„1941 in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt“ –Nazis fällten Todesurteil über Wilhelm Zieher, einen Kleinbauern aus Gaggstatt-Mistlau

Jahrzehntelang ungeklärt blieb das Schicksal des Kleinbauern Wilhelm Zieher aus Kirchberg/Jagst-Mistlau. „Er ist während der Nazizeit nachts abgeholt worden“, berichteten Mistlauer Zeitzeugen in den 1990er Jahren. „Danach ist er nie mehr wiedergekommen. Wahrscheinlich wurde er von den Nazis umgebracht“, vermutete seinerzeit eine Nachbarin aus dem heutigen Kirchberger Teilort.

Von Ralf Garmatter, Journalist, Hohenlohe-ungefiltert

Sterbeort unleserlich eingetragen

Recherchen haben inzwischen ergeben, dass Wilhelm Zieher von Nazi-Handlangern mit allergrößter Wahrscheinlichkeit tatsächlich umgebracht wurde. Die Nachforschungen gleichen einem kleinteiligen Mosaik. Soviel scheint klar: Gestorben ist der Mann am 30. Juni 1941 – im Alter von 59 Jahren. Der Sterbeort ist im Familienregister des Standesamts Kressberg (im heutigen Landkreis Schwäbisch Hall) „unleserlich“ eingetragen, sagte eine Mitarbeiterin auf Nachfrage. In anderen Dokumenten gibt es konkretere Hinweise darauf, wo der Mann gestorben ist.

Bauernhof in Gaggstatt-Mistlau

Geboren ist Wilhelm Zieher am 5. Dezember 1881 im heutigen Kressberger Teilort Mariäkappel. Am 7. September 1907 heiratete er in Gaggstatt Babette Göller aus Gaggstatt-Mistlau. Das Paar bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof in Mistlau. Nach Aussagen von Zeitzeugen hatten sie keine Kinder. Die Frau sei vor dem Mann gestorben.

1939 ins Altersheim Tempelhof umgezogen

Ein Dokument im Standesamt Kirchberg/Jagst belegt, dass Wilhelm Zieher am 1. März 1939 – zwei Jahre vor seinem Tod – von Mistlau ins Altersheim Tempelhof bei Marktlustenau umgezogen ist. Im Schloss Tempelhof lebte er bis zum Frühjahr 1941. Dann wurde er in die „Heilanstalt“ Weinsberg gebracht. Dort war sein Lebensweg noch nicht zu Ende.

Nazis beschlossen seinen Tod

Nähere Hinweise über sein Lebensende gibt es im Buch von Ernst Klee „Dokumente zur Euthanasie“ auf Seite 186: Die „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“, hatte am 29. Mai 1941 den Tod von Wilhelm Zieher beschlossen. Am 17. Juni 1941 wurde er mit mindestens zwei anderen Männern aus dem Tempelhof von der „Anstalt Weinsberg“ nach Hadamar in Hessen verlegt. Hadamar liegt etwa 70 Kilometer nordwestlich von Frankfurt/Main bei Limburg an der Lahn. Die ehemalige Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar gehörte ab 1941 zu den insgesamt sechs Tötungsanstalten der NS-Euthanasie im damaligen Deutschen Reich. Die Morde an geistig behinderten und psychisch kranken Menschen wurden in Berlin in der Tiergartenstraße 4 (Aktion T4) organisiert. In diesem Haus waren Dienststellen der Kanzlei Hitlers und des Reichsinnenministeriums untergebracht.

15000 Menschen wurden in Hadamar getötet

Nach gegenwärtigem Kenntnisstand starben von 1941 bis 1945 rund 15.000 Menschen in den Räumen der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar. Von Januar bis August 1941 fanden die Morde zunächst in der Gaskammer im Keller statt. Die Menschen starben durch Kohlenmonoxid. Die Leichen der Opfer wurden nach der Vergasung in zwei Krematorien eingeäschert. Fast 11.000 Kinder, Frauen und Männer fielen diesen Gasmorden zum Opfer. Höchstwahrscheinlich war auch Wilhelm Zieher unter den Mordopfern. Eine schriftliche Nachfrage bei der Gedenkstätte Hadamar wurde bisher noch nicht beantwortet.

Mordbeschluss durch T4-Gutachter

Den Mordbeschluss an Wilhelm Zieher hatte ein Mann namens Dr. Robert Müller unterschrieben. Dieser Dr. Robert Müller (1886-1945) war seit 4. März 1941 einer der so genannten „T4-Gutachter“. Er entschied über Leben und Tod. T4-Gutachter waren ärztliche Gutachter, die von der zuständigen Berliner Zentraldienststelle T4 berufen worden waren. Diese Ärzte wählten anhand von Meldebögen mit Daten von Kranken und Behinderten aus, wer in den speziell dafür eingerichteten Tötungsanstalten vergast wurde. Eine dieser Tötungsanstalten war im mittelhessischen Hadamar. Dorthin wurde Wilhelm Zieher am 17. Juni 1941 verlegt. Am 30. Juni 1941 war er tot – so steht es im Familienregister des Kressberger Rathauses.

Todesnachricht kam nach Tempelhof

Eine Todesnachricht ist seinerzeit auch in das Männeraltersheim Tempelhof bei Marktlustenau und Waldtann gelangt. Otto Knöll, „Hausvater der Anstalt Tempelhof“, hatte zu Abrechnungszwecken bei den zuständigen Dienststellen nachgefragt und eine entsprechende Antwort erhalten. Der Lehrer Otto Knöll war ab 1936 als „Hausvater der Anstalt Tempelhof tätig“. Die im Tempelhof wohnenden Menschen waren (Zitat Otto Knöll): „nicht heilanstaltsreif“.

Brief an ein Pfarramt bei Weinsberg

Warum wurde Wilhelm Zieher vom Tempelhof nach Weinsberg verlegt? Gesetzliche Grundlage für die Verlegung war ein „Erlass X 1127“ des Württembergischen Innenministers vom 3. März 1941. Nach der Verkündung des Erlasses ging es ganz schnell. Bereits am 12. März 1941 geht ein Brief vom Evangelischen Pfarramt Marktlustenau an das Evangelische Pfarramt in Gellmersbach (damals zuständig für die Heilanstalt Weinsberg). Darin steht unter anderem: „Am kommenden Freitag werden von der Anstalt Tempelhof (Altersheim), deren Vertretung ich zur Zeit habe, drei Männer nach Weinsberg zur Beobachtung verbracht werden. Ihre Namen sind Z., L. und F. (Redaktionelle Anmerkung: Abkürzungen für Zieher, Lackner und Feuchter). Wäre es Ihnen eventuell möglich, bei der Anstaltsleitung darauf hinzuweisen, dass, jedenfalls die beiden letztgenannten, noch wohl in der Lage sind, kleine Arbeiten zu leisten? Vielleicht, dass ihnen das von Nutzen sein könnte.

Wilhelm Zieher wusste von seiner geplanten Verlegung

Es ist einem als Seelsorger ein rechtes Anliegen für diese Leute einzutreten. Einer von ihnen, Z(ieher), teilte mir neulich im Gespräch mit, dass er nach Weinsberg verbracht werden sollte. Ich habe ihm gegenüber natürlich nichts von der möglichen Bedeutung dieser Verbringung geäußert. Aber ich halte es für meine Pflicht, alles zu tun, um ihnen zu helfen. (…) P.S.: Ich füge noch bei – so am letzten Sonntag – dass sich die drei genannten Männer auch am Gottesdienst beteiligten; zum Teil geschah dies sogar regelmäßig. Bei der durchaus nicht selbstverständlichen Sitte des Gottesdienstbesuchs unter den Männern des Altersheims ist mir dies ein Beweis, dass von einem Erlöschen jeglichen selbständigen, geistigen Lebens bei ihnen wohl nicht die Rede sein kann. Diesen Eindruck hatte ich auch bei meinen Gesprächen mit diesen Männern.“ Ende des Zitats aus dem Brief des Evangelischen Pfarramts Marktlustenau vom 12. März 1941.

„Zur Beobachtung auf Arbeitsfähigkeit“

Der Pfarrer von Gellmersbach bei Weinsberg hat das Schreiben aus Marktlustenau am 14. März 1941 an Dr. Eugen Joos, den damaligen Leiter der Heilanstalt Weinsberg weitergeleitet. Joos antwortete noch am gleichen Tag: „Ich habe Ihr Schreiben von heute über die Tempelhofer Patienten zur Kenntnis genommen und werde es so weit wie möglich berücksichtigen. Informationen kann ich Ihnen aus naheliegenden Gründen nicht geben.“
Am 4. April 1941 teilt Joos dem Württembergischen Innenministerium mit, die drei Patienten aus Tempelhof seien „zur Beobachtung auf Arbeitsfähigkeit“ in Weinsberg geblieben. Am 17. Juni 1941 werden sie dennoch nach Hadamar abtransportiert.

Todesnachrichten

1948 sagte Otto Knöll, der ehemalige Leiter der Anstalt Tempelhof, weitere Einzelheiten zur Verlegung von Tempelhof nach Weinsberg aus: „Auf Grund des Erlasses des Württembergischen Innenministers vom 3. März 1941 mussten dann drei Kranke, Feuchter, Lackner und Zieher, nach Weinsberg verlegt werden. Ich wusste nicht, welchen eigentlichen Zweck diese Verlegung hatte. Ich habe über jeden dieser drei Kranken der Heilanstalt Weinsberg einen Bericht gesandt, die Durchschläge derselben befinden sich bei den Akten der Anstalt Tempelhof. (…) Über das Schicksal der drei Pfleglinge erfuhr ich zunächst nichts. Wie die Akten ergeben, sind dann einige Zeit später, auf Grund unserer zum Zwecke der Abrechnung eingeholten Nachfragen, Todesnachrichten eingelangt“, berichtet der ehemalige Tempelhof-Heimleiter weiter. Die Akten zu diesen Fällen waren bei Recherchen im Archiv der Evangelischen Landeskirche in Stuttgart nicht auffindbar.

Todesort?

Der unleserliche Eintrag des Todesortes von Wilhelm Zieher im Familienregister der heutigen Gemeinde Kressberg bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit „Hadamar“ – die Tötungsanstalt der Nationalsozialisten bei Limburg an der Lahn in Hessen.

Zur Person: Wilhelm Zieher

Wilhelm Zieher ist am 5. Dezember 1881 in Mariäkappel geboren, als jüngstes Kind von Johann Michael Zieher und Margarethe Barbara Zieher, geborene Häfner. Am 7. September 1907 heiratete Wilhelm Zieher in Gaggstatt Babette Göller aus Gaggstatt-Mistlau. Das Ehepaar bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof mitten in dem kleinen Dorf an der Jagst. Über Kinder des Ehepaars ist nichts bekannt. Nachdem seine Frau gestorben war, sei er „sehr traurig geworden“, berichtete eine Mistlauer Nachbarin bei einem Interview Mitte der 1990er Jahre. Wilhelm Zieher sei ein stiller, etwas träger Mann gewesen, sind sich einige zwischen 1994 und 1997 befragte Zeitzeugen einig. Er habe keine Kinder gehabt, zu denen er nach dem Tod seiner Frau hätte gehen können. Eine Schwester von ihm habe seinerzeit in Schwäbisch Gmünd gewohnt. Sie soll dort eine Gärtnerei gehabt haben.

Wilhelm Ziehers Land wurde verkauft

Zeitzeugen berichten weiter: Nachdem Wilhelm Zieher nicht mehr in Mistlau lebte, sei sein Eigentum (insgesamt etwa acht Morgen Land – knapp drei Hektar) zunächst an den NS-Staat gegangen. Danach soll Karl Gesell, vermutlich in seinen Funktionen als NS-Zellenleiter, NS-Blockwart und Ortsanwalt von Mistlau, das kleine Zieher-Anwesen verkauft haben. Bereits 1940 bezahlte der Landwirt Hermann Bauer 20 Reichsmark Pachtgeld für Land aus dem Besitz Ziehers. Dies geht aus einer Quittung vom 18. Januar 1941 an „K. Gesell (Pfleger)“ hervor, die Hermann Bauer jahrzehntelang aufgehoben hatte.

Verwendete Quellen:

1.) Zeugenaussage von Otto Knöll: Staatsarchiv Sigmaringen, Signatur Wü 29/3 T1 Nr. 1756/02/01, Voruntersuchung FS 1ff/47.

2.) Buch „Dokumente zur Euthanasie“, Ernst Klee (Hg), S. 185-186; ISBN: 978-3-596-24327-3

3.) Evangelisches Jugend- und Fürsorgeheim Tempelhof/Kreisfürsorgeamt Crailsheim; Staatsarchiv Ludwigsburg, Aktenzeichen StAL, 1/234 Buch 317/1941 Nr. 1226

4.) Stadtarchiv Crailsheim: Opfer der NS-Herrschaft im Oberamt Crailsheim-Gerabronn – D. Opfer rassenbiologischer Verfolgung und Euthanasie-Opfer; 1. Euthanasiefälle

5.) Auskunft des Einwohnermeldeamts Kirchberg an der Jagst am 13. Dezember 2016

6.) Standesamt Gemeinde Kressberg, Familienregister, Auskunft am 2. Januar 2017

7.) Dokumentation „Nationalsozialismus in Kirchberg an der Jagst“, Ralf Garmatter, erschienen im September 1997, nachzulesen im Internet auf der Seite http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=22109

8.) Gedenkstätte Hadamar auf der Internetseite der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 19. April 2020; https://www.hlz.hessen.de/index.php?id=93

9.) T4-Gutachter – Internetseite https://de.wikipedia.org/wiki/T4-Gutachter, abgerufen am 19. April 2020

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