{"id":28847,"date":"2021-12-31T18:19:08","date_gmt":"2021-12-31T17:19:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=28847"},"modified":"2021-12-31T18:27:33","modified_gmt":"2021-12-31T17:27:33","slug":"todeszone-generalgouvernement-vortrag-in-schwaebisch-hall-des-historikers-folker-foertsch-ueber-die-deutsche-besatzungspolitik-in-polen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=28847","title":{"rendered":"\u201eTodeszone\u201c Generalgouvernement \u2013 Vortrag in Schw\u00e4bisch Hall des Historikers Folker F\u00f6rtsch \u00fcber die deutsche Besatzungspolitik in Polen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Einen Vortrag in der Volkshochschule Schw\u00e4bisch Hall hat der Historiker Folker F\u00f6rtsch am 29. November 2021 \u00fcber die deutsche Besatzungspolitik in Polen gehalten. An der deutschen Besatzung im von den Nazis Generalgouvernement genannten Teil Polens war auch der sp\u00e4tere Crailsheimer Landrat Werner Ansel beteiligt. Er war von Herbst 1939 bis M\u00e4rz 1942 Kreishauptmann in Bilgoraj und von April bis Dezember 1942 Kreishauptmann in Cholm, wo er auch noch einmal im Jahr 1944 als Kreishauptmann im Amt war. Im Kreis Cholm befand sich das Vernichtungslager Sobibor. Auch viele H\u00e4ftlinge des Konzentrationslagers Hessental im Kreis Schw\u00e4bisch Hall stammten aus dem Generalgouvernement \u2013 vor allem aus dem Distrikt Radom.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Informationen zusammengestellt von Hohenlohe-ungefiltert<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hohenlohe-ungefiltert ver\u00f6ffentlicht das Manuskript von Folker F\u00f6rtsch in voller L\u00e4nge:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Folker F\u00f6rtsch<br>\u201eTodeszone\u201c Generalgouvernement (GG)<br>(VHS Schw\u00e4bisch Hall, 29. November 2021)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Begr\u00fc\u00dfung<br>\u2192 H\u00e4ftlinge Hessental<br>\u2192 Partnerst\u00e4dte Zamosc (Schw\u00e4bisch Hall) und Bilgoraj (Crailsheim)<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gliederung:<\/strong><br>1 \u201eGeneralgouvernement\u201c (GG) \u2013 2 Deutsche Besatzung, v.a. Judenpolitik (1939-1941)-\u201eTerrorzone\u201c \u2013 3 Entscheidungsfindung Massenmord-\u201eVon der Terrorzone zur Todeszone\u201c \u2013 4 Ablauf \u2013 5 Bilanz<\/p>\n\n\n\n<p><strong>I. Besetzung Polens 1939 und die Schaffung von Besatzungsstrukturen (\u201eGeneralgouvernement\u201c)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>September 1939 deutscher \u00dcberfall auf Polen; Zerschlagung des polnischen Staates und Aufteilung infolge Hitler-Stalin-Paktes;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong>Politische Neuordnung des eroberten Gebietes:<\/strong><br>&#8211; Annexion der neuen Gaue Danzig-Westpreu\u00dfen und Wartheland, dazu Teile Ostoberschlesiens und der Region Zichenau (Ciechan\u00f3w); von dort Umsiedlung von Polen und Juden;<br>&#8211; Schaffung des Generalgouvernements als \u201eNebenland des Reiches\u201c (Proklamierung&nbsp;am 25.10.1939);<br>&#8211; Bev\u00f6lkerungszusammensetzung: 12 Millionen EW, davon 9,6 Millionen Polen (80 Prozent), 1,5 Millionen Juden (12,5 Prozent), 750.000 Ukrainer (6,3 Prozent) und 90.000 Volksdeutsche (0,8 Prozent);<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong>Institutioneller Aufbau der Verwaltung im GG \u2013 dreistufiger Verwaltungsapparat:<\/strong><br>&#8211; Generalgouverneur Dr. Hans Frank (Krakau); parallel Strukturen der SS- und Polizeikr\u00e4fte; an der Spitze HSSPF SS-Obergruppenf\u00fchrer Friedrich-Wilhelm Kr\u00fcger (1939-1943);<br>&#8211; Distriktsgouverneure (4, sp\u00e4ter 5 Distrikte); vier Distrikte Warschau, Radom, Lublin und Krakau, ab Juni 1941 zus\u00e4tzlich Galizien;<br>&#8211; 47 Stadt- und Kreishauptmannschaften (als \u201eVollstrecker des deutschen Willen\u201c), z.B. Dr. Wilhelm Sch\u00e4fer f\u00fcr Busko (1939-1945) und Werner Ansel f\u00fcr Bilgoraj (1939-M\u00e4rz 1942), Cholm (April -Dez. 1942) und wieder Cholm (1944);<br><strong>&#8211; Aufgaben insbesondere:<\/strong><br>Festigung der deutschen Herrschaft in ihren Wirkungsgebieten + optimale Ausnutzung der wirtschaftlichen Ressourcen + Beschaffung von Lebensmitteln und finanziellen Mitteln + Erfassung ben\u00f6tigter Arbeitskr\u00e4fte + Aufsicht \u00fcber polnische \u201eSelbstverwaltung\u201c;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;vollkommen neue Dimension des \u201eJudenproblems\u201c durch Besetzung Polens (2,1 Mllionen Juden unter deutscher Besatzung);<br>&#8211; bisherige Politik zur Forcierung der Auswanderung keine Chance;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Herkunft der Hessentaler H\u00e4ftlinge (675 Personen)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;vor der deutschen Besetzung: vor allem in l\u00e4ndlichen Gebieten typische \u201eOstjuden\u201c<br>Juden bewohnen eigene Stadtviertel (\u201eSchtetl\u201c); 75 Prozent der Juden orthodox und mit charakteristischem Aussehen (spezifische Kleidung und Haartracht); g\u00e4ngige Sprache Jiddisch, im Kontakt mit Au\u00dfenwelt oft nur gebrochenes Polnisch; meist sehr \u00e4rmliche Verh\u00e4ltnisse;<br>\u2192 Best\u00e4tigung antisemitischer Vorurteile (vgl. auch Thema: Flucht und Untertauchen)<br>berufliche Struktur: gro\u00dfe Mehrheit der Juden in Handel, Handwerk und freien Berufen t\u00e4tig (z.B. Radom: Judenanteil 32,3 Prozent und 90,3 Prozent der Besitzer handwerklicher Betriebe);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Beginn und Durchf\u00fchrung der antij\u00fcdischen Politik der deutschen Besatzung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;Einmarsch der deutschen Truppen:&nbsp;noch w\u00e4hrend des Feldzuges&nbsp;Gewaltt\u00e4tigkeiten von Wehrmachtsoldaten gegen Zivilbev\u00f6lkerung, vor allem Juden;<br>z.B. Misshandlungen vor allem orthodoxer Juden (z.B.&nbsp;Zitate Kielce 53 und Opatow 54);<br>z.B. Freisch\u00e4rler-Psychose mit brutalen Ausschreitungen (z.B.&nbsp;Lagow 54); Niederbrennen von j\u00fcdischen H\u00e4usern und Synagogen;<br>z. B. willk\u00fcrliche Durchsuchungen von H\u00e4usern, Beschlagnahmung von Lebensmitteln und anderem n\u00fctzlichen Eigentum, teilweise Weitergabe an Volksdeutsche;<br>&#8211; Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen und Konfiszierungen zugunsten der Ansiedlung deutscher Dienststellen;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber: noch keine systematische antij\u00fcdische Mordpolitik (Opfer von Exekutionen vor allem polnische F\u00fchrungsschicht und Intellektuelle);<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;Polize<strong>ieinheiten (Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD):<\/strong> \u201eBek\u00e4mpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente r\u00fcckw\u00e4rts der fechtenden Truppe\u201c \u2013 Unternehmen Tannenberg: Unsch\u00e4dlichmachung von 61.000 Personen aus der polnischen Intelligenz \u2013 Massenexekutionen (Professoren, Intellektuelle, Geistlichkeit, Adel, darunter mehrere Tausend Juden);<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong>Rechtliche Gestaltung der Judenpolitik durch Regierung des Generalgouvernements (Zivilverwaltung):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;<a><u>erste rechtliche Grundlagen der \u201eJudenpolitik\u201c<\/u>:<br>&#8211; 26.10.1939 VO \u00fcber den Arbeitszwang f\u00fcr alle Juden (im Alter zwischen 14 und 60 Jahren);<br>&#8211; 15.11.1939 VO \u00fcber die Errichtung einer Treuhandstelle f\u00fcr das GG (\u201egesetzliche\u201c Handhabe, um konfisziertes und \u201eherrenloses\u201c Verm\u00f6gen zugunsten der Zivilverwaltung im GG einzuziehen \u2013 Rechtskonstruktion der&nbsp;<u>\u201efiktiven Herrenlosigkeit\u201c<\/u>&nbsp;f\u00fcr das j\u00fcdische Eigentum);<br>&#8211; 20.11.1939 VO zur Beschr\u00e4nkung der Verf\u00fcgungsgewalt polnischer Juden \u00fcber ihr Verm\u00f6gen (Sperrung aller Konten, Depots und Schlie\u00dff\u00e4cher \u2013 Einzahlung von Barbetr\u00e4gen \u00fcber 2.000 Zloty auf gesperrte Konten \u2013 Anlass f\u00fcr Personen- und Hausdurchsuchungen);<br>&#8211; 23.11.1939 Einf\u00fchrung der Kennzeichnung j\u00fcdischer Personen durch Armbinden und j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte (als starke Dem\u00fctigung empfunden); da im rechtlichen Sinne praktisch schutzlos, damit \u00dcbergriffen jeder Art ausgesetzt;<br>&#8211; 28.11.1939 VO zur Einrichtung der Judenr\u00e4te (erzwungenes Vollzugselement der deutschen Besatzungspolitik);<br>&#8211; 24.1.1940 VO \u00fcber die Pflicht zur Anmeldung j\u00fcdischen Verm\u00f6gens (inkl. Beschlagnahme-VO);<\/a><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Konkrete Umsetzung der antij\u00fcdischen Ma\u00dfnahmen \u2013 einzelne Aspekte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;Ghettoisierung:<\/strong><br>R\u00e4umliche Isolierung der Juden \u2013 zun\u00e4chst mit provisorischem Charakter \u2013 einheitliches Vorgehen scheitert immer wieder an mangelnden Wohnkapazit\u00e4ten und fehlendem Baumaterial; erst allm\u00e4hliche Durchsetzung (Ghettoisierungswelle ab Herbst 1941);<br>&#8211; auch Vorstellung der baldigen \u201eEntfernung\u201c der Juden verhindert einheitliche Ghettoisierungspolitik;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<strong> Sonderfall:<\/strong> Aussiedlungen zur \u201eVersch\u00f6nerung des Stadtbildes\u201c \u2013 blo\u00dfer Anblick der Juden als \u201eunertr\u00e4glich\u201c empfunden, z.B. Krakau, oder Erholungsgebiete f\u00fcr Deutsche, Zakopane oder Kurort Kazimierz (Musial 130);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; \u201eAussiedlungen\u201c und Konzentration der Juden in bestimmten Ortschaften oder Stadtvierteln (h\u00e4ufig sehr schlechte Qualit\u00e4t des Wohnraums);<\/strong><br>&#8211; z.B. Dezember 1939 Radomsko: 20 Minuten Zeit \u2013 Konzentrierung von 7.000 Menschen auf engstem Gebiet (pro Zimmer im Schnitt 10 Personen);<br>&#8211; z.B. 15.4.1941 Bezirk Busko (KH Sch\u00e4fer) \u2013 schlimmste Bedingungen in Wislica: \u00e4rmstes Viertel der Stadt wird f\u00fcr 2.000 Juden zum Wohnviertel (76 H\u00e4user mit 452 R\u00e4umen); kein Brunnen \u2013 Wasser nur aus Fluss Nida, in welchen auch die Abw\u00e4sser der Stadt geleitet wurden;<br>&#8211; gr\u00f6\u00dftes Ghetto in Warschau (ab Okt.\/Nov. 1940) mit 450.000 Insassen (Bev\u00f6lkerungsdichte: 150.000 EW\/qkm);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; Zunehmend Verbote, Wohnbezirke zu verlassen <\/strong>\u2013 Versch\u00e4rfung der Bestimmungen zur Isolation der Juden, v.a. Vorstellung der Juden als \u201eSeuchentr\u00e4ger\u201c und Verursacher von Krankheiten;<br>&#8211; 15.10.1941 \u201eDritte VO \u00fcber Aufenthaltsbeschr\u00e4nkungen im GG\u201c mit vollst\u00e4ndiger Isolierung der Juden in f\u00fcr sie bestimmten Wohnvierteln; Zuwiderhandlung unter Todesstrafe gestellt, ebenso Hilfeleistung durch christliche Bev\u00f6lkerung;<br>&#8211; unzumutbare Lebensbedingungen im Ghetto \u2013 Schwarzmarkt und \u201eSchleichhandel\u201c \u00fcberlebensnotwendig; allen klar, dass Juden damit vor der Alternative, entweder zu verhungern oder erschossen zu werden;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;Ern\u00e4hrungspolitik:<\/strong><br>&#8211; einheitliches Lebensmittelkartensystem ab 1.1.1941 (10 Verbrauchergruppen, unterste Gruppe die Juden);<br><strong>&#8211; konkrete Rationen:<\/strong> Normalsatz f\u00fcr Juden pro Woche 700 g Brot, 40 g Getreidekaffee und 50 g Zucker (Hungerrationen); Sonderzuteilungen wie Kartoffeln, Gem\u00fcse \u201enach Bedarf\u201c oder \u201enach jahreszeitlichem Anfall\u201c, \u00bc l Milch \u201enach Vorhandensein\u201c; dar\u00fcber hinaus m\u00f6gliche \u201eSonderzuteilungen\u201c an H\u00fclsenfr\u00fcchten, Mehl, Getreide, Fleisch oder Eier \u201enach M\u00f6glichkeit\u201c, in der Praxis vom guten Willen der Kreishauptleute abh\u00e4ngig;<br>&#8211; ohnehin niedrige Rationen immer wieder gek\u00fcrzt oder einbehalten; z.B. Winter 1941\/42 Regierung des GG k\u00fcrzt Rationen der Juden um die H\u00e4lfte;<br><strong>&#8211; mit Angriff auf die Sowjetunion wurde das GG Nachschubgebiet f\u00fcr Milit\u00e4r, weiterhin auch Lieferungen an das Reich;<\/strong><br>&#8211;&nbsp;z.B. bis Sommer 1942 zirka 80.000 Hungertote in Warschau (1,5 Jahre Ghetto)<br>&#8211; Mindestrationen so niedrig, dass sie in k\u00fcrzester Zeit zum Hungertod f\u00fchrten \u2013 Juden gezwungen, sich zus\u00e4tzliche Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt zu besorgen; z.B. im Ghetto Warschau deckten offizielle Lebensmittelzuteilungen nur zirka 10 Prozent des Kalorienbedarfs;<br>&#8211; zum \u00dcberleben Versorgung auf Schwarzmarkt und durch \u201eSchleichhandel\u201c; siehe \u201eSchmuggelkinder\u201c in Warschau;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;Wirtschaftliche Ausbeutung und \u201eEntjudung\u201c:<\/strong><br><strong>&#8211; individuelle Raubaktionen: <\/strong>\u00dcberf\u00e4lle, Erpressung von Wertgegenst\u00e4nden; Beschlagnahme von Gebrauchsgegenst\u00e4nden, M\u00f6beln, Geschirr, Kleidung etc.;<br>&#8211; Kontributionen seitens offizieller Stellen; Versorgung von Polizisten, Angeh\u00f6rigen der Zivilverwaltung und Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen durch Juden mit Geld, Kleidung oder Wodka; Judenr\u00e4te pers\u00f6nlich verantwortlich gemacht;<br><strong>&#8211; \u201eArisierung\u201c der j\u00fcdischen Wirtschaft:<\/strong> planm\u00e4\u00dfige Verdr\u00e4ngung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung aus der Wirtschaft<br>Ablauf: systematische Registrierung aller j\u00fcdischen Betriebe \u2013 Schlie\u00dfen von j\u00fcdischen Handels- und Handwerksbetrieben \u2013 Beschlagnahme von H\u00e4usern, Wohnungen, Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4uden und Grundst\u00fccken (ehemalige j\u00fcdische Besitzer mit Mietzahlungen) \u2013 \u00dcbernahme durch Treuhandverwaltung \u2013 ohne jegliche Entsch\u00e4digung;<br>&#8211; viele Juden ihrer Existenzgrundlage beraubt;<br>&#8211; parallel: Ausschluss von staatlichen Sozialleistungen, Gesundheitsf\u00fcrsorge und Rente;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; \u201eSonderaktionen\u201c, z.B. \u201ePelzaktion\u201c im Winter 1941\/42 auf pers\u00f6nliche Anweisung Himmlers;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; trotz der grunds\u00e4tzlichen Politik der \u201eArisierung\u201c Erkenntnis, dass sofortige und vollkommene \u201eEntjudung\u201c nicht durchf\u00fchrbar und vom wirtschaftlichen Standpunkt her nicht erw\u00fcnscht; totale Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft zun\u00e4chst nicht zu verwirklichen;<br>&#8211; Fortbestand der billigen Ghettowerkst\u00e4tten f\u00fcr Bedarf der Zivilverwaltung und der Wehrmacht&nbsp;(Hoffnung der dort besch\u00e4ftigten Juden auf Eigeninteresse der Deutschen);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;Zwangsarbeit:<\/strong><br>&#8211; E. Jan. 1940 \u201eDienstbefehl an die Judenr\u00e4te f\u00fcr die Erfassung und Gestellung der Juden zur Zwangsarbeit\u201c \u2013 Versuch einer zentralen Steuerung des j\u00fcdischen Arbeitseinsatzes (Abl\u00f6sung der bisherigen \u201ewilden\u201c Rekrutierungen (von der Stra\u00dfe weg);<br>&#8211; j\u00fcdische Zwangsarbeiter in den wenigsten F\u00e4llen bezahlt; Unterhaltung auch ihrer Familien durch Judenr\u00e4te (Belastung der j\u00fcdischen Gemeinden);<br>&#8211; ab Sommer 1940 Einsatz tausender von j\u00fcdischen Zwangsarbeitern bei Gro\u00dfprojekten, z.B. \u201eOtto\u201c-Programm (knapp 2.000 Kilometer Stra\u00dfen zu bauen) sowie beim \u201eBuggraben-Projekt\u201c;<br>&#8211; katastrophale Arbeitsbedingungen, Hunger, Misshandlungen, nicht selten mit Todesfolge; Verletzungen und Krankheiten; Ersch\u00f6pfungszust\u00e4nde und Gesundheitssch\u00e4den; die wenigen R\u00fcckkehrer mehr tot als lebendig;<br>&#8211; Einsatz von Juden auch f\u00fcr lokale Arbeiten (Ausbesserungsarbeiten, Flussregulierungen, Stra\u00dfenbauarbeiten oder in Fabriken); dazu Einrichtung von zahlreichen Zwangsarbeitslagern; \u201eHaus-\u201e oder \u201eHofjuden\u201c in Polizeidienststellen oder SS-Kasernen, aber auch in Privathaushalten (Mendel Gutt);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Auswirkungen auf die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung:<\/strong><br>&#8211; Verschlimmerung der Wohnsituation infolge Ghettoisierung;<br>&#8211; Massenentlassungen und Arbeitslosigkeit (Zwangsarbeit mit minimaler oder keiner Entlohnung); z.B. in Kielce nur ein Viertel der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung mit regelm\u00e4\u00dfiger Besch\u00e4ftigung;<br>&#8211; angespannte, teilweise katastrophale Ern\u00e4hrungslage (fortw\u00e4hrende Unterern\u00e4hrung);<br>&#8211; Mangel an Brennmaterial in den Wintermonaten;<br>&#8211; Defizite bei den einfachsten Mitteln der Hygiene;<br><strong>\u2192 Kampf ums nackte \u00dcberleben f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung;<\/strong><br>&#8211; allgemeine Verelendung + st\u00e4ndige Gefahr deutscher \u00dcbergriffe (st\u00e4ndiges Angstgef\u00fchl); Verzweiflung und Resignation; insgesamt Desintegration der j\u00fcdischen Gesellschaft (Polarisierung);<br>&#8211; h\u00f6here Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Krankheiten (Hunger\u00f6deme, Hauterkrankungen, Tuberkulose, Typhus, Fleckfieber) und h\u00f6here Sterblichkeit;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;je l\u00e4nger die Besatzung dauerte, umso mehr Juden entsprachen dem Bild vom verlausten, verwahrlosten und verschmutzten Ostjuden; die Gefahren, die die antisemitische Propaganda den Juden als \u201eSchwarzh\u00e4ndler\u201c und \u201eSeuchentr\u00e4ger\u201c andichtete, durch Repressionspolitik der Besatzer weitgehend erst hervorgerufen;<br><strong>&#8211; Teufelskreis:<\/strong> je sch\u00e4rfer und restriktiver die Abgrenzung, desto kritischer die materielle Lage; je kritischer die materielle Lage, desto mehr j\u00fcdische \u201eVergehen\u201c gegen VO der Besatzer;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;\u201eJudenfrage\u201c wird f\u00fcr die Deutschen immer mehr zu einem tats\u00e4chlichen verwaltungstechnischen Problem \u2013 L\u00f6sung \u00fcber \u201eEntfernung\u201c der Juden \u2013 da r\u00e4umliche \u201eEntfernung\u201c nicht m\u00f6glich, wird bei wichtigen Entscheidungstr\u00e4gern Ermordung mehr und mehr zu einer akzeptablen L\u00f6sung;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Planungen zur L\u00f6sung der \u201eJudenfrage\u201c und Entschluss zum Massenmord an den polnischen und europ\u00e4ischen Juden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;NS-Pl\u00e4ne zur \u201eL\u00f6sung der Judenfrage\u201c ab Kriegsbeginn 1939:<\/strong><br>&#8211; Deportation in die s\u00fcd\u00f6stlichen Gebiete Polens \u2013&nbsp;\u201eJudenreservat Lublin\u201c&nbsp;zwischen Weichsel und Bug;<br><strong>&#8211;&nbsp;\u201eMadagaskar-Plan\u201c&nbsp;(Juni 1940)<\/strong>&nbsp;\u2013 scheitert an fehlender Seedominanz;<br><strong>&#8211; Vertreibung \u00fcber die Grenze nach Osten (Pripjet-S\u00fcmpfe)<\/strong>, ab M\u00e4rz 1941 (realisierbar nur mit Sieg im Osten);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Handlungsdruck im GG \u2013 Initiative von SSPF Lublin Odilo Globocnik (ehemaliger Gauleiter von Wien) zur Schaffung eines im Sinne der Nationalsozialisten \u201eMusterterritoriums\u201c im Osten;<\/strong><br>&#8211; Juli 1941 Globocnik in Absprache mit Himmler; beauftragt, in Lublin ein erstes \u201eGro\u00dfsiedlungsgebiet in den deutschen Kolonien\u201c zu schaffen;<br>&#8211; Umsetzung der ersten Phase des \u201eGeneralplans Ost\u201c (Konzepte f\u00fcr \u201eSchaffung von Lebensraum im Osten\u201c (Germanisierung des Distrikts durch die Ansiedlung von Volksdeutschen und \u201eS\u00e4uberung\u201c von \u201eunerw\u00fcnschten Elementen\u201c, v.a. der Juden);<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong>Pl\u00e4ne Globocniks massiv behindert durch milit\u00e4rische Gesamtlage<\/strong>, die sp\u00e4testens ab Fr\u00fchherbst 1941 einen schnellen deutschen Sieg im Osten nicht mehr erwarten lie\u00df; damit auch die Realisierung der Deportation Hunderttausender polnischer Juden nicht m\u00f6glich \u2013 <strong>Suche nach alternativer Option: Massenmord<\/strong>;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;gr\u00f6\u00dferer Zusammenhang: auch auf anderen Kriegsschaupl\u00e4tzen Zuspitzung der \u201eL\u00f6sung der Judenfrage\u201c hin in Richtung physische Vernichtung<br>&#8211; Angriff auf die Sowjetunion (Juni 1941) \u2013 <strong>eindeutiger Befehl zum V\u00f6lkermord an den Juden (Einsatzgruppen und Bataillone der Ordnungspolizei ermorden zirka eine Millione Menschen \u2013 enormer Radikalisierungsschub)<\/strong>; Hinweis August H\u00e4fner;<br>&#8211; Initiative von Gauleiter Arthur Griese (Wartheland), sein Gebiet \u201ejudenfrei\u201c zu machen (Sommer 1941) \u2013 R\u00fcckgriff auf Mordspezialisten der \u201eAktion T4\u201c (Euthanasie-Programm im August 1941 gestoppt); organisieren Vernichtung der Juden im Warthegau im Lager Kulmhof (Chelmno) mit Gaswagen (ab 8.12.1941); Bilanz Chelmno bis Kriegsende: ca. 150.000 Juden und 5.000 Roma;<br>&#8211; in die gleiche Richtung weist Entschluss, die russischen Kriegsgefangenen im Winter 1941\/42 auszuhungern (in Kriegsgefangenenlagern im GG ca. 500.000 Tote);<br>\u2192 psychologische Schwelle zum Massenmord im Sommer\/Herbst 1941 \u00fcberschritten;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Zur\u00fcck zu Globocnik und seinen Pl\u00e4nen f\u00fcr Lublin und das GG:<\/strong><br>&#8211; 13.10.1941 Globocnik erh\u00e4lt von Himmler Genehmigung zum Aufbau des Vernichtungslagers in Belzec;<br>&#8211; Besprechung in Lublin am 17.10.1941&nbsp;<em>\u201eDie Juden sollen \u2013 bis auf unentbehrliche Handwerker und dergleichen \u2013 aus Lublin&nbsp;<u>evakuiert<\/u>&nbsp;werden.\u201c<\/em><strong><br>\u2192&nbsp;Tarnwort \u201eEvakuierung\u201c<\/strong><br>&#8211; \u00c4u\u00dferung Hans Franks am 17.10.1941 bei Besprechung:&nbsp;<em>\u201ebesonderer Auftrag des F\u00fchrers\u201c;<\/em><br>&#8211; <strong>vgl. Rede Hans Franks vom 16.12.1941 \u2013 offene Ank\u00fcndigung der bevorstehenden Vernichtung der Juden:&nbsp;<em>\u201eMan hat uns in Berlin gesagt: Weshalb macht man diese Scherereien; wir k\u00f6nnen im Ostland oder im Reichskommissariat auch nichts mit ihnen [den Juden] anfangen,&nbsp;liquidiert sie selber!\u201c<\/em>;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;Weiterer Ablauf:<\/strong><br>&#8211; Ende Oktober Beginn des Baus von Belzec;<br><strong>&#8211; November Eintreffen der ersten T4-Spezialisten;<br>&#8211; 20.1.1942 Wannsee-Konferenz<\/strong> \u2013 Koordinierung der Ma\u00dfnahmen zur Durchf\u00fchrung des Genozids an den europ\u00e4ischen Juden;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; 17.3.1942 Beginn des Massenmords an Juden (getarnt als \u201eUmsiedlung nach Osten\u201c) \u2013 \u201eAktion Reinhardt\u201c \u2013 zirka 18.000 Juden aus Lublin innerhalb weniger Tage nach Belzec;<br>\u2192&nbsp;Genozid entwickelte sich aus lokalen Dynamiken und Impulsen, Zustimmung aus Berlin sowie der generellen \u00dcbereinkunft aller NS-Funktion\u00e4re, dass das \u201eJudenproblem\u201c gel\u00f6st werden m\u00fcsse;<br>\u2192&nbsp;Entschlussfassung und Entscheidung Hitlers: Anfang Oktober 1941;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba<strong>&nbsp;Neben (eliminatorischen) Antisemitismus der T\u00e4ter kalkulierte Vorteile der Judenvernichtung:<\/strong><br>&#8211; \u00f6konomischer Nutzen: erh\u00f6hte Lebensmittellieferungen ans Reich + Reduzierung des Schwarzhandels;<br>&#8211; Wohnraumbeschaffung;<br>-\u201eVersch\u00f6nerung des Ortsbildes\u201c;<br>&#8211; erhebliche materielle Einnahmen durch Verwertung der Hinterlassenschaften der ermordeten Juden;<br>&#8211; gesundheitshygienische Erw\u00e4gungen durch Beseitigung der haupts\u00e4chlichen Seuchentr\u00e4ger;<br>&#8211; Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit im R\u00fccken der in der Sowjetunion k\u00e4mpfenden Truppen;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IV. Die \u201eAktion Reinhardt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Wichtigste Akteure:<\/strong><br>&#8211; Generalgouverneur Hans Frank,<br>&#8211; HSSPF SS-Obergruppenf\u00fchrer Friedrich Wilhelm Kr\u00fcger,<br>&#8211; SSPF Lublin SS-Brigadef\u00fchrer Odilo Globocnik,<br>&#8211; Viktor Brack und Christian Wirth (\u201eAktion T4\u201c),<br>&#8211; Team von 121 M\u00e4nnern, Angeh\u00f6rige der \u201eKanzlei des F\u00fchrers\u201c; nach Abschluss \u201eT4\u201c Suche nach neuen Einsatzm\u00f6glichkeiten (\u201eExperten der Vernichtung\u201c);&nbsp;<br>&#8211; SS-Sturmbannf\u00fchrer Hermann H\u00f6fle (Stabschef der \u201eAktion Reinhardt\u201c) mit 300 Mann eingesetzt vor allem als Verantwortliche f\u00fcr Ghetto-R\u00e4umungen;<br><strong>&#8211;&nbsp;Radom: <\/strong>\u201eSonderkommando Feucht\u201c&nbsp;(Mitglieder des \u201eJudenreferats\u201c beim Kommandeur der Sicherheitspolizei);<br>&#8211; unterst\u00fctzt von fremdv\u00f6lkischen Hilfswilligen (\u201eTrawniki\u201c-M\u00e4nner&nbsp;\u2013 zirka 5.000 zu Handlangern der Deutschen ausgebildet) sowie deutschen und polnischen Polizisten;<br>&#8211; organisatorische und teilweise auch direkte Beteiligung der deutschen&nbsp;Zivilverwaltung im GG: \u00dcbersicht \u00fcber Zahl und Wohnorte der Juden in einzelnen Kreisen \u2013 Konzentrierung von Juden an Orten mit Bahnanschluss (\u201eAussiedlungen\u201c) \u2013 Aufteilung in arbeitsf\u00e4hig und nicht arbeitsf\u00e4hig (Selektionen); Initiative und direkte Beteiligung von Mitarbeitern an Ghetto-R\u00e4umungen;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong><u>Ablauf der \u201eAktion Reinhardt\u201c<\/u><\/strong>&nbsp;(M\u00e4rz 1942 bis Oktober 1943):<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Name nachtr\u00e4glich nach dem am 4.6.1942 in Prag get\u00f6teten Reinhard Heydrich;<br>[- Phase 1 (M\u00e4rz-Juni 1942): gemeinsame Aktion von SS und Zivilverwaltung;<br>Phase 2 der \u201eAktion Reinhardt\u201c (ab Juni 1942): \u00dcbergang von Planung und Kommando an SS; Verbrechen dieser Dimension nur mit zentraler Planung m\u00f6glich;]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die \u201eAussiedlungsaktionen\u201c der \u201eAktion Reinhardt\u201c liefen in allen Ghettos nach einem normierten und einge\u00fcbten Schema ab:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 Die j\u00fcdischen Wohnviertel wurden umstellt<strong>, gleichzeitig wurde ein Zug bereitgestellt, der die Bewohner <\/strong>abtransportieren sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192 Die R\u00e4umung fand in der Regel in der Nacht statt.<\/strong> Die Vertreter des Aussiedlungsstabes versammelten die Angeh\u00f6rigen des j\u00fcdischen Ordnungsdienstes und instruierten sie. Deren Aufgabe bestand darin, die Juden in dem Viertel \u00fcber die bevorstehende Aussiedlung zu informieren und sie zu einer festgelegten Uhrzeit auf die Stra\u00dfe zu treiben. Jeder durfte ein Handgep\u00e4ck bis 20 Kilogramm Gewicht mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192 Was die Ghettobewohner dann auf der Stra\u00dfe erlebten, war der reinste Horror: Sie<\/strong> wurden von der SS und ihren Hilfskr\u00e4ften mit lautem Geschrei, bellenden Hunden, Schl\u00e4gen und Sch\u00fcssen empfangen. Die Menschen wurden in Marschkolonnen gruppiert und im Laufschritt zu den Selektionspl\u00e4tzen getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192 Selektion auf der Grundlage von Arbeitsausweisen,<\/strong> die in den Wochen vor der \u201eAussiedlung\u201c ausgegeben worden waren. Diejenigen, die \u00fcber einen solchen Ausweis verf\u00fcgten, wurden (meist mit ihren engsten Familienangeh\u00f6rigen) separiert. Die \u00fcbrigen, die gro\u00dfe Mehrzahl, wurden zum Bahnhof getrieben und dort in die bereitgehaltenen Waggons gepfercht, die dann planm\u00e4\u00dfig in eines der Vernichtungslager abfuhren (je nach Gr\u00f6\u00dfe des ger\u00e4umten Ghettos&nbsp;Z\u00fcge mit bis zu 6.000 Passagieren).<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192 W\u00e4hrend der Selektion lief, wurde das Ghetto noch einmal nach versteckten Juden durchsucht. <strong>Die, die man noch aufsp\u00fcren konnte, wurden an Ort und Stelle erschossen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192 Der ganze Vorgang wurde in gro\u00dfer Eile und mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t durchgef\u00fchrt.<\/strong> Wer in irgendeiner Weise den reibungslosen Ablauf behinderte, beispielsweise Kranke, Behinderte, S\u00e4uglinge, Alte oder Schwangere, wurden sofort exekutiert. Das galt in aller Regel auch f\u00fcr die Insassen der Ghettokrankenh\u00e4user. In vielen F\u00e4llen kam es zu Exzesstaten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8211; Kaum vorstellbare Geschwindigkeit der Vernichtung:<\/strong> z.B. Distrikt Radom: zu Beginn der \u201eAktion Reinhardt\u201c zirka 380.000 Juden, davon innerhalb von dreieinhalb Monaten (Aug.-Nov. 1942) 325.000 in Treblinka, 13.000 vor Ort ermordet, 30.000 noch lebende Arbeitsjuden, Geflohene und Untergetauchte;<br>&#8211; \u201eMenschenjagden\u201c auf Gefl\u00fcchtete und Untergetauchte (ab Herbst 1942): Razzien, Durchk\u00e4mmen von W\u00e4ldern; Todesdrohungen gegen polnische Helfer (Schauexekutionen ganzer Familien und Nachbarschaften); Belohnungen f\u00fcr Ergreifung oder Erschie\u00dfung eines Juden (Kopfpr\u00e4mien); regelrechte Treibjagden;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;\u201eAktion Erntefest\u201c:<\/strong><br>&#8211; 100-120.000 Juden \u00fcberlebten \u201eAktion Reinhardt\u201c, da sie als Zwangsarbeiter f\u00fcr die Kriegsindustrie arbeiteten \u2013 Widerspruch zur \u201eEndl\u00f6sung der Judenfrage\u201c;<br>&#8211; nach Aufst\u00e4nden in Ghettos und Vernichtungslagern Umdenken bei Himmler: Vernichtung der letzten \u00dcberlebenden&nbsp;\u2192&nbsp;\u00f6konomische Aspekte der \u201eVerwertung\u201c zu keiner Zeit so wichtig wie ideologisches Ziel der \u201eEndl\u00f6sung\u201c;<br><strong>&#8211; 3.-4.11.1943 \u201eAktion Erntefest\u201c:<\/strong> Vernichtung der meisten Zwangsarbeitslager; im Distrikt Lublin von 50.000 j\u00fcdischen Zwangsarbeitern 42.000 ermordet; R\u00fcckkehr zur Methode der Erschie\u00dfungen;<br>&#8211; nicht in allen Distrikten mit gleicher Sch\u00e4rfe durchgef\u00fchrt, z.B. Radom kaum betroffen;<br>&#8211; bestehen bleiben allein einige ausgew\u00e4hlte Arbeitslager in direkten Diensten der Wehrmacht und der SS; wenige 10.000 Personen;<br>&#8211; wer bis dahin noch lebte, wurde im Sommer 1944 nach Westen ins Reichsgebiet deportiert (z.B. H\u00e4ftlinge des Lagers Hessental); einige wenige Juden aus dem GG im Fr\u00fchjahr 1945 in Deutschland befreit (Bruchteil der urspr\u00fcnglichen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung des GG);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>V. Die Vernichtungslager der \u201eAktion Reinhardt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;Vernichtungslager der \u201eAktion Reinhardt\u201c: Belzec, Sobibor und Treblinka;<br>&#8211; wichtig f\u00fcr Standortauswahl: Abgelegenheit, aber guter Anschluss an Verkehrswege, v.a. Bahn, und vorhandene Bahnrampe;<br>&#8211; Unterscheidung von bisherigen KZs (sehr einfache und vor\u00fcbergehende Anlagen);<br><strong>\u2192&nbsp;alle drei Lager der \u201eAktion Reinhardt\u201c nichts weiter als ein Bahnhof mit angeschlossenen Gaskammern;<\/strong> zu einem einzigen Zweck und nur f\u00fcr begrenzte Dauer angelegt;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Lageplan Treblinka<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Experimentieren mit T\u00f6tungsart: Gaswagen wie bei \u201eT4-Aktion\u201c angesichts der Dimension zu ineffizient; Kohlenmonoxid aus Flaschen; Einsatz von Panzermotoren;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;in Lagern jeweils 500-700 Arbeitsjuden, die alle Arbeiten au\u00dfer der Vergasung f\u00fcr die SS erledigen musste; Unterscheidung Lager I (\u00c4rzte, K\u00f6che, W\u00e4scherinnen, Arbeiter, die Hinterlassenschaften ordneten und verpackten) und eigentlicher Todesbereich, Lager II; Arbeitsjuden brutalster Gewalt ausgesetzt;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>pr\u00e4zise Organisation erlaubte es, dass in den Lagern jeweils nur etwas mehr als 20 Deutsche eingesetzt werden;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;Vergn\u00fcgungen, vgl. Foto-Album \u201eSch\u00f6ne Zeiten\u201c von Kurt Franz, stv. Lagerkommandant in Treblinka;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;wirtschaftlicher Aspekt der \u201eAktion Reinhardt\u201c:<br>&#8211; Arbeitskommandos sammeln und sortieren hinterlassene Habe;<br>&#8211; Ausbeute per Zug oder LKW in Distrikthauptstadt; teilweise Versteigerungen;<br>&#8211; Weiterschicken nach Lublin in zentrales Verwertungslager beim Stab der \u201eAktion Reinhardt\u201c;<br>&#8211; Bereicherung der beteiligten SS-Leute;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;<strong>Eigentliche Herausforderung f\u00fcr die M\u00f6rder war Leichenbeseitigung (in Gaskammern 2.000 Menschen in gut 20 Minuten ermordet);<\/strong><br>\u2192&nbsp;Tote zun\u00e4chst in Gruben verscharrt, in sp\u00e4terer Phase ausgegraben und verbrannt; entscheidende Bedeutung f\u00fcr Mordkapazit\u00e4t;<br>Beseitigung der Massengr\u00e4ber entsprechend \u201eSonderaktion 1005\u201c in der Sowjetunion; Dauer: in Belzec von Dezember 1942 bis M\u00e4rz 1943, in Treblinka von Februar bis August 1943;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Abbau der Vernichtungslager \u2013 systematische Verwischung der Spuren; Planierung des Gel\u00e4ndes und Umgestaltung zu Bauernh\u00f6fen;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;trotz der brutalen Effizienz immer wieder Fluchtversuche und Akte von Widerstand<\/p>\n\n\n\n<p>\u2192&nbsp;Widerstand der Juden in Treblinka und Sobibor:<br>&#8211; 2.8.1943 Aufstand in Treblinka (noch eher zuf\u00e4llig und wenig organisiert) \u2013 Flucht von 200 bis 250 H\u00e4ftlingen;<br>&#8211; 14.10.1943 Rebellion in Sobibor (mit milit\u00e4rischer Pr\u00e4zision und Planung) \u2013 12 SS-M\u00e4nner und 10 Trawniki get\u00f6tet \u2013 Flucht von zirka 380 H\u00e4ftlingen;<br>[\u2192&nbsp;Schicksal der Geflohenen \u2013 Haltung der Polen (vgl. aber auch \u201eGerechte unter den V\u00f6lkern\u201c + Strafdrohungen durch Deutsche);]<br>\u2192&nbsp;Kriegsende erlebten zirka 70 H\u00e4ftlinge aus Treblinka und 62 aus Sobibor; im Fall Belzec \u00fcberhaupt nur drei  \u00dcberlebende;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>VI. Bilanz \u201eAktion Reinhardt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><a>\u25ba<\/a>&nbsp;Wirtschaftliche Bilanz&nbsp;(Nebeneffekt):<\/strong><br>&#8211; Abschlussbericht Globocniks \u00fcber \u201eAktion Reinhardt\u201c vom 15.12.1943: 1901 Eisenbahnwaggons mit Kleidung, Bettfedern, Lumpen und Haaren (restlose Verwertung menschlicher Hinterlassenschaften) und knapp 179 Millionen Reichsmark (RM) \/ (Nettobetrag nach Abzug der Sachkosten, inkl. R\u00fcckbau der Lager);<br><strong>&#8211; \u201ePrivate\u201c Verwertung: <\/strong>massive Bereicherung der mit den ermordeten Juden in Kontakt kommenden Deutschen und Trawnikis: Abf\u00fchrung von beschlagnahmten Juwelen an SS-Einsatzstab und SSPF Lublin in gro\u00dfem Stil;<br>&#8211; unmittelbar nach Befreiung Durchw\u00fchlen der planierten Fl\u00e4chen der ehemaligen Lager durch Polen (mehr als 13 Jahre lang);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;H\u00f6fle-Telegramm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Bilanz der Vernichtung<\/strong><br>Belzec (M\u00e4rz-Dez. 1942) \u2013 470.000 Todesopfer<br>Sobibor (April 1942-Okt. 1943) \u2013 180.000 Todesopfer<br>Treblinka (Juli 1942&nbsp;<em>Warschau!<\/em>-Aug. 1943) \u2013 870.000 Todesopfer<br>insgesamt in Lagern der \u201eAktion Reinhardt\u201c: mindestens 1.520.000 Menschen;<br>Gesamtzahl der Toten, inklusive der Toten bei Aufl\u00f6sung der Ghettos oder in Deportationsz\u00fcgen: 1,8 bis 2 Millionen;<br>die Vernichtungslager der \u201eAktion Reinhardt\u201c \u00fcberlebten insgesamt weniger als 150 Menschen; <strong>\u00dcberlebenswahrscheinlichkeit 1: 10.000<\/strong>;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u2192&nbsp;\u201eAktion Reinhardt\u201c eigentlicher Kern des Holocaust (beinahe vollst\u00e4ndige Ausl\u00f6schung der polnischen Juden);<br><\/strong>\u2192&nbsp;Verkn\u00fcpfung mit Ermordung der Juden Europas (Deportationsz\u00fcge);<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nachtrag: Nachkriegsermittlungen und Prozesse<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba&nbsp;Verurteilung der T\u00e4ter:<\/strong><br>&#8211; Kriegsopfer u.a. Christian Wirth und Franz Reichleitner (Kommandant Sobibor);<br>&#8211; Selbstmord: Odilo Globocnik;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; ab 1945 Dokumentation des Massenmords durch polnische Staatsanwaltschaft; zwischen Fr\u00fchjahr 1946 und Sommer 1950 Auslieferung von 1.800 Deutschen aus dem Westen (v.a. Komplex Auschwitz und Verbrechen gegen christliche Polen);<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Versagen der deutschen Nachkriegsjustiz und der alliierten Institutionen bei der Verfolgung von Massenm\u00f6rdern <strong>(\u201ekann eigentlich nur mit Ignoranz erkl\u00e4rt werden\u201c); h\u00e4ufig auch keine Kenntnis von Vorg\u00e4ngen in Ostpolen;<br>aber: allgemeines gesellschaftliches Klima des Verdr\u00e4ngens und Vergessen-Wollens<\/strong>;<br>&#8211; Rechtsprechung, die die T\u00e4ter in den Vernichtungslagern, wenn \u00fcberhaupt, nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Beihilfe zum Mord zu verurteilen bereit war (Ausnahme: Exzesstaten) oder ihnen einen angeblichen \u201eBefehlsnotstand\u201c zubilligte;<br>&#8211; erste Sobibor-Prozesse 1950 (\u201eGasmeister von Sobibor\u201c Erich Bauer ohne weitere Ermittlungen) \u2013 erster Treblinka-Prozess 1951 (entstanden vor allem aus Ermittlungen wegen Euthanasie-Verbrechen);<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; systematische Ermittlungen erst ab 1958 (Gr\u00fcndung der \u201eZentralen Stelle in Ludwigsburg\u201c);<br>&#8211; erst 1960 Besch\u00e4ftigung mit Vorg\u00e4ngen in Belzec (Verfahren in M\u00fcnchen); bis dahin Lagerpersonal weitgehend unbehelligt;<br>&#8211; zwei D\u00fcsseldorfer Treblinka-Prozesse 1964-1970;<br>&#8211; Sobibor-Prozess in Hagen 1965\/66;<br>&#8211; Demjanjuk-Prozess 2011 (Trawniki);<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;Lagerpersonal der \u201eAktion Reinhardt\u201c: ein Drittel zu Beginn der juristischen Aufarbeitung tot (mindestens 46) \u2013 bei einem weiteren Drittel (31) Aufenthaltsort nicht feststellbar \u2013 44 M\u00e4nner als Beschuldigte eingestuft, davon 27 vor Gericht: <strong>9 x lebenslange Haft<\/strong>, u.a. 1965 Kurt Franz und 1970 Franz Stangl (noch vor Entscheid Revision 1971 gestorben), <strong>10 x k\u00fcrzere Freiheitsstrafen<\/strong>, <strong>1 x Selbstmord, 7 x freigesprochen<\/strong>;<\/p>\n\n\n\n<p>\u25ba&nbsp;Von sch\u00e4tzungsweise 120 amtierenden Stadt- und Kreishauptleuten 7 nach Polen ausgeliefert; in Deutschland kein einziger f\u00fcr seine Rolle im Generalgouvernement (GG) belangt;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Informationen \u00fcber den Referenten Folker F\u00f6rtsch:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Folker F\u00f6rtsch ist hauptberuflich Stadtarchivar in Crailsheim und ehrenamliches Mitglied des Sprecherrats der KZ-Gedenkst\u00e4tte in Schw\u00e4bisch Hall-Hessental<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Informationen im Internet \u00fcber die KZ-Gedenkst\u00e4tte Hessental:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.kz-hessental.de\/die-initiative\/\" target=\"_blank\">https:\/\/www.kz-hessental.de\/die-initiative\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Informationen im Internet \u00fcber Werner Ansel, Kreishauptmann in Bilgoraj und Cholm \u2013 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Werner Ansel zum Landrat des Kreises Crailsheim gew\u00e4hlt. Werner Ansel war als Landrat in Crailsheim bis zur Kreisreform in den fr\u00fchen 1970er Jahren im Amt:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZwischen Bilgoraj und Crailsheim \u2013 Werner Ansel, NS-Kreishauptmann und Landrat\u201c \u2013 Vortrag in Crailsheim <a href=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23948\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23948<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWerner Ansel: NS-Kreishauptmann in Bilgoraj \u2013 von 1948 bis 1972 Landrat des Kreises Crailsheim\u201c \u2013 Vortrag von Ralf Garmatter und Wolfgang Proske in Crailsheim <a href=\"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23770\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23770<\/a><\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 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November 2021 \u00fcber die deutsche Besatzungspolitik in Polen gehalten. An der deutschen Besatzung im von den Nazis Generalgouvernement genannten Teil Polens war auch der sp\u00e4tere Crailsheimer Landrat Werner Ansel beteiligt. 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