeit von Quellen und Informationen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit bel\u00e4uft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, k\u00f6nnte man folgern, ist der letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.<br \/>\nIn der Welt der Hochglanz-Magazine sieht es oft nicht besser aus. Freie Journalisten werden hier zu T\u00e4tigkeiten gen\u00f6tigt, die viel mit den W\u00fcnschen der Inserenten zu tun haben, aber wenig mit Journalismus im engeren Sinne. Meine Kollegin Gabriele B\u00e4rtels schrieb nach vielen frustrierenden Berufserlebnissen im Sommer eine kleine Kolumne, die mit dem sch\u00f6nen Satz begann:<br \/>\nDie Pressefreiheit ist konstituierend f\u00fcr die Demokratie, aber nachts steht sie im d\u00fcnnen Kleidchen an einer Laterne und zwinkert den Anzeigenkunden zu.<br \/>\nSie beklagt in diesem Text, was viele von uns bedr\u00fcckt, n\u00e4mlich, Zitat, dass die Journalistenbranche von innen verfault und ich Texte schreiben soll, in denen nichts von dem vorkommt, was ich gesehen oder geh\u00f6rt habe.\u201c<br \/>\nGabriele B\u00e4rtels lieferte auch ein Beispiel, das die Misere so blendend illustriert, dass ich es hier ganz vortragen m\u00f6chte:<br \/>\nGestern zum Beispiel: Da sollte ich f\u00fcr ein Lifestyle-Magazin einen Text \u00fcber zwei Schauspieler schreiben, die in einem Fitness-Studio trainieren, um sich f\u00fcr eine Mega-Inszenierung, deren Hauptdarsteller sie sein werden, fit zu machen. Tatsache ist aber, dass sie nie in diesem Fitness-Studio trainieren, nur an diesem Tag, unter den Augen und in der Obhut von Fotograf, Assistent, Stylistin, Produktionsleitung und nat\u00fcrlich der Marketing-Dame des Studios.<br \/>\nDer Verlag des Life-Style-Magazins ist gesch\u00e4ftlich mit dieser Fitnessstudio-Firma verbunden. Deswegen muss daf\u00fcr gesorgt werden, dass sowohl im Text als auch im Bild klar wird, in welch exklusiver Umgebung das Training stattfindet, das sich die beiden Schauspieler im wahren Leben gar nicht leisten k\u00f6nnen. Die Produzenten der Mega-Inszenierung wiederum stellen dem Lifestyle-Magazin Freikarten zur Verf\u00fcgung, die diese an ihre Leser verlosen k\u00f6nnen. Und weil das Fitness-Studio eine bestimmte Sportklamotten-Marke favorisiert, m\u00fcssen die Schauspieler genau die auch anziehen.<br \/>\nUnd ich soll einen Text schreiben, in dem nichts davon vorkommt, was ich an diesem Tag gesehen und geh\u00f6rt habe. Sondern so tun, als w\u00fcrden hier zwei Schauspieler begeistert schwitzen&#8230; Im Heft wird er als redaktioneller Beitrag erscheinen. S\u00e4mtliche Beteiligte finden das normal, sie arbeiten so seit ewig und drei Tagen. Gewissensbisse w\u00fcrden sie ganz und gar l\u00e4cherlich finden.<br \/>\nDie Autorin B\u00e4rtels musste das verschl\u00fcsseln \u2013 weil sie auch von solchem Quatsch lebt. Aber es \u00e4rgert sie, dass es f\u00fcr L\u00fcgen weit bessere Honorare gibt als f\u00fcr Wahrhaftigkeit. Damit sind wir auf einer neuen Stufe in dem nach unten offenen Tiefgeschoss der Publizistik angekommen. Fr\u00fcher hie\u00df es: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Heute reden wir von einem brutalen Entweder-Oder: Fressen ODER Moral.<\/p>\n<p>Apropos Moral. Da muss ich noch eine Sache ansprechen, die mir sauer aufsto\u00dfen ist. Den wachsenden Klassenunterschied in unserem eigenen Metier. Es ist vielleicht so, dass sich jetzt auch im Journalismus jeder Hans und Franz als Marke aufstellen muss, um auf dem Markt der unbegrenzten Eitelkeiten einen gewissen Stellenwert zu ergattern. Und entsprechendes Einkommen zu generieren. Mir ist auch klar, dass der hochdotierte Nebenjob lange schon absolut salonf\u00e4hig ist. Wir haben da allergr\u00f6\u00dfte Vorbilder. Schlie\u00dflich bekam Helmut Kohl von Leo Kirch von 1999 bis zur Pleite des Medienmeisters 600 000 Mark j\u00e4hrlich. Auch einige seiner Minister, voran die ehemaligen Postminister, gingen nicht leer aus. Unser Ex-Kanzler Schr\u00f6der verdingt sich ungeniert als Chefklempner des lupenreinen Wladimir Putin. Und nebenbei noch als Verlagsvertreter von Ringier.<br \/>\nDas Promi-Unwesen ist vor allem ein TV-Problem. Schreiber und Radioleute sind von den T\u00fccken des Promitums weniger bedroht. Man kann als Zeitungsmensch ein Leben lang sagenhafte Texte schreiben. Und wird seine Leser finden. Aber die Visage kennt kein Mensch. Wer aber sein Gesicht regelm\u00e4\u00dfig in Kameras h\u00e4lt, egal ob als Journalist oder als Talkshow-Dauergast, wird automatisch prominent. Manchmal ist der Begriff ja nur ein Synonym von penetrant.<br \/>\nIch bedaure Fernsehjournalisten, weil sie immer und \u00fcberall erkennbar sind. Aber ich war doch verbl\u00fcfft zu erfahren, wie viele Gesichter, die wir aus dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen kennen, sch\u00e4tzen und nat\u00fcrlich lieben, zu mieten sind. Etwa bei Nowak Communications in Hamburg: Anja Kohl und Frank Lehmann, Tom Buhrow, Petra Gerster, Astrid Frohloff, Laura D\u00fcnnwald. Und viele andere mehr. K\u00f6nnen Sie alle haben. Als Moderator oder Gastredner. Das gilt als \u201eprivate\u201c Nebent\u00e4tigkeit.<br \/>\nIch mag begriffsstutzig sein \u2013 aber ich verstehe da etwas nicht. Sie alle verdanken die \u201eBekanntheit\u201c, die sie hier vermarkten, dem Rundfunk \u2013 den Redaktionen, der Technik und letztlich den Geb\u00fchren, die das finanzieren. Sie stehen f\u00fcr die Integrit\u00e4t und Seriosit\u00e4t der Sendungen und Anstalten, in denen sie auftreten. Zugleich zehren sie vom Ruf dieser Institutionen. Die Reputation, mit der ihr \u00f6ffentliches Antlitz angereichert ist, ist niemals allein die ihre. Sie sind Repr\u00e4sentanten f\u00fcr mehr als sich selbst.<br \/>\nDies alles aber schleppen sie gelegentlich zu irgendwelchen Firmen- und Verbands-Events und kassieren dort in ein paar Stunden, wof\u00fcr freie Autoren Monate schuften. Sie tragen dabei mehr zu Markte als nur ihre Haut. Ich wei\u00df, das Thema ist nicht popul\u00e4r. Aber ich fand es gut, dass \u201eZapp\u201c es aufgegriffen hat. Ich habe mich gepr\u00fcft und glaube: Ich bin wirklich nicht neidisch. Aber ich finde, so etwas schadet uns allen. Es senkt das Sozialprestige eines Berufsstandes, der ohnehin als verkommen gilt.<br \/>\nWie soll denn ein ganz normaler Journalist da noch frohgemut seine Arbeit machen? Stellen Sie sich vor, sie sitzen in ihrer Lokalredaktion in Vorder- oder Hintertupfingen. Vor drei Jahren waren sie noch zu dritt. Jetzt machen Sie den Job alleine. Die Praktikantin hat Grippe. Die Kaffeemaschine ist kaputt. Der Tisch ist voll mit Pressemitteilungen, in denen Ihnen PR-Heinis, die h\u00f6chstens halb so alt sind wie sie und mindestens doppelt so viel verdienen, irgendein Produkt oder gleich eine ganze Gesinnung aufschwatzen wollen. Ein Studienrat hat auch wieder geschrieben, weil irgendein Komma nicht richtig sa\u00df. Drei Dutzend Vereine und Lokalpolitiker zerren an ihnen. Telefonisch. Weil sie ja l\u00e4ngst nicht mehr rauskommen. Sie sind so klein und unbedeutend, dass nicht einmal die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sie zum Medienpartner haben will. Und dann lesen Sie, was die Damen und Herren Kollegen vom Fernsehen so nebenbei einstecken. Und sollen nicht zynisch werden.<br \/>\nVielleicht sollte man auch einfach mal realistisch sein. Und\u00a0 gleich voll auf PR umschulen. Einen Master in Communication &amp; Leadership machen! F\u00fcr schlappe 26.000 Euro. Es gibt da jetzt einen neuen Studiengang. Berufsbegleitend. An der Quadriga Hochschule f\u00fcr Kommunikationsmanagement in Berlin \u2013 unter der weisen Leitung des Ex-Intendanten Peter Vo\u00df. Im Prospekt steht, dort finde man \u201eein starkes und exklusives Netzwerk\u201c, das \u201eoptimale Karrierechancen\u201c biete. Und den direkten Draht zu \u201ehochrangigen Entscheidern\u201c aus Wirtschaft und Politik sowie zu \u201eChefredakteuren deutscher Leitmedien\u201c. Die sitzen im Kuratorium. Das Fernsehen ist an dieser neuen PR-Uni stark vertreten. Zum Beispiel durch Dr. Verena Wiedemann, Generalsekret\u00e4rin der ARD. Durch Christoph Lanz, Fernsehdirektor der Deutschen Welle. Durch MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich. Der seit Oktober auch Honorarprofessor f\u00fcr Fernsehjournalismus an der Universit\u00e4t Leipzig ist. Da m\u00f6chte man auch mal M\u00e4uschen spielen.<\/p>\n<p>Nassforscher Pragmatismus bedroht uns schon in der Ausbildung. Der Wissenschaftsrat warnte 2007 nicht nur davor, dass sich die Zahl der \u201eMedien\u201c-Studenten binnen zehn Jahren fast verdoppelt habe. Er wies auch darauf hin, dass die ja eigentlich kontr\u00e4ren Bereiche Journalismus und PR zunehmend miteinander vermatscht werden. An der Fachhochschule Gelsenkirchen k\u00f6nnen sie zum Beispiel den \u201eBachelor-Studiengang Journalismus und Public Relations\u201c belegen. Dieser tr\u00e4gt \u2013 Zitat \u2013 der engen Verzahnung von Journalismus und Public Relations im Alltag Rechnung. Nach dem Motto: Wenn es mit meinem Journalisten-Traum nix wird, kann ich immer noch PR machen. Oder, wie es in der Selbstanpreisung der Fachhochschule hei\u00dft:<br \/>\nDiese einzigartige Kombination gibt den Studierenden eine breite kommunikative Basis und erh\u00f6ht die Konkurrenzf\u00e4higkeit und Flexibilit\u00e4t im Arbeitsmarkt betr\u00e4chtlich.\u201c<br \/>\nEine weitere, sehr handfeste Bedrohung ist die Gier der Verleger. Das f\u00e4llt auch in die Abteilung Doppelmoral. Von der Bundesregierung verlangen sie lautstark ein \u201eLeistungsschutzrecht\u201c. Das ist auch schon wieder so eine h\u00fcbsche Verdrehung der Worte. So wie die Arbeitgeber die Arbeit ja eigentlich nehmen, so soll das \u201eLeistungsschutzrecht\u201c die Verleger, die ja eigentlich die Verpacker und Zwischenh\u00e4ndler unserer als Urheber erbrachten Leistung sind, sch\u00fctzen. Vor wem? Vor dem bitterb\u00f6sen internet? Vor Goo-hu-hu-gle? Dem neuen Koalitionsvertrag ist zu entnehmen, dass unsere schwarz-gelbe Bundesregierung \u2013 Klammer auf: den Verlegern zu ewigen Dank verpflichtet \u2013 Klammer zu \u2013 sich darum k\u00fcmmern will; daf\u00fcr sorgen will, dass \u2013 so hat es der Herr D\u00f6pfner vom Springer-Verlag ausgedr\u00fcckt \u2013 \u201edie Mehrfachverwertung professionell erstellter Inhalte auch bezahlt wird\u201c.<br \/>\nWir freien Autoren und unser neuer Verband, die \u201eFreischreiber\u201c, sind k\u00f6stlich am\u00fcsiert. Handelt es sich bei diesen durch das Internet so \u00fcbel enteigneten Verlage doch just um jene, die seit Jahren mit allen Tricks die angemessene Bezahlung der Mehrfachverwertung unserer Arbeit zu verhindern trachten. Im Fachjargon hei\u00dft dies recht treffend \u201eTotal buyout\u201c. Als Autor oder Fotograf bekommen sie inzwischen Vertr\u00e4ge zugesandt, die zuweilen schon l\u00e4nger sind als der Text, den sie eigentlich schreiben sollen. Die S\u00fcddeutsche etwa erlaubt sich \u2013 Zitat \u2013<br \/>\ndarauf hinzuweisen, dass mit jeder Honorarzahlung die Einr\u00e4umung folgender umfassender, ausschlie\u00dflicher, r\u00e4umlich, zeitlich und inhaltlich unbeschrankter Nutzungsrechte abgegolten ist: das Printmediarecht, inklusive das Recht zur Erstver\u00f6ffentlichung, das Recht zur Bearbeitung, Umgestaltung und \u00dcbersetzung, das Recht f\u00fcr Werbezwecke, das Recht der elektronischen\/digitalen Verwertung und der Datenbanknutzung sowie das Recht, die vorgenannten Nutzungsrechte auch auf Dritte \u00fcbertragen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd: den Dritten zu erm\u00e4chtigen, diese Nutzungsrechte wiederum weiter zu \u00fcbertragen, gegebenenfalls auch mit der Ma\u00dfgabe, abermals Drittverwertungsrechte einr\u00e4umen zu k\u00f6nnen usw.<br \/>\nUSW. Das ist mittlerweile schon Standard. Beim Bauer-Verlag erstreckt sich ein Vertrag auch auf die Verbreitung &#8211; Zitat &#8211; \u201emittels TV, PC, Handy oder sonstigen Ger\u00e4ten mit oder ohne Draht, via Kabel, Satellit&#8230;\u201c<br \/>\nUnd so weiter. Aber Heinz Heinrich Bauer pflegt auch einen ganz speziellen Umgang mit seinen Leuten. Der Spiegel fragte den Verleger vor einiger Zeit, ob es wirklich stimme, dass er die Chefin seines Betriebsrates, seit einem Vierteljahrhundert im Hause, noch nie empfangen habe.<br \/>\nUnd Bauer antwortete und sprach:<br \/>\nDas kann sein. Ich w\u00fcsste auch nicht, wor\u00fcber ich ein konstruktives Gespr\u00e4ch mit ihr f\u00fchren sollte.<br \/>\nEinige Verlage haben es inzwischen schriftlich, wie unanst\u00e4ndig ihre Vertr\u00e4ge sind. Das Landgericht Berlin untersagte dem Axel Springer Verlag im Dezember 2008 die Nutzung seiner \u201eAllgemeinen Vertragsbedingungen\u201c \u2013 weil sie die betroffenen freien Fotografen \u201dunangemessen benachteiligen\u201d. Auch Bauers \u201eRahmenvertrag\u201d stie\u00df beim Hamburger Landgericht auf wenig Begeisterung. Die Zeitung Nordkurier, der sich besonders frech hervorgetan hatte, kassierte ein Urteil der 3. Zivilkammer des Landgerichts Rostocks, das gleich eine ganze Latte von Klauseln f\u00fcr \u201eunwirksam\u201c befand. Der Verlag wollte ein ausschlie\u00dfliches, zeitlich und r\u00e4umlich unbeschr\u00e4nktes Nutzungsrecht\u00a0 f\u00fcr wirklich alles, Sogar f\u00fcr Merchandising-Produkte inklusive bedruckter T-Shirts und Tassen. Au\u00dferdem verlangte er s\u00e4mtliche Manuskripte, Illustrationen und Bilder einschlie\u00dflich der Negative f\u00fcr sich.<br \/>\nDas war ein bisschen zu dreist. Im Alltag aber sind wir Urheber st\u00e4ndig mit ganz \u00e4hnlichen, immer zahlreicher werdenden Klauseln konfrontiert. Und haben nicht die Zeit und den Nerv und die Kraft, immer Nein zu sagen. Neulich habe ich mich, nachdem ich wieder einmal artig so einen ellenlangen Vertrag unterzeichnet hatte, mit einer Email an den Verlag ger\u00e4cht:<br \/>\nWas machen wir mit den Musicalrechten f\u00fcr Nordkorea? Auch die m\u00f6gliche Entdeckung von intelligentem Leben in anderen Galaxien scheint mir noch nicht ber\u00fccksichtigt.<br \/>\nSie fanden es nicht lustig.<\/p>\n<p>Ich finde, die Verleger und Privatfernsehunternehmer haben\u2018s wirklich gut getroffen mit der CDU und der FDP. Und umgekehrt. Ich w\u00fcsste manchmal auch gerne solch eine Macht hinter mir. Die CDU hat das Privatfernsehen durchgeboxt. Sie wird bald auch das Pressefusionsrecht im Verleger-Interesse \u00e4ndern. Die schwarzen Ministerpr\u00e4sidenten f\u00fchren sich wie Cheflobbyisten der Verlage auf. Und scheinen allzeit bereit, dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk an den Karren zu fahren. Der 12. Rundfunk\u00e4nderungsstaatsvertrag war da wieder ein klares Signal.<br \/>\nSie hier beim ZDF k\u00f6nnen ja ein langes Liedchen in Sachen Einmischung singen. Neulich fiel mir eine dicke Brosch\u00fcre in die H\u00e4nde: \u201eDer Wert des ZDF\u201c. Aus dem Jahre 2006. Da stehen Passagen drin, bei denen einem ganz festlich zumute wird \u2013 \u00fcber \u201egemeinwohlorientierten Rundfunk\u201c als \u201eErrungenschaft der Demokratie\u201c, \u201eunabh\u00e4ngig von Markt und Staat\u201c, \u201ekulturellen Standards und journalistischer Qualit\u00e4t verpflichtet\u201c. Und ich dachte mir: Das ist alles wundersch\u00f6n und h\u00f6chst erstrebenswert. Aber warum meint das ZDF, dazu eine 80seitige Brosch\u00fcre verfassen zu m\u00fcssen? Die Antwort ist ganz einfach: Weil all dies eben kein politischer Konsens mehr ist. Weil viele M\u00e4chtige immer wieder am \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk s\u00e4gen!<br \/>\nIch hab hier einen echten Kn\u00fcller f\u00fcr sie. Ein schlimmes Pamphlet, aus dem ich auszugsweise zitieren m\u00f6chte:<br \/>\n\u201eImmer st\u00e4rker dringen Schlachtl\u00e4rm aus und Kassandrarufe nach Mainz, als gelte es&#8230; allein die negative Bilanz der Anstalt zu komplettieren: &#8230;Die gr\u00f6\u00dfte deutsche \u00f6ffentlich-rechtliche Fernsehanstalt scheut am st\u00e4rksten die \u00d6ffentlichkeit&#8230;.<br \/>\nEine streng zentral-hierarchische Struktur, der autorit\u00e4re F\u00fchrungsstil, ein extremer B\u00fcrokratismus und mangelnde Kommunikation im Haus sorgen permanent f\u00fcr ein schlechtes Betriebsklima. Proteste der ZDF-Redakteure gegen &#8230; die CDU-Vereinheitlichung der F\u00fchrungsspitze blieben wirkungslos. &#8230;Nahtlos reihen sich auch die Parteilosen und die SPD-Alibis in diese christlich-konservative Phalanx ein&#8230;\u201c<br \/>\nIch muss zugeben: ich bin daf\u00fcr ziemlich tief ins Archiv gestiegen: Der Artikel stammt aus der Zeit vom 20.08.1971 und tr\u00e4gt die sch\u00f6ne \u00dcberschrift: \u201eEin sp\u00e4ter Sieg f\u00fcr Konrad Adenauer\u201c. Der Verwaltungsratsvorsitzende hie\u00df damals \u00fcbrigens Helmut Kohl.<br \/>\nAch, ich muss noch das Fazit des Zeit-Autors nachtragen:<br \/>\n\u201eZehn Jahre nach Konrad Adenauers gescheitertem Versuch, ein CDU-Staatsfernsehen zu etablieren, bescheren ihm die routinierten Strategen seiner Partei einen sp\u00e4ten Sieg. Die Reaktion marschiert, und die SPD sieht tatenlos zu. Ihre verschlafene Medienpolitik ist das Unbegreiflichste und Gef\u00e4hrlichste an der j\u00fcngsten Entwicklung des ZDF.\u201c<br \/>\nDas Zitat mag ihnen verdeutlichen, dass Sie es mit einem ziemlich notorischen Problem zu tun haben. Ich war schon als junger Bursche ein staunender Bewunderer sozialdemokratischer Medienpolitik. Damals beim NDR. Die Sozis packten dort immer die Personal-P\u00e4ckchen. Und der CDU-Intendant wickelte sie aus und sagte: Aaah, wie h\u00fcbsch \u2013 drei Rote, drei Schwarze. Die Roten nehmt mal wieder mit. Aber die Schwarzen sind ein sehr konstruktiver Vorschlag.<br \/>\n\u00dcbern\u00e4chstes Jahr k\u00f6nnen Sie mit Roland Koch auf 50 Jahre CDU-Herrschaftsanspruch im ZDF ansto\u00dfen. Na dann Prost.<br \/>\nUnd weil ich hier zu Gast bin, m\u00f6chte ich Ihnen auch etwas Nettes sagen: Ich finde ihr Programm oft verbl\u00fcffend gut. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich in Ihrem Verwaltungsrat vier bis f\u00fcnf Ministerpr\u00e4sidenten herumdr\u00fccken. Interessanter aber ist nat\u00fcrlich die Frage, wie man sich politisch unsittlichen Ann\u00e4herungen auf Dauer erfolgreich erwehrt. Nicht, dass es am Ende hei\u00dft: Mit dem Zweiten kneift man besser.<br \/>\nIch danke Ihnen f\u00fcr Ihre Geduld.<\/p>\n<p>Tom Schimmeck, Mainzer Mediendisput 2009<\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" value=\"yygpKSi20tcvLy\/Xy8jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSV6KakA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogName\" value=\"88jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSUA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogValueEncoding\" value=\"gzdeflate 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