{"id":23957,"date":"2018-09-14T08:08:56","date_gmt":"2018-09-14T07:08:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23957"},"modified":"2018-09-14T21:17:36","modified_gmt":"2018-09-14T20:17:36","slug":"gescheiterte-globalisierung-hintergrundbericht-von-paul-steinhardt-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=23957","title":{"rendered":"\u201eGescheiterte Globalisierung\u201c \u2013 Hintergrundbericht von Paul Steinhardt (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bei der Diskussion zu dem Vortrag \u201eGescheiterte Globalisierung\u201c vor Kurzem in Schw\u00e4bisch Hall \u00fcber deutsche Handelsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse wurde sehr kontrovers diskutiert. Das hat den Referenten Paul Steinhardt dazu bewogen, noch einmal eine ausf\u00fchrliche Erkl\u00e4rung nachzuschieben. Hohenlohe-ungefiltert ver\u00f6ffentlicht den vollst\u00e4ndigen Text in zwei Teilen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Hintergrundbericht von Paul Steinhardt (Teil 2)<\/em><\/p>\n<p><strong>Teil 2: Kritische Analysen zu Politik und Wirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Herausgeber: Heiner Flassbeck &amp; Paul Steinhardt \u2013 Handelsungleichgewichte \u2013 Wie erkl\u00e4rt man das Problem? (Teil 2) von Paul Steinhardt | 9. August 2018<\/p>\n<p><strong>Problem f\u00fcr die Realwirtschaft<\/strong><\/p>\n<p>Handelsungleichgewichte gef\u00e4hrden nicht prim\u00e4r die globale Finanzstabilit\u00e4t und sind auf Dysfunktionalit\u00e4ten der Kapitalm\u00e4rkte zur\u00fcckzuf\u00fchren. Sie sind prim\u00e4r ein Problem f\u00fcr die Realwirtschaft und beruhen auf Lohnst\u00fcckkostendivergenzen.<br \/>\nBislang habe ich die wesentlichen Charakteristika real existierender Marktwirtschaften skizziert und darauf hingewiesen, dass Deflation eines der gr\u00f6\u00dften Probleme eines solchen Wirtschaftssystems ist. Eine positive Inflationsrate, so habe ich daraus gefolgert, ist eine der bedeutsamsten wirtschaftspolitischen Zielgr\u00f6\u00dfen.<br \/>\nDa es zwischen der Inflation und der Entwicklung der Lohnst\u00fcckkosten einen engen empirischen Zusammenhang gibt, der sich auch theoretisch erkl\u00e4ren l\u00e4sst, ist es zur Steuerung der Inflation erforderlich, dass in einem W\u00e4hrungsregime wie der EWU die Lohnst\u00fcckkostenentwicklungen der einzelnen Mitgliedsl\u00e4nder koordiniert werden.<br \/>\nBetrachten wir die Entwicklung der Lohnst\u00fcckkosten in Deutschland, Italien und Frankreich, wird deutlich, dass die erforderliche Lohnkoordination nicht erfolgte.<\/p>\n<p><strong>Was aber ist nun die Folge f\u00fcr die betreffenden Volkswirtschaften, wenn die Lohnst\u00fcckkostenentwicklungen eklatant auseinanderlaufen?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, da die Lohnst\u00fcckkosten einen erheblichen Anteil der Gesamtkosten zur Herstellung eines Wirtschaftsguts ausmachen, wird derjenige mit den niedrigeren Lohnst\u00fcckkosten die in seinem Land produzierten G\u00fcter im Ausland billiger anbieten k\u00f6nnen, als der mit den h\u00f6heren Lohnst\u00fcckkosten es kann. Deutschlands Unternehmen haben also gegen\u00fcber Frankreich und Italien seit der Einf\u00fchrung des Euros massiv an preislicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit gewonnen.\u00a0An preislicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit konnte Deutschland gewinnen, weil dort die L\u00f6hne im Verh\u00e4ltnis zur Entwicklung der Produktivit\u00e4t weniger rasch gestiegen sind, als die Produktivit\u00e4t, wie die Grafik zeigt:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Wie die beiden folgenden Grafiken belegen, ist man in Frankreich sehr viel weniger \u201eerfolgreich\u201c gewesen als in Deutschland. Und Italien ist sogar hinter Frankreich geblieben.<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>(Die alten Grafiken (Index 2000 = 100) wurden zur Verdeutlichung der Problematik noch einmal durch Abbildungen mit einem Index 1999 = 100 ersetzt, wobei darauf geachtet wurde, dass speziell bei der Abbildung von Italien der gleiche Indexma\u00dfstab genutzt wird wie bei Deutschland und Frankreich)<br \/>\nAber der deutsche \u201eErfolg\u201c ist es eine zweischneidige Sache. Nehmen wir an, es handle sich bei Deutschland um eine geschlossene Volkswirtschaft, es g\u00e4be also das Ausland nicht. Steigt dann die Produktivit\u00e4t st\u00e4rker als die Reall\u00f6hne, dann stellt sich die Frage, an wen die zus\u00e4tzlich produzierten Waren denn nun verkauft werden sollen.<br \/>\nKlar ist, dass es bei einer Entwicklung von Reall\u00f6hnen und Produktivit\u00e4t wie in Deutschland nicht die Lohnempf\u00e4nger sein k\u00f6nnen. Ein kleines Beispiel: Bislang seien Konsumg\u00fcter im Wert von 100 GE produziert worden, die Lohnempf\u00e4nger h\u00e4tten ein Einkommen von 110 GE erzielt und davon f\u00fcrs Al- ter 10 GE auf die Seite gelegt. Und nun machte sich endlich die arbeitssparende Digitalisierung be- merkbar und mit der gleichen Anzahl von Arbeitskr\u00e4ften k\u00f6nne man Waren im Wert von 110 GE pro- duzieren. Wenn die Einkommen konstant bleiben und sich an der Sparneigung der Einkom- mensempf\u00e4nger nichts \u00e4ndert, dann bleiben Konsumg\u00fcterhersteller nach Adam Riese auf Waren im Wert von 10 GE sitzen.<br \/>\nZur L\u00f6sung dieses Problems k\u00f6nnen in einer geschlossenen, vollst\u00e4ndig marktwirtschaftlich organ- isierten Volkswirtschaft entweder nur der Staat oder die Unternehmen aus der Investitionsg\u00fcterin- dustrie beitragen. Der Staat k\u00f6nnte zum Beispiel \u00fcbersch\u00fcssige G\u00fcter ankaufen und kostenlos an seine B\u00fcrger verteilen. Oder aber es kommt zu einem sogenannten Strukturwandel. Die erh\u00f6hte Produktivit\u00e4t wird nicht dazu genutzt, mehr Konsumg\u00fcter, sondern mehr Investitionsg\u00fcter zu pro- duzieren.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Wer aber kauft diese G\u00fcter, wenn wir den Staat einmal au\u00dfen vorlassen? Infrage kommt nur die Kon- sumg\u00fcterindustrie. Die Konsumg\u00fcterindustrie wird aber diese G\u00fcter nur kaufen, wenn sie zus\u00e4tzliche G\u00fcter verkaufen kann oder aber es ihr erlaubt, ihre Gesamtkosten weiter zu reduzieren. Gelingt jedem Unternehmen eine solche Kostenreduzierung, dann werden die Konsumenten aber noch weniger ver- f\u00fcgbares Einkommen haben und damit noch weniger Konsumg\u00fcter erwerben k\u00f6nnen. Eine m\u00f6gliche L\u00f6sung also, die in der Realit\u00e4t jedoch keine ist.<br \/>\nDie Marktwirtschaft ist schon ein seltsames System. Jedes einzelne Unternehmen, versucht seine Kosten und eben auch seine Lohnkosten zu reduzieren, um seine Gewinne zu erh\u00f6hen. Sind aber alle Unternehmen erfolgreich dabei die L\u00f6hne immer weiter zu k\u00fcrzen, dann bricht das System zusammen \u2013 wenn der Staat die Nachfragel\u00fccke nicht schlie\u00dft.<br \/>\nGl\u00fccklicherweise gibt es in der wirklichen Welt das Ausland, an die man die \u00fcbersch\u00fcssigen Waren verkaufen kann. Verkaufen aber kann man sie nur dann, wenn man international auch preislich wettbewerbsf\u00e4hig ist.<br \/>\nOffensichtlich ist, dass nicht jeder immer wettbewerbsf\u00e4higer werden kann. \u201eWettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c ist ein relationaler Begriff, der Form x ist wettbewerbsf\u00e4higer als y\u201c. Gilt dieser Zusammenhang, dann kann begriffslogisch y seine Wettbewerbsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber x nur verbessern, wenn sich die von x gegen\u00fcber y verschlechtert. Beide k\u00f6nnen also nicht gleichzeitig wettbewerbsf\u00e4higer werden.<br \/>\nWer Wirtschaftswachstum will, gleichzeitig zul\u00e4sst, dass die Reall\u00f6hne nicht mit der Produktivit\u00e4t steigen und auch staatliche Ausgaben nicht steigen lassen will, dem bleibt also nur der Export. Das ist der deutsche Mindset und daher verfolgt Deutschland eine exportorientierte Wachstumsstrategie. Kein Wunder, dass in Deutschland nahezu unisono auf alle Einschr\u00e4nkungen des sogenannten \u201efreien Handels\u201c extrem allergisch reagiert und man nicht m\u00fcde wird, das Mantra der Wettbewerbs- f\u00e4higkeit zu predigen.<br \/>\nWas ist zu erwarten, wenn ein Land gegen\u00fcber einem Land vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfe und mit vergleich- baren produktiven Kapazit\u00e4ten an preislicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit gewinnt und damit das andere verliert? Bei entwickelten, gro\u00dfen und so industrialisierten L\u00e4ndern wie es Deutschland, Frankreich und Italien sind, steht zu erwarten, dass Unternehmen in den L\u00e4ndern mit den h\u00f6heren Produktion- skosten im In-und Ausland an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verlieren werden. Verlieren sie aber an Wettbe- werbsf\u00e4higkeit, dann werden sie Marktanteile verlieren und in Folge ihre produktiven Kapazit\u00e4ten ten- denziell abbauen. Wer Marktanteile gewinnt, wird sie dagegen tendenziell ausbauen.<br \/>\nWie die folgende Grafik belegt, hat zwar auch Deutschland beim weltweiten Export seit dem Beginn der EWU an Marktanteilen verloren, relativ zu Frankreich und Italien jedoch gewonnen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Noch dramatischer stellt sich die Lage dar, wenn man sich die bilateralen Handelsbilanzen von Frankreich und Italien mit Deutschland betrachtet.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Die bilateralen Handelsbilanzsalden besagen, dass die Franzosen beziehungsweise die Italiener mehr G\u00fcter von deutschen Unternehmen als umgekehrt Deutsche von den Unternehmen dieser L\u00e4ndern er- werben. Das hei\u00dft aber, dass Frankreichs und Italiens Unternehmen mehr G\u00fcter produziertenk\u00f6n- nten, wenn sie die von Deutschland importierten G\u00fcter selbst produzieren w\u00fcrden oder wenn Deutschland mehr G\u00fcter aus diesen L\u00e4ndern importieren w\u00fcrde.<br \/>\nDer R\u00fcckgang der italienischen Handelsbilanzdefizite ist dabei leider kein Grund, Entwarnung zu geben. Er ist ein Nebeneffekt der Rezession, in der sich Italien seit Jahren befindet und sich daher im- mer weniger Importe leisten kann.<br \/>\nDeutschland wird inzwischen weltweit f\u00fcr seine exorbitanten Handels\u00fcbersch\u00fcsse kritisiert. So etwa k\u00fcrzlich vom Chefvolkswirt des IWF,Maurice Obstfeld. Er macht sich Sorgen um die \u201eglobale Fi- nanzstabilit\u00e4t\u201c, vergisst jedoch vollst\u00e4ndig auf die jetzigen realwirtschaftlichen Probleme der Defiz- itl\u00e4nder hinzuweisen. Denn wenn gewinnorientierte Unternehmen permanent an Marktanteilen ver- lieren, werden sie produktive Kapazit\u00e4ten abbauen. Das genau ist in Frankreich und Italien passiert, wie die beiden folgenden Grafiken belegen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Die Erfahrungen in der EWU machen mehr als deutlich, dass der \u201eFreihandel\u201c zwischen L\u00e4ndern, die faktisch in einem Festkurswechselsystem miteinander verbunden sind, jene mit den h\u00f6heren Lohn- st\u00fcckkosten aus dem Feld schl\u00e4gt und nachhaltig sch\u00e4digt. Klar aber d\u00fcrfte auch sein, dass wenn alle Handelspartner versuchen, preislich wettbewerbsf\u00e4higer zu werden, dann jeder verlieren wird. Damit dies nicht passiert, muss die Lohnentwicklung der \u2013 wie wir sie nennen \u2013 goldenen Lohnregel folgen. Das hei\u00dft, die L\u00f6hne eines jeden Landes m\u00fcssen mit der Zunahme der Produktivit\u00e4t plus der Zielinflationsrate steigen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Es braucht also entweder eine Lohnkoordination oder einen Mechanismus, der Inflationsdifferenzen ausgleicht, damit der grenz\u00fcberschreitende Handel zum Wohle aller f\u00fchren kann. Eine Lohnkoordination in der EWU hat es bislang nicht gegeben und es gibt auch nicht die geringsten Anzeichen daf\u00fcr, dass es sie geben wird. Die Devisenm\u00e4rkte k\u00f6nnen diese Rolle, wie die Erfahrung lehrt, nicht \u00fcbernehmen. Es bleibt damit nur die L\u00f6sung, dass eine Staatengemeinschaft die miteinander gedeihlich han- deln treiben will, ein entsprechendes Wechselkursregime installiert, das diese Aufgabe \u00fcbernimmt. Gegenw\u00e4rtig d\u00fcrfte ein solches Regime politisch aber nicht realisierbar sein.<br \/>\nDamit bleibt aber nur eine Steuerung des Au\u00dfenhandels durch den jeweiligen Staat, die sicherstellt, dass in einem bestimmten Land durch Pr\u00e4datoren wie Deutschland die wirtschaftliche Zukunft nicht verspielt und eine wirtschaftliche Entwicklung erst erm\u00f6glicht wird. F\u00fcr die EWU folgt daraus, dass es zum Ausstieg aus dem Eurosystem kaum eine Alternative gibt, wenn man die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes vorantreiben will. Entwicklungsl\u00e4nder dagegen m\u00fcssen eine Kombination aus kluger \u00d6ffnung und klugem Protektionismus finden, die es ihnen erlaubt, einen wettbewerbsf\u00e4higen Industriesektor aufzubauen und sich von allzu gro\u00dfen Abh\u00e4ngigkeiten von entwickelten Volkswirtschaften frei zu machen.<\/p>\n<p><strong>Staatsverschuldung \u2013 Menetekel oder Segen?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Frage zu stellen, wird bei durch neoliberale \u00d6konomen programmierten Mitb\u00fcrgern sofort mit einem heftigen Kopfsch\u00fctteln beantwortet werden. Staatsschulden sind selbstverst\u00e4ndlich immer als \u00e4u\u00dferst negativ zu beurteilen! Warum sonst h\u00e4tte man sich im Vertrag von Maastricht auf eine maxi- male Staatschuldenquote von 60% des Bruttoinlandsprodukts geeinigt?<br \/>\nW\u00e4hrend unter Volkswirten weitgehend Konsens herrscht, dass eine Schuldenquote \u00fcber einem bes- timmten Schwellenwert problematisch ist, bleibt Uneinigkeit, wie genau dieser Wert zu beziffern ist. Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben in einer vielbeachteten Studie behauptet, dass sich em- pirisch belegen lie\u00dfe, dass bei einer Staatschuldenquote von \u00fcber 90% gro\u00dfe Gefahr drohe. Damit aber w\u00e4ren, wie sich der folgenden Grafik entnehmen l\u00e4sst, vier der zehn gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften in diesem Sinne \u00fcberschuldet.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Die Schuldenquote Japans gibt einem in diesem Zusammenhang besondere R\u00e4tsel auf. W\u00e4hrend Griechenland schon bei einer Schuldenquote von 120 Prozent von der Troika und dem IWF \u201egerettet\u201c und im Gegenzug massiv privatisiert werden musste sowie tiefe Einschnitte ins Sozialsystem vorgenommen wurden, kommen aus Japan bei einer Schuldenquote von nahezu 250 Prozent des BIP keine solche Meldun- gen auf. Noch seltsamer ist aus neoklassischer Sicht, dass die Zinsen nicht \u2013 wie sich nach ihrer Theo- rie erwarten lie\u00dfe \u2013 inzwischen extrem gestiegen sind, sondern weitgehend bei nahe Null verharren.<br \/>\nNoch bedrohlicher muss die Situation erscheinen, wenn, wie die folgende Grafik belegt, der Schwellen- wert von 60 Prozent aus dem Maastricht-Vertrag als ad\u00e4quat erachtet wird.<br \/>\nNur ein Land, n\u00e4mlich China, erf\u00fcllt vollst\u00e4ndig das Maastricht Kriterium. Deutschland und Indien sind so nahe an diesem Schwellenwert, dass ihnen auch deutsche \u00d6konomen eine sogenannte solide Finanzpolitik bescheinigen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p>Das BIP weiter zu steigern, aber gleichzeitig die Staatsverschuldung zur\u00fcckzuf\u00fchren, d\u00fcrfte allerdings aufgrund eines relativ jungen Ph\u00e4nomens \u00e4u\u00dferst schwierig werden. Wie aus der folgenden Grafik er- sichtlich, spart inzwischen in der Mehrzahl der gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften auch der Unternehmenssektor.<br \/>\nWill man nicht, dass das BIP sinkt, dann ist es unabdingbar, dass der durch das Sparen von Haushal- ten und Unternehmen verursachte Nachfrageausfall kompensiert wird. Nach dem bislang Gesagten kommt f\u00fcr eine solche Kompensation nur der Staat oder das Ausland infrage. Wenn die Verschuldung des Auslands aber als L\u00f6sung ausgeschlossen werden muss, dann bleibt f\u00fcr die Funktion nur der Staat. Das aber hei\u00dft, dass sich der Staat \u2013 alleine um eine Rezession zu verhindern \u2013 in der H\u00f6he der Ersparnisse des gesamten Privatsektors jedes Jahr zus\u00e4tzlich verschulden muss.<br \/>\nAber ist das nicht unm\u00f6glich? Woher soll denn der Staat das viele Geld nehmen? An dieser Stelle ist zu fragen, woher denn EZB-Chef Mario Draghi das viele Geld genommen hat, um seine Anleihek\u00e4ufe in H\u00f6he von inzwischen 2,6 Billionen Euro zu refinanzieren? Die f\u00fcr viele wohl schockierende Wahrheit ist: er musste sich bei gar niemandem refinanzieren. Er hat die Wertpapiere durch einen einfachen Buchungssatz der Form &#8222;Wertpapiere an Zentralbankgeld&#8220; bezahlt.<br \/>\nZauberei? Nein. Eine jede Staatengemeinschaft oder ein jeder Staat, der eine Zentralbank hat, die bereit ist, seine Ausgaben jederzeit zu refinanzieren, hat diese F\u00e4higkeit. Nur wenn man eine Zentral- bank so unabh\u00e4ngig ausgestaltet hat, dass sie das auch dann nicht tun muss, wenn eine Volkswirtschaft aufgrund der Sparbem\u00fchungen des Privatsektors unweigerlich in eine Rezession rutscht, muss sich mit Massenarbeitslosigkeit und der Zerst\u00f6rung des Wohlfahrtsstaats abfinden.<br \/>\nWer das nicht will, so kann man mit Bezug auf Abba Lerner sagen, muss sich vom Konzept der soliden Fiskalpolitik verabschieden und f\u00fcr eine funktionale Fiskalpolitik pl\u00e4dieren. Anstatt auf sinnlose Defizit- und Schuldengrenzen zu fokussieren, verlangt eine solche Fiskalpolitik, dass der Staat seine F\u00e4higkeit der Geldsch\u00f6pfung so einsetzt, dass Vollbesch\u00e4ftigung erreicht wird und dergestalt begrenzt, dass unerw\u00fcnscht hohe Inflationsraten vermieden werden.<br \/>\nWer gegen eine solche Steuerung einer Marktwirtschaft durch staatliche Organisationen Einw\u00e4nde er- hebt, m\u00fcsste nach Lerner auch gegen Lenkr\u00e4der in einem Auto argumentieren:<br \/>\n\u201eDenken Sie nur daran, wie viel Raum es wegnehmen w\u00fcrde. Ein Vordersitz w\u00e4re dann kaum noch m\u00f6glich. Ein Lenkrad ist zudem schlimmer als ein altmodischer Schalthebel und zudem noch gef\u00e4hrlich. Und au\u00dferdem sind wir Verfechter der Demokratie und werden niemandem die alleinige Gewalt \u00fcber Leben und Tod aller Insassen geben. Das w\u00e4re Diktatur.\u201c<br \/>\nDas Konzept der funktionalen Fiskalpolitik erfordert nat\u00fcrlich, sich von alten Denkgewohnheiten zu verabschieden. Das scheint jedoch ein sehr kleiner Preis zu sein, wenn man sieht, wie viele junge Menschen in Europa durch eine ideologisch motivierte Wirtschaftspolitik der M\u00f6glichkeit beraubt wurden und werden, einer sinnstiftenden und sie materiell absichernden Arbeit nachzugehen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.makroskop.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.makroskop.eu<\/a><\/p>\n<p><strong>Erschienen im Internet auf der Seite:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/2018\/08\/handelsungleichgewichte-wie-erklaert-man-das-problem-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/makroskop.eu\/2018\/08\/handelsungleichgewichte-wie-erklaert-man-das-problem-2\/<\/a><\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 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