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„Die Frau, die mit dem Postbus kam“ – Eine Kurzgeschichte von Etienne Battistelli aus Crailsheim

Nein, ich war nicht immer Fahrradkurier. Aber ich habe eine Abneigung gegen geschlossene Räume entwickelt. Ich war zu lange in einem. „Kocherhotel“ nannte man den Haller Jugendknast zu meiner Zeit zy­nisch, weil er am Kocher lag. Heute ist die Volkshochschule in dem Gebäude – aber die Türen von damals sind geblieben! Ein Fahrrad hat keine Türen.

Eine Kurzgeschichte von Etienne Battistelli, Crailsheim

Als Computer Schreibmaschinen hießen

Eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt. Und doch nicht leicht zu verstehen. Sie ist nicht kompliziert. Im Gegenteil, ganz einfach. Aber sie ist eine Geschichte, die in einer anderen Zeit spielt. Einer Zeit, die heute selbst denen fremd ist, die sie erlebt haben. Als Computer Schreibmaschinen hießen, in die man noch Bogen aus richtigem Papier spannte, dicke, 80 Gramm pro Quadratmeter starke, oben, dünne, 40 Gramm, unten, dazwischen Kohlepapier, das unter dem Druck der Anschläge der mechanischen Typenhebel seine Farbe in den Konturen der Lettern auf der Dünnpost abbildete. Als Telephone noch pfundschwere Apparate mit gemächlich zurückrieselnden Wählscheiben und „ph“ in der Mitte waren und das Telephonieren von unterwegs aus einer orts- und wetterfesten Anlage stattfand, die man Telephonhäuschen nannte, und als im Fernsehen schon etliche Sendungen in Farbe waren.

Wir rauchten und pfiffen den Mädchen nach

Der Frankenplatz in Altensulz ist ein offener, weiter Platz, durch den die Kreisstraße führt, über die in jenen Jahren, als die Autobahn noch nicht das Hohenloher Land durchschnitt, nur selten ein Auto mit fremdem Kennzeichen in unser Städtchen kam. Auf der rechten Seite war die Post und davor, da, wo heute der Brunnen ist, die Haltestelle für den Postbus. Im Sommer bedeckte eine graue Staubschicht den Platz, und in den Ferien saßen wir nachmittags auf dem Geländer vor der kleinen Bäckerei, die das köstlichste Brot buk, das ich je gegessen habe, und die es auch schon längst nicht mehr gibt und die von der Post durch ein schmales, steiles Gässchen getrennt war. Dann scherzten wir und rauchten und pfiffen den Mädchen nach. Ich war sechzehn, und es war meine Goldene Zeit. Sie dauerte keinen Sommer.

Ich schätzte sie auf Anfang dreißig

Es war ein Montag im August, als sie in der Stille der Mittagshitze aus dem Postbus stieg, vorsichtig, mit scheuen Schritten. Sie war kaum mehr als mittelgroß, schlank, unauffällig gekleidet. Sie wirkte nicht sonderlich attraktiv. Das mag an der altmodischen Nickelbrille mit den runden Gläsern gelegen haben und an ihrer ebenso altmodischen Frisur, mit der sie die kastanienbraunen Haare im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte. Ich schätzte sie auf Anfang dreißig. Später, vor Gericht, sollte ich erfahren, dass sie 26 war. Aber da interessierte es mich nicht mehr. Zu ihren Füßen stand ein blauer Stoffkoffer, so einer mit Reißverschluss und beigen Lederverstärkungen an den Ecken, daneben ein etwas mehr als hüfthoher schwarzer Kasten.

Sie war Fotografin

„Wo kann man hier übernachten?“ rief sie zu uns herüber. Ich glitt von dem Geländer herab und ging zu ihr hin und sagte ihr, dass meine Mutter in dem Anbau zu unserem Haus ein Zimmer hat, das sie an Feriengäste vermietet, und dass es frei sei. Sie schien nicht so recht zu wollen und zeigte mit dem Gesicht auf den „Engel“ und fragte: „Ist das kein Hotel?“ „Nein“, antwortete ich“, schon lange nicht mehr. Hier war noch nie etwas, seit ich mich erinnere.“ Sie machte ein fragendes Gesicht. „Gehört einer störrischen, alten Witwe, die auf den Tod wartet.“ Das schien sie zufriedenzustellen. Die Witwe verfluche ich heute noch. Wir gingen das steile Gässchen hinunter, denn wir wohnten im Tal, auf der anderen Seite der Jagst. Sie war Fotografin und kam aus Stuttgart. Tiere wollte sie fotografieren für einen Bildband, eine Auftragsarbeit, an der sie gut verdienen würde. In dem schwarzen Kasten seien ihre Kameras, die Objektive und das Stativ. Ob ich ihr ein paar Stellen zeigen könnte, wo sie schöne Aufnahmen machen könne? Konnte ich. Wirklich.

„Hast du überhaupt einen Führerschein?“

Meine Mutter freute sich. Wir brauchten jeden Pfennig. Nach Vaters Tod hatten wir die Landwirtschaft aufgeben müssen, bis auf ein paar Hühner; meine Mutter nähte in Heimarbeit Kleider für eine Textilfabrik in Kregelsheim. Damit kamen wir gerade so über die Runden. „Andrea Finkbeiner“, schrieb sie in das Fremdenbuch. So hieß sie, die mit dem Postbus gekommen war. Am nächsten Morgen gegen halb fünf klopfte ich an ihre Tür. Sie trug Jeans und ein Holzfällerhemd, dazu Turnschuhe, ansonsten sah sie aus wie am Tag zuvor. Es war noch dunkel. Ich verfrachtete sie samt ihrer Fotoausrüstung auf unseren Trecker, ein richtiges Auto konnten wir uns nicht leisten. „Hast du überhaupt einen Führerschein?“, hatte sie noch scherzhaft gefragt, bevor sie aufstieg. Mir fiel auf, dass sie mich geduzt hatte. Ich dachte mir nichts dabei.

Vorfreude des Lichts auf den Tag

Ich bog nach links in den Feldweg und fuhr zum Waldparkplatz an der Sophienau. Als wir unten an der Jagst waren, trennte ein früher rötlicher Streifen des jungen Lichts den noch nächtlichen Himmel von dem heraufziehenden Tag. Man nennt diese Zeit die Blaue Stunde. Am Abend kommt sie nochmal. Aber morgens ist das Licht frischer, reiner, und das Blau des Himmels ist stahliger, nicht so samtig wie am Abend. Die Morgendämmerung ist wie ein Kuss. Sie ist die Vorfreude des Lichts auf den Tag. Es war noch kühl, dünne Nebelschwaden zogen über die Flussaue, auf den Bäumen Vogelgezwitscher, vor uns die leise kräuselnde Jagst, Morgenstille. Sie schien ein wenig zu frösteln. Schweigend bauten wir das Stativ mit der Kamera auf, mit stummen Gesten gab sie ihre Befehle. Links von der Holzarchenbrücke, über die wir gekommen waren, lag die Reiherhalde. Angespannt suchte ich die Schilfzone ab. Wir hatten Glück, ein Graureiher stakste vorsichtig durch das Flachwasser am Ufer. Nach ein paar Schritten hielt er inne; langsam bog er den Hals zu einem S und senkte seinen Schnabel. Reglos starrte er auf das Wasser. Gleich würde er Beute machen. Sie konnte die Kamera auf dem Stativ drehen und brachte sie in Stellung. „Drücken Sie auf den Auslöser!“ „Aber …“ „Machen Sie!“, zischte ich leise. In diesem Moment schnellte der Kopf des Reihers nach unten. Als er wieder auftauchte, hatte er einen Fisch aufgespießt, vermutlich einen Bitterling, der im Zwielicht blausilbern schimmerte. Verzweifelt zappelte er um sein Leben. Mit schnappenden Bewegungen zog der Reiher ihn ruhig immer weiter in seinen Schnabel, als nähme er von dem Todeskampf des Fisches gar keine Notiz, bis er ihn schließlich im Ganzen hinunterwürgte. Solche Aufnahmen sind rar.

Mahagonibraune Augen

„Großartig! Ich danke dir!“ Sie drückte mir voll Begeisterung einen unschuldigen Kinderkuss auf die Wange. Ich litt mit dem Fisch.
„Ich möchte frühstücken“, sagte sie, als wir wieder zuhause waren. „Ich bring Ihnen was.“ „Lass dir Zeit, ich muss noch duschen.“
Ich klopfte. „Komm rein“, rief sie aus der Dusche. Das hätte ich machen sollen. Statt dessen wartete ich einen Herzschlag lang und sagte: „Ich bring das Frühstück.“ „Das hoffe ich“, antwortete Andrea, die jetzt im Zimmer stand, „ich hab Hunger.“ Sie trug die Haare jetzt offen und schicke, schmale Pantoletten mit einem kleinen Absatz und natürlich keine Brille. Sie war nackt unter dem Handtuch, das sie nachlässig um den Leib geschlungen hatte. Ihre Haut war rein und weiß und rosig wie Erdbeeren mit frischer Sahne. Aber wir waren arme Leute und konnten uns nur kleine Handtücher leisten. Als sie nach der Tasse greifen wollte, rutschte es ab. Wie ein hungriges Tier sah sie mich aus ihren mahagonibraunen Augen an. Ihr Blick war wild und stumm und voller Verlangen. Dann zog sie mich zu sich und küsste mich, lang und leidenschaftlich. Wieder und wieder. Als sie genug zu haben schien, drückte sie meinen Kopf nach unten: „Küss mich da!“ Sie war dort nackt und glänzend, so wie heute fast alle Frauen. Aber damals hatte es etwas Abenteuerliches und Exotisches. „Nicht so!“ Ich sah nach oben. „Mit der Zunge!“ Ich glühte. Ein Strudel der Gefühle erfasste mich und wirbelte mein junges Herz durch das Weltall, und mein Körper spannte und riss und zog und schmerzte vor Verlangen. Ich öffnete meinen Gürtel, aber sie hielt mich zurück: „Das nicht!“, rief sie scharf. Dann fuhr sie mir zärtlich durchs Haar und sagte sanft: „Weißt du, dafür brauche ich Zeit. Ich muss dich erst kennenlernen. Verstehst du das?“ Natürlich verstand ich. Nichts verstand ich. Sie küsste mich auf den Kopf und befahl: „Mach weiter!“ Als sie mich zu sich hochzog, fragte sie: „Fährst du mich morgen früh wieder an die Jagst?“ Ich nickte. Sie küsste mich, dann drückte sie mich mit der Tür hinaus. Sie war noch immer nackt.

„Ich reise heute ab“

Ich fuhr sie nun jeden Morgen zum Waldparkplatz, und in der Frische der Morgendämmerung wärmte ich mich an dem Gedanken an ihren weichen, samtenen Körper, den ich bald wieder schmecken würde. Aber sie blieb hart. Jedes Mal sagte sie, und klang dabei ganz liebevoll und zärtlich, heute nicht, nächste Woche, ich brauch noch Zeit. Und immer sagte ich, sollst du haben, nächste Woche dann. Am Montagabend konnte ich vor lauter Vorfreude kaum einschlafen. Morgen war die Woche um. Eine Woche ist lang, wenn man jung ist und voller Verlangen.Als ich ihr am Dienstag das Frühstück bringen wollte, fing sie mich an der Tür ab und nahm mir das Tablett aus den Händen. „Danke“, sagte sie tonlos. Sie war vollständig angezogen, hatte die Haare wieder zu einem Knoten geschlungen und trug diese dämliche Nickelbrille. „Was ist …?“ fragte ich verstört. „Nichts. Du kannst gehen. Ich reise heute ab. Ich hab genügend Bilder.“

Der Postbus fährt nicht mehr

Ich taumelte benommen aus dem Zimmer. Die Sonne brannte jetzt schon hart und weiß, und der neue Tag hatte die Nacht verdrängt. Ich lief zum Geräteschuppen. Dort muss ich die Axt genommen haben, mit der Vater früher im Herbst immer Brennholz gemacht hatte. Auf dem Weg ins Haus hielt mich meine Mutter an und fragte: „Wo willst du damit hin?“ Ich drückte sie wortlos aus dem Weg. Nach diesem Tag sah ich sie nie wieder. Sie starb, noch ehe der Prozess begann. Letztes Jahr kam ich zufällig durch Altensulz. Die Alte vom „Engel“ ist längst gestorben, der Gasthof verpachtet. An einem Tisch saß eine Horde junger Leute vom Landesamt für Umweltschutz. Sie waren mit zwei Kleintransportern aus Stuttgart angereist und wollten Graureiher an der Jagst fotografieren für eine wissenschaftliche Dokumentation. Sicher würden sie mit computergesteuertem High-Tech-Equipment technisch perfekte Aufnahmen machen und innerhalb weniger Stunden zurück nach Stuttgart fahren. Und vielleicht werden sie von unterwegs aus mit ihren Smartphones im Halbdunkel des Internet noch eine Frau für die Nacht finden. Sie waren laut und lustig. Ich war leise und traurig. Ich hatte lange nicht mehr an Andrea gedacht, jetzt spürte ich den Geschmack ihres Geschlechts wieder auf der Zunge, so wie man das Salz des Meeres schmeckt, wenn man sich Urlaubsfotos ansieht. Andrea schmeckte nach Zimt und Honig und nach Vanille. Einmal in meinem Leben war ich glücklich gewesen. Dann tötete ich die Frau, die ich geliebt hatte, am Ende einer Woche im August.
Es dauerte viele Jahre, dann wurde das Fahrrad mein Begleiter. Übrigens, der Postbus fährt auch nicht mehr. Falls Sie das interessiert.

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