„Wurde Chance zur Rettung nicht genutzt?“ – Bürgerinitiative kämpft für den Weiterbetrieb des Behindertenkurheims Adelheidstift in Kirchberg/Jagst

Viele Menschen wollen das Behindertenkurheim Adelheidstift in Kirchberg/Jagst (Kreis Schwäbisch Hall) nicht sang- und klanglos von der Bühne verschwinden lassen. Die örtliche Bürgerinitiative „Runder Tisch Adelheid“ kämpft mit großem Einsatz für den Weiterbetrieb der Fachklinik des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Von Ralf Garmatter, Hohenlohe-ungefiltert

2844 Unterstützerunterschriften gesammelt

Eine Internet-Petition des Betriebsrats haben 2844 Menschen unterschrieben. Unterstützung aus der Politik kommt von der SPD-Bundestagsabgeordneten Annette Sawade und deren Landtagskollegen Nik Sakellariou. Auch die Stadt Kirchberg/Jagst will sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für den Weiterbetrieb der Kurfachklinik für behinderte Menschen und deren Angehörige (54 Betten) engagieren.

Sozialministerin hatte einen wichtigeren Termin

Auf Betreiben Sawades sollte bereits am 20. Dezember 2012 ein Gespräch mit Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) in Stuttgart stattfinden. Wegen eines wichtigeren Termins hatte die Ministerin dieses Gespräch allerdings wenige Tage zuvor abgesagt. Es soll nun im ersten Quartal 2013 nachgeholt werden, teilt das Wahlkreisbüro Sawades auf Nachfrage mit. Der neue Termin werde gerade abgestimmt. Daran teilnehmen sollen laut Sawade auch Vertreter des Müttergenesungswerks, des DRK, der Stadt Kirchberg und der Krankenkasse AOK.

Bürgermeister Ohr: „Das Adelheidstift hat in Stuttgart nicht die Priorität wie ich es mir wünsche“

Kirchbergs Bürgermeister Stefan Ohr zeigte sich unmittelbar nach der Terminabsage enttäuscht. „Das Adelheidstift hat in Stuttgart nicht die Priorität wie ich es mir wünsche“, sagte Ohr auf Nachfrage. Durch die Schließung des Kurheims Adelheidstift hätten behinderte Menschen in Pflegestufe 3 in Baden-Württemberg, sogar in ganz Süddeutschland, keine Anlaufstelle mehr, erklärt Ohr. Ein Ergebnis des Gesprächs müsse sein, dass die Tagessätze für Kurgäste deutlich erhöht werden. Nur dann könne das Adelheidstift kostendeckend arbeiten, meint der Kirchberger Bürgermeister.

Neuer Betreiber hätte Defizit getragen

Recherchen haben ergeben, dass es im Juni 2012 möglicherweise eine konkrete Chance gegeben hätte, das Adelheidstift zu retten. Ein Investor hatte dem DRK angeboten, die Kurklinik auf eigenes finanzielles Risiko weiter zu betreiben. Der Betreiber hätte auch für die erforderliche BAR-Zertifizierung gesorgt und das mögliche Defizit getragen. Die Verluste von „durchschnittlich 300.000 Euro pro Jahr“ waren für das DRK der offizielle Grund für die Schließung zum 30. November 2012. Dieses Defizit wäre aber durch den neuen Betreiber weggefallen.

Fördergeldern bis zu 80 Prozent der Investitionssumme

Die geplanten Investitionskosten von zehn bis elf Millionen Euro für Brandschutzmaßnahmen, behindertengerechte Umbauten und die Erweiterung des Hauses auf 120 Betten hätte allerdings das DRK als Gebäudeeigentümer übernehmen müssen. Diese Kosten seien aber angesichts von Fördergeldern bis zu 80 Prozent der Investitionssumme bezahlbar gewesen, heißt es. Mit der vom Betreiber bezahlten Miete wären sogar die noch offenen Verbindlichkeiten gedeckt gewesen. Warum das DRK nicht auf dieses Angebot einging, bleibt unklar. Nur soviel: „Die uns bekannten Fördermöglichkeiten waren entweder viel zu gering und/oder an Bedingungen geknüpft, die wir nicht hätten erfüllen können“, sagt DRK-Sprecher Udo Bangerter auf Nachfrage.

VdK-Landesvorsitzender Sing soll am Gespräch mit der Ministerin teilnehmen

Monika Hinderer, Sprecherin der Bürgerinitiative Runder Tisch Adelheid, hat den Eindruck, das DRK wollte das Adelheidstift mit „Absicht sterben lassen, um es von der Backe zu haben.“ Die pensionierte Schulleiterin fordert deshalb, dass der Landesvorsitzende des Sozialverbands VdK, Roland Sing, an dem Gespräch mit Ministerin Altpeter teilnimmt. Sing hatte den Schließungsprozess des Adelheidstifts intensiv beobachtet. Er macht sich, zumindest verbal, für die Wiederaufnahme des Kurbetriebs stark. „Der Bedarf ist da“, sagt Sing voller Überzeugung. Der VdK-Landesvorsitzende ist bereit, am Gespräch im Sozialministerium teilzunehmen, wenn dies gewünscht werde. Die Zahlen sprechen für sich. Laut Statistischem Landesamt ist in Baden-Württemberg die Zahl schwerbehinderter Menschen zwischen 2009 und 2011 um etwa 110.000 auf 906.641 Menschen (8,4 Prozent der Bevölkerung) gestiegen. 1991 waren es noch 643.000.

Ehemalige Mitarbeiterin: „Die Politik ist sehr wohl in der Pflicht“

Wenig Hoffnungen sollten sich die Beteiligten beim Gespräch mit Ministerin Altpeter allerdings auf direkte Unterstützung durch das Ministerium machen. Sprecherin Anna Zaoralek weist ausdrücklich darauf hin, dass es beim Thema Adelheidstift „keinerlei Entscheidungsbefugnis der Politik“ gebe. Dem widerspricht die ehemalige Adelheidstift-Mitarbeiterin Marianne Sudermann. Sie sieht die Politik sehr wohl in der Pflicht. „Das Adelheidstift hatte nach dem Subsidiaritätsprinzip eine Aufgabe übernommen, die ersatzlos gestrichen wurde.“ Es sei mehr als fraglich, ob dies mit dem Gleichheitsgrundsatz und dem Teilhabegesetz vereinbar ist, so Sudermann.

Das Adelheidstift steht seit 23. Oktober 2012 leer

Nach eigenen Angaben hat das Sozialministerium über Monate hinweg „Gespräche geführt und das Thema Adelheidstift begleitet“. Das Ergebnis ist bekannt. Das Haus steht seit 23. Oktober 2012 leer. Seit 30. November 2012 ist es offiziell geschlossen. Gesprochen wird inoffiziell von einem Verkaufspreis von 1,4 Millionen Euro.

Weitere Informationen in Hohenlohe-ungefiltert über das Behindertenkurheim Adelheidstift in Kirchberg/Jagst:

“Bürgermeister Ohr: Das Adelheidstift hat in Stuttgart nicht die Priorität wie ich es mir wünsche” – Sozialministerium sagte den Gesprächstermin über die Kirchberger Behinderten-Kureinrichtung ab http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=15288

“Krankenkassen müssten mehr Kuren genehmigen und höhere Tagessätze bezahlen” – Ungewisse Zukunft des Adelheidstifts in Kirchberg/Jagst, Kurheim für behinderte Menschen: Politiker und DRK antworten http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=15047

“Keine Kurklinik mehr für behinderte Menschen” – Adelheidstift in Kirchberg/Jagst schließt seine Türen http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=14889

“Mensch sein, heißt Herz haben und Herz zeigen” – Leserbrief von Kurgast Sandy Heller zur Schließung des Behindertenkurheims Adelheidstift in Kirchberg/Jagst http://www.hohenlohe-ungefiltert.de/?p=14840

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