{"id":15742,"date":"2013-04-10T07:44:41","date_gmt":"2013-04-10T06:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=15742"},"modified":"2013-04-10T08:01:06","modified_gmt":"2013-04-10T07:01:06","slug":"warum-erinnern-wir-uns-eigentlich-rede-von-hermann-g-abmayr-beim-jahrestag-des-hessentaler-todesmarschs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hohenlohe-ungefiltert.de\/?p=15742","title":{"rendered":"&#8222;Warum erinnern wir uns eigentlich?&#8220; \u2013 Rede von Hermann G. Abmayr beim Jahrestag des Hessentaler Todesmarschs"},"content":{"rendered":"<style type=\"text\/css\"><!--\n@page { margin: 2cm }\n\t\tP { margin-bottom: 0.21cm }\n--><\/style>\n<p><strong>Hermann G. Abmayr hat am 5. April 2013 die Rede zum Gedenken an den Hessentaler Todesmarsch 1945 gehalten.\u00a0Abmayr sprach teilweise frei und erg\u00e4nzte die schriftlich vorliegende Rede an einigen Stellen. Hohenlohe-ungefiltert dokumentiert den schriftlich vorliegenden Redeteil in voller L\u00e4nge. Zur besseren Lesbarkeit hat die Redaktion Zwischen\u00fcberschriften eingef\u00fcgt.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>Von Hermann G. Abmayr,<\/em><\/p>\n<p><strong>Warum erinnern wir uns eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum brauchen wir heute noch Gedenkorte?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum ist Erinnern nach wie vor wichtig?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Oder verkommt es zum blo\u00dfen Ritual?<\/strong><\/p>\n<p>Der Begriff Erinnerung und Erinnerungskultur wird in der \u00fcblichen Konnotation vor allem seit der Weizs\u00e4cker-Rede von 1985 gebraucht \u2013 fast inflation\u00e4r; er geh\u00f6rt also zur herrschenden Ideologie.<\/p>\n<p><strong>Der damalige Bundespr\u00e4sident sagte:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u201eDas Geheimnis der Erinnerung hei\u00dft Erl\u00f6sung.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Damit ist die Erinnerungskultur im Reich der Religion angekommen. F\u00fcr einen religi\u00f6sen Menschen mag das wichtig und berechtigt sein. Aber gen\u00fcgt das und wollen wir das? Wollen wir das Holokaust-Gedenken ein Religionsersatz wird?<\/p>\n<p><strong>&#8222;Weltliche Heilige&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Der Historiker Peter Novick meint, dass sich die Erinnerung an Auschwitz in eine \u201eZivilreligion\u201c verwandelt hat \u2013 mit diversen Dogmen und Ritualen. Die \u00dcberlebenden der Shoa seien zu \u201eweltlichen Heiligen\u201c geworden. Und mit den Gedenkfeiern an den Orten des Leidens habe eine \u201eSakralisierung\u201c begonnen. Man mag zu diesen Thesen stehen, wie man will. Doch sie m\u00fcssen diskutiert werden.<\/p>\n<p><strong>Tag des Gedenkens an die Opfer des NS\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Mitte der 1990er Jahre hat ein anderer Bundespr\u00e4sident einen neuen Akzent in der Erinnerungskultur gesetzt, Roman Herzog. Er erkl\u00e4rte den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des NS. Am 27. Januar 1945 war Auschwitz befreit worden.<\/p>\n<p><strong>Kaum beachtete Opfergruppe Sinti, Roma und die Jenische\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Seitdem veranstaltet auch der Landtag von Baden-W\u00fcrttemberg allj\u00e4hrlich eine Gedenkfeier. Bei der diesj\u00e4hrigen Feier in Mannheim stand erstmals eine lange Zeit kaum beachtete Opfergruppe im Mittelpunkt, die Sinti, Roma und die Jenische. Die Nazis sprachen von der \u201eBek\u00e4mpfung der Zigeunerplage\u201c. Und dies schloss auch \u201enach Zigeunerart umherziehende Landfahrer\u201c ein, die man Jenische nannte.<\/p>\n<p><strong>Landtagspr\u00e4sident sprach von Naziopfern<\/strong><\/p>\n<p>Ein Jahr zuvor hat Guido Wolf, der Pr\u00e4sident des Landtags, bei der damaligen Gedenkfeier einen, wie ich meine, wichtigen Satz gesagt: \u201eDie Opfer waren Menschen wie du und ich.\u201c Und er sprach von den Opfern der Nazis, er sprach von \u201eden Nazis\u201c. Auch so kann man \u201eErl\u00f6sung\u201c erfahren.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberspitzt formuliert:<\/strong><\/p>\n<p>Die Nazis, eine quasi exterritoriale Gruppe von Verbrechern, jedenfalls nicht Menschen wie du und ich, haben maltr\u00e4tiert, Menschen wie du und ich. Im Mittelpunkt der Erinnerung steht seit Mitte der 1980er Jahre das Opfer, das Leiden der Opfer, die Identifikation mit den Opfern.<\/p>\n<p><strong>Doch gen\u00fcgt das?<\/strong><\/p>\n<p>Einigen Mitgliedern der Stuttgarter Stolpersteininitiativen gen\u00fcgte es nicht. So entstand die Idee ein NS-T\u00e4ter-Buch zu machen. Denn auch die T\u00e4ter waren Menschen wie du und ich.<\/p>\n<p><strong>Primo Levi schrieb:<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEs gibt Ungeheuer, aber es sind zu wenige, als dass sie wirklich gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnten. Wer gef\u00e4hrlicher ist, das sind die normalen Menschen.\u201c Und wer waren die T\u00e4ter, wer die Opfer, wer die Zuschauer, wenn es die \u00fcberhaupt gab? Wir haben in unserem Buch T\u00e4ter beschrieben, die kein Parteibuch der NSDAP hatten:<\/p>\n<p><strong>Paul Binder, der Banker der Arisierung<\/strong><\/p>\n<p>oder<\/p>\n<p><strong>Dr. Dr. Erwin Goldmann<\/strong>, ein Nazi und Denunziant, den die Partei abgelehnt hat, weil er keine \u201earische\u201c Herkunft nachweisen konnte.<\/p>\n<p><strong>Und wir haben T\u00e4ter erw\u00e4hnt, die auch Opfer waren:<\/strong><\/p>\n<p>Artur Nebbe, Einsatzgruppen-Leiter, der 10.000 Opfer auf dem Gewissen hat und als Verschw\u00f6rer der 20. Juli hingerichtet wurde. Und wiederum Erwin Goldmann, der wegen der Religionszugeh\u00f6rigkeit eines Vorfahren vielfach diskriminiert wurde. Die Grenzen zwischen T\u00e4tern und Opfern m\u00fcssen also nicht immer eindeutig sein.<\/p>\n<p><strong>Den traditionellen T\u00e4terbegriff erweitert<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben in unserem Buch auch den traditionellen T\u00e4terbegriff erweitert. Denn mit Hitler und seinen paar Helfern w\u00e4re der NS-Terror und seine f\u00fcrchterliche Erfolgsgeschichte nicht erkl\u00e4rbar. Der Sozialpsychologe Harald Welzer<span style=\"color: #333333;\"> fordert, \u201edass man sich von der Vorstellung freimachen muss, dass es auf der einen Seite T\u00e4ter gibt, die Verbrechen planen, vorbereiten und ausf\u00fchren, und auf der anderen Seite Unbeteiligte oder Zuschauer, die einen tiefgreifenden Gesellschafts- und Wertewandel lediglich indifferent zur Kenntnis nehmen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><strong>Es gibt keine Unbeteiligten<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">\u201eMit solchen Personenkategorien kann der Handlungszusammenhang, der schlie\u00dflich in den Massenmord und in die Vernichtung f\u00fchrte, nicht angemessen beschrieben werden. Es gibt n\u00e4mlich in einem solchen Zusammenhang keine Zuschauer, es gibt auch keine Unbeteiligten. Es gibt nur Menschen, die gemeinsam, jeder auf seine Weise, der eine intensiver und engagierter, der andere skeptischer und gleichg\u00fcltiger, eine gemeinsame soziale Wirklichkeit von T\u00e4tern und Opfern herstellen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #333333;\">Und an anderer Stelle:<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">\u201eWenn der Holocaust als ein in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung zustimmungsf\u00e4higes Projekt zustande gekommen ist, liegt darin die Herausforderung, in der Gegenwart die Potentiale f\u00fcr antisoziales Verhalten, f\u00fcr die Aufweichung rechtstaatlicher Prinzipien, f\u00fcr gegenmenschliche Praktiken wahrzunehmen. Dann aber w\u00e4re die Erinnerung <\/span><span style=\"color: #333333;\">nicht museal und identifikatorisch<\/span><span style=\"color: #333333;\">, sondern <\/span><span style=\"color: #333333;\">gegenw\u00e4rtig, reflexiv und politisch<\/span><span style=\"color: #333333;\">.\u201c<\/span><\/p>\n<p><strong>Worum geht es also beim Gedenken?<\/strong><\/p>\n<p>Geht es um Orts- oder Landesgeschichte, um NS-Geschichte? Oder um NS-Geschichten? Nach dem Motto: Ich kenne auch noch einen Nazi aus Region, der Dreck am Stecken hat. Oder: Hitler hatte auch in Schw\u00e4bisch Hall einige Helfer. Oder: Das war aber schlimm, was man in den Kriegsjahren mit Herr XY gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>Ich denke, dies w\u00e4re der falsche Ansatz<\/strong><\/p>\n<p>Beim Gedenken geht es in erster Linie um uns selbst. Wir m\u00fcssen von der Gegenwart aus denken, <span style=\"color: #333333;\">gegenw\u00e4rtig, reflexiv und politisch<\/span><span style=\"color: #333333;\">, wie Harald Welzer sagt.<\/span> Und mit WIR meine ich nicht die Experten, nicht die Politiker und nicht irgend ein \u201eInstitut f\u00fcr Vergangenheitsbewirtschaftung\u201c. Der Begriff stammt \u00fcbrigens nicht von mir, sondern aus dem Buch \u201eDas Eigentliche\u201c von Iris Haneka. WIR, das sind die B\u00fcrger. Oder, wie es neudeutch hei\u00dft, die Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Lebendiges St\u00fcck Erinnerungsarbeit<\/strong><\/p>\n<p>Und dieser Prozess der Aneignung hat l\u00e4ngst begonnen. Aleida Assmann von der Universit\u00e4t Konstanz hat erkl\u00e4rt, dass die Debatte um Orte des Gedenkens und die Gestaltung dieses Erinnern selbst schon ein lebendiges St\u00fcck Erinnerungsarbeit ist.<\/p>\n<p><strong>Und an anderer Stelle sagt Assmann:<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Paradoxe an unserer deutschen Geschichte ist, dass wir aus negativen Lektionen die positiven Werte der Achtung des Anderen und des Eintretens f\u00fcr Menschenrechte erworben haben.\u201c Dies sei nicht r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt, sondern hochaktuell.<\/p>\n<p><strong>Assmann nennt:<\/strong><\/p>\n<p>\u2013 latenten Rassismus und die leichtfertige Einstufung des Fremden als Bedrohung,<\/p>\n<p>\u2013 mangelnde Empathie mit Opfern neonazistischer Gewalt und<\/p>\n<p>\u2013 eine &#8218;Ideologie der Ungleichwertigkeit&#8216;, das hei\u00dft die Bereitschaft zur Herabstufung von B\u00fcrgern dieses Landes zu Menschen zweiter Klasse\u201c.<\/p>\n<p><strong>Skandal: NSU mordete viele Jahre unerkannt<\/strong><\/p>\n<p>Und hinzuf\u00fcgen muss man nat\u00fcrlich den Skandal, dass der NSU \u00fcber viele Jahre unerkannt blieb und zehn Menschen aus rassistischen Gr\u00fcnden ermorden konnte. Und der Verfassungsschutz schaute zu, hatte V-Leute in der Szene, die m\u00f6glicherweise an den Morden beteiligt waren.<\/p>\n<p><strong>NSU-Prozess in M\u00fcnchen beginnt<\/strong><\/p>\n<p>Am 17. April beginnt nun in M\u00fcnchen der Prozess gegen einige Beteiligte der NSU-Morde. Doch wir kennen noch lange nicht das Netzwerk, das hier am Werk war. Etliche mutma\u00dflich T\u00e4ter stehen nicht vor Gericht.<\/p>\n<p><strong>NSU und Ku-Klux Klan in Baden-W\u00fcrttemberg aktiv<\/strong><\/p>\n<p>Und NSU und Ku-Klux Klan und andere Neonazi-Gruppen waren auch in Baden-W\u00fcrttemberg aktiv. Vor unserer Haust\u00fcr. Und bis in die Polizei hinein. Der Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages wird sich mit diesem Thema am 18. April befassen.<\/p>\n<p><strong>Warnung vor einem zu engen Blick<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings m\u00f6chte ich vor einem zu engen Blick warnen. Geschichte wiederholt sich nicht, auch die NS-Geschichte. Die Gefahren lauern vielleicht an ganz anderer Stelle. Ich m\u00f6chte nur ein Beispiel nennen: <span style=\"color: #000000;\">Allein im Jahr 2010 sind die <\/span><span style=\"color: #000000;\">Lebensmittelpreise<\/span><span style=\"color: #000000;\"> weltweit im Durchschnitt um 33 Prozent in die H\u00f6he geschossen. Dies hat 40 Millionen Menschen in den Hunger und in extreme Armut getrieben. Weder D\u00fcrre, noch die Nachfrage f\u00fcr Biosprit k\u00f6nnen den Preisanstieg vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren. Viele Experten sind sich einig, dass Spekulationen mit Lebensmitteln und ihren Preisen eine wesentliche Rolle bei den weltweit steigenden Kosten spielen. <\/span><\/p>\n<p><strong>Banker als T\u00e4ter?<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Sind die verantwortlichen Banker also T\u00e4ter? Keiner von ihnen hat ein Parteibuch der NSDAP oder der NPD oder gar der NSU. Auch der vorher erw\u00e4hnte Arisierungs-Banker Paul Binder hatte kein Parteibuch. Kann man also Josef Ackermann und seine Nachfolger bei der Deutschen Bank und Paul Binder in einem Atemzug nennen? Ich will diese Frage nicht vertiefen. Dies ist nicht der Platz daf\u00fcr. Doch auch hier gilt es genau hinzuschauen und zu differenzieren. <\/span><\/p>\n<p><strong>Orte wie Hessental nicht f\u00fcr tagespolitische Zwecke instrumentalisieren<\/strong><\/p>\n<p>Ich warne auch vor einer plumpen politischen Instrumentalisierung dieses Ortes hier in Hessental oder anderer historischer Orte f\u00fcr tagespolitische Ziele. Ein Gedenkort sollte immer auch ein Lernort sein, ein Lernort f\u00fcr alle B\u00fcrger; er muss er vor allem OFFEN sein, muss Freir\u00e4ume bieten, Kommunikation erm\u00f6glichen. Er muss Fragen zulassen, auch \u201eketzerische\u201c. Selbst wenn Experten und Politiker oder die Tr\u00e4ger damit schwer umgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Fragen der Menschen behandeln<\/strong><\/p>\n<p>Nur wenn die Fragen der Gesellschaft, die Fragen, die j\u00fcngere Generationen stellen, in diesen Orten verhandelt werden k\u00f6nnen, werden sie mehr als ein Alibi sein. So k\u00f6nnten die B\u00fcrger eigene Erfahrungen machen. Lernort also nicht im Sinne von Konsum mehr oder weniger gut aufbereiteter Angebote, sondern im Sinne von selber tun und selbst erleben.<\/p>\n<p><strong>Ehemalige Gestapo-Zentrale als b\u00fcrgerschaftlicher Lernort neuen Typs<\/strong><\/p>\n<p>Harald Welzer fordert <span style=\"color: #333333;\">\u201eb\u00fcrgergesellschaftliche Lernorte neuen Typs\u201c. Diese Aufgabe steht jetzt in Stuttgart an. Beim \u201e<\/span><span style=\"color: #333333;\">Hotel Silber<\/span><span style=\"color: #333333;\">\u201c, der ehemaligen Zentrale der w\u00fcrttembergischen Gestapo. R\u00fcckblick: Das Geb\u00e4ude im Zentrum von Stuttgart sollte abgerissen werden <\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #333333;\">&#8230; Breuninger, Landtagswahl&#8230;<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Jetzt geht es vor allem um die Finanzierung. Ein Streit zwischen Stadt und Land. \u00dcber <\/span><span style=\"color: #333333;\">Konzepte<\/span><span style=\"color: #333333;\"> wird bereits gesprochen. Auch \u00fcber neue Ans\u00e4tzen, denn die heutigen Generationen haben andere Gewohnheiten und Standards der Mediennutzung und Wissensgenerierung. aber auch erlebnisorientierte Formate. Damit sind auch besondere Chancen verbunden. <\/span><\/p>\n<p><strong>Beim Projekt \u201eHotel Silber\u201c in Stuttgart geht es auch um Geld<\/strong><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">All diese Fragen sollten nicht von Oben herab diskutiert werden, sondern unter den B\u00fcrgern selbst \u2013 zusammen mit den Experten, die daf\u00fcr ausgew\u00e4hlt werden \u2013 und nat\u00fcrlich auch bezahlt werden m\u00fcssen. Deshalb geht es bei dem landesweit bedeutenden Projekt \u201eHotel Silber\u201c in Stuttgart auch um Geld. Und dies gilt genauso f\u00fcr vergleichbare Projekte in Landkreisen, St\u00e4dten und Gemeinden. <\/span><\/p>\n<p><strong>1933 wurden wichtige Weichen gestellt<\/strong><\/p>\n<p>Interessant in diesem Zusammenhang ist die Art und Weise, wie man vor Ort mit der eigenen Geschichte \u2013 und damit auch der NS-Geschichte \u2013 umging und umgeht. Historiker sprechen von Rezeptionsgeschichte. Im diesem Jahr k\u00f6nnen wir dies gut beobachten am Umgang mit dem Jahr 1933. Damals vor 80 Jahren wurden wichtige Weichen gestellt. Im Januar wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Es gibt St\u00e4dte, die sich mit dem Thema befassen, andere nicht. In Schorndorf wollte die Mehrheit des Gemeinderats eine geplante Veranstaltungsreihe nicht finanzieren. Der OB erkl\u00e4rte dann, er w\u00fcrden das Honorar eines Referenten aus eigener Tasche bezahlen.<\/p>\n<p><strong>Einziger politischer Streik gegen Hitler\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Streit gab es auch in M\u00f6ssingen bei T\u00fcbingen. Obwohl die M\u00f6ssinger stolz sein k\u00f6nnten auf ihre Geschichte. In M\u00f6ssingen fand im Januar 1933 der einzige politische Streik gegen Hitler statt. Doch manche wollen sich ungern daran erinnern. Schlie\u00dflich hatten die Kommunisten zu dem Streik aufgerufen.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterinnen und Arbeiter legten in M\u00f6ssingen die Arbeit nieder\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Am 31. Januar 1933 legten Arbeiterinnen und Arbeiter in M\u00f6ssingen die Arbeit nieder und marschierten durch ihr Dorf. Vorneweg ein Transparent, worauf stand: \u201eHeraus zum Massenstreik\u201c. M\u00e4nner und Frauen, Arbeiter und Handwerker, Nebenerwerbsbauern und Arbeitslose. Blechtrommler, die die Nazis aus dem Takt bringen wollten. Ein politischer Streik.<\/p>\n<p><strong>Nicht die Daimler- und Bosch-Arbeiter in Stuttgart gingen auf die Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Nicht die Daimler- und Bosch-Arbeiter in Stuttgart gingen auf die Stra\u00dfe, nicht die des roten Ruhrgebiets oder die aus Berlin, sondern M\u00e4nner und Frauen in einem 4000-Seelen-Dorf. in M\u00f6ssingen im Steinlachtal am Fu\u00dfe der Schw\u00e4bischen Alb, nicht weit entfernt von der Universit\u00e4tsstadt T\u00fcbingen.<\/p>\n<p><strong>Regierung Hitlers \u201elahmzulegen und zum R\u00fccktritt zu zwingen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>\u201eW\u00e4re diese Aufforderung zum Generalstreik befolgt worden\u201c, hei\u00dft es 21 Jahre sp\u00e4ter in einem letztinstanzlichen Urteil des Landgerichts Stuttgart, \u201eso w\u00e4ren diese Ma\u00dfnahmen durchaus geeignet gewesen, das angestrebte Ziel zu erreichen\u201c, die Regierung Hitlers \u201elahmzulegen und zum R\u00fccktritt zu zwingen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Durch Macht\u00fcbernahme Adolf Hitlers war eine Notstandlage eingetreten\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Richter werteten den Eingriff in das Eigentumsrecht der bestreikten Unternehmen, zwar als Straftat, doch sei durch die Macht\u00fcbernahme Adolf Hitlers eine Notstandlage eingetreten, die zu diesem Eingriff berechtigte. Sie attestierten den M\u00f6ssinger Rebellen, die auch eine \u201eArbeiter- und Bauernrepublik\u201c gefordert hatten, einen \u201eaus \u00dcberzeugung geleisteten Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft\u201c. Und das sei \u201eein Verdienst um das Wohl des Deutschen Volkes\u201c.<\/p>\n<p><strong>Stauffenberg galt vielen immer noch als Verr\u00e4ter<\/strong><\/p>\n<p>Das Urteil war ungew\u00f6hnlich in der Adenauer-\u00c4ra. In der Zeit des Kalten Krieges, der Wiederaufr\u00fcstung und der gro\u00dfen Legendenbildungen. Als Widerstandsk\u00e4mpfer wurde damals meist nicht einmal Wehrmachtsoffiziere wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg anerkannt. Der Hitler-Attent\u00e4ter aus einem alten schw\u00e4bischen Adelsgeschlecht galt vielen immer noch als Verr\u00e4ter. F\u00fcr die renitenten M\u00f6ssinger Proleten h\u00e4tte er nur Verachtung \u00fcbrig gehabt. Er hatte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft und sich vor lauter Begeisterung an der Ausbildung der Schl\u00e4gertrupps der Nazis, der SA, beteiligt.<\/p>\n<p><strong>Rommel war lange Hitlers Lieblingsoffizier<\/strong><\/p>\n<p>Verehrt hat die Mehrheit der Deutschen in den 1950er Jahren vor allem eine Propaganda-Erfindung von Josef Goebbels, einen Held des Ersten und Zweiten Weltkriegs, Erwin Rommel. Hitlers Lieblingsoffizier, der in Ostw\u00fcrttemberg aufgewachsen ist, galt als Inbegriff des \u201eguten sauberen Soldatentums\u201c.<\/p>\n<p><strong>Die Legende vom Widerstandsk\u00e4mpfer<\/strong><\/p>\n<p>Einer der Drehbuchschreiber dieser Legende war der Schwabe Hans Speidel, Stabschef der Heeresgruppe B unter Rommel. Er adelte Rommel mit dem Titel Widerstandsk\u00e4mpfer und machte ihn zu einer Ikone der jungen Bundeswehr, nach dem Kasernen, ein Kriegsschiff und Stra\u00dfen benannt wurden. Bundeskanzler Konrad Adenauer machte Speidel 1950 zu seinem milit\u00e4rischen Berater. Sp\u00e4ter wurde Rommels ehemaliger Stabschef einer der m\u00e4chtigsten Milit\u00e4rs des westlichen Verteidigungspakts, Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkr\u00e4fte in Mitteleuropa.<\/p>\n<p><strong>Elser gelang es fast Hitler zu ermorden<\/strong><\/p>\n<p>Rommel oder Stauffenberg? Das war damals die Frage. An die renitenten M\u00f6ssinger Arbeiter war gar nicht zu denken. Auch der Handwerker Georg Elser sollte viele Jahrzehnte lang nicht geehrt werden. Der Mann, der ganz in der N\u00e4he von Rommels Geburtsort Heidenheim aufgewachsen ist und es beinahe geschafft h\u00e4tte, Hitler zu ermorden. Zwei Monate nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und f\u00fcnf Jahre vor den Attent\u00e4tern des 20. Juli. W\u00e4hrend es \u00fcber Rommel und Stauffenberg zahlreiche Spielfilme gibt, hat es Elser bisher nur zu einem gebracht, die M\u00f6ssinger zu keinem.<\/p>\n<p><strong>Rummel um Rommel will nicht aufh\u00f6ren\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Und der Rummel um Rommel will nicht aufh\u00f6ren. Erst im November des Vorjahres fand in deutschen Wohnzimmern ein seltsames Rommel-Gedenken statt. Fast sieben Millionen Menschen verfolgten vor der Glotze die soundsovielte Verfilmung des gro\u00dfen Dramas. Nicht dass Regisseur Niki Stein Rommel erneut zum Widerstandsk\u00e4mpfer gemacht h\u00e4tte, doch ohne positive Identifikation mit dem Helden, funktioniert ein Drama nun einmal nicht.<\/p>\n<p><strong>Generalstreiker aus M\u00f6ssingen schafften es noch nie auf ein Spiegel-Cover\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Rommel-Mythos bringt Zuschauer; er verkauft sich gut. So war sich der \u201eSpiegel\u201c nicht zu schade, den Titel-Umschlag mit einem Propaganda-Foto aus der Nazi-Zeit zu pr\u00e4sentieren. Die Generalstreiker aus M\u00f6ssingen schafften es noch nie auf ein Spiegel-Cover. Warum auch? F\u00fcr ein gro\u00dfes deutsches Drama sind die M\u00f6ssinger Rebellen ungeeignet. 80 von ihnen landeten zwar wegen Landesfriedensbruch im Knast, einige sogar wegen Hochverrat, doch es gab keinen Schuss, es gab keine M\u00e4rtyrer, keinen, der wie Rommel in den Tod gezwungen wurde.<\/p>\n<p><strong>Generalstreik verhinderte Kapp-Putsch<\/strong><\/p>\n<p>Massenstreik oder Attentat? Was w\u00e4re wirksamer gewesen? Immerhin verhinderte ein Generalstreik zw\u00f6lf Jahr zuvor einen rechten Putsch, den sogenannten Kapp-Putsch.<\/p>\n<p><strong>Arbeiterparteien bek\u00e4mpften sich bis aufs Messer<\/strong><\/p>\n<p>Doch warum folgten nur wenige hundert Menschen dem Streikaufruf der KPD-Zentrale? Die SPD und Gewerkschaften verordneten Ruhe als erste B\u00fcrgerpflicht. Und die KPD-Spitze hatte sich bei den Arbeitern selbst diskreditiert: Sie hatte bereits so oft erfolglos zum allgemeinen Arbeitsniederlegung gerufen, dass dies kaum mehr ernst genommen wurde. Zudem hatten sich die beiden Arbeiterparteien bis aufs Messer bek\u00e4mpft. So beschimpfte die KPD die Sozialdemokraten als \u201eSozialfaschisten\u201c, was die Spaltung der Linke noch vertiefte.<\/p>\n<p><strong>Pausa-Chefs gaben ihren Leuten nachmittags frei\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00f6ssinger Linken dagegen nahmen den KPD-Aufruf ernst. Und die Pausa-Arbeiter stimmten mit knapper Mehrheit f\u00fcr den Ausstand, obwohl sich ihr Betriebsratsvorsitzender dagegen ausgesprochen hatte, da keine Anweisung von oben vorlag. Schlie\u00dflich gaben die Pausa-Chefs ihren Leuten nachmittags frei. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter zogen mit Trommeln und Pfeifen weiter durchs Dorf. Sie sangen Lieder und skandierten \u201eHitler verrecke\u201c.<\/p>\n<p><strong>Tradierte Handlungsmuster bei l\u00e4ndlichen Rebellionen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Schwaben-Streik gegen Hitler sei \u201ekein Implantat gewesen, das dem \u201aDorfk\u00f6rper\u2019 g\u00e4nzlich fremd gewesen w\u00e4re\u201c, schreibt Bernd J\u00fcrgen Warneken von der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Die M\u00f6ssinger h\u00e4tten \u201etradierte Handlungsmuster bei l\u00e4ndlichen Rebellionen\u201c aufgegriffen, ein Thema, das bisher nur wenig erforscht worden ist.<\/p>\n<p><strong>Warum wurden viele zu T\u00e4tern?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt also noch viel zu erforschen. Warum leisteten die M\u00f6ssinger schon so fr\u00fch Widerstand? Warum leisteten andere sp\u00e4ter Widerstand? Warum machten die meisten Leute mit, wurden viele zu T\u00e4tern?<\/p>\n<p><strong>Und was lernen wir aus dem politischen Streik in M\u00f6ssingen, was aus dem Generalstreik 1921?<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland sind politischen Streiks im Gegensatz zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern tabu. Man denke nur an den 14. November 2012. In Griechenland, Portugal, Spanien, Zypern, Malta und in Italien haben Millionen Menschen einen Tag lang die Arbeit niedergelegt, um gegen die anhaltenden K\u00fcrzungen ihrer L\u00f6hne und Renten, gegen weitere Einschnitte im Gesundheits- und Bildungswesen und immer neue Sparpakete zu protestieren.<\/p>\n<p><strong>Merkels &#8222;marktkonforme Demokratie&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Ein Streik gegen die Regierungen. Doch das passt genauso wenig in Angela Merkels \u201emarktkonformer Demokratie\u201c wie die renitenten Montagsdemonstranten in Stuttgart oder die Menschen im Wendland, die sich seit vielen Jahren gegen das Atomlager in Gorleben wehren.<\/p>\n<p><strong>Grundgesetz garantiert auch Streikfreiheit<\/strong><\/p>\n<p>Dabei garantieren Verfassung und V\u00f6lkerrecht mit der Koalitionsfreiheit \u201ezur Wahrung und F\u00f6rderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen\u201c (Art. 9 Abs. 3 GG) auch die Streikfreiheit. Folgerichtig hat ein von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berufener Sachverst\u00e4ndigenausschuss festgestellt, dass ein Verbot von politischen Streiks v\u00f6lkerrechtswidrig ist.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6ssinger scherten sich nicht um Rechtsfragen<\/strong><\/p>\n<p>Die M\u00f6ssinger hatten sich um diese Rechtsfragen nicht gek\u00fcmmert. Schon im 19. Jahrhundert beschrieb der Pfarrbericht den im Ort vorherrschenden \u201eGeist des Spottes und der L\u00e4sterung\u201c. Zivilcourage war bei vielen von ihnen B\u00fcrgerpflicht. Ein Geist, der bei hohen Milit\u00e4rs wie Stauffenberg viel zu lange oder, wie bei Rommel, \u00fcberhaupt fehlte.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr die Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><strong>Weitere Informationen und Kontakt:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/no_cache\/newsartikel\/2013\/01\/vergessener-widerstand\/?sword_list%5B0%5D=abmayr\" target=\"_blank\">http:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/no_cache\/newsartikel\/2013\/01\/vergessener-widerstand\/?sword_list%5B0%5D=abmayr<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/newsartikel\/2013\/01\/die-trommler-des-widerstands\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/newsartikel\/2013\/01\/die-trommler-des-widerstands\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/schwaebischer-heimatbund.de\/index.php?cid=822\" target=\"_blank\">http:\/\/schwaebischer-heimatbund.de\/index.php?cid=822<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kz-hessental.de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.kz-hessental.de\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"pdf24Plugin-cp\"> \t<form name=\"pdf24Form0\" method=\"post\" action=\"https:\/\/doc2pdf.pdf24.org\/wordpress.php\" target=\"pdf24PopWin\" onsubmit=\"var pdf24Win = window.open('about:blank', 'pdf24PopWin', 'resizable=yes,scrollbars=yes,width=600,height=250,left='+(screen.width\/2-300)+',top='+(screen.height\/3-125)+''); pdf24Win.focus(); if(typeof pdf24OnCreatePDF === 'function'){void(pdf24OnCreatePDF(this,pdf24Win));}\"> \t\t<input type=\"hidden\" name=\"blogCharset\" value=\"Cw1x07UAAA==\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogPosts\" value=\"MwQA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogUrl\" value=\"yygpKSi20tcvLy\/Xy8jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSV6KakA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogName\" value=\"88jPSM3LARK6pXnpqWmZOSWpRSUA\" \/><input type=\"hidden\" name=\"blogValueEncoding\" value=\"gzdeflate base64\" \/><input type=\"hidden\" name=\"postId_0\" value=\"MzQ1NzECAA==\" \/><input 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Abmayr hat am 5. April 2013 die Rede zum Gedenken an den Hessentaler Todesmarsch 1945 gehalten.\u00a0Abmayr sprach teilweise frei und erg\u00e4nzte die schriftlich vorliegende Rede an einigen Stellen. Hohenlohe-ungefiltert dokumentiert den schriftlich vorliegenden Redeteil in voller L\u00e4nge. Zur besseren Lesbarkeit hat die Redaktion Zwischen\u00fcberschriften eingef\u00fcgt. Von Hermann G. 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