{"id":290,"date":"2009-02-18T14:56:57","date_gmt":"2009-02-18T12:56:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=290"},"modified":"2009-02-19T23:49:38","modified_gmt":"2009-02-19T21:49:38","slug":"haben-landwirte-in-hohenlohe-eine-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=290","title":{"rendered":"Haben Landwirte in Hohenlohe eine Zukunft?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Haben unsere Landwirte in Hohenlohe eine Zukunft? Warum b\u00e4uerliche Produktionsformen weltweit oft chancenlos sind.<\/strong><\/p>\n<p><em>Kommentar von Manfred Scherrmann, Schw\u00e4bisch Hall<\/em><\/p>\n<p>Aldi, Lidl und andere Discounter k\u00fcmmern sich nicht um die Produktionsbedingungen ihrer Lieferanten. G\u00fcnther Wallraff hat mehrere Wochen dokumentiert, was er als Arbeiter under fremdem Namen in einer Firma erlebt hat, die Billig-Backwaren herstellt. Mobbing, katastrophale hygienische Zust\u00e4nde, Missachtung der Sicherheitsvorschriften, Hungerl\u00f6hne, r\u00fccksichtslose, schwankende Arbeitszeiten. In dem Tatort-Krimi mit dem Titel Kassensturz wurde k\u00fcrzlich gezeigt, welche Folgen das Billig und immer noch billiger f\u00fcr die Angestellten solcher Discounter haben. Ingeborg Wick vom Institut f\u00fcr Arbeits- und Frauenrecht hat im Januar 2009 eine Studie ver\u00f6ffentlicht \u00fcber Arbeits- und Frauenrechte im Discountgesch\u00e4ft. Dabei berichtet sie unter anderem \u00fcber die katastrophalen Produktionsbedingungen in sechs chinesischen Firmen, die f\u00fcr Aldi Aktionsware herstellen.<\/p>\n<p>Wie es den Landwirten hier in Hohenlohe geht, das hat direkt etwas zu tun mit diesen Gesch\u00e4ftspraktiken. Auch sie unterliegen dem Preisdiktat, auch sie erhalten f\u00fcr ihre Produkte keinen fairen Preis und werden r\u00fccksichtslos ausgepresst wie eine Zitrone \u2013 vielleicht einmal abgesehen von den Mitgliedern der B\u00e4uerlichen Erzeugergemeinschaft, deren Preise nicht von Aldi und Co. diktiert werden k\u00f6nnen. Die niedrigen Preise und die st\u00e4ndig steigenden Produktionskosten erzwingen, immer mehr zu produzieren. Die Folge ist ein \u00dcberangebot und damit verbunden ein weiterer Preisverfall, wie aktuell bei der Milch. Dieses System ist krank. Erstaunlicherweise hat der Bauernverband \u00fcber Jahrzehnte das alles mitgetragen und mit aufgebaut. Bis heute ist er verbunden mit politischen Parteien, die diese Entwicklung zu verantworten haben.<\/p>\n<p>Die Gesetze dieses Marktes anerkennen hei\u00dft, Ausbeutung und Zerst\u00f6rung anerkennen und mitzutragen. Ist es wirklich so wichtig, dass ein Kilogramm Weizen oder ein Ei kaum mehr kosten als vor 50 Jahren, wenn wir damit zum Beispiel die enormen Preissteigerungen bei Autos oder Benzin vergleichen? Mit billig bringen wir viele in den Ruin, wollen wir das wirklich? Ist es nicht an der Zeit, einen fairen Preis zu bezahlen f\u00fcr das, was wir kaufen, vor allem f\u00fcr Lebensmittel, damit faire Arbeits- und Produktionsbedingungen erhalten bleiben? Viele Preise bei den Discountern sind unanst\u00e4ndig niedrig. Ein Traum: Wenn alle Landwirte in Deutschland und alle, die mit ihnen verwandt oder befreundet sind, nicht mehr bei den Discountern einkaufen w\u00fcrden, und wenn sich der Bauernverband in diese Bewegung einreihen w\u00fcrde, um endlich die Interessen der Kleineren und Schw\u00e4cheren zu vertreten, was w\u00fcrde sich da nicht alles \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Thema Nahrungsmittelproduktion hat noch weitere Aspekte: Die Zahl der Hungernden auf der Welt steigt. Im Jahr 2008 sind die Preise f\u00fcr einige Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis explodiert, vor allem wegen der in den USA rasant wachsenden Produktion von Bioethanol aus Weizen und Mais und der Spekulation mit Nahrungsmitteln und Energie an den B\u00f6rsen. Beim Weltern\u00e4hrungstag Mitte Oktober 2008 wurde von der UN-Organisation f\u00fcr Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung (FAO) mitgeteilt, im Jahr 2008 sei die Zahl der Hungernden um 73 Millionen auf 923 Millionen angestiegen. 25000 Menschen sterben t\u00e4glich an den Folgen ihrer Unterern\u00e4hrung, mehr als die H\u00e4lfte davon sind Kinder. Die Prognosen f\u00fcr 2009 sind noch schlechter.<\/p>\n<p>Diese Situation m\u00fcsste nicht so sein, niemand m\u00fcsste hungern, h\u00e4tten wir nicht weltweit ein System, das von Kapitalinteressen dominiert wird, das sich ohne R\u00fccksicht auf die Betroffenen nur am eigenen Gewinn orientiert und moralische Werte missachtet. Weil Aldi, Lidl und andere die Preise diktieren und systematisch senken, bekommen unsere Landwirte f\u00fcr ihre Produkte meist nur Niedrigstpreise, die ihnen das Wasser an den Hals schicken und ihnen nur die Wahl lassen zwischen Pest und Cholera, zwischen Wachsen oder Weichen. Die Folge f\u00fcr die durch die steigenden Betriebskosten zus\u00e4tzlich belasteten Landwirte: Viele Betriebe, nicht nur Milchbauern, sind in ihrer Existenz bedroht.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich geht es vielen Bauern in den armen L\u00e4ndern. Ihnen werden ganz krass alle M\u00f6glichkeiten einer rentablen Produktion aus der Hand geschlagen, denn die Preise zum Beispiel bei Baumwolle werden in den USA durch viele Milliarden Dollar an Subventionen f\u00fcr die heimischen Produzenten k\u00fcnstlich niedrig gehalten. Das hat katastrophale Folgen f\u00fcr die Baumwollbauern in Indien und Afrika, denn dort sind dann die Preise, die sie f\u00fcr ihre Baumwolle bekommen, ebenfalls so niedrig, dass trotz all ihrer Arbeit die Ausgaben f\u00fcr das Saatgut, den D\u00fcnger und die Spritzmittel oft \u00fcber den Einnahmen liegen. Dadurch geraten die Baumwollbauern in eine Verschuldungsspirale. Aus diesem Grund nehmen sich in Indien immer mehr dieser Bauern das Leben.<\/p>\n<p>Einerseits wollen die Vertreter vieler Industrienationen einen \u201efreien\u201c Welthandel erzwingen, doch zum Verzicht auf den subventionierten Export ihrer eigenen schon vorher subventionierten Nahrungsmittel, dazu sind sie nicht bereit. Millionen von Tonnen extrem billiger Agrarprodukte werden auf den Weltmarkt gesp\u00fclt. Sie ersticken in vielen L\u00e4ndern die lokalen Wirtschaftskreisl\u00e4ufe, denn sie machen die Produktion heimischer Nahrungsmittel und Kleider unrentabel und bringen sie zum Verschwinden. Dumpingpreise zerst\u00f6ren hier wie dort Arbeitspl\u00e4tze und erzeugen Armut und Verelendung. Aus der Sicht der Betroffenen ist diese Strategie blanker Zynismus. Nat\u00fcrlich sind billige Nahrungsmittelexporte nicht immer schlecht. Doch sie sollten auf die F\u00e4lle eingegrenzt werden, bei denen sie mehr n\u00fctzen als schaden, zum Beispiel bei D\u00fcrrekatastrophen. Nicht ohne Grund halten einige L\u00e4nder fest an Handelseinschr\u00e4nkungen und Preisbindung f\u00fcr Nahrungsmittel, denn Regulierungen in diesem Bereich sind f\u00fcr Millionen von Menschen eine \u00dcberlebensfrage, f\u00fcr die vielen Kleinbauern genauso wie f\u00fcr die breite Schicht der Hungerleider, die kein Land bewirtschaften.<\/p>\n<p>Lange wurde bei uns das Pferd \u201e neoliberale Wirtschaftspolitik\u201c gesattelt. Das Ergebnis dieser Politik: Bankencrash und Wirtschaftskrise sowie Ausbeutung, Zerst\u00f6rung, Vertreibung, Flucht und Krieg in vielen Regionen unserer Erde. Opfer dieser verfehlten, die Gesellschaft spaltenden Politik gibt es in den reichen und in den armen L\u00e4ndern. Hier wie dort m\u00fcsste den Regierungen, den Banken, den Konzernen und allen anderen Akteuren, die r\u00fccksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen betreiben oder zulassen, das Handwerk gelegt werden. Es ist nun dringend an der Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und faire Produktions- und Handelsbedingungen zu installieren. Andernfalls stehen uns wie in vergangenen Jahrhunderten viele Kriege um Rohstoffe und Handelsmonopole ins Haus. Was wir bisher beispielsweise in Afghanistan und im Irak erlebt haben, ist dann im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt, wie ein Vorspiel.<\/p>\n<p>Mehr als 400 Wissenschaftler aus vielen L\u00e4ndern der Erde bilden den Weltagrarrat. Er hat nach vier Jahren Arbeit im September 2008 einen Bericht ver\u00f6ffentlicht. Sein Co-Pr\u00e4sident Hans Herren meinte dazu: \u201ePolitik sowie Agroindustrie und Agrotechnik haben bisher eine Produktion von Nahrungsmitteln forciert auf Kosten der Umwelt, des Bodens und der Biodiversivit\u00e4t und auf Kosten vieler kleinerer Produzenten. Wir m\u00fcssen total umdenken, im Norden wie im S\u00fcden. Da sind beide Systeme bankrott.\u201c Der Weltagrarrat sieht nun in der St\u00e4rkung traditioneller b\u00e4uerlicher Produktionsformen und in der R\u00fcckbesinnung auf altes Wissen die L\u00f6sung. Damit wird die Agrarpolitik der letzten 30 Jahre gegei\u00dfelt und eine totale Kehrtwende empfohlen. Nur so k\u00f6nnten langfristig gen\u00fcgend Nahrungsmittel f\u00fcr alle Menschen dieser Erde produziert werden, auf eine Art und Weise, die der Natur, der Umwelt, vielen Produzenten und den Verbrauchern zugute kommt.<\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" value=\"yygpKSi20tcvLy\/Xy8jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSV6KakA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogName\" value=\"88jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSUA\" \/><input 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